Ort: Sportplatz Harlaz-Olmenhof, Herk-de-Stad
Bands: BEAK>, Mogwai, dEUS

Rock Herk Festival - Herk-de-Stad, 16.07.2022

Rock Herk. Ein Festival in der kleinen Stadt Herk-de-Stad zwischen Hasselt und Leuven. Grob gesprochen. Etwas genauer gesagt: Herk-de-Stad liegt sechs Kilometer südlich von der E 314 an der Ausfahrt 25. 13000 Einwohner, keine besonderen Wikipedia Einträge. Man muss also Herk-de-Stad nicht unbedingt kennen. Mir war der Ort bis vor ein paar Wochen zumindest völlig unbekannt. Genauso wie das dort stattfindende Festival Rock Herk. Ein Event, das sich über zwei Abende streckt.
Irgendwie gewann ich den Eindruck, dass es ein neues Festival sein muss. Doch ich lag falsch. Bereits im ersten Zufallsgespräch auf dem Festivalgelände erfuhr ich, dass dies die mittlerweile zehnte oder elfte Auflage sei. Während ich auf BEAK> warte, habe ich mich etwas mit meinem Nachbarn festgequatscht. Es blieb nicht die einzige Überraschung. Ich erzählte ihm, dass ich eigentlich ein kleines, gemütliches Festival erwartet hatte. Vielleicht 3000 Besucher oder so viele wie auf einen Fußballplatz passen. Wieso Fußballplatz? Nun, Google Maps lokalisierte Rock Herk genau dort hin: auf den ortseigenen Fußballplatz. Ja, erwiderte er, so sei das früher auch gewesen. Eine Bühne, ein Platz. Und ‘früher gewesen‘ bedeutet, dass es heute nicht mehr so ist. Korrekt. Etwas irritiert war ich erstmals, als ich den Lageplan im Internet sah. Die Hauptbühne steht nicht auf dem Fußballplatz, sondern auf einer Wiese auf der anderen Straßenseite. Auf dem Fußballplatz ist eine zweite Bühne, die kleine Clubbühne, eingezeichnet. Dazwischen liegt noch eine weitere Bühne. Die Verkehrsstraße zwischen beiden Arealen ist gesperrt und bietet Platz für ein paar Buden. Parkplätze sind auf einem abseits gelegenen Feld ausgewiesen. Oh ha, größer als gedacht.

Rock Herk Festival - Herk-de-Stad, 16.07.2022

Aber dennoch. BEAK>, Mogwai, dEUS. Drei Bands für einen Abend. Eine Portion Pommes und bisher wenig Anreisestress. Das sollte passen. Beim aktuellen Blick auf die a) relativ kleinen Bühnen in den Zelten, b) auf die große Fläche um die Zelte drumherum und c) auf den Besucherandrang war ich mir dann nicht mehr sicher, ob es drei gute Konzerte für uns werden und der Abend weiterhin relativ entspannt verläuft. Doch Gott sei Dank war ich jetzt zu schwarzmalerisch. Es klappte alles hervorragend, unsere Sichten und Plätze waren mehr als gut. Wir mussten nur zusehen, dass wir früh an den Bühnen waren. Aber da wir nichts anderes vorhaben, als Konzerte zu sehen, war das machbar.

She has a selfie with Stu from Mogwai / She has a selfie with Stu from Mogwai
Now she’s jumping up and down, now she’s jumping up and down

Es ist noch Soundcheck und Billy Fuller verarbeitet die Geschehnisse vor der Bühne direkt in einem Songfragment. Gerade hat ein Mädchen, das mittig vor der Bühne auf den Auftritt von Beak> wartet, ein Selfie mit Stuart Braithwaite geknipst und freut sich nun diebisch über das Glück, den Mogwai Sänger (ähh, Sänger?) getroffen zu haben.

Was für ein Spaß wäre es, wenn BEAK> daraus tatsächlich einen Song basteln. Die Tonfolge an der Gitarre klingt schon mal ganz okay. Und der Text hat sowieso Potential. BEAK> sind unser erster Stopp und ich finde es immer wieder bemerkenswert, mit wie viel Spaß die Band ihre Konzerte angeht. Und wie entspannt sie dabei sind. Billy Fuller sitzt lässig auf einem Stuhl – hier ist es ein Plastikgartenstuhl – und spielt Bassgitarre, Will Young (von seinen Kollegen nur Millennial genannt) steht abgeklärt hinter seinem Keyboard und Geoff Barrow hat sowieso die Ruhe weg. Vor seinem Schlagzeug sitzt noch John, laut Geoff Barrow ein ehemaliges Bandmitglied. Im wirklichen Leben allerdings ist John eine Schaufensterpuppe. Wenn sie unterwegs sind setzen sie die Puppe immer …, ach ne, das schreibe ich jetzt nicht, sonst verrate ich ihren Trick.

Beak>. Rock Herk Festival - Herk-de-Stad, 16.07.2022

Nach den Soundcheckimprovisationen kommt das Konzert. Und das liefert uns einen schönen Rundumschlag aus allen BEAK> Alben. Natürlich inklusiver der großen Stampfer „Wulfstan II“, „Brean Down“ und „The Brazilian“. „Wulfstan II“, den sie als letzten Song spielen, bezeichnen sie als ihren „My way“ Song. Die Erklärung gibt Billy Fuller. Frank Sinatra mochte „My way“ irgendwann nicht mehr singen und genauso würden sie es hassen, „Wulfstan II“ zu spielen. Aber sie machen es, weil wir – das Publikum – den Song lieben. ‘Ich mag den Song auch’, grätscht Geoff Barrow in den Fuller’schen Abgesang. Ein Schelm, der Schlagzeuger.
Noch ein Wörtchen zu Billy Fuller. Da er lässig auf einem Plastikstuhl sitzt, kann ich sehr genau sein Bassspiel studieren. Ich spiele kein Musikinstrument und habe auch sonst keine Ahnung von Instrumenten und so. Aber seine Fingertechnik ist interessant anzuschauen.

Es ist überraschend leer im kleinen Club Zelt. Viele scheinen sich nicht für BEAK> zu interessieren. Zu Beginn des Konzertes ist es geradezu luftig gefüllt. Gegen Ende des einstündigen Sets wird der Zuspruch zwar besser, er bleibt aber überschaubar. BEAK> spielen, wie jede Band an diesem Abend, eine gute bzw. knappe Stunde. Es ist ein gutes erstes Konzert. Schon allein dafür hätte sich die Ausflugsfahrt gelohnt.

Die nächsten beiden Bands spielen auf der sogenannten Main Stage auf der anderen Straßenseite. Bis zum Auftritt von Mogwai bleibt uns aber noch mehr als eine Stunde Zeit. Zeit, um sich ausgiebig um belgische Ess-Spezialitäten zu kümmern. Gott sei Dank hat der Veranstalter eine Frit-Kette engagiert, die an vier verschiedenen Stellen auf dem Gelände mit einem Wagen vertreten ist. Schnell wandern zwei Schälchen in unsere Hände.

Wie bemerkte doch der Typ neben uns, als wir ein paar Minuten im Schatten standen und in ein Gespräch verwickelt wurden: Mogwai, die machen doch so Instrumentalmusik. Gut zum Einschlafen. Da würde er eher Dirk. empfehlen, die annähernd zeitgleich auf der Club Stage spielen. Ja, Dirk. (is a band – wie es auf ihrer Facebookseite steht) hätte ich auch gerne gesehen. Aber ich bevorzuge heute die Mogwai’sche Einschlafmusik. Auch, weil mich ihr Konzert auf dem Primavera Sound Festival vor einigen Wochen so dermaßen überzeugt hat, dass ich heiß auf einen weiteren Mogwai Auftritt bin und ich mirdie Schotten durchaus wieder gerne live anschaue. Jahrelang, eigentlich seit ihrem Zinedine Zidane Doku-Soundtrack Zidane: A 21st Century Portrait, hatte ich dazu keine Lust. Ihre Gitarrenwände sagten mir nichts mehr, ihre Konzerte empfand ich als zu langatmig. Doch mit ihrem Primavera Gig haben sie mich wieder gepackt.

Mogwai. Rock Herk Festival - Herk-de-Stad, 16.07.2022

Stell’ dir vor du kommst drei Minuten vor Konzertbeginn zum finalen Check auf die Bühne, legst deinen Rucksack in die Ecke und merkst dann, dass dein Keyboard nicht richtig verkabelt ist. Das passierte an diesem Abend Barry Burns. Dass da kurzzeitig Hektik aufkommt, ist logisch. Barry Burns und die Techniker versuchen alles, um das Ding zum Laufen zu bringen. Aber es gelingt nicht bis Konzertbeginn. So zwingen sie Mogwai zu anfangszur Improvisation. Deutlich erkennbar durch Absprachen und ratlose Blicke stellt die Band ihre Setlist um. „Here we, here we, here we go forever …“, der Song, bei dem der Keyboarder durch einen Sprachverzerrer singt, fällt der Technik zum Opfer und aus der Setlist; „Ritchie Sacramento“ (mein aktuelles Mogwai Lieblingslied, aber das ist eine andere Geschichte) wollten sie – wenn ich das richtig interpretiert habe – sicherlich eher spielen. Stattdessen rücken „New paths to Helicon Pt. 1“ und „How to be a werewolf“ auf vordere Setlistpositionen oder überhaupt erst auf die Setlist. Dem Wunsch einer einzelnen Zuschauerin nach „Cody“ kommen sie allerdings nicht nach.

Noch ein Wort zu Barry Burns. Mit seiner orangefarbigen Allwetterjacke sticht er aus dem grau-schwarz gekleideten Einerlei des Gesamtensemble Mogwai optisch hervor. Interessante Farbwahl, noch interessanter aber finde ich den Umstand, bei immer noch sommerlichen Temperaturen eine Jacke zu tragen. Na ja, Wärme und Kälte empfindet jeder anders. Musikalisch ist es erneut ein tolles Konzert. Zwar ist die Lichtshow nicht so üppig wie vor ein paar Wochen, das trübt jedoch höchstens optisch das Gesamtbild. Soundtechnisch ist es perfekt. Die Gitarren sind gut ausgesteuert, nicht dröhnt oder plärrt.
Ich habe den Eindruck, dass Mogwai an diesem Abend stärker in ihre Vergangenheit zurückgehen als sie das in Barcelona taten. Neben den vier Songs vom aktuellen Album As the love continues spielen sie mit „Helicon Pt. 1“ und „Mogwai fear satan“ zwei ganz alte Sachen. Und ich habe den Eindruck, dass sie an diesem Abend gitarrenlastiger unterwegs sind. Hihi, also wenn ich das bei Mogwai überhaupt so sagen kann. Ihr Wall of Sound klingt für mich mächtiger und überhaupt machen sie mehr Lärm als im Parc del Forum. Das kann aber mit den Keyboardproblemen zusammenhängen. Ja natürlich, das erscheint mir eine logische Erklärung.

Anyway, Mogwai sind episch as always… .

Setlist:
01: To the bin my friend, tonight we vacate earth
02: White noise
03: How to be a werewolf
04: New paths to Helicon Pt. 1
05: Ritchie Sacramento
06: Remurdered
07: Ceiling Granny
08: Drive the nail
09: Mogwai fear satan

dEUS. Rock Herk Festival - Herk-de-Stad, 16.07.2022

dEUS Konzerte in Belgien sind etwas Besonderes. Ich kann es gar nicht genau in Worte fassen, was das Besondere ist. Ich glaube, es ist eine Mischung aus grundsätzlich guter Stimmung, hohem Mitsinganteil und einer Band in enormer Spiellaune. Dinge wie Wetter oder Hallengröße sind da Nebensache. Egal ob es – wie vor einem Jahr in Leuven – aus Kübeln schüttet oder, wie an diesem Abend, ein bisschen wärmer ist, ob sie im AB in Brüssel spielen oder in der Lotto Arena in Antwerpen, ich habe von ihnen in Belgien noch nie ein schwaches Konzert gesehen. Mehr noch, diese dEUS Konzerte wirken bei mir nach, sie bleiben mir sehr lange sehr präsent.

dEUS sind in Belgien eine Institution. Jeder – so kommt es mir vor – kennt hier „Suds & Soda“ oder „Instant street“. Entsprechend werden die Songs auf den Konzerten abgefeiert. Vielleicht kann ich es ein bisschen mit dem Ärzte Song „Schrei nach Liebe“ vergleichen. Wenn 70000 auf dem Nürburgring laut ‘Arschloch‘ skandieren, singen 7000 in Herk,‘there’s always something in the air, sometimes, suds & soda mix ok with beer‘. Von den Relationen her ist das identisch. „Suds and Soda“ ist belgisches Kulturgut.

Neuerdings ist Mauro Pawlowski wieder Teil von dEUS. Ich glaube, es ist seine zweite Rückkehr nach dem grandiosen Abschiedskonzert 2017 in der Antwerpener Lotto Arena. Ach, an diesen Abend erinnere ich mich gerne zurück. Das war eine besonders ausgelassene Konzertparty; Erinnerungs- und Danksagungsfilmchen inklusive. Dass Mauro Pawlowski wieder die Gitarre spielt, finden alle irgendwie gut. Zumindest bekommt er den größten Applaus, als die Musiker zum kurzen Soundcheck auf die Bühne kommen.

dEUS sind die letzte Band des Festivals. Eine Zugabe spielen sie dennoch nicht, „Suds and Soda“ beschließt bereits das reguläre Sets. Eine gute Stunde zuvor starten sie für mich etwas überraschend mit dem allseits unterschätzen „Quatre mains“ in das Konzert. Es folgt das ebenso unterschätzte „Constant now“.
Die Hälfte der Setlist stammt aus der Phase zwischen 2008 und 2012, also von den Alben Vantage point, Following sea und Keep you close. Obwohl dEUS an neuen Songs schreiben, es bald ein neues Album und eine Albumtour geben wird, lassen sie uns keinen Appetizer da. Das finde ich ein bisschen schade, ich hatte vorher auf einen oder gar zwei neue Songs spekuliert. Der Stimmung hätte neues Material keinen Abbruch getan. So wird es wie auch letztes Jahr in Leuven eine Art Best-of Konzert mit allen wichtigen und notwendigen Songs. Die zweite halbe Stunde ist quasi ein gnadenloses Hitmedley; nur unterbrochen durch Applaus und Jubelstürme. „The Architect“, „Hotelloung“, „Bad timing“. Es sind die üblichen Verdächtigen, die dEUS neben „Suds and Soda“ auspacken.

Dass dEUS Songs mir immer noch irgendwas bedeuten, merke ich bei „Hotellounge“. Eine leichte Gänsehaut schleicht sich bei den ersten Tönen den Nacken hoch. Oder ist es doch nur eine kalte Brise, die gegen ein Uhr nachts meinen Rücken streift? Nach einer guten Stunde ist das Konzert vorbei. Zusammen mit vielen weiteren Besuchern quetschen wir uns durch den schmalen Waldweg in Richtung Parkplatz. Schneller als gedacht, also bereits nach 40 Minuten, sind wir auf der Landstraße zur Autobahn. Der Rest des Weges ist anschließend mühelos erledigt.

Setlist:
01: Quatre mains
02: Constant now
03: Girls keep drinking
04: Fell Off the floor, Man
05: Instant street
06: Smokers reflect
07: Sun Ra
08: The Architect
09: Hotellounge
10: Bad timing
11: Suds & Soda

Kontextkonzerte:
BEAK> – Brüssel, 25.01.2020 / Botanique
BEAK> – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2019
BEAK> – Out of the crowd Festival Esch-Alzette, 27.04.2019
Mogwai – Bochum, 30.06.2009 / Schauspielhaus
Mogwai – Primavera Sound Festival Barcelona, 11.06.2022
Mogwai – Köln, 29.10.2008 / Live Music Hall
Mogwai – Essen, 11.09.2006 / Weststadthalle
dEUS – Leuven Air Festival, 21.08.2021
dEUS – Brüssel, 25.05.2019 / AB
dEUS – Luxemburg, 18.05.2019 / Den Atelier
dEUS – Köln, 06.05.2019 / Gloria
dEUS – Antwerpen, 10.02.2017 / Lotto Arena
dEUS – Gent Jazz Festival, 16.07.2016
dEUS – Ostende, 12.12.2015 / Kursaal
dEUS – PIASNites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011 / Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008 / Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008 / Kulturkirche Nippes