Ort: Parc del Fòrum, Barcelona
Bands: Low, Marina Herlop, Weyes Blood, Wet Leg, Shellac, Little Simz, Jehnny Beth

Primavera Sound Festival 2022

Der Tag der ersten Absagen und die zweiten großen Ärgernisse: The Strokes kommen nicht, einer hat wohl Corona. Bikini Kill kommen auch nicht, ebenso hat Georgia krankheitsbedingt abgesagt. Für viele bricht dadurch eine Welt zusammen, gerade die kurzfristige Absage der The Strokes ärgert sehr. ‘Corona käme ja nicht über Nacht, das hätte man eher publizieren können‘, so in den sozialen Netzwerken ein oft gelesenes Argument, das ich nicht dumm finde. Für mich werfen die Absagen nur meine Pläne, die eigentlich standen, etwas durcheinander. Gesehen habe ich alle drei Bands schon, von daher sind die Absagen nur blöd, aber eben auch nicht mehr. Jetzt heißt es, ein bisschen umzuplanen. Die Ausfälle führen nämlich auch zu Verschiebungen im gesamten Zeitplan.
Low im Auditori geht jetzt wieder und Jehnny Beth füllt die Bikini Kill Lücke. Na ja, ihr Konzert macht das so lala. Richtig überzeugt mich das nicht, was die ehemalige Savages Sängerin auf der kleinen Ouigo aka Adidas Bühne später gegen Mitternacht präsentiert.

Low. Primavera Sound Festival 2022.

Ganz im Gegensatz zu Low. Was für eine tolle Idee, die Band im Auditori auftreten zu lassen. Nach einer halben Stunde weißem Flackerlicht und lauten Gitarren sind alle wieder wach und haben Kopfschmerzen. Und sind begeistert! (Ich übrigens auch). ‘You are the best band in the world’ ruft jemand hinein. ‘You are the second best band in the world’ wäre doch ein viel interessanterer und mutigerer Einwurf‘, denke ich. Obwohl dieser Satz dem Konzert nicht gerecht werden würde, denn das war großartig und passt eher zur besten Band der Welt als zu einer zweitbesten.
Da wir enorm früh vor Ort sind, nehmen wir auch Marina Herlop im Auditori mit. Die spanische Musikerin hat eine ganz wunderbare Stimme, die sie und ihre beiden Mitmusikerinnen mit allerlei Elektro- und Snthiekram unterlegen.

Ganz entspannt starten wir so in den zweiten Primavera Sound Festivaltag. Wie wird es heute werden? Wieder so unangenehm voll? Oder setzt sich alles etwas und der ganz große Andrang – auch weil The Strokes abgesagt haben – bleibt aus?

Weyes Blood. Primavera Sound Festival 2022.

Nun, die Fragen sind schnell beantwortet. Und zwar nicht zu unseren Gunsten. Nachdem wir das Auditori verlassen haben und uns auf das Gelände begeben haben, möchte ich noch kurz bei Weyes Blood vorbeischauen. Die Kalifornierin spielt auf der Binance Bühne direkt neben der Cupra Stage, auf der dann Wet Leg ihren Gig haben. Drei, vier Songs möchte ich mir von Weyes Blood ansehen, bevor ich zu Wet Leg wechsle. Doch ich habe null Chance, auch nur einigermaßen vor die Bühne zu kommen. Selbst der weite Weg hintenrum, eigentlich immer eine sichere Bank, erweist sich als Flaschenhals. Schade, ich mag den Flower Pop von Weyes Blood sehr und hätte mir gerne ein paar Sachen angesehen. So aber entscheide ich mich dazu, direkt zu Wet Leg durchzustarten. Denn auch hier wird es voll werden. Wet Leg sind schließlich der neue Hit im Musikbiz und sorgten bereits bei ihren letzten Klubkonzerten für ausverkaufte Säle.

Wet Leg. Primavera Sound Festival 2022

Und das zu Recht. Wet Leg sind eine Wucht. Nach wenigen Minuten haben sie den vollen Innenraum plus Sitzreihen an der Cupra Stage im Griff. Mit dem finalen „Chaise Longue“ räumen sie alles ab. Wow, oder besser: Whaaaaaaat??!!!!….

Das war großartig! Und was bitte ist das für ein Freitag! Das weite komplett gesehene Konzert ist auch gleich das zweite großartige Konzert! Dass das so weiter geht, da bin ich mir fast sicher. Immerhin wartet noch Little Simz auf mich. Ein Konzert, auf das ich mich sehr freue, und das den anderen beiden sicher in nichts nachsteht.
Doch zuvor zum runterkommen ein bisschen Shellac. Natürlich sind die Amis auch in diesem Jahr vor Ort, und natürlich ist es bei ihnen nicht ganz so voll wie bei den anderen Musiker*innen. Nichtsdestotrotz, Shellac liefern eine schöne Unterhaltung. Ihre Gitarren preschen durch den Himmel; sie spielen Songs über Karaoke Bars und Chicagoer Schrottsammler. 2022 gefallen sie mir damit noch besser als beim letzten Primavera Sound Festivals.

Anders großartig ist Little Simz. Die Britin hat mit Sometimes I might be introvert eines meiner derzeitigen Lieblingsalben veröffentlicht und ich war sehr gespannt auf ihren Liveauftritt. Und ja, natürlich hat er mich nicht enttäuscht. Wie ein alter Hase führt Simbiatu Ajikawo durch die 60 Minuten, die in jeder Sekunde wunderbar sind. Ganz zurecht steht ihr Album in allen wichtigen Bestsellerlisten des Jahres 2021 weit oben. Live kann ich das hier nochmal nachhören, denn ihr Set besteht in der Hauptsache aus Stücken von Sometimes I might be introvert. Es sind großartige 60 Minuten, die die junge Rapperin mit ihrer Band präsentiert.

Little Simz. Primavera Sound Festival 2022

Danach will ich noch bei Parquet Courts oder Warpaint reinschauen. Doch beides klappt nicht. Reinschauen klappt beim diesjährigen Primavera Sound Festival nicht. Es ist zu voll, nicht nur vor den Bühnen, teilweise auch schon in den Zugängen zu den Bühnen. Mal eben so 10 Minuten Leerlauf nutzen, um sich ein, zwei Songs auf einer anderen Bühne anzuschauen, funktioniert nicht. In diesem Jahr (oder zumindest an diesem ersten Wochenende) ist man am besten bereits 25 Minuten vor Konzertbeginn vor seiner Wunschbühne und das war’s. Das grenzt das Musikerlebnis natürlich extrem ein.

In meinem Fall heißt das, ich sehe keine 30 Minuten Parquet Courts und keine 20 Minuten Warpaint, sondern ich stehe bereits 20 Minuten vor Konzertbeginn an der Ouigo Stage und warte auf Jehnny Beth. Auch die kurze Überlegung, ob ich mir ein Bier kaufen soll, schlage ich aus. Das schaffe ich nicht, die Schlange ist definitiv zu lang, um rechtzeitig wieder an der Bühne zu sein. In den ersten fünf Minuten, die ich die Warteschlange beobachte, ist bewegungstechnisch nichts passiert.

Jehnny Beth. Primavera Sound Festival 2022

Jehnny Beth ist irre. Dreimal stagedived sie ins Publikum, nach wenigen Minuten ist ihre Hose gerissen. Die Synthiebeats wummern, das grelle Weißlicht flackert. Was ist hier los? Was ist das für eine animalische Show?! Da passt es, dass sie gegen Ende einen Song von den Nine Inch Nails covern.

Von The National sehe ich an diesem Tag nur Matt Berninger. Nachmittags, als er zufällig im Fahrstuhl steht, der auf unserer Etage hält und wir zusteigen. ‘Downstairs?’ ‘Yes.’

Ein merkwürdiger Freitag geht zu Ende. Ich habe nicht alle Bands gesehen, die ich sehen wollte und ich war auch nicht bereit, bei den großen Bühnen vorbeizuschauen. Trotz The National, trotz Fontaines D.C., trotz Caribou, dessen Slot nach dem Ausfall der The Strokes hierhin verlegt wurde. Mhh, könnte man denken, dann hat es sich ja nur halb gelohnt. Das sehe ich nicht so, ich habe auf dem Rückweg nicht den Eindruck, etwas verpasst zu haben oder länger bleiben zu müssen. Klar, auch an diesem Tag war das Gelände voll, vielleicht zu voll, und das ist nicht schön. Aber ich habe immerhin drei tolle Konzerte gesehen. Und das ist der Eindruck, der hängenbleibt.

Kontextkonzerte:
Weyes Blood – Primavera Sound Festival– Barcelona, 02.06.2017