Ort: Carlswerk Victoria, Köln
Vorband:

Modest Mouse - Köln, 11.07.2022

Sechs Songs von Good news for people who love bad news, dazu „Out of gas”, „Dashboard” und „Cowboy Dan”. Für mich spielen Modest Mouse an diesem Abend ein kleines Best-of Set. Viele meiner Lieblingslieder stehen auf der Setlist; jammern wäre also jammern auf hohem Niveau. Aber warum haben sie nicht noch „Trailer trash“ gespielt? Ach, ich jammere gerne auf hohem Niveau.
Richtig vermutet, der Abend ist ein sehr guter Abend und das Konzert entschädigt für die Malaise davor. Unsere Anreise wird durch einen ungeplanten Aufenthalt im Kölner Hauptbahnhof kurzzeitig gestoppt und bringt unseren Zeitplan durcheinander. So sind wir erst gegen kurz nach 20 Uhr im Carlswerk. Egal, verpassen wir ein paar Minuten von der Vorband (falls es eine gibt) oder gar nichts, weil ohne Vorband würden Modest Mouse erst gegen 20.30 Uhr (Konzerterfahrungswert) auf die Bühne gehen. Einzig könnte es sein, dass wir nicht mehr ganz bis nach vorne kommen, weil der Saal schon voll ist.
Es sind die üblichen Gedanken, die mir in diesem Moment durch den Kopf gehen und die die Situation spannend halten. 

Als wir im Carlswerk ankommen, stellt sich kurz nach 20 Uhr als perfekter Zeitpunkt heraus. Der Saal ist enorm luftig gefüllt, eine Vorband spielt noch nicht. Beziehungsweise, es gibt heute Abend keine Vorband. Auf der Bühne wird bereits das Modest Mouse Equipment justiert und alles vorbereitet. Okay, das spielt uns jetzt in die Karten. Wären wir wie gedacht im Carlswerk angekommen, hätten wir uns geärgert.
Und ich habe mal wieder innerlich sehr lautes Unverständnis gegenüber deutschen Konzertveranstaltern und -ausrichtern. Was, als was ist so schwer, nachmittags über den zeitlichen Ablauf einer Konzertveranstaltung zu informieren. Vorband von …Uhr bis …Uhr, Hauptband von …Uhr bis …Uhr. Das sind vier Zeilen unter einem Veranstaltungspost in den sozialen Netzwerken, es ist nicht der Druck und die händische Verteilung einer Infobroschüre! Liebe Veranstalter, das geht schon. Guckt einfach mal nach Belgien oder den Niederlanden.
Wo bleibt ein Minimum an Servicegedanken? Glaubt wirklich noch jemand, alle Besucher wohnen um die Ecke, müssen nicht arbeiten und hätten auch sonst alle Zeit der Welt, einfach mal um halb acht zu einem Konzert zu kommen, auch wenn es erst um 20.30 Uhr startet? Hat man es nicht nötig? Denkt man etwa, ‘ach, die Leute, die ein Ticket haben, kommen ja eh, warum also mehr Infos bekanntgeben’? Und will man denjenigen, die noch kein Ticket haben und vielleicht noch überlegen, den Abend nicht weiter schmackhaft machen? Ich bin doch sicherlich nicht der Einzige, der für langweilige Abende einen spontanen Konzertbesuch einkalkuliert und nachmittags denkt: ‘wenn ich wüsste, dass ich gegen 23 Uhr wieder zuhause bin, würde ich da einfach mal hin gehen.’
Wir alle mahnen eine bessere Informationskultur an. Wenn z. B. UPS nicht im anvisierten Zeitfenster an der Haustür klingelt, sind wir genervt. Und wir ziehen Konsequenzen. In diesem Beispiel bleibend: ich lasse mir nichts mehr von UPS liefern, wenn ich die Wahl habe. Und genauso mache ich es mittlerweile mit Konzertbesuchen. Kostentechnisch ist es ein bisschen egal, ob ich nach Köln oder nach Maastricht zu einem Konzert fahre. Und wenn ich die Wahl habe, fahre ich lieber nach Maastricht in die Muziekgieterij. Denn da weiß ich spätestens ab nachmittags zuverlässig, wie ich mir meinen Abend einteilen kann. Das ist ein Komfort, den ich sehr zu schätzen weiß.

Einschub beendet. Zurück zu Modest Mouse.

Das Carlswerk macht einen trostlosen Eindruck. Klar, eine halbleere Halle wirkt nicht einladend und der anderthalb Meter Graben vor der Bühne tut sein Übriges. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, die Verantwortlichen hätten die Veranstaltung lieber abgesagt als durchgeführt. ‘Wir müssen das jetzt durchziehen’. Wenn mich einer Fragen würde, so würde ich das Stimmungsbild im Carlswerk beschreiben.
Kann hier Stimmung und Atmosphäre aufkommen? Ah, es wird schwer. Ehrlich gesagt, ich habe um halb neun wenig Hoffnungen, dass ich um zehn Uhr noch hier stehen werde. Vielmehr erwarte ich ein kurzes, ein auf das Nötigste begrenztes Konzert. Gott sei Dank kriegen Modest Mouse meine Gedanken und Empfindungen nicht mit. Denn die stellen sich schnell als völlig unbegründet heraus. Ich werde bereits mit dem ersten Song eines Besseren belehrt. Da spielen Modest Mouse zu meiner Überraschung nicht irgendwas, sondern sie spielen mit „The world at large“ einen ersten großen Hit und ein erstes Lieblingslied. Und sie spielen es in einer interessanten Interpretation: langsamer und ruhiger als auf Platte. Ein guter Start, der mich von meinen dunklen Gedanken abkommen lässt. Wow! 

Es folgen ein paar Songs vom neuen Album The Golden Casket, bevor im Mittelteil mit „Cowboy Dan“ die Hits eingeleitet werden. „Out of gas“, „Bukowski”, „This devil’s workday“, „Float on” und „Dashboard” lassen meine Augen leuchten. Wieder wow, diese Setlist hatte ich null erwartet.
„The devil’s worday“ mit Banjo, Kontrabass und Trompete – gespielt durch Tom Peloso und Russell Higbee – ist ein kleines Highlight. Und „Dashboard“ ist definitiv einer der unterschätztesten Welthits der 2000er Jahre.

Doch noch ein Wort zum Modest Mouse Personal. Das wechselt ja über die Jahre immer mal. Johnny Marr stand z. B. beim letzten Kölner Konzert in der Live Music Hall mit auf der Bühne. Aktuell sind Modest Mouse Isaac Brock, Jeremiah Green, Tom Peloso, Russell Higbee, Ben Massarella und Simon O’Connor, von denen nur Sänger Isaac Brock seit 1996 durchgängig mit dabei ist. Jeremiah Green, neben Brock zweiter von drei Bandgründern, war kurzzeitig mal raus. Eric Judy, Gründer Nummer drei, ist schon länger nicht mehr Mitglied von Modest Mouse. Ach ja, unnützes aber interessantes Wissen zu Simon O’Connor: Der Gitarrist ist seit 5 Jahren auch Tourmusiker bei MGMT.
Die Amis spielen großartig auf, stehen fast zwei Stunden auf der Bühne. Und ehrlich gesagt, bis auf „Trailer trash“ haben sie alles Wichtige gespielt. Zu Beginn „The world at large”, später „Dashboard” und „Float on”. Ich erwähnte das.

Zur Zugabe, die opulente fünf Songs beinhaltet, hauen sie nochmal einen raus: „The good times are killing me” und „Ocean breathes salty“ vom grandiosen Good news for people who love bad news, „Teeth like God’s shoeshine” von The lonesome crowded west, sowie „Paper thin walls” vom 2000er The Moon & Antarctica sind ein schöner Rundumschlag über 20 Jahre Modest Mouse. Was für ein Finale!
Modest Mouse hätten mehr als den knapp halbvollen Saal im Carlswerk verdient!

Setlist:
01: The world at large
02: Back to the Middle
03: Dramamine
04: We are between
05: We’re Lucky
06: Cowboy Dan
07: The tortoise and the tourist
08: Dashboard
09: Shit in your cut
10: Fuck your acid trip
11: Out of gas
12: Bukowski
13: This devil’s workday
14: Float on
15: Night on the sun
16: Wooden soldiers
Zugabe:
17: Paper thin walls
18: Ocean breathes salty
19: Sugar boats
20: The good times are killing me
21: Teeth like God’s shoeshine

Kontextkonzerte:
Modest Mouse – Köln, 03.07.2007 / Live Music Hall
Modest Mouse – Berlin, 30.06.2015 / Columbiahalle