| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Muziekgieterij, Maastricht
Bands: Just Mustard, Squid

Just Mustard

Vor sechs Jahren veröffentlichten Warpaint ihr erstes Meisterwerk Warpaint. „Frank“ klingt nach Warpaint. Der unbegleitete Gesang ganz am Anfang des Songs, die Leichtigkeit, wenn erst das Schlagzeug leise und später dann der Bass einsteigen. Ja, die aktuelle Single der irischen Band Just Mustard lässt mich an die ersten Songs des Warpaint Debütabums denken. „Frank“ ist jedoch ein eher untypisch Just Mustard Song. Sonst klingt die Band nämlich mehr nach britischem Shoegaze a la Slowdive, Chapterhouse oder My bloody valentine. Sonst heißt in den anderen 10 bisher veröffentlichten Songs. Mehr haben Just Mustard nämlich noch nicht.

Maastricht.
Die Muziekgieterij macht sich immer mehr. Als ich vor Jahren das erste Mal hier war, befand sich der Eingang noch auf der Straßenseite und das ehemalige Fabrikgebäude war voll entkernt. Der Konzertsaal war nur durch ein paar Vorhänge abgetrennt, Getränke gab es aus einem Bierwagen und die Klos muteten nicht viel anders an als auf einer jeden Bauernfete. Doch dann kamen Umbauarbeiten. Der Eingang wechselte in den Hinterhof, im Inneren der Halle wurden die Räume neu aufgeteilt; es entstand eine weitere, kleine Bühne und es kam eine Bar hinzu.
Als ich an diesem Abend erneut durch die Eingangstür trat, sah ich weitere Veränderungen: der kleine Raum mit der zweiten Bühne ist weg. Hier ist jetzt eine große Bar. Dafür gibt es jetzt einen komplett neuen und toll ausgestatteten kleinen Konzertsaal. Ich bin gespannt, wie er sich präsentiert. Technisch ist alles auf höchstem Niveau. Der größere Saal schließt sich dort an, wo früher die Toilettenanlagen waren. Ich werde ihn an diesem Abend nicht sehen, denn das Transformer Festival – so nennt die Muziekgieterij ihre kleine Konzertreihe, in der in unregelmäßigen Abständen mehrere Bands auftreten – spielt im kleinen Saal. An diesem Abend sind es vier, neben Just Mustard und Squid werden noch die Bands Newmoon und Geoff Wylde auf die Bühne bringt.

Der kleine Saal ist ausgelegt für ungefähr 400 Besucher. So viele sind nicht da, als ich um kurz vor acht in Maastricht eintreffe. Ich tippe auf 50. Die belgischen Newmoon und den Niederländer Geoff Wylde schenke ich mir. Die jungen wilden Squid und die mir in der Vorrecherche überaus positiv aufgefallene irische Band Just Mustard dagegen sind die, die ich unbedingt sehen wollte.

Just Mustard sind eine fünfköpfige Band aus Irland. Mit Wednesday haben sie vor 2 Jahren ihre erste Platte veröffentlicht, aktuell ist die Single „Frank“, die sicher ihr erster mittelgroßer Hit werden wird. Katie Ball, David Noonan, Mete Kalyon, Rob Clarke und Shane Maguire haben hier große Qualitäten bewiesen. „Frank“ ist ein schöner Indiepopsong, den ich in den letzten Tagen sehr oft gehört habe. Quasi hören musste, so toll finde ich ihn. Daran ändert auch nichts, dass live die Gitarren ordentlich einen viel stärkeren Wumms haben und die Warpaint Sequenz (siehe oben) ein bisschen verloren geht. Es wildert aber nicht so stark aus wie in den anderen Songs. „Deaf“ beispielsweise ist nicht nur auf Platte Slowdive. Die Wimmergitarren, der leise Gesang, das Shoegaze Schlagzeug. Das kennt man alles, wenn man alt genug ist. Live das gut, live klingt shoegaze immer gut, wenn er nicht zu poppig ist. Just Mustards Shoegaze ist nicht poppig, er ist melancholisch, melodisch, düster.
Ähnlich wie „Deaf“ sind auch die anderen Songs auf Wednesday. Viele Gitarren, ein treibendes Schlagzeug und dazu der säuselnde Gesang von Katie Ball. Liebreizend für alle, die Shoegaze, Mazzy star und Ähnliches mögen. Spannender als das finde ich, dass Just Mustard es nicht dabei belassen, sondern die Gitarrenwände immer wieder unterbrechen. Wenn der Gitarrist die zweite Gesangsstimme gibt und mit Schreien und Zwischenrufen die harmonische Grundstimmung unterbricht, dann mischt sich ein wenig Post Punk in den Independent.
Grundsätzlich finden Just Mustard dabeieine schöne Mischung. Die Songs bleiben getragen und melodiös, versickern aber durch die Versatzstücke nicht im Einerlei der Gitarren. Das wäre vielleicht auch zu billig und nicht schlau. Schlau ist es dagegen, den Post Punk nicht so klingen zu lassen wie es die Fontaines D.C., The Murder Capital oder die anderen jungen Bands machen.

A pro pos, Fontaines D.C., The Murder Capital, die Band von Bonos Sohn und Just Mustard. Es tut sich was in Irland. Und während die Fontaines D.C. an The Clash erinnern ist Wednesday ein Album für die, die immer noch von Slowdive träumen und die aktuellen Post Punk Tendenzen im Auge haben.

Setlist Just Mustard:
01: Curtains
02: Pigs
03. Sore
04: Tennis
05: Frank
06: Seven
07: Boo
08: Seed
09: October

Überhaupt, wo kommt eigentlich dieser ganze Post Punk auf einmal her? Von Wire.

Wie es manchmal so ist, man beschäftigt sich mit einer Thematik und plötzlich erscheinen Anknüpfungspunkte an allen Ecken und Enden. ‘Überhaupt, wo kommt eigentlich dieser ganze Post Punk her?‘ Klaus Fiehe stellte am Sonntagabend in seiner Musiksendung diese bedeutungsvolle und rhetorische Frage, um sie erst mit einem Wire Song zu beantworten (die haben wohl was Neues gemacht) und kurz darauf „The cleaner“ von Squid nachzulegen. ‘Squid wären neben Celeste auch die einzige Band gewesen, die beim Eurosonic Noorderslag in Groningen für einen Wartestau vor dem Vera gesorgt hätten‘, weiß er weiter zu berichten. Zurecht, wie ich finde. Eine großartige Band! Squid werden zu beachten sein.

Squid

Für mich sind Squid einen Schritt weiter als Just Mustard. Ich habe sie auf dem Sonic City Festival entdeckt und sie haben mich sofort – obwohl ich vorher nur ein, zwei Songs gehört hatte – gepackt. Die in die Gitarren eingebaute Trompete, Entschuldigung, Kornett, und der singende Schlagzeuger Ollie Judge waren direkt meine Favoriten.

Googlet man die Band, stößt man zuerst auf Squid als einen freien Proxyserver und Web-Cache, der unter der GNU General Public License steht. Erst ein paar Seiten später weiß Google von der Band aus Brighton zu berichten. Doch prompt lauert die nächste Google Schlinge. Bei der Listung der Albumveröffentlichungen kommt die Suchmaschine komplett durcheinander. Die Town Centre EP ist ihr aktuelles Werk und nach Lino erst die zweite EP, die Squid veröffentlicht haben. Alle anderen vorgeschlagenen Platten gehören dem Rapper Squid oder der lateinamerikanischen/spanischen Frauenrockband Squid. Google ist ein Bastard!

Genau wie bei Just Mustard sind die Musiker blutjung. Louise Borlase und Anton Pearson an den Gitarren, Laurie Nankivell am Bass und am Kornett und Arthur Leadbetter am Keyboard komplettieren die Band, die von Ollie Judge am Schlagzeug sitzend aus dem Rückraum geführt wird. Das Konzert beginnt mit „Rodeo“, das war auch beim Sonic City Festival der Warmmacher. Im laufe der knappen Stunde spielen sie alles, was sie haben. Wie bei „The cleaner“ fasern die Songs live nicht selten in Richtung zweistelliger Minutengrenze aus. Da wird dann alles an Elektronik und Instrumenten zusammengeworfen, was auf der Bühne zu finden ist. Das ist toll, klingt aber zeitweise nach sehr viel durcheinander. Es dauert dann, bis alle den Faden wieder aufgenommen haben und Songs zuende bringen können. Nicht deswegen, eher wegen dem Kornett lassen sie mich ab und an an King Krule denken. Genau wie Just Mustard machen auch Squid Post Punk. Jedoch ist ihr Ansatz ein komplett anderer. Ihre Songs erinnern mich null an den 1980er Jahre Independent, Squid erinnern an Television und ähnliches. Ihre Songs sind zackiger, irrer. Just Mustard dagegen schweben mehr auf ihrem Gitarrenteppich und kommen musikalisch harmonischer daher. Ersteres macht mir mehr Spaß, Just Mustard haben mich jedoch auch beeindruckt. Wenn beide so weitermachen, können wir uns noch auf tolle Musik freuen.

Squid und Just Mustard liefern mir einen schönen Samstagabend. Die Macher des Transformer Festivals haben ein gutes Händchen bei der Zusammenstellung der Bands bewiesen. Auch wenn ich Newmoon zuvor verpasst habe, weiß ich doch, dass sie mit ihrem Shoegaze gut zu den beiden gepasst haben. In der Pause zwischen den Auftritten habe ich ein bisschen Zeit, mich außerhalb der Muziekgieterij umzusehen. Eine schöne Stadt, dieses Maastricht. Und das Sphinxkwartier hat sich in den letzten Jahren und seit meinem ersten Besuch mächtig gewandelt. Die Parkplatzsituation ist besser und die große Baustelle an der Nordbrücke ist abgeschlossen. Nun kann die Gentrifizierung Teil 2 starten. Bagger hier und da stehen schon bereit.

Macht mehr für mich interessante Konzerte und ich bin öfter hier.

Setlist Squid:
01: Rodeo
02: Sludge
03: Mat bet
04: The cleaner
05: Global Groove
06: Concrete Island
07: Houseplants
08: Stabby Joe

Kontextkonzerte:
Squid – Sonic City Festival Kortrjik, 10.11.2019