Ort: Paral.lel 62, Razzmatazz, La Nau, Barcelona
Bands: Alasdair Roberts, Current 93, Billy Woods, Blood Orange, Mogwai, Cara Delevingne

Primavera a la Ciutat - Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Drei Abende, sechs Bands bzw. Künstler*innen. So lautet der Plan für das das Primavera Sound Festival im Parc del Fòrum umschlingende Primavera a la Ciutat. Drei Konzerttage zu Beginn der Woche und am Sonntag abschließend noch Cass McCombs. Und damit wir direkt in Festivalhektik verfallen und überhaupt keine Zeit fuer andere Dinge bleibt, starten wir direkt am Anreisetag nach dem Einchecken ins Hotel. Nur kurz die Koffer abstellen und direkt los zur Avenue de Parallel ins Paral.lel 62. Die ist einen kleinen Fußmarsch entfernt; unser Hotel liegt in diesem Jahr mitten in der Stadt und weit weg vom Festivalgelände. Die Übernachtungspreise und die Touristensteuer sind noch einmal angestiegen, alles andere war nicht finanzierbar und ich fürchte, in der Art und Weise, wie ich die letzten anderthalb Jahrzehnte das Festival besucht habe, wird es bald nicht mehr möglich sein. Aber in diesem Jahr ist es noch machbar und so freue ich mich auf drei Tage Klubkonzerte, bevor es dann in den Parc del Fòrum geht.

Alasdair Roberts ist der erste Musiker, den wir sehen. Der in Deutschland geborene Schotte macht solide Folkmusik. Seit 2001 hat er zwei Hände voll an Platten veröffentlicht und vielzählige Kollaborationen unterstützt. Seine Musik erinnert mich manchmal an James Yorkston, oft aber driftet sie auch in keltischen Folklore ab, was mir weniger zusagt. Einfach und kurz gesagt macht Alasdair Roberts die Art von Musik, die im Film Inside Llewyn Davis wie folgt definiert wird: ‘If it was never new and never gets old, then it’s a folk song.’ Es ist ein gemütlicher, ein ruhiger Start in die Primavera Woche.  

Current 93 - Primavera a la Ciutat Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Das David Tibet Projekt Current 93 ist aber eigentlich das, was mich an diesem ersten Abend neugierig macht. Neofolk, Drone, spoken-word, Industrial, Psychedelika, Noise. All diese Musikgenres umfassen den Sound von Current 93, die – wenn ich ein Gespräch neben mir richtig wahrgenommen habe – erstmals seit dem letzten Jahrtausend in Kontinentaleuropa wieder ein Konzert geben. Das Konzert ist auf über zwei Stunden angesetzt, eine ordentliche Strecke, die dann erst weit nach Mitternacht enden würde. Es beginnt ruhig mit einem sanften Keyboardwabern. Dazu laufen Videosequenzen in Super 8 Optik über die Bühnenleinwand. Eine gute halbe Stunde geht das so, dann wird das Wabern durch einen lauten Noiseanfall für ein paar Sekunden unterbrochen. ‘Okay, jetzt geht es los’, denke ich. Aber das monotone Keyboardspiel wird fortgesetzt. Und das Video läuft jetzt rückwärts. Okay, das ist alles superspannend aber an einem stressigen Anreisetag leider auch super ermüdend. Nach einer Stunde ist irgendwie der Zeitpunkt erreicht, an dem die Müdigkeit der Begeisterung langsam aber stetig den Rang abläuft. Also streichen wir die Segel, verlassen das Paral.lel 62 und gehen durch das nächtliche Barcelona zurück zum Hotel. Morgen ist ja auch noch ein Konzerttag, und übermorgen, und die Tage danach auch. Es werden in den nächsten Tagen noch bessere Konzerte kommen, da muss man nicht gleich am ersten Tag alle Körner verschießen.

Der Dienstag beginnt mit einem Hotelwechsel. Drei Querstraßen weiter ist es fuer die nächsten Tage günstiger und vom Ambiente her etwas bequemer, so dass wir unser Anreisehotel verlassen und neu einchecken. Jetzt ist es auch 800 Meter näher zur Metro und ein Starbucks sowie drei Tapas-Ketten liegen nur einen Steinwurf von der Hoteltür entfernt. Ideale Voraussetzungen für die nächsten Tage.

Blood Orange - Primavera a la Ciutat Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Nach einer nachmittäglichen Erkundung des Viertels geht es abends wieder ins Paral.lel 62. Billy Woods und Blood Orange stehen an diesem Abend auf meiner Agenda.
Das Konzert von Devonté Hynes aka Blood Orange steht sehr weit oben auf meiner diesjährigen Primavera Sound Agenda. Nachdem ich im letzten Jahr einen längeren Artikel im Zeit-Magazin über den musikalischen Tausendsassa (Sänger, Songschreiber, Komponist, Regisseur, Produzent und Performance-Künstler) gelesen hatte, freute ich mich sehr über den Namen Blood Orange in der Line-up Ankündigung. Dass Blood Orange neben dem Konzert auf dem Festivalgelände auch im Paral.lel 62 auftreten sollte, war dann natürlich perfekt. Kein Stress wegen möglichen Zeitüberschneidungen, keine lästigen Video- und Fotogräben vor der Bühne. Stattdessen ein stinknormales Klubkonzert in einem der schönsten Venues, die ich kenne. Aufhänger des Interviews war die Veröffentlichung seines aktuellen Albums Essex Honey, das wieder unzählige Gastmusiker aufführt. Devonté Hynes ist auch bei seinen eigenen Alben mehr Produzent/Musiker denn Sänger, daher braucht es einige Gaststimmen. Auch im Paral.lel 62 sind es eher die beiden Sänger*innen, die dem Abend ihre Stimme geben, als Devonté Hynes es tut. Allerdings gebührt ihm der interessanteste Song des Abends. Nur auf einem E-Cello spielend covert er The Smiths „How soon is now“. Er macht das so gut, dass der Großteil im Saal das Cover erst beim Refrain erkennt, aber dann direkt das Handy zückt. Was für ein furioser Start ins Konzert! Es folgen R&B-, Funk-, Disco- und Soulsounds der 80er-Jahre. Aber nicht nur zwischendrin gibt es immer mal wieder Wave-Gitarren, Bassläufe, die an The Cure erinnern und traurig melancholische Indiepopfolksongs, die mich an Elliott Smith oder Sufjan Stevens denken lassen. Blood Orange können sehr viel, und zeigen das auch. Das Konzert ist eine runde Sache und mein erstes Primavera Highlight 2026.

Setlist Blood Orange:
01: How soon is now?
02: Look at you
03: Thinking clean
04: Saint
05: Somewhere in Between
06: Jesus freak lighter
07: Wish
08: Vivid light
09: Mind loaded
10: Best to you
11: Chosen
12: You’re not good enough
13: Bad girls
14: Uncle ACE
15: Charcoal baby
16: Countryside
17: Champagne coast
18: The field

Billy Woods - Primavera a la Ciutat Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Zuvor spielte Billy Woods eine Stunde lang Hip-Hop. ‘Die bedrückende Großartigkeit von Billy Woods’ oder ‘Zwischen Weltrevolution und Waschsalon – Billy Woods ist einer der besten Undergroundrapper unserer Zeit’ titelt das Internet und vermutlich haben sie recht. Ich bin unvorbereitet und höre den Großteil der Billy Woods Raps an diesem Abend das erste Mal. Die Zeit, um mir Billy Woods Songs kennenzulernen und mich einzuhören habe ich mir nicht genommen. Da kann dann einiges zwischen uns nicht funktionieren. Und daher stelle ich nur schwammig fest, dass sich die Songs interessant anhören, mich aber nicht vollends umhauen. Egal wie, ohne Frage ist es ein guter Start in den Abend und aus dem gemütlichen Armlehnenstuhl der ersten Etage im Paral.lel 62 sitzt es sich bequem und lässt es sich gut zuhören.

Am Mittwoch beginnt traditionell das Primavera Sound Festival im Parc del Fòrum mit einem kostenfreien Konzertabend für alle. Einzig eine Anmeldung über die Festival-App ist nötig, um Zugang zu bekommen. In diesem Jahr sind Yard Act und Wet leg die großen Namen des Abends. Schon auch interessant und lohnenswert. Zeitgleich spielen aber auch Mogwai im Club Razzmatazz im Poblenou Viertel. Das klingt mindestens genauso lohnenswert.
Für die Konzerte im Rahmen des Primavera a la Ciutat bedarf es einer vorherigen Reservierung inklusive eines 15 Euro Deposits, mit dem man quasi ein Ticket kauft. Sobald man aber am Abend im Club erscheint und das Ticket gescannt wird, wird einem Festivalticketinhaber der Betrag wieder zurücküberwiesen. So sind die Konzerte schlussendlich für Festivalgänger kostenneutral zu besuchen. Der Andrang auf die Tickets ist immer enorm und die Konzerte Minuten nach Freischaltung bereits ausverkauft.

Mogwai - Primavera a la Ciutat Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Schaffe ich es also, ein Mogwai Ticket zu ergattern, gehe ich ins Razzmatazz. Schaffe ich es nicht, fahre ich drei Metrostationen weiter in den Parc del Fòrum und schaue mir Wet leg und Yard Act an. Letzteres ist wirklich der Plan B. Die letzten Jahre waren die freien Mittwochskonzerte im Parc del Forum immer sehr anstrengend, das Publikum unaufmerksam und eher im Event-Happening-Modus unterwegs, so dass es nicht immer hundertprozentig Spaß machte, hier Konzerte zu gucken. Ich konnte jedoch ein Ticket für das Razzmatazz ergattern, der Parc del Fòrum sieht mich also erst am morgigen Donnerstag. Da es sich fuer ein Konzert nicht lohnt, mit der Metro durch die halbe Stadt zu fahren, schaute ich mich nach einer weiteren Konzertoption. Und siehe da, fuer das Set von Cara Delevingne konnte ich noch eine Reservierung bekommen. Da das La Nau in direkter Nachbarschaft zum Razzmatazz liegt, und das Cara Delevingne Konzert im Anschluss an Mogwai startet, bietet sich der Besuch an. Die schottische Band ist Stammgast beim Primavera Sound. Seit 2003 bespielten sie 9-mal das Festival, zuletzt vor zwei Jahren mit einem sehr berauschenden Konzert nachts auf der Cupra Stage im Parc del Fòrum.

Und kann ein Kontrast größer sein? Erst die schottischen Celtic Glasgow Fans von Mogwai im schön angeranzten Razzmatazz und anschließend ex-Model und Schauspielerin Cara Delevingne im cleanen und eher schicken La Nau. Diese Kombination entspricht schon sehr dem Primavera Sound Gedanken, sag’ ich mal. Das Razzmatazz müffelt wie eine Umkleidekabine nach dem Sport, wenn jemand die bestellten Döner reingebracht hat. Will sagen, die Luft ist gewöhnungsbedürftig und anstrengend. Obwohl wir etwas spät dran sind, gehe ich über die Galerie hinunter in den Saal. Natürlich ist der Laden ausverkauft; Mogwai möchte sich kaum jemand entgehen lassen. Und die Schotten machen das gut. Von „Mogwai fear Satan“ vom ersten Album Mogwai Young Team bis hin zu Tracks aus ihrem 2025er Album The bad fire ist alles dabei. Es ist ein schönes, stimmiges Set, das mir 90 Minuten lang um die Ohren gehauen wird. Mir macht es schon Spaß, sich die Band anzugucken. Und „My Father, my King“ darf natürlich nicht fehlen.

Setlist Mogwai:
01: Yes! I am a long way from home
02: Hi chaos
03: Ritchie Sacramento
04: Helicon 1
05: God gets you back
06: How to be a werewolf
07: Hunted by a freak
08: Mogwai fear Satan
09: Fanzine made of flesh
10: Auto Rock
11: We’re no here
12: Lion Rumpus
Zugabe:
13: My Father my King

Anschließend die Straße runter, einmal um den Block und ab ins La Nau. Es bleiben gut 15 Minuten für den Ortswechsel. Das reicht locker und als ich im sehr stark heruntergekühlten La Nau ankomme, sind gerade die ersten Reihen belegt. In ein paar Minuten wird auch dieser Laden voll sein.

Cara Delevingne -Primavera a la Ciutat Barcelona 01.06. bis 03.06.2026

Cara Delevingne kam spät in das Primavera Line Up. Irgendwann entdeckten wir ihr Konzert in der AccessTicket App, über die man seit einigen Jahren die Konzerte des Primavera a la Ciutat bucht. Und das erstaunliche war, dass es lange noch Karten für dieses Konzert gab. Also zumindest lang genug, um eine Woche zuvor noch welche ergattern können. Es wäre auch zu blöd gewesen, nur für ein Konzert nach Poblenou zu fahren. Hatte hier niemand Cara Delevingne auf dem Schirm, bzw. hatten alle nur Augen für das zeitgleich stattfindende Geese Konzert im Sala Apolo (für das wir keine Tickets bekamen)? Scheint so. Ich finde die 15 Euro Auslage gut angelegt, um mir das ehemalige Supermodel und Schauspielerin anzuschauen. Auch, wenn ich dadurch den Altersdurchschnitt im Publikum ordentlich anhebe.

Größtenteils junge und jugendliche Mädchen stehen vor der Bühne und um mich herum. Entsprechend groß ist das Gekreische, als Cara Delevingne. Knapp eine Handvoll Songs hat die Britin bisher veröffentlicht, ihr Debütalbum ist für den Spätsommer angekündigt. Das hier ist ihr zweites Konzert. Eine gewisse Nervosität sehe ich ihr an. 2 Keyboard-/ Synthesizerspieler*innen stehen ihr zur Seite. Die Bühne ist nur schwach beleuchtet, nur ab und an blinkt weißes Spotlicht auf. Kühl und metallisch wirkt die Bühnenausstattung. Cara Delevingne trägt eine Lampe und den Hals, mit der sie ihr Gesicht anleuchtet. Ansonsten sind sehr viel Bühnennebel und diffuses Licht im Spiel. Anfangs denke ich, das ist so geplant, damit nicht gut ausgeleuchtete Fotos gemacht werden können. Da sie aber während des Konzerts am Bühnengitter auftaucht und Selfies mit der ersten Reihe macht, weiß ich nicht, ob meine Vermutung richtig ist. Je länger das Konzert andauert (insgesamt ist es knapp 40 Minuten lang) und je mehr sie merkt, dass ihre Musik im La Nau ordentlich abgefeiert wird, desto gelöster wird sie. Musikalisch nicht hundertprozentig meins, aber ein guter und interessanter Abschluss des Tages. Morgen geht es dann in den Parc del Fòrum.

Setlist Cara Delevingne:
01: Lights up
02: I forgot
03: Out of my head
04: Not normal
05: Need it
06: The mask
07: Looking for you
08: Tip of my tongue
09: What love is like
10: Crazy Baby

Kontextkonzerte:
Primavera a la Ciutat – Barcelona, 08.06.2025
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