Ort: Botanique, Brüssel
Vorband: Maria Somerville

Dry Cleaning - Brüssel, 17.04.2022

Es kommt eher überhaupt nicht vor, dass ich für ein Konzert einer Band über den halben Kontinent fliege. Auch jetzt war es nicht übertriebenes Fantum, sondern einfach der Umstand, dass es nach dem Kurzurlaub im östlichen Mittelmeerraum förmlich egal war, ob die Rückreise über Brüssel führt oder nicht.
Das Konzert von Dry Cleaning war in den letzten 12 Monaten mein Sehnsuchtskonzert. Seitdem ich ihr Debütalbum New long leg vor einem Jahr erstmals gehört habe, möchte ich diese Band sehen. Unbedingt! Fast wäre es im letzten Jahr relativ fix passiert, doch ihr Konzert im Rahmen der luxemburgischen Congés Annulés wurde abgesagt. Das danach folgende Nachholterminverschiebe führte leider dazu, dass ich bei jeder neuen Terminankündigung in Luxemburg aus Zeitgründen passen musste. Dumm, aber glücklicherweise bot sich in Brüssel in der Botanique eine weitere Option, Dry Cleaning zu sehen. Und glücklicherweise ergatterten wir noch ein. Und glücklicherweise wurde das Konzert nur noch einmal verschoben, aber Ostermontag hatten wir Zeit. Okay, die Urlaubsrückreise musste etwas umgeplant werden, aber das störte nicht weiter.

Dry Cleaning sind so etwas wie die Band des letzten Jahres. Ihr Debütalbum erschien im April und beeindruckte mich mit in erster Linie mit einem ungewöhnlichen Sprechgesang, den ich in dieser Art sonst nur bei Protomartyr höre. Florence Shaw singt nicht, sie redet zur Musik; es sei ein ‘spoken-word stream-of-consciousness’ lese ich irgendwo. Ich finde das ganz toll. Ich mag ja auch die Kozelek Sachen, die nach dem gleichen Muster verfahren.

Neben Florence Shaw gehören Lewis Maynard, Tom Dowse und Nick Buxton zur Band. Tom Dowse und Florence Shaw kennen sich seit Jahren und 2017 fanden sie sich in Tom Dowses Band, die er zusammen mit Lewis Maynard und Nick Buxton gegründet hatte, zusammen. 2019 entstand die Debütsingle „Magic of Meghan“, 2021 das Debütalbum New long leg. Soweit die Papierlage.

Und besser als byte.fm kann ich ihre Musik nicht beschreiben:

Die britische Band Dry Cleaning spielt Post-Punk für Tee-Trinker*innen. Das ist kein müdes Vorurteil gegenüber ihrem Herkunftsland. Die Musik von Sängerin und Texterin Florence Shaw, Bassist Lewis Maynard, Gitarrist Tom Drowse und Schlagzeuger Nick Buxton animiert nicht zum Pöbeln mit Bierflasche in der Hand, oder zum wütenden Faust-in-die-Luft-Recken. Es handelt sich hier auch nicht um den von Depressionen und Selbstzweifeln zerfressenen Post-Punk, den Genre-Ikonen wie Joy Division oder The Cure produzierten. Dry Cleaning rasten nicht aus und brechen auch nicht zusammen. Sie beobachten. Und lehnen sich zurück.

Genau das spüre ich, wenn ich ihre CD höre. Der Sound ist eher Post-Punk untypisch unaufgeregt, lakonisch klingt der Sprechgesang (schön zum Beispiel das Hicksen in „Magic of Meghan“) und gut beobachtend sind die Texte. Die stammen alle von Florence Shaw. Habe ich je das Wort Twix in einem Songtext gehört? Ich glaube, nein.

Ja, es sind eindeutig die Texte und die tolle Stimme von Florence Shaw, die mich begeistern. Dazu spielt Lewis Maynard einen Heavy Metal Bass und Gitarrist Tom Drowse verzerrte, rhythmusbrechende Gitarrenriffs. Grundsolide Indierock Zutaten, sag‘ ich mal, die in der Summe ein tolles Album abgeben.

Live klingt das noch ein bisschen wilder als auf CD. Dry Cleaning spielen ihre Songs mitunter schneller und zackiger. Zeitweise hatte ich die übertriebene Befürchtung, dass sie an diesem Abend ihre 12, 13 Songs in nicht viel mehr als einer halben Stunde durchdreschen. Daraus wird natürlich nichts. Sie schaffen die ein Stunden Marke. Für mehr reicht das Material des Albums und zweier EPs (Sweet Princess und Boundary Road Snacks and Drinks) aber nicht. Nach einer guten Stunde ist das Konzert vorbei. Sieben Songs spielen sie vom Album, fünf von den vorherigen EPs.

Das Konzert in der Botanique ausverkauft. Ich glaube, die gesamte Dry Cleaning Tour ist ausverkauft. Umso froher sind wir, dass wir es nach Brüssel geschafft haben.
Der Nachmittag gehört der Anreise und der Erholung; später dann finden wir uns früh in der Botanique ein. Das Konzert ist in der Orangerie angesetzt, dem größten Saal der Botanique. Es ist – nebenbei bemerkt – der einzige Saal, den ich kenne, in dem die Bühne nicht am Kopfende, sondern an einer der Längsseiten aufgebaut ist. Doch Moment, in der Essener Weststadthalle ist das auch so.

Im Vorprogramm spielt die Irin Maria Somerville. Nachmittags hörte ich mir ein paar Songs an und empfand sie spontan als anstrengend. Live ist das nicht anders. Das Geloope und aufeinanderlegen vieler Soundspuren, dazu ein mich ab und an an Clannad erinnernder Gesang schaffen es nicht, mich restlos zu begeistern. Einzig ihr Hit „Eyes don’t say it“ überzeugt mich.

Dann Dry Cleaning. Äußerlich unterschiedlicher könnte eine Band nicht zusammengestellt sein: ein Yachtrock Typ am Schlagzeug, ein Mogwai Typ an der Gitarre und ein Metal Typ am Bass. Würde man vom Äußerlichen auf den inneren Musikgeschmack schließen, man könnte es kaum glauben, dass diese drei Menschen eine gemeinsame musikalische Schnittmenge haben. Haben sie aber, denn wie sonst könnte man auf die Idee kommen, eine gemeinsame Band zu gründen.
Dass sie dann mit Florence Shaw als Sängerin einen absolute Glücksgriff getätigt haben, ist live unübersehbar. Ihre leicht apathische Art, die übertrieben Ernsthaftigkeit und Slapstick (wie betont langsam sie jedes Mal das Tonbandgerät vom Stuhl hob) passen hundertprozentig zum musikalischen Bild. Genauso wie die leicht schrägen Texte. Florence Shaws Mimik ist ‘Klaus Kinski’-esk. Anders kann ich das nicht beschreiben. Und ihr Sprechgesang passt gut zu den Gitarren. Genauso wie ihr grüner Pulli zum grünen Klebetape am Mikrofonständer. Ist das ein Zufall? Ich glaube nicht.

Was ich nicht wusste ist, dass Florence Shaw im Hauptberuf Designerin und Zeichnerin ist. Am Merchstand wundern wir uns noch über Hund, Katze, Maus, etc. Strichzeichnungen, die als Aufkleber- und Tattoo-Set unserem Mercheinkauf beigelegt wurden. Später wundern wir uns nicht mehr. Wir googlen nach und entdecken Florence Shaws Künstlerwebseite. A ha, jetzt ergibt es Sinn.

Dry Cleaning machen nicht nur tolle Musik, sie sind scheinbar auch durch und durch arty.

Setlist:
01: Leafy
02: Unsmart Lady
03: Her Hippo
04: Sit down meal
05: Sit down meal
06: Viking hair
07: More big birds
08: Traditional fish
09: New long leg
10: Magic of Meghan
11: Tony speaks!
12: Scratchcard Lanyard
Zugabe:
13: Conversation

Kontextkonzerte: