Ort: Festivalgelände Leuven-Air, Leuven
Vorband: The haunted youth

dEUS at Leuven-Air

Es gibt Dinge, die funktionieren in Europa. Der digitale Impfnachweis zum Beispiel. Es hat zwar etwas länger gedauert, bis wir die in Coronazeiten die Digitalisierung als nützliches Tool entdeckt haben und endlich Apps entwickelten, mit denen man komische schwarz-weiß gemusterten Quadrate von einer ausgedruckten pdf-Datei abfotografieren muss, um sie anschließend digital vorzuhalten. Aber nun gibt es sie, und sie sind enorm praktisch. Und sie funktionieren europaweit. Also zumindest in Belgien und Luxemburg, meinem Europa in den letzten die Wochen. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, immer den gelben Impfausweis mitnehmen zu müssen.
Wie lästig das wäre und wie umständlich wäre das bei den Einlasskontrollen. Ausweis rauskramen, richtige Seite aufschlagen, der Ordner leuchtet mit einer Lampe (weil es schon dämmert) und kontrolliert die Echtheit. Was für ein Heckmeck! Ein Handy hat jeder in der Hand und ein Scanner piept enorm zuverlässig. Piep, Check. Piep, check. Egal ob CovPass-App, CovidCheck App oder CovidSafeBE, der EU zertifizierte QR-Code ist eindeutig lesbar.

Wir sind in Leuven, Belgien und warten darauf, dass es aufhört zu regnen. An uns vorbei gehen die ersten Besucher in Richtung Festivalgelände. Das Leuven-Air ist ein 2-Tages-Festival, das als Pukkelpop Alternative kurzfristig geplant wurde. Den belgischen Bands Balthazar und Eefje de Visser am Freitag sowie The haunted youth und dEUS am Samstag dient es als Ersatzspielort für das abgesagte Pukkelpop. Dort sollten alle vier Künstler*innen auftreten. Uns Besuchern gibt es die Möglichkeit, doch noch Livekonzerte zu sehen. Win-win, sagt man wohl.

Wenn bloß der Regen nicht wäre. Nachdem ein erstes Schauerband durchgezogen ist, verlassen wir das Auto und checken auf dem Festivalgelände ein. Das Festivalgelände ist eine Wiese, die südlich von Leuven neben einer Kaserne und neben dem Hockeygelände das königlichen Hockeyclubs Leuven liegt. Sehr verkehrsgünstig gelegen, nebenbei erwähnt. Leider vermaledeit das Wetter einen kurzen ich-schau-mir-das-Stadion-mal-eben-an Spaziergang. Egal. Oder auch nicht, schließlich ist Belgien im Hockey mit das Beste, was man derzeit kriegen kann.
So bleibt uns nur das Festivalgelände. Als wir die Wiese betreten, sieht der Rasen noch ganz okay aus. Kaum Pfützen, wenig Matsch. Vier Stunden später ist das anders: kaum Rasen, viel Matsch.

‘In 12 Minuten ist der Regen vorbei‘ sagt Tom Barman nach dem ersten Song „The architect“ noch positiv denkend. Gerade erst hat er seine Zigarette weggedrückt und dEUS in den Abend geführt. Doch leider hat er das auf der WetterApp nicht richtig gelesen. Nicht noch 12 Minuten, nein ziemlich genau noch 1 Stunde und 12 Minuten wird es mal stärker und mal sehr stark regnen. Erst zum letzten Song „Suds & Soda“ verzieht sich das eklige Nass vom Himmel. (Pech dagegen für den, der den halbvollen Bierbecher abbekam, den ein nicht mehr ganz so junges Mädchen überschwänglich und völlig idiotisch in die Menge vor der Bühne warf. Nach der Regen- die Bierdusche. Aber so Hartplastik an den Kopf geworfen zu bekommen, ist kein Spaß.). Ich beobachte das, weil ich mich schon ein paar Songs vorher aus der unmittelbaren Bühnennähe weiter nach hinten verzogen hatte. Ich kenne die Wassersäule meiner alten Jacke nicht und da es irgendwann offensichtlich stärker anfing zu regnen, wollte ich mich unter dem Regenschirm verkriechen. Gänzlich patschnass werden muss ja nun auch nicht sein. Und das wiederum geht nicht, wenn man vor der Bühne steht. Dafür braucht man Platz. Also verließ ich nach guten 20 Minuten die ersten Reihen und hielt mich etwas abseits auf.

Zurück zum Konzert:
‘Wir spielen heute keine neuen Songs.‘ Erleichterung oder Drohung, ich denke, bei den meisten eher Erleichterung. Ehrlich gesagt hatte ich damit gerechnet, dass sie ein, zwei Songs vom im nächsten Jahr erscheinenden Albums spielen würden. Aber vielleicht fiel das auch deswegen aus, weil dEUS derzeit ohne ihren etatmäßigen Gitarristen auskommen müssen. Für die zwei, drei Sommerkonzerte in den nächsten Wochen haben sie nochmal Mauro Pawlowski angefragt, der just ebenso auf Tour ist und gerade sein eigenes Album Eternal Sunday Drive promotet. Bruno De Groote, der Mauro Pawlowski 2018 nachfolgte, hat die Band nach einem Schlaganfall verlassen (müssen). Das Ganze ist in einem Post der Band nachzulesen.

As you know, in 2018 we were happy to announce that Bruno De Groote would join the band. He played with us for almost 3 years. Last year, Bruno, unfortunately, had a stroke and his life as a guitarist in a rock band suddenly seemed far from ideal. This year, together as a band, we decided it was best to go our separate ways. Thank you Bruno for the great times we had together, you have enriched our sound with your warm touch and some amazing musicianship.

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Zum Einüben der neuen Songs, an denen Mauro Pawlowski bestimmt nicht beteiligt war, war vielleicht schlichtweg keine Zeit.

So bilden „The architect“ und „Suds & Soda“ den Rahmen eines wunderbar angelegten best-of Sets, das dEUS an diesem Abend auf die Bühne bringen. Mir war das eigentlich wurscht, ich hätte gerne auch neue Songs gehört. Ich habe nur gedacht, hoffentlich spielen sie nicht so viel von The ideal crash. Das hab‘ ich letztes Jahr auf den Albumkonzerten oft genug gehört. Ähh, vorletztes Jahr, letztes Jahr waren keine Konzerte. dEUS halten sich daran (Ausnahmen nur „Sister dew“ und „Instant street“) und so freue ich mich über länger nicht gehörte „Bad timing“, „Constant now“, „Quatre mains“, „Hotellounge“ und „Suds & Soda“.

„Hotellounge“ hat mich dabei an diesem Abend wirklich gepackt. Was für ein klasse Song! Echt! Und als dEUS dann noch „Bad timing“ (mein zweitliebster dEUS Song) und „Suds & Soda“ (kann ich immer hören) folgen lassen, bin ich begeistert und völlig perplex. Hier zu stehen und diese Songs zu hören ist so großartig, dass ich jede Sekunde genieße. Ich erinnere mich an das unglaubliche PIASnite Konzert vor vielen Jahren in Brüssel. Damals lief das Konzertfinale genauso ab: „Hotellounge“, „Bad timing“, „Suds & Soda“. Es fehlt eigentlich nur noch der Konfettiregen, dann wäre der Flashback perfekt. Mittlerweile fällt aber noch nicht einmal mehr Regen.

Die Zugabe ist dEUS Standardprogramm. „Roses“.

Wie gesagt, der Regen hat aufgehört und so kommen wir wenigstens trocken ins Auto. Der Parkplatz, und das fiel mir schon vier Stunden zuvor auf, ist supergut gelegen. Asphaltfläche und ein Rad- und Fußweg direkt neben der Straße bieten einen matschfreien Zugang zu den Autotüren. Es sind die kleinen Dinge, die Konzertfahrten angenehm machen.
Die klatschnassen Jacken und der Schirm landen im Kofferraum. Mittlerweile sind es nur noch 17 Grad, die Heizung läuft und hinter Lüttich sind dann auch der Hemdkragen und die Hosenbeine trocken.

‚Hat sich gelohnt! Ich habe all‘ das tatsächlich vermisst.‘ Die Nachbetrag des Abends irgendwo zwischen Leuven und Eupen fällt positiv aus. Ja, es hat sich gelohnt. Aber wenn mich jemand vor zwei Jahren gefragt hätte, ob ich verregnete open-air Konzerte vermisse, hätte ich das bestimmt nicht bejaht. Der Coronakram macht was mit mir.

The haunted youth at Leuven-Air

The haunted youth sind eine junge Band aus Hasselt. Ihre Helden sind offensichtlich Bands wie DIIV, MGMT, Tame Impala und The Cure. Indiewavepop. Das kann die Band schlecht verbergen. Sie haben bisher zwei Singles draußen und im nächsten Jahr hoffentlich eine Albumveröffentlichung. Songs genug hätten sie zusammen, ihr Set an diesem Abend umfasst 8 oder 9 Stücke. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die beiden Singles „Teen Rebel“ und „Coming Home“. Letztere spielen The haunted youth, neben Joachim Liebens gehören Hanne Smets (Keyboards), Tom Stokx (Gitarre), Nick Caers (Schlagzeug) und Stef Castro (Bass) zur Band, zum Abschluss ihres Sets und lassen sie so richtig ausufern. The war on drugs grüßen aus nicht allzu weiter Ferne.
Trotz, oder gerade wegen der vielen Anknüpfpunkte an andere liebe Bands gefallen mir The haunted youth ausgesprochen gut. Es scheint in Belgien eine Szene für diese Art von 80er angehauchten Indiewavedreampop zu geben. The Whispering Sons sind ja in ähnlichen Gefilden unterwegs.
The haunted youth schaue ich mich gerne noch einmal an.

Setlist:
01: The Architect
02: Constant Now
03: Girls Keep Drinking
04: Fell Off the Floor, Man
05: Slow
06: Sirens
07: Instant Street
08: Quatre mains
09: Sister Dew
10: Sun Ra
11: Hotellounge
12: Bad Timing
13: Suds & Soda
Zugabe:
14: Roses

Kontextkonzerte:
dEUS – Brüssel, 25.05.2019 / AB
dEUS – Luxemburg, 18.05.2019 / Den Atelier
dEUS – Köln, 06.05.2019 / Gloria
dEUS – Antwerpen, 10.02.2017 / Lotto Arena
dEUS – Gent Jazz Festival, 16.07.2016
dEUS – Ostende, 12.12.2015 / Kursaal
dEUS – PIASNites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011 / Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008 / Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008 / Kulturkirche Nippes