Ort: Artheater, Köln
Vorband: Blush Always

Just Mustard - Köln, 16.10.2022

Kennt noch jemand die Cranes? Ehrlich gesagt, ich kenne sie auch nicht mehr. Ich habe ihre Songs mittlerweile vergessen, dieses eine Album, das ich besitze, habe ich länger nicht mehr gehört. (Was aber auch daran liegt, dass ich es nur auf Kassette überspielt besitze, aber schon länger keinen Kassettenrekorder mehr.) Auf der Rückfahrt vom Just Mustard Konzert am Sonntag fallen mir die Cranes wieder ein. Durch einen verrückten Umstand. Es ist eine gedankliche Verknüpfung der gerade erlebten Konzerteindrücke und den aktuellen Berichten von der The Cure Tour, die ich auf der Rückfahrt im Zug las. Ich möchte lösen (Markus Lanz Zitat):
1992 spielten The Cure im Rahmen ihrer Wish Tour auch Konzerte in Deutschland. Ich weiß nicht mehr genau, ob ich ihr Konzert in Essen oder in Düsseldorf gesehen habe (heute unvorstellbar, in zwei benachbarten Städten je ein Konzert), ich kann mich aber noch an die Eintrittskarte erinnern: es war ein längliches Ticket, das in farbige Quadrate (rot und blau) unterteilt war. In jedem Quadrat war eines dieser Bildchen aus der The Cure Wish CD Box. Wish war damals ein streitbares Album. Erstmals klangen The Cure nach Radiopop („Friday I’m in love“) und nicht mehr nur nach Düster-Gothic. Ich war nicht der Einzige, der darüber irritiert war und anfangs mit Wish fremdelte. Egal, darauf wollte ich nicht hinaus.

Im Vorprogramm spielten damals die britischen Cranes, eine Electronic-Indie-Pop Band. Shoegaze / Dreampop / bisschen Gothic, Zutaten, die seinerzeit en vogue waren. Die Sängerin klang nach Siouxsie Sioux, der Sound nach den Sundays, Slowdive, Lush oder Kitchen of Distinction. Mir gefiel das, weil ich seinerzeit sehr viel von dem Kram hörte, und ich merkte mir die Cranes für eine gewisse Zeit. Auch, will die Band mir kurz danach nochmal im Vorprogramm eines Konzertes über den Weg lief. Da weiß ich aber nicht mehr wann und bei wem. Ich fand das nur so absurd, dass das irgendwie bei mir hängengeblieben ist.
Auf dieser Rückfahrt kommen mir die Cranes wieder in den Sinn. Einfach so aber angestoßen durch das Just Mustard Konzert. Denn – man kann es ahnen – Just Mustard klingen wie und erinnern mich ein bisschen an die Cranes.

Als ich die irische Band Just Mustard erstmals live sah, hörte man ganz vage von einem vielleicht gefährlichen Virusausbruch in einer chinesischen Provinz. 2020 spielten Just Mustard zusammen mit Squid auf dem Transformer 4 Festival in der Maastrichter Muziekgieterij und ich hatte nichts Besseres zu tun, als hinzufahren. Die My bloody Valentine-esken Shoegaze Songs, die ich auf YouTube hörte, reichten, um mir die Fahrt schmackhaft zu machen. Die andere Band des Abends, Squid, gefiel mir durch ihre abgehackten Sounds und ihre sehr post-punkigen Melodien. Im nachhinein war es ein perfekter Konzertabend. Beide bands wurden Lieblingsbands, die eine ein bisschen mehr (Squid), die andere aber auch.

Dann kam das Virus, das sich als sehr gefährlich herausstellte, und alle Pläne waren dahin. Meine und sicher auch die von Just Mustard, die 2020 definitiv einen Spätnachmittagsslot auf den großen belgischen Sommerfestivals bekommen hätten und nach den gerade veröffentlichten beiden neuen Singles „Frank“ und „Seven“ sicher bereit waren, durchzustarten. Doch weitere Konzerte mussten warten. Just Mustard nutzten die Zeit und arbeiteten an ihrem zweiten Album, das dann im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht wurde. Live konnte ich erste Songs davon bei ihrem Auftritt als Support ihrer Landsleute Fontaines D.C. hören. Das war im Frühjahr des Jahres. Soweit meine Erlebnisse mit Just Mustard.

Im Artheater ist es überschaubar voll. Bevor Just Mustard eine gute Stunde lang spielen werden, tritt die Kielerin Katja Seiffert a.k.a Blush Always auf die nicht sehr hohe Bühne. Nachmittags hatte ich noch überlegt, ob ich mir Blush Always angucken soll. Der obligatorische Sonntagsblues ließ mich nicht komplett los und ich überlegte, mich erst spät und punkgenau zu Just Mustard auf den Weg zu machen. ‘Na sicherheitshalber ein paar Blush Always Songs anhören’, dachte ich mir. Und gut, dass ich das gemacht habe. Direkt der erste Anspieler „Postpone“ ließ mir keine andere Wahl, als mich rechtzeitig auf den Weg zu machen. Das klang so gar nicht nach Kiel, das klang nach Best Coast, nach Blouse, nach amerikanischen Indiepoprock. Live bestätigt sich der Vorabdruck. Auch in der – Zitat Katja Seiffert – ‘Bedroom Version’ (die Blush Always Sängerin spielt ohne ihre Band im Artheater) klingen die Songs wunderschön. ich denke, das bald zur Veröffentlichung anstehende Debütalbum You deserve romance ist ein zwingender CD-Kauf.

Just Mustard liefern im Anschluss. Sängerin Katie Ball, die Gitarristen David Noonan und Mete Kalyon, Bassist Rob Clarke und Schlagzeuger Shane Maguire zeigen das, was ich aus ihren letzten Konzerten kenne. Keine spektakulären Bühnenperformances, dafür einen umso spektakuläreren modernen Shoegaze-Dreampop-Mischmasch. Gitarrenwände, säuselnder Gesang, treibendes Schlagzeug. Die Songstrukturen sind natürlich keine Just Mustard Neuerfindung. Das gab es schon 1989 oder so.

Aber Just Mustard präsentieren nicht nur einen müden Neuaufguß ihrer Vorgänger. Wenn dem so wäre, wäre ich sicher nicht hier. Die Band modernisiert den Gitarrenlärm durch Zugaben von Trip Hop und Elektrosounds. Und das macht ihn wiederum für mich spannend.  „I am you“ – dass, wie ich finde, sehr an Portishead erinnert – oder „Still“ sind dafür gute Beispiele.
Soweit, so gut. Allerdings hat auch die moderne Variante das für mich alte Shoegaze-Dilemma. Auf Dauer ist das enorm eintönig. So wie all dieser ganze Shoegaze Kram ist es perfekt für maximal eine Stunde, danach brauche ich etwas Abwechslung. Just Mustard liefern den in ihren Sounds nicht, und so fällt es mir schwer, bis zum Ende konzentriert zu bleiben. Da passt es mir in den Kram, dass sie mein Lieblingslied „Frank“ vier Songs vor Ende des Konzertes spielen. Solange hält meine Konzentration. Die finalen Songs – Just Mustard spielen keine Zugabe – gehen dann komplett an mir vorbei. Schade.

Kontextkonzerte:
Just Mustard – Luxemburg, 09.04.2022 / Den Atelier
Just Mustard – Maastricht, 18.01.2020 / Muziekgieterij