Ort: Westfalenpark, Dortmund
Vorband:

Noch ein weiteres bestuhltes Parkkonzert.
Nachdem wir vor ein paar Tagen in Liegestühlen den Sterne bei ihrem New Fall Festival (Summer Edition) Konzert in Düsseldorf lauschten, sitzen wir nun auf ‘normalen‘ Stühlen im Dortmunder Westfalenpark und hören uns The Notwist an.
Am Eingang begrüßen uns Florian, der Dortmunder Fernsehturm, und Flamingos, die in einem der künstlich angelegten Seen des Parks ihre Füße ins Wasser strecken. Bekanntlich ist der Westfalenpark für die Bundesgartenschau 1959 angelegt worden und gehört zu den größeren innerstädtischen Parkanlagen Deutschlands.

Im Sommer wird der Park auch gerne als Open Air Kino- und Konzertort hergenommen. Das geht schon seit einigen Jahren so und ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich im Westfalenpark mein erstes Konzert gesehen habe. Ich glaube, es war irgendein Visions Event im letzten Jahrhundert. Woran ich mich genauer erinnern kann, ist mein erstes Juicy Beats Festival in eben diesem Park. Auf den Tag genau vor 11 Jahren sah ich Die Sterne, Tocotronic und Hundreds; ein Jahr später The Notwist, The Thermals und Bonaparte.
Seit diesen Jahren (und vielleicht auch sxchon vor 2011, so genau weiss ich das nicht mehr) finden jährlich Juicy Beats Festivals statt. Ich jedoch habe es später aber nicht mehr geschafft, hinzufahren. Die musikalische Ausrichtung des Festivals bewegte sich im Laufe der Zeit in eine Richtung, die mir weniger zusagte.

Die Park Sessions sind in den Coronajahren 2020 und 2021 sowas wie der Juicy Beats Festival Ersatz. In diesem Punkt sind Parallelen zum New Fall Festival Summer Edition erkennbar. Lässt sich ein Festival unter Einhaltung aller Hygieneregeln nicht durchziehen, bieten die Sommerkonzerte mit ihrem Konzept alles, was die Hygienevorschriften verlangen: Mindestabstand, wenig direkten fremden Personenkontakt, genug Frischluft und ein gewisses Maß an Kontrollmöglichkeiten zum Beachten der Vorgaben Seitens der Veranstalter. Sei es in Düsseldorf oder in Dortmund.

Die Wiese vor der Bühne ist großflächig mit Stühlen belegt. Zum einen braucht Hygiene Platz, zum anderen werden im Programm der Park Sessions große Namen gehandelt, die ein reges Interesse versprechen. Der Aufbau scheint gerechtfertigt und nicht überambitioniert. Nichtsdestotrotz ist er für The Notwist Verhältnisse zu groß. Nicht einmal die Hälfte der Stuhlreihen ist belegt, schätze ich. Der Schönheit des Abends ist das jedoch nicht hinderlich. The Notwist, so mein Eindruck, ist des egal, ob 10 oder 10000 Fans vor der Bühne stehen; sie rufen immer alles ab.
So auch im Westfalenpark. Und ganz nebenbei und klammheimlich spielen The Notwist an diesem Abend ein Spitzenkonzert. Was mir dabei nicht zum ersten Mal auffällt: The Notwist erfinden sich bei ihren Songs immer wieder neu. 2021 höre ich mehr Saxophon als früher, bei „Into love / Stars“ kommt eine Quetschkommode zum Einsatz und zwischendurch greift Micha Acher gar zur großen Tuba – ist es ein Sousaphon? -. A pro pos, die Saxophonistin ist neu dabei, oder? Aus Reihe 10 kann ich das nicht genau erkennen.

Ohne Vorband starten The Notwist um kurz nach 20 Uhr mit zwei Stücken vom aktuellen Album Vertigo days: „Into love / Stars“ und „Exit strategy to myself“. Es fängt ruhig an. Mir scheint, die Band spielt sich gemütlich warm. Vertigo days ist das aktuelle Album; neben Neon Golden bilden Songs dieses Albums das Gerüst der heutigen Setlist. Nach einem ersten Ausflug zu Neon Golden („Pick up the phone“) folgt schnell „Ship“. Den unter Tenniscoats Einfluss stehenden Song spielen sie nur instrumental, da Saya, die in diesem Song den Gesang übernimmt, nicht anwesend ist. Zuvor bringt „Kong” erstmals den berühmten Fußwipp-Indie, für den ich The Notwist so sehr schätze. Spätestens jetzt sollte endgültig jeder in diesem Abend angekommen sein.

Neon Golden mit “Pick up the phone” und “This room” klingt immer noch frisch und unverbraucht, und auch die seit Jahren bekannte Livekombination aus „Pilots“ und “Off the rails” ist mal wieder überragend schön. Sagte ich noch zu Beginn des Konzertes, ich könne dieses Doppel nicht mehr hören? Vergiss es, das stimmt nicht. Neon Golden und seine Songs ist auch 2021 immer noch hörbar. Evergreen nennt man sowas, glaub‘ ich. 
Aber ich gestehe, dass ich manchmal das Gefühl habe, ich hätte The Notwist oft genug gesehen und es wäre doch jetzt genug. Doch dann liefern sie mir wieder solche schönen Momente wie an diesem Abend, und ich revidiere meine Meinung und sage, nein, es ist noch lange nicht genug.

„Into another tune“ wird zu einem 10minütigen Monster aus Indierock, Elektroindie und Freejazz. Es klingelt und scheppert, das Saxophon taktet monoton. An anderer Stelle klingen sie nach mehr nach Westbam Techno als nach Elektroindie. Ja, der Abend entwickelt sich in viele musikalische Richtungen.
Gegen 22 Uhr erstrahlt der Florian mittlerweile in zartem grün, die Bühne daneben in sanftem blau. Es sieht schön aus, das Ambiente um die blaue Stunde ist fantastisch. Es lädt ein zum Träumen und zum Abschalten. The Notwist machen ihren Job. Das Wetter hält noch, die Stühle sind immer noch bequem. Alles ist perfekt.
„Consequence” beendet diesen tollen Abend.

Alles richtig gemacht, The Notwist! Wir aber auch. Denn es war kein Fehler, sich trotz unruhiger Verkehrslage an diesem Samstag auf den Weg nach Dortmund gemacht haben.

Was ich allerdings nicht verstehe ist, wie man es übers Herz bringen kann, seinen Facebookfeed bei „Gravity“ zu checken. Ich finde, solche Menschen haben grundsätzlich auf einem The Notwist Konzert nichts verloren. Wer bei diesem Lied nicht zuhören mag, hat The Notwist nicht verstanden.

Leave me paralysed leave me hypnotized.

Kontextkonzerte:
The Notwist – Düsseldorf, 12.12.2016 / zakk
The Notwist – Le Guess Who? Utrecht, 19.11.2015
The Notwist – Bochum, 15.08.2015 / Jahrhunderthalle
The Notwist – Köln, 25.03.2014 E-Werk
The Notwist – Lüften! Festival Frankfurt, 22.06.2012
The Notwist – Nijmegen, 22.01.2012 / Doornroosje
The Notwist – Rolling Stone Weekender Weissenhäuser Strand, 11.11.2011
The Notwist – Juicy Beats Dortmund, 30.07.2011
The Notwist & Andromeda Mega Express – Köln, 14.08.2009 / Philharmonie
The Notwist – Köln, 14.04.2009 / E-Werk
The Notwist – Melt!, 19.07.2008