Ort: Botanique, Brüssel
Vorband: Paddy Steer

Wenn ich BEAK> höre muss ich unwillkürlich an Filmmusik denken. Ihre dunklen, instrumentalen Songs rufen bei mir Blade Runner, Die Klapperschlange oder Weltraum Assoziationen hervor. Und tatsächlich gestalten BEAK> einen Filmsoundtrack. Allerdings ist es kein Weltraum-Sc-Fi Film, zudem alte und neuere BEAK> Songs als Hintergrundmusik verwendet werden. Denn dass ihre Musik den Soundtrack zu Couple in a hole bildet, wusste ich nicht. Das erfuhr ich erst am Konzertabend, als ich die Platte am Merchstand entdeckte. Inhaltlich könnte es aber passen:
John und Karen leben in einer Waldhöhle, irgendwo in den Pyrenäen. Nur Kleidung und Eheringe verraten, dass das Paar einst ein bürgerliches Leben führte. Während seine an Panikanfällen leidende Frau kaum einen Schritt aus dem Loch wagt, ist John täglich mit der Nahrungssuche beschäftigt. Als er eines Tages Medizin aus dem nahegelegenen Dorf holen muss, kann er eine Begegnung mit dem dort ansässigen, hilfsbereiten Bauern André nicht vermeiden. Um das Versteck seiner Frau zu schützen, möchte John jeglichen Kontakt zur Außenwelt verhindern – doch dafür ist es bereits zu spät……
Ich habe den Film nicht gesehen, die Inhaltsangabe ist aus im Internet (zff.com).

Die Filmbeschreibung klingt mysteriös. BEAK> Songs klingen auch mysteriös. Für mich passt das damit.

Musikalisch sind BEAK> für mich unantastbar. Alle ihre Platten sind Meisterwerke. Punkt. Seit dem letzten Album >>> veröffentlichten BEAK> nur die Life goes on EP. Mit „Life goes on“ ist ein Song im Konzert vertreten, songstechnisch ist der Abend damit nicht viel anders als meine letzten BEAK> Konzerte. So unterhaltsam wie an diesem Abend war es aber weder beim Primavera noch beim Out of the crowd Festival. Ich habe das noch nicht erwähnt, Geoff Barrow, Billy Fuller und Will Young sind großartige Entertainer. Was sich die drei an Spitzen zuwerfen und sich über sich und das Publikum lustig machen, ist feinste Comedy. Hach, herrlich und von größtmöglicher Situationskomik.
Das beginnt gleich nach dem ersten Song „The Brazilian“ (Theorie bestätigt, der erste Song eines Konzertes ist oft die erste Song des aktuellen Albums), als Will Young, der von seinen beiden älteren Mitstreitern liebevoll nur Millennial genannt wird, ein Gespräch aus dem Publikum mitbekam, wo jemand seinen großen Vordermann bat, ein paar Meter zur Seite gehen. Daraus und dem Zwischenruf, der Sound sei zu leise entwickelt sich ein munteres Palaver über mehrere Minuten, das im heutzutage typischen Kontext endet, wenn man es mit Briten zu tun hat: ‘At least we have the Brexit.‘ Um gleich anzufügen: ‘What a s**t, we should play some music.’
Es folgt „Brean down” mit der feinen Textzeile ‘You don’t like our music cause it ain’t up on the radio’ und dem so BEAK> eigenen Sound. Treibender Kraut mit rumorenden Bässen, knackigem Schlagzeug und spacigen Synthesizerflächen, wie die SPEX es nennt. Wie gesagt, musikalisch sind BEAK> für mich unantastbar.
Nach „Brean down” steht Geoff Barrow wortlos von seinem Schlagzeug auf und geht hinter die Bühne. ‘Was ist jetzt‘, denke ich. ‘Fehlt ein Bier?‘ Ah nein, sie haben vergessen, ihre Lichtboxen anzuschalten. Das holt er jetzt nach und kommentiert es mit einem Lachen. Von da an flackern die BEAK Pfeile (ASCII Zeichen 62) als Lichteffekt über fünf kleine LED Boxen.

Drei Songs gespielt und eine knappe halbe Stunde ist schon rum.
Nach „Eggdog“ bedankt sich die Band für den höflichen Applaus. ‘Toll, dass wir den Song gut fänden. Im Internet sehe das ja anders aus‘ und an den Keyboarder gerichtet: ‚Hey Millennial, such mal die YouTube Kommentare.‘
Zum Hintergrund der Geschichte: Vor einige Monaten habern BEAK> eine Studiosession für einen Radiosender gespielt und dieser hat die Livesongs ein paar Wochen später ins Internet gestellt. Man kennt das ja von KEXP. „Eggdog“ ist auch unter den Songs, die Kritik in den Kommentaren wenig erbauend. Billy Fuller bekommt das Telefon gereicht und liest ein paar davon vor:

  • Absolute trash
  • Wtf is this? This is something you hear at Open Nic Night? Unlistenable.
  • This is literally the worst combination of sounds in the history of the world.

Sie würden darüber nachdenken, den letzten Kommentar als Albumtitel für ihr nächstes Album zu verwenden. Haha, trotz aller Ernsthaftigkeit des Jobs als Musiker, ganz ernst nehmen können sie sich nicht. Großartige Leute, dieses BEAK> Trio. Großartiger Humor. Wenn alle Menschen so wären, gäbe es weniger gemeine Facebook Kommentare. Man könnte ja auch schmollen und beleidigt sein.
Ganz nebenbei denke ich: Wenn sie in den nächsten Minuten ihre Setlist durchspielen wollen, müssen sie sich sputen. 14 Songs bis 22.10 Uhr. Das schaffen sie nie, wenn es in dem Tempo weitergeht. Die band bemerkt das wohl selbst und sie kürzen ihre Setlist um einen Song. Trotzdem wird es kurz vor halb elf, bis „Blagdon Lake“ als finaler Song den Abend beschließt. Zuende spielen lässt man sie aber. Immerhin.

Das mit den Zeitplänen ist in Belgien eine ernste Sache, das sind nicht nur so Circa-Angaben. Bemerkt hat das Paddy Steer, der den Abend mit irrem und abstrusem Sound und noch irreren Outfits eröffnet hat. Dieser Typ wirkt mit seinem Leuchthelm und seinem Umhang wie jemand von einem anderen Stern; zumindest jedoch wie jemand aus einem B-Science-Fiktion Film der 1980er Jahre. Oder aus Mad Max. Eine halbe Stunde ist für den Mann vom Planet Manchester (O-Ton Geoff Barrow) angesetzt, eine halbe Stunde darf er spielen. Seinen letzten Song muss er auslassen. ‚Time is over‘. Mein Fazit: es klang nicht so schlimm, wie es aussah. Auch wenn zwischendurch die Holzrassel aus der Schüssel, die am Hochbecken befestigt ist, herunterfällt und beim kullern von der Bühne zwei Bierbecher umstößt.

Noch ein Wort zur Botanique. Ihr Charme verblasst. Leider. Das ist zumindest mein erster Eindruck, nachdem ich nach langer Zeit mal wieder hier bin.
Die Botanique ist zurzeit eine kleine große Baustelle. Außen und innen stehen Gerüste, Mauern sind durch Bauplanen ersetzt worden. Es zieht an den Füßen, die Flure sind kalt. Die Blumen und Wasserbassins auf dem Weg zur Orangerie sind weg. Stattdessen klebt neongelbes und neongrünes Sicherheitsband an den Geländern.
Mir fehlt der modrige Geruch nach abgestandenem Wasser. Ohne die Wasserpflanzen ist die Botanique nicht die Botanique. Ich hoffe, sie kommen nach den Umbaumaßnahmen zurück, glauben kann ich das jedoch nicht. Mir fehlt der Charme des Besonderen.

Setlist:
01: Brazilian
02: Brean down
03: Eggdog
04: The Meader
05: Yatton
06: RSI
07: Allé Sauvage
08: Wulfstan II
09: When we fall
10: Life goes on
11: The broken window
12: Battery Point
13: Blagdon Lake

Kontextkonzerte:
BEAK> – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2019
BEAK> – Out of the crowd Festival Esch-Alzette, 27.04.2019

Multimedia:

Beak> Le Botanique Brussels 25.01.2020

Gepostet von Anna Radozda am Sonntag, 26. Januar 2020