Ort: Parc del Fòrum, Barcelona
Bands: Dry Cleaning, Ride, Squid, Slowdive, Big Thief

Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Es zehrt. So langsam machen sich die vielen langen Abende, das Stehen in Warteschlangen und vor Bühnen und das Wetter bemerkbar. Mittlerweile ist es ordentlich warm geworden in der Stadt und die Mattheit schlägt gerade mittags ordentlich zu. Ich bin halt nicht mehr der Jüngste, die Konzentration auf das Wesentliche ist das Gebot der Stunde. Immerhin liegen noch drei Festivaltage vor uns.
Am Donnerstag stehen so nur fünf Bands auf dem Programm; auch, weil ich meine Jacke vergessen habe und es ab Mitternacht hier direkt am Meer windtechnisch gut auffrischt. Meine Erkältung von gestern muss ich nicht unbedingt ausbauen; Dua Lipa mag es mir verzeihen, dass ich ihren Auftritt misse. Ich ärgere mich schon ein bisschen darüber.

Wenn ich so durch meinen heutigen Tagesplan schweife, stelle ich fest: alles nichts Neues außer Big Thief. Slowdive habe ich früher sehr oft und ausgiebig gesehen, Ride, Dry Cleaning und Squid erst in den letzten 12 Monaten das letzte Mal. Eine wirkliche Alternative bietet der Donnerstag allerdings leider nicht. Überhaupt hatten wir im Vorfeld schon festgestellt, dass das zweite Wochenende aus unserer Sicht qualitativ nicht mit dem ersten Wochenende mithalten kann. Auditori Konzerte gibt es nicht und am frühen Abend läuft auf den Bühnen im Parc del Forum tatsächlich nichts Hochinteressantes. Weder an diesem Donnerstag, noch an den nächsten beiden Tagen lohnt es sich, vor 19 Uhr auf dem Gelände zu sein. Es sei denn, man möchte spanische Bands entdecken. Danach ist mir jedoch nicht.
Was bleibt, ist Zeit. Zeit, länger in der Stadt oder an der Diagonal rumzuhängen.

Hatte ich übrigens schon erwähnt, wie easy peasy der Einlass mit dieser App funktioniert? QR Code scannen, das Passfoto (das musste ich vorher in die App einfügen – sag ich mal lapidar) auf dem Monitor mit dem Typen in der Warteschlange vergleichen, und durch. Eine Sache von Sekunden. Das Armbändchen bekommt man nach dem ersten Einlass nur noch aus Nostalgiegründen und wenn man beim Mann mit den Bändchen stehen bleibt. Natürlich lasse ich mir eins geben. Vorzeigen muss ich das später nirgendwo mehr. Na immerhin verteilen sie noch welche. Ganz verzichtet haben die Primaveraleute auf gedruckte DIN A5 Programmflyer. Aus verschiedensten Gründen natürlich mehr als löblich und sinnvoll, aus Sammlersicht sehr schade. So bleiben als Informationsquelle (wer, was, wo) die App und ein pdf Plan.

Dry Cleaning - Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Zu Dry Cleaning, die jetzt auf der Binance Bühne spielen, finden wir trotzdem. Erster Eindruck: hui, letztes Wochenende war es um 20 Uhr auf dem Gelände voller. Tatsächlich scheint die Festivalauslastung an diesem Donnerstag die bisher geringste zu sein, vor den Merchständen, im Food Court, vor den Bühnen, auf den Wiesen, überall ist mehr Platz. Vor der Binance Bühne ist es nur überschaubar voll. Es gelingt uns mühelos, dem muffeligen Abwasserabfluss, der links von der Bühne die ersten Reihen quert, zu entkommen. Endlich mal kein Stress. Dry Cleaning freuen sich über ihren bisher größten Gig. Wir freuen uns, dass wir auf der Videoleinwand die Gesichtszüge von Sängerin Florence Shaw ganz genau beobachten können.

Brain. Replaced by something.

Squid. Sie müssen gegen die tiefstehende Sonne ran und ich glaube, das macht keinen Spaß. Die Sonne knallt direkt auf die Bühne der Cupra Stage, Schatten Fehlanzeige.

Squid - Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Wir sitzen im Schatten auf den Steinstufen an der Cupra Stage, essen Schinkenbocadillos und betrachten mehr das Treiben als die Band. Squid gehen dabei ein bisschen an mir vorbei. Auch hier ist es jetzt nicht voll. Es gibt noch genügend freie Plätze auf den Steinstufen und auch hätten wir nach dem Dry Cleaning Gig noch bequem bis nach vorne an die Bühne gehen können. Gefühlt spielen Squid das, was sie seit zwei Jahren spielen: Songs ihres tollen Albums Bright Green Field. Neues Material, das bei diesem Primavera Sound einige Bands vorstellen (wie zum Beispiel vor ein paar Minuten Dry Cleaning), scheinen sie aktuell nicht zu haben. Zumindest habe ich keine neuen Songs wahrgenommen. Wir bleiben nicht ganz bis zum Schluss, auf der anderen Bühne warten Ride mit ihrem zweiten Albumkonzert binnen zwei Tagen.

Ride - Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Also schon wieder Ride. Nachdem sie gestern Going blank again in Gänze gespielt haben, ist nun Nowhere dran. Ich las es zufällig am Morgen, und das ist gut. Denn eigentlich hatte ich ein weiteres Ride Konzert für heute nicht eingeplant. Noch einmal Going blank again wäre zu viel des Guten. So freue ich mich, dass sie nicht noch einmal Going Blank again spielen, sondern etwas anderes. Und dass das Andere dann noch Nowhere ist, yuppie!

Nowhere – das Debütalbum der Band nach 3 EPs – feierte seinen 30sten Geburtstag vor zwei Jahren. Aus den bekannten Gründen fielen die Feierlichkeiten – sprich Albumkonzerte – seinerzeit aus. An diesem Abend können Andy Bell, Mark Gardener, Steve Queralt und Laurence Colbert nun zumindest ihren 2020er Primavera Gig nachholen. Das lockt auch Damon Albarn aus dem Backstagebereich. Er steht neben dem Ride Roadie am Mischpult und schaut sich kopfnickend die ersten vier Songs an.

Nowhere habe ich in den letzten Jahren noch seltener gehört als Going blank again. Nichtsdestotrotz, ein Song wie „Vapour Trail” bleibt einfach im Gedächtnis. „Dreams burn down” und „Here and now” waren in den 1990er Jahren meine anderen beiden Albumlieblinge. Was mir seinerzeit gar nicht so stark auffiel ist die Tatsache, dass Andy Bell auf dem Debütalbum die höchsten Gesangsanteile hat. Für mich war eigentlich immer Mark Gardener der Hauptsänger von Ride. Aber das wurde dann erst später so und führte bekanntlich zum Zank und zur Trennung von Andy Bell und damit zur Auflösung von Ride. Alte Kamellen.

Slowdive in about five minutes.

Richtig, Herr Gardener. Da gehen wir jetzt auch hin. Zusammen mit dem größten Teil der Ride Zuschauer. Ist ja gleich um die Ecke.

Slowdive - Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Slowdive spielen auf der Cupra Stage nebenan. Noch so ein Shoegaze Dino, der sich vor einigen Jahren irgendwie wachgeküsst hat. Slowdive sind 2022 immer noch wie 1991: diffuses Licht, viel Nebel, nur Gitarren. Damals sah ich sie mit ihrem Debütalbum Just for a Day in der Zeche in Bochum. Es war mein erstes Zusammentreffen mit dem damals ach so hippen Shoegaze und erst das vierte oder fünfte Konzert in meinem Leben. Nur eine Videoleinwand gab es damals noch nicht. „Catch the breeze” schon, den Song spielten Slowdive sowohl 1991 als auch an diesem Abend. Welche Eindrücke gewann eigentlich Lou Barlow über den Slowdive Auftritt. Nun, das kann man auf seinem Instagramkanal nachlesen:

I was an early and avid Slowdive fan.. I saw them in Portugal at the Primavera Sound festival yesterday and they’ve still got -it-: the expansive wash of sound, the magic….I really love this band.. but i have a confession to make: I can be picky about the way bands -look-.. I realize this is wildly hypocritical (I’ve played in shorts with no shirt on) but I’m speaking as a fan, not an artist, and I beg you to forgive me for what I’m about to write: Neil, the lead guitarist now looks like a member of the touring Beach Boys circa 1987.. this is not a bad thing, per se, and he is surely gazing at his shoes under the brim of his baseball cap -but- my teeny-tiny little brain associates th band with an entirely different look (shaggy Beatles cut, dark-clothes and a particular Goth-lite common to bands of the genre) they were named after a Siouxsee and the Banshees song for chrissake …it creates a dissonance that I feel no choice but to share, hoping to exorcise some of my guilt..to illustrate my hypocrisy the pictured white t-shirt is, much to @adellelouise ‘s chagrin, my current stage uniform.. unlike Slowdive, my American indie-rock pedigree has no dress code…. these days I usually try to wear a nice shirt but, for some reason, I’ve abandoned that and gone total-dirtbag-basic for this run of shows, which makes my critique of Neil’s appearance all the more distasteful.. I’m so sorry..let’s pretend I never posted this.. also, ironically, I was going to wear a nice shirt today for the Dinosaur Jr performance but all of our luggage, guitars and guitar effects were lost by TAP airlines on our flight in.. so we’re going, basically, naked for our big show on the main-stage tonite..also Interpol is playing after us and if they show up in shorts and flip-flops I will eat my t-shirt

Er berichtet zwar aus Porto, aber da ist es nicht viel anders als in Barcelona einen Tag zuvor.

Dann Big Thief. Die New Yorker Indierocker sind sowas wie der Hype der Stunde. Grund genug, sich die Band mal näher anzuschauen.

Big Thief - Primavera Sound Festival – Barcelona, 09.06.2022

Adrienne Lenker ist die Sängerin, Gitarristin und einzige Songschreiberin der Band. Das lese ich irgendwo und identifiziere sie daraufhin als entscheidende Person bei Big Thief. Neben ihr spielen Alexander Buckley Meek (Gitarre), Max Oleartchik (Bass) und James Krivchenia (Schlagzeug). Die klassische Bandbesetzung ohne Schnickschnack. Musikalisch ist es amerikanischer Indierock, der mir von der Plenitude Stage entgegenschallt. Unspektakulär, aber nicht uninteressant. Ich kenne nichts von der Band und muss mich also komplett auf das Konzert einlassen, um die Band verstehen zu können. Bei einem Festival ist das kein leichtes Unterfangen, da es aber auch jetzt um kurz nach 23 Uhr nicht wirklich zu voll ist, gelingt mir das überraschenderweise ganz gut. Indierock, ja. Aber manchmal für meinen Geschmack auch eine Spur zu viel Country und/oder Folk. Zu „Spud Infinity“ gegen Ende des Sets holen sie gar die Maultrommel raus. Das gefällt mir nicht so gut. Aber anyway, grundsätzlich hinterlassen Big Thief einen interessanten Eindruck bei mir. Und wenn Fachleute sagen, dass die Band gut und derzeit sehr wichtig ist, dann muss da ja etwas dran sein. Ich höre später im Sommer mal in ihr aktuelles Album. Auf dem Weg zurück zum Hotel höre ich erneut die Gorillaz von einer der großen Bühnen rüber schallen. Mist, schon wieder verpasst.

Kontextkonzerte:
Squid – Köln, 11.10.2021 / Gebäude 9
Squid – Transformer 4 Festival Maastricht, 18.01.2020
Squid – Sonic City Festival Kortrjik, 10.11.2019
Dry Cleaning – Brüssel, 17.04.2022 / Botanique
Slowdive – Genf, 09.09.2014 / Maison communale de Plainpalais
Slowdive – Primavera Sound Festival Barcelona, 30.05.2014
Ride – Primavera a la Ciutat Barcelona, 05.06.2022
Ride – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05. – 02.06.2018