Ort: Den Atelier, Luxemburg
Vorband: Just Mustard

Fontaines D.C. - Luxemburg, 09.04.2022

Das mit den Fontaines D.C. und mir ist eine Geschichte in drei Akten.
Im November 2019 sollten die Fontaines D.C. im Kölner Gebäude 9 spielen. Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, spielten sie auch in Köln. Das Konzert wurde zwar in die Kantine verlegt, blieb aber ausverkauft. Ich hatte mich nicht frühzeitig um Tickets gekümmert, weil ich davon ausgegangen bin, dass ich die Fontaines D.C. auf dem Sonic City Festival in Kortrijk sehen werde, das eine Woche später stattfand. Auf dieses Festival freute ich mich sehr, da dort alle meine Lieblingsband des Sommers 2019 spielen sollten; neben den Fontaines D.C. auch Shame, The Murder Capital, Squid und PVA. Die Creme de la Creme des neuen britischen Post-Punk, wenn ich das so sagen darf. Leider sagten Tage vor Festivalbeginn die Fontaines D.C. ihren Auftritt ab, für mich zu spät, um noch Tickets für Köln zu ergattern.
Auch mein zweiter Versuch mit den Fontaines D.C. schlug fehl. Ihr Konzert im März 2021 fiel den bekannten Umständen zum Opfer und wurde auf den April 2022 verlegt. Aber auch dieser Termin war im coronageplagten Land nicht haltbar und wurde auf den Sommer 2022 verschoben (wie alle Deutschlandkonzerte der Band). Die anderen kontinentalen Tourtermine blieben aber bestehen, und so gab es zwei Alternativen: Maastricht und Luxemburg. Für Maastricht kam ich erneut zu spät, für Luxemburg nicht. Bevor das Den Atelier ausverkauft melden konnte, hatte ich ein Ticket. Und die Vorfreude war groß!

Noch etwas größer wurde meine Vorfreude, als mit Just Mustard der Support bekannt gegeben wurde. Ich habe diese andere irische Band 2020 auf dem Transformer Festival in Maastricht kennen und mögen gelernt und bin damit lange vor Robert Smith Fan der Band. Just Mustard gehören zu den vielen jungen britischen/irischen Bands, die gerade überall gespielt werden. Sprint, The cool Greenhouse oder Hotel Lux sind weitere Bands, die mir in diesem Zusammenhang aufgefallen sind. Und es gibt noch ein paar mehr.
Gemeinsam haben sie, dass sie sich mit ihrem Sound an den 1980er Jahren orientieren. Im Fall von Just Mustard heißen die Vorbilder eindeutig My bloody valentine, Slowdive, Chapterhouse oder Spacemen 3. Vorreiter dieser – soll ich sagen – neuen Bewegung waren vor zwei, drei Jahren Shame, The Murder Capital und die Fontaines D.C..
Es gibt Bodenscheinwerfer und die Deckenstrahler leuchten ins Publikum. Just Mustard bevorzugen keine direkte Beleuchtung. Die Bühne ist aus der Entfernung nahezu komplett dunkel. Ab und an verirrt sich ein rotierendes Rotlicht, viel mehr geht nicht. Gäbe es im Den Atelier Nebelmaschinen und wären wir im Jahr 1992, die Bühne wäre voller Nebel. So wie 1992 beim Slowdive Konzert in der Zeche Bochum.
Die Gitarren sind ordentlich laut, es hallt und zerrt, die Stimme von Katie Ball ist dabei kaum wahrnehmbar. Shoegaze bleibt immer noch shoegaze, Just Mustard setzen ihn konsequent um. Und bauen ihn aus: elektronische Samples mischen sich ein, TripHop Elemente kommen dazu und lenken von den Gitarren ab. Diese Mischung hat mich 2019 so fasziniert, als ich die Band im Maastricht gesehen habe. Mittlerweile haben Just Mustard immer noch erst ein Album veröffentlicht (Wednesday), ihr zweites erscheint im Oktober dieses Jahres. Wednesday kann ich uneingeschränkt empfehlen, den Besuch eines Just Mustard Konzerts natürlich auch.

Setlist Just Mustard:
01: Curtains
02: Seven
03: Early
04: Mirrors
05: Frank
06: Still
07: Seed

Just Mustard - Luxemburg, 09.04.2022

Als wir gegen 19 Uhr das Gelände des Den Atelier betreten, öffnet gerade der Foodtruck und es sind vielleicht 30 Leute da. Ist es zu Just Mustard noch überschaubar leer im Den Atelier, füllt sich der Saal, der im vorherigen Leben eine Autowerkstatt war, während der Umbaupause zügig. Wir stehen oben und haben uns gegen einen Platz vorne an der Bühne entschieden. Hier ist es etwas luftiger, ruhiger, das Stehen mit Mundschutz um einiges angenehmer. Wir sind fast die einzigen, denen das Coronavirus noch so viel Respekt vermittelt, dass wir einen Mundschutz tragen. Nur zwei, drei weitere Personen von ca. 1000 empfinden das auch noch so.
Die Stimmung ist gut, nahezu ausgelassen. Die Vorfreude scheint nicht nur bei mir riesig. Um kurz nach 21 Uhr – und damit fast im vorher ausgehängten Zeitplan – betreten die Iren die Bühne.

Was folgt, ist nichts anderes als ein Hits-only Konzert. Dogrel, das im April 2019 veröffentlicht wurde, liefert sieben Hits, A hero’s death fünf Hits. Ergänzt wird die Setlist um vier neue Hits. „Jackie down the line“ und „I love you“ kenne ich, beide finde ich super. Nach kurzem warm-up läuft das Konzert wie folgt: zwei Songs wild und heftig, ein Song durchschnaufen, zwei Songs wild und heftig. Songs vom Album Dogrel stehen dabei für wild und heftig. Aber nicht nur. „A hero’s death“ in der Zugabe zum Beispiel geht auch ordentlich gut ab. Es ist ein Konzert mit hohem Wiedererkennungswert. Bis auf „Skinty Fia“ und „Nabokov“, die ich – so glaube ich – zum ersten Mal höre, kenne ich alles. Und zwar kenne ich sie richtig gut, nicht nur so, ‘jaja, hab‘ ich schon mal gehört’ gut. Sowohl Dogrel als auch A hero’s death waren während der letzten beiden Coronajahre permanent Bestandteil meiner Joggingplaylist. Da ich viel gelaufen bin und beide Alben perfekt als Laufsoundtrack geeignet sind, habe ich die Songs oft gehört. Dennoch überrascht es mich selbst, dass ich nahezu durchgängig textsicher bin, was mir schon ewig nicht mehr bei einem Konzert passiert ist.

Sänger Grian Chattan ist live der Blickfang und erinnert mit seinem Tamburin und Tanzstil an Ian Brown, der Rest der Band – also Carlos O’Connell und Conor Curley an der Gitarre, Conor Deegan III am Bass und Tom Coll am Schlagzeug – agiert eindeutig in seinem Schatten und wird von mir kaum wahrgenommen. Zu präsent ist der Sänger. Allerdings hat er eine Art Hassliebe zu seinem Mikrofonständer. Den schlägt er sehr oft sehr hart auf den Bühnenboden auf, so dass jedes Mal ein dumpfer Knall aus den Boxen ertönt. Das ist ein bisschen nervig, es bleibt aber Gott sei Dank das nervigste an diesem Abend.

Nach siebzig Minuten ist das Konzert vorbei. Wir entscheiden uns gegen eine Portion Fish’n’Chips vom Foodtruck im Hof des Den Atelier und gehen zum Bahnhof. Mit dem in Luxemburg kostenlosen ÖPNV fahren wir zum Kirchberg, wo wir das Auto geparkt haben. Die Rückenlehnen der Straßenbahnsitze leuchten blau. Es ist ruhig, als wir aussteigen.

Was für ein großartiges Konzert!

Setlist Fontaines D.C.:
01: A lucid dream
02: Sha Sha Sha
03: Jackie down the line
04: I don’t belong
05: You said
06: Chequeless reckless
07: Televised mind
08: I love you
09: Too real
10: Roy’s tune
11: Skinty Fia
12: Big
13: Boys in the better land
Zugabe:
14: A hero’s death
15: Hurricane laughter
16: Nabokov

Kontextkonzerte:
Just Mustard – Maastricht, 18.01.2020 / Muziekgieterij