| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: ENNI Eventhalle, Moers
Bands: Auner Quartett mit dem Landesjugendorchester NRW, Berthold Seliger, Bört, Chilly Gonzales, Gewalt, Niels Klein Trio & EOS Kammerorchester, Stillmann/ Burgwinkel/ Landfermann, Tau 5, The Notwist

John Zorn hat leider abgesagt, weil …
… er Streaming grundsätzlich aus Künstlersicht richtig bescheiden findet. Und das verstehen und respektieren wir. Denn wenn man nach Monaten des Wartens seine Abrechnung über die Tantiemen des Streamings erhält, fragt man sich jedes Mal, wer eigentlich die Briefmarke für die Zusendung bezahlt. Und weil John Zorn seine Kompositionen generell auch in der aktuellen Situation nicht gestreamt wissen möchte, bleiben auch die großartige Barbara Hannigan und der phantastische Steve Gosling dieses Jahr in Nordamerika. Verständlich und natürlich schade. Aber vielleicht klappt’s ja nächstes Jahr.

Die Nachricht las ich irgendwann in diesem Frühjahr, Tage nach der Entscheidung, dass das Moers Festival in diesem Jahr nur im virtuellen Raum zu sehen sein wird. Planerisch sah das Anfang bzw. gegen Ende letzten Jahres anders aus. Als John Zorn – ich glaube für den Moers-Sonntag – angekündigt wurde, war meine Vorfreude groß. Fahr‘ ich mal zum Moers Festival, auch, weil das Primavera Sound erst eine Woche später stattfinden sollte.

Nun, im Mai 2020 bin ich in Moers. Zwar anders als gedacht, aber immerhin. Und da gilt es, den Veranstaltern ein großes Lob und auch einen großen Dank auszusprechen, dass sie das viertägige Festival komplett als Festivallivestream umkonzipiert haben und umsetzen. Kompliment auch an die Musiker, die sich bereiterklärt haben, an diesem, vielleicht einmaligen Experiment, teilzunehmen und nach Moers zu reisen. Wie sagte am Samstagabend Patrick Wagner nach dem Konzert der Band Gewalt: ‘Es sei eine ungewohnte und schwierige Situation, mit der wir am Anfang des Konzertes so unsere Probleme hatten.‘ Nachvollziehbar. Die Halle ist – bis auf das Produktionsteam und ein paar Berichterstatter – leer; die Musiker spielen vor Kameras und wir, das Publikum, sitzen in der ganzen Welt und schauen in die Glotze oder auf den Laptopschirm.
Ich nutze beides. Je nach Tageszeit und Gelegenheit. Dadurch, dass ich von zuhause aus schauen kann, bin ich nicht nur auf einen Tag konzentriert. Wäre alles nach dem alten Normal, hätte ich mir nur für den John Zorn Tag ein Ticket gekauft und alles weitere wohl ausfallen lassen. So habe ich nun die Gelegenheit, über alle vier Tage immer mal wieder hineinzuschauen. Über das Wochenende verteilt wollte ich mir die Auftritte von Chilly Gonzales, Gewalt und The Notwist unbedingt anschauen plus das ein oder andere.

Am Freitagnachmittag beginnt das Festival für improvisierte Musik. Es geht bis Montagabend. Gestreamt wird alles. Wer mag, klickt nach den Konzert, oder währenddessen, den Musikern zu. Je mehr Herzchen und Likes, desto lauter der Applaus, der dann eingespielt wird.
Ich klicke erstmals am Freitagnachmittag.

Das Auner Quartett mit dem Landesjugendorchester NRW ist bereits mitten in seinem Konzert. Was gespielt wird, bekomme ich nicht mit und Shazam kennt sich mit Klassik nicht so aus. Genau wie ich. Ich glaube, es ist irgendwas von Beethoven. Ich mutmaße das, weil irgendwo im Hintergrund sein Konterfei zu sehen ist.
12 Streicher zähle ich. Damit sind die Musiker den Technikern gegenüber weit in der Unterzahl, wie ich grob bei einem Kameraschwenk durch die Moerser Festhalle entdecken kann. Abwechselnd betrachte ich das Orchester und die Person vor dem Bluescreen, der das Moerser Bambi mit zwinkerndem Auge darstellt, wenn die Kameraperspektive stimmt. Oft stimmt sie aber nicht, und der grüne Bluescreen ist sichtbarer als die Projektion.
17.20 Uhr. Zugabe. Das mit dem Klickapplaus klappt ganz gut. Ich klicke eifrig mit. Als Zugabe gibt es ein Wiener Salonstück.

Erstes Fazit: Was für ein immenser Aufwand hier betrieben wird. Respekt. Und es macht mir Spaß, vor dem Bildschirm zu hängen.
Was ich bei der ganzen Streamerei der letzten Wochen festgestellt habe: ich stehe zwischendurch auf oder muss einfach mal weg. So wie jetzt, als ein Besuch im Supermarkt ansteht. Essen ist auch wichtig! Das wäre aber bei einem Festivalbesuch auch nicht anders, wenn man sich während eines Konzertes plötzlich entscheidet, den Foodcourt aufzusuchen. Ich schließe das Browserfenster und beende meine erste Moers Session. Später am Abend werde ich zurückkehren, Chilly Gonzales darf ich nicht verpassen.

Während der Umbaupausen führt die Berliner Schauspielerin Lena Entezami Interviews mit den Musikerinnen und Musikern. Zwischen zwei Konzerten hat auch der Autor und Konzertveranstalter Berthold Seliger einen Auftritt: In seinem Vortrag In Teufelsküche. Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören erklärt er anschaulich, wie internationale Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören. Livenation, CTS Eventim und AEG dominieren den Markt, Livemusik ist zur Ware geworden. Wie konnte es dazu kommen? Was sind die Konsequenzen? Berthold Seliger schlägt den Bogen vom 1967er Monterey Popfestival bis zum dynamic pricing im Ticketgeschäft und dem verified fan (frag Taylor Swift) der heutigen Zeit. (‘Ich habe Ihnen da mal ein paar Zahlen mitgebracht.‘). Spannend. Unterhaltsam. Lehrreich.

Ein Vortrag, der sich aus der Konserve lohnt. Auch ich sehe den kompletten Vortrag nicht live, sondern erst am Samstagnachmittag.

Chilly Gonzales am Abend. Aerosolo #1. Klavierkonzert.
Ich sitze auf dem Sofa, die Beine auf dem Hocker liegend. 20.45 Uhr. Bei Festivals für mich der schönste Moment des Tages, wenn so langsam die blaue Stunde beginnt, sich Tag und Nacht begegnen und den Himmel für eine kurze Zeit unentschieden leuchten lassen. Die Zeit der heimlichen Headliner.
Chilly Gonzales sitzt wie gewohnt im Bademantel und Filzpantoffeln am Flügel, ein Steinway, wie ich durch die Kameranahaufnahmen lese. 5 oder 6 Songs wird er in den nächsten 40 Minuten spielen, die hauptsächlich seiner Solo Piano Trilogie entstammen.

Zwischendurch geht es aber nicht ohne ein wenig Musikunterricht. Ein Jazzfestival braucht einen Jazzaufhänger. Die Besonderheit des 5/4 Takts von Dave Brubacks “Take 5” wird erläutert und ich lerne, dass 5/4 Taktler in der Populärmusik ungewöhnlich sind. Walzer wird im 3/3 Takt gespielt (das wußte ich), Popmusik im 4/4, Rap im 2/2 und elektronische Musik im Stakkato des, wenn man so will, 1/1 Takts. Musikalisch begleitet Chilly Gonzales seine Ausführungen mit entsprechenden Soundbeispielen am Klavier. Abschliessend donnert er ein Elektrostück a la Apparat auf den Flügel. Der vielleicht beste Song des Moers Festivals bisher. Vom Jazz zum Elektro in 10 Minuten.
Beendet wird das Konzert mit einem Internetrequest. „Boogie Woogie”.
Es war ein tolles Klavierkonzert und eine schöne Musikstunde. Wenn Chilly Gonzales mir die Musik erklärt, höre ich gerne zu.

Danach gehts zum Interview. Entspannt, locker. Ein Talk über Batman und über seine Bademäntel. Also die von Chilly Gonzales, nicht von Batman. Der Kanadier besitzt so einige, streng getrennt nach Bademäntel für zuhause und Bademäntel für die Bühne. Okay.

‘Immer wenn ich mich klein und unbeachtet fühle, lasse ich mir die Nägel machen….und während ich ihnen beim Trocknen zusehen, höre ich am liebsten Jazz.‘
Eine berühmte Textzeile? Ich weiß es nicht. Diese Worte, gesprochen von dem Ansagerduo, das ich jetzt das erste Mal auf der Bühne sehe, bilden die Überleitung zu meinem ersten Jazzmusikkonzert. Stillman/ Burgwinkel/ Landfermann oder Saxophon, Kontrabass, Schlagzeug. Vor dem grünen Bluescreen strampelt jemand auf einem Fahrrad. Ich weiß nicht, was das soll. Die Einführung in diesen running gag habe ich wohl am Nachmittag verpasst. Der Jazz klingt klassisch, schön, urban. Dennoch switche ich in die heute-show.
Ja, die Konkurrenz für Streamingkonzerte ist groß.

Gegen 23 Uhr bin ich wieder da. Late night Jazz schmeichelt passend zur Uhrzeit meinen Ohren. Ruhiges Saxophon, weicher Klavieranschlag. BÖRT. Junge Menschen mit Wollmütze und vinatge angehauchten Instrumenten (der Kontrabass weist deutliche Gebrauchsspuren auf) spielen so schön beruhigend, dass ich kurz nach ihrem Konzert zu Bett gehe. Der virtuelle Applaus ist lang und laut.
Ich bleibe nur noch für ein Interview mit Achim Zepezauer, dem Applauseinspieler. Bei BÖRT, so lerne ich, hörte ich Applaus aus dem Jahr 2014. Es folgt ein Gespräch über die Entwicklung des Applauses. Fazit: Früher waren mehr Buh Rufe.

Berthold Seliger im Interview. So steige ich am Samstag in die Übertragung des zweiten Tages des Moers Festival ein. Seinen Vortrag gestern habe ich nur bruchstückhaft live verfolgen können, ich muss den unbedingt noch nachholen.
Das nachfolgende Niels Klein Trio & EOS Kammerorchester höre ich nebenbei, EMails und andere Nachrichten lenken mich am Computer ab. Dann und wann blicke ich hoch und linse auf den Fernseher. Die Bühne der ENVI Halle ist voll. An die 20 Musiker*innen sorgen auf meinem Sofa für Philharmoniestimmung. Jazz und Klassik im Wechsel, so möchte ich das beschreiben, was ich höre. Mehr als ein schönes Hintergrundrauschen bleibt dennoch nicht. Ich muss noch ein paar Dinge erledigen.

Gewalt. Auf die Berliner Band habe ich gewartet. Patrick Wagner, Helen Henfling, Jasmin Rilke. Und Drumcomputer.
Surrogat ist vielleicht noch ein Begriff. Patrick Wagner singt hier und da. Surrogat fand ich toll, “Gib mir alles” und später dann “Hell in hell” hörte ich oft. Zu letzterem ist auch das Video mit Rene Weller sehr beeindruckend. Das ist so 20 Jahre her. Von Gewalt kenne ich bisher nur ein, zwei Videos, verorte die Musik aber irgendwie im Surrogat Kosmos. Noise.

Ich bin um kurz vor 21 Uhr hellwach. Gewalt haben gerade ihren ersten Song beendet. Es ist ein neues Stück, zwei Tage alt. Gitarren und Drumcomputerbeats. Überraschend stelle ich fest, das funktioniert auch im Internetstream. Der virtuelle Applaus ist groß. ‘Was denn? Was ist denn? Was willst du denn von mir?’ Das Lied sei für alle Ex-Frauen, so kündigt Patrick Wagner “Szene einer Ehe” an. Der Text besteht nur aus diesen drei geschrienen Fragen. Es hämmern die Gitarren. Shellac und Health waren die letzten Bands, die mich dermaßen mit Lärm und Wucht beeindruckt haben wie jetzt Gewalt. Selbst via Stream spüre ich den Druck und die Wucht des Konzertes. Eine gute halbe Stunde lang hämmern die Gitarren. Dann “Puppe”, noch ein neues Stück. Zu “Deutsch” kommen Trompeter und andere Blasmusiker auf die Bühne. Irre. “Wir waren schön wie Gott” schmeißen Gewalt kommentarlos hinterher. Ich bin erschlagen. Was für ein Auftritt.
Im Stream ist jetzt eine Konzertunterbrechung, ich stehe vom Sofa auf und gehe in die Küche. Wow. Ich bin sprachlos. Erstmal einen Joghurt mit Himbeeren. Ein Pluspunkt von Streamingkonzerten: Es gibt keine Warteschlangen.

Kann man eine leere Halle niederspielen? Ja. Gewalt sind großartig.

Pfingsmontag. Nachdem ich den gestrigen Tag ausließ, freue ich mich heute Abend vor allem auf The Notwist.

Erst am späten Nachmittag zu Tau 5 zappe ich in den Stream rein. Auf der Homepage steht:

Dichte Signale, stürmische Attacken, eng verzahnte Aktionen: TAU ist ein Kollektiv, eine echte Band, keine Ansammlung von Einzelkünstlern. Die Musik entsteht in einem konzentrieren Probenprozess, alle arbeiten auf allen Ebenen an einem komplexen Klang, der durch gekonnten Einsatz von Elektronik weiter transformiert wird. Ein Sandsturm aus Sound.

Es fällt mir schwer, Tau 5 im Hintergrund laufen zu lassen. Die Musik lenkt mich ab, zu wild und wirr tönen die Instrumente. Dass, was ich eigentlich machen wollte, ich komm‘ da nicht voran. Die Musik lässt meine Konzentration immer wieder schwinden. Irgendwann gebe ich auf. Okay, dann schaue ich halt den Stream und lass alles andere stehen und liegen. Gleich beginnen eh‘ The Notwist mit ihrem gut einstündigen Set.

The Notwist. Es gab eine Zeit, da habe ich die Weilheimer sehr oft sehr live gesehen. Das ist einige Jährchen her, in den letzten Jahren war es eher still. Ich überlege, komme aber nicht darauf, wann ich The Notwist das letzte Mal sah.

The Notwist, das ist wie komprimiertes Sonnenlicht…

Der Ansager hat ein paar Worte gefunden, um die Band vorzustellen. Auf der arte Seite – ich sehe heute zum ersten Mal über die arte Concert Homepage den Stream – lese ich folgendes:

Seit 1972 steht das Moers Festival für Wege abseits des Mainstream, für das Unberechenbare, Überraschende, Unerhörte. Legenden des Jazz spielen hier ebenso wie Newcomer, Außenseiter und Elektro-Nerds.

Aha. Und worunter fasse ich jetzt The Notwist? Wahrscheinlich am ehesten unter dem Elektro-Nerds, auch wenn es seit dem Weggang von Console vor einigen Jahren etwas weniger elektronisch in den Notwist‘schen Songgebilden zugeht. Doch egal was und wie. Der Gesang von Markus Acher ist der markante Notwist Moment. Höre ich seinen seichten Gesang weiß ich, alles wird gut.
Ein Stündchen dürfen The Notwist spielen, und sie spielen Sachen, die ich nicht kenne. Ihre Platte, oder ihr Projekt Messier Objects ist vollkommen an mir vorbeigegangen. Irgendwie bin ich bei Close to the glass stehengeblieben. Und Himmel, diese Platte ist schon 6 Jahre alt.
Nun habe ich also die Gelegenheit Messier Objects live kennenzulernen. Viele Stücke sind instrumental und lang. Messier Objects ist eine Zusammenstellung von Songs, die The Notwist für Filme, Theaterstücke und Hörspiele produziert haben. Es dominieren die Instrumente, Spannungsbögen und Melodien, die an fremde Welten erinnern. Der dritte Song zum Beispiel klingt sehr japanisch, der fünfte mit starker Tuba (oder Sousaphon, wenn ich als Instrumentenlaie mir die Bilder bei Wikipedia so betrachte) sehr nach dEUS „Theme from Turnpike“, oder besser gesagt nach dem Charles Mingus Sample, das dEUS im „Theme from Turnpike“ verwenden, womit der Bogen zum Jazz geschlagen wäre. Die Stunde The Notwist macht mir viel Spaß. Ihre Soundtracks sind toll. Insgeheim hoffte ich natürlich, dass sie gegen Ende „Gloomy Planets“ spielen würden. Aber sie ließen es aus; im Nachhinein habe ich es dann auch nicht vermißt.

Ich erarbeite mir immer noch den Jazz. Das geht nun schon ein paar Jährchen so. Als weiteres Mosaiksteinchen kam mir der Stream vom Moers Festival genau richtig, um neue Bands und Musik zu entdecken. Das habe ich getan.
Und darüber hinaus hatte ich als alter Indiefan größte Freude an den Konzerten von Chilly Gonzales, Gewalt und The Notwist.

Ich hoffe und wünsche mir, dass wir uns 2021 im Realen sehen, Moers Festival.

PS: Das wäre sehr schön, wenn es nächstes Jahr mit John Zorn klappt. Ich wollte ihn schon immer mal live erleben und die Möglichkeiten, den Ausnahmekünstler zu sehen, sind eher selten als oft.

Kontextkonzerte: