Ort: Rotondes, Luxemburg
Vorband:

Gruff Rhys at Rotondes, Luxembourg

Wer ist die beste Band aus Wales? Ist dir Gruff Rhys ein Begriff? Kennst du die Super Furry Animals? So hartnäckig fragt sonst nur Markus Lanz, der anschließend erst gar nicht die Antwort abwartet, sondern direkt in den Lösungsmodus springt.
Also: Die Super Furry Animals ist eine walisische Rockband und Gruff Rhys ist einer ihrer Gründungsmitglieder und Sänger der Band. Von 1996 bis so ca. 2009 veröffentlichten die Super Furry Animals Alben. Seit 2005 veröffentlicht Gruff Rhys erst ergänzend dazu Soloalben; später dann konzentrierte er sich auf seinen Kram und die Super Furry Animals pausierten einige Jahre. Wie man das so macht als Band, wenn man über viele Jahre zusammen ist und endlich mal neue Dinge machen möchte. Doch auch die Super Furry Animals erkannten irgendwann, dass es auch gut ist, die Super Furry Animals zu sein und so gab es um 2016 eine Art von Reaktivierung der Band. In diesem Jahr erscheint gar eine Sonderausgabe ihres Majordebüts Rings around the world. Laut Wikipedia war das ihre erfolgreichste Platte mit einer 9-wöchigen Platzierung auf Nr. 3 der UK Charts.

Rings around the world, okay, meine Super Furry Animals Lieblingsplatte (natürlich nur wegen des Namens, ich kenne keinen Song) ist aber Llanfairpwllgwyngllgogerychwyrndrobwllynyngofod iIn space). Logisch.

Musikalisch sind die Super Fury Animals vielschichtig unterwegs. Irgendwie erinnern sie mich an die Beta Band, die aber hierzulande kaum jemand kennen mag. Konzeptalben, Britpop, psychodelisch, Beach Boys, ein bisschen abgedreht, ein bisschen verschwurbelt, opulente Sounds, so nehme ich die Super Furry Animals wahr.  Sogar einen Sellerie kauenden Paul McCartney haben sie in einem Song verbaut („Respectable for the Respectable“ vom erwähnten Rings around the world). Gruff Rhys macht irgendwo da weiter, wo er mit den Super Furry Animals aufgehört hat. Ich zumindest erkenne keine großartigen Unterschiede zwischen seinen Solo- und den Bandplatten. Seeking new Gods ist sein siebtes Studioalbum, es ist – wie zuvor schon Babelsberg – ein Konzeptalbum. Auf Seeking new Gods drehen sich die Songs um den Vulkan Paektu, der im Grenzgebiet von China und Nordkorea steht. Da ich mich eher selten um Songtexte kümmere, bekomme ich das natürlich nicht mit. Aber es gibt ja das Internet, das mich gerne belehren darf.

Luxemburg.
Heutzutage sollte man sich nicht zu lange im Vorfeld auf ein Konzert freuen. Man weiß ja nie, ob es stattfindet oder ob es nicht kurzfristig abgesagt wird. Das Konzert von Dry Cleaning in 10 Tagen zum Beispiel, die auch im Rahmen der Congés Annulés, dem Sommerfestival der luxemburgischen Konzertbude Rotondes, spielen sollten, wurden schon abgesagt. Meine Vorfreude auf dieses Konzert war dummerweise enorm. Na gut, alternativ kaufte ich fix ein Ticket für Black Country, new road, quasi als Entschädigung. Doch auch dieses Event wurde letzte Woche abgesagt. Nun überlege ich, mir ein Ticket für das Deliluh Konzert nächste Woche zu kaufen. Ich brauche ein bisschen Post-Punk in diesem Konzertspätsommer.
Es ist und bleibt ein schmaler Grat, ob es mit einem Konzertbesuch klappt oder nicht. Steigt die Inzidenz in altbekannte Höhen und Hygienerichtlinien ändern sich, wird ein Musiker von seiner Warn-App angepingt und darf sich in Quarantäne begeben oder man wird selbst in Quarantäne geschickt und darf nicht rausgehen. Es gibt vielerlei Möglichkeiten, derzeit ein Konzert nicht zu sehen. Das Hochwasser und seine Nachwirkungen kommen regional noch dazu. Kölner Konzertbesuche werde ich derzeit wohl eher meiden, die Infrastruktur liegt für viele Wochen/Monate brach und eine Anfahrt wäre a) zu nervig umwegig und b) zeitlich dadurch unkalkulierbar. Der für mich derzeit beste Weg, Konzerte zu sehen, führt nach Westen bzw. Südwesten. Also Luxemburg.

Das Congés Annulés in Luxemburg ist ein kleines Sommerfestival, das ich schon seit Jahren auf dem Schirm habe. Ein Konzert im Rahmen des Sommerfestes habe ich aber, glaub‘ ich, noch nicht gesehen. Vielleicht finden die Konzerte normalerweise in der Rotonde statt, in diesem Jahr ist auf dem Innenhof des Geländes eine kleine Bühne aufgebaut. Drumherum drapiert sich ein pop-up Biergarten mit Sitzgelegenheiten. Ich denke, die Fritten sind ganz gut…

Das Ambiente wirkt an diesem lauen Sommerabend urgemütlich und schön. Schon jetzt war die Entscheidung richtig, hierhin zu fahren. Der Einlass gestaltet sich unkompliziert: CovPass App gezückt, Impfnachweis (der dringend erforderlich ist, alternativ geht wohl auch die Vorlage eines negativen Tests) gescannt und hereinspaziert. Für den Bühnenzugang gibt es anschließend noch ein extra Bändchen.
Vor der Bühne geht es zu wie früher und wir werden mit einem echten 2019er Konzertgefühl konfrontiert: keine Bestuhlung, keine abgrenzenden Markierungen zur Abstandswahrung. Nein, wir stehen ganz unstrukturiert und unorganisiert vor der Bühne. Irre. Aber toll!

Gruff Rhys kommt mit Zetteln auf die Bühne. Wie in diesem Bob Dylan Video hält er sie hoch. ‘Moien‘ steht auf einem, ‘Hello‘ auf einem anderen. Gegen Ende des Konzerts wird er die Zettelsammlung wieder hervorholen und sich bedanken, Applaus oder Jubelrufe einfordern und die Zugabe ankündigen.
Es ist halb neun und die nächsten 90 Minuten hören wir Songs auf walisisch und nicht akzentfreiem englisch. Mit zwei Coverversionen startet Gruff Rhys in den Abend. Dann folgt „Valium“ von seiner alten Band. 
Nach vier fünf Songs spielt er erstmals Songs vom aktuellen Album Seeking new Gods. „Mausoleum of my former self“, „Seeking new Gods“ und „Hiking in lightning“, dass ich erst auf der Hinfahrt sehr lieben gelernt habe, stehen auf dem Programm. Alles schöne Sachen, keine Frage, doch mein Lieblingslied „Can’t carry on“ spielt er leider nicht. Nun ja, dafür bedient er alle die, die auf einen Super Furry Animals Songs gewartet haben. Das tolle „Juxtapozed with U“ begeistert auch mich. Der 20 Jahre alte Smashhit zieht noch immer.

Melodieseliger Pop mit Klavier, Streicherarrangements und Backgroundchören. So klingen nicht wenige der Songs auf Platte, live ist die Umsetzung nur mit Akustikgitarre und Looptechnik differenziert. Entsprechend kündigt Gruff Rhys auch mehrmals seine Songs mit ‘an interesting version of…‘ an. All die Streicher und Chöre müssen wir uns an diesem Abend dazu denken. Oder auch nicht. Denn die ‘interesting versions‘ sind viel mehr als nur interessant.

Die Setlist ist ein bunter Mix aus alten Songs, Coverversionen, Songs vom aktuellen Album und einem Super Furry Animals Hit. Es ist eine Fahrt durch Gruff Rhys gesamter Schaffensperiode, beinahe jedes Album von ihm ist mit einem Song vertreten. Die beiden quasi one-word Songs „Iolo“, ein Song über den walisischen Dichter, Autor und Naturwissenschaftler Edward ‘Iolo‘ Williams und „Gyrrn Gyrrn“, was so viel heißt wie ‘fahren, fahren‘, spielt er ebenso wie die Coverversionen „Y brawd Houdini“ (Meic Stevens) und „Y Teimlad“ (Datblygu). Nein, ich bin kein Fan von walisischen Bands. Das habe ich gegooglet. Auch den Namen seiner ersten Band Ffa Coffi Pawb (von ihr stammt der Song „Valium“) habe ich am Abend nicht verstanden. Zuviele f’s und der walisische Akzent ist für mich nur sehr schwer zu verstehen.

Gruff Rhys wirkt etwas schrullig. Bei seinen Songansagen und kleinen Geschichten kneift er die Augen zusammen, schaut auf den Boden. Ein sympathischer Kerl. Gefühlt nur einmal blickt er ins Publikum, als sich hinten zwei Jungs lauter unterhalten.
Neben der Akustikgitarre steht noch ein Mellotron auf der Bühne. Auf dem Mellotron steht ein Metronom. Dieses kommt bei „If we were words“ zum Einsatz, sein Klacken bildet das Intro des Songs. Gruff Rhys weiß einfach, wie es geht.

„Loan your loneliness“ beendet das Konzert. Noch einmal wirft er das Mellotron an. Das Mellotron, so schreibt das Musiklexikon Wikipedia, hätte einen charakteristischen warmen, meist etwas melancholischen Klang, der zum Beispiel im Beatles-Song „Strawberry fields forever“ zu hören sei. Und genauso klingt dann auch „Loan your loneliness“.
Dann kommen wieder die Zettel. ‘Applaus‘, ‚Thank you‘, etc. Zur Zugabe „Sing a song in the morning”” loopt sich Gruff Rhys nach einem tollen Konzert langsam aber sicher von der Bühne. Ach ja, geloopt wurde an diesem Abend viel und oft: Iolos, Schreie, Pfiffe, Gitarrensequenzen. Der übliche Kram halt.

Gegen halb elf sind wir wieder auf dem Weg. Gyrrn, Gyrrn, Gyrrn, wie man so sagt. Und tanken. Ich habe nicht nur die Rotonde am Hauptbahnhof vermisst, auch an die Tankstelle in Wasserbillig musste ich in den letzten knapp 2 Jahren denken.

Selist:
01: Y Brawd Houdini
02: Y Teimlad
03: Valium
04: Shark ridden waters
05: Pang!
06: Mausoleum of my former self
07: Seeking new Gods
08: Hiking in lightning
09: Same old song
10: The court of King Arthur
11: Cryndod Yn Dy Lais
12: Cycle of violence
13: Juxtapozed with U
14: The Swamp
15: Lonesome words
16: If we were words (we would rhyme)
17: Iolo
18: Sensations in the dark
19: Gyrru Gyrru Gyrru
20: Loan your loneliness
Zugabe:
21: Singing a song in the morning

Kontextkonzerte: