Ort: Zakk, Düsseldorf
Vorband:

Die Lieblingsplatte ist ein Festival, bei dem die eingeladenen Bands jeweils eines ihrer Alben in kompletter Länge spielen. Abend für Abend eine andere Band; immer im ZAKK in Düsseldorf. Manchmal spielen sie im großen Saal, manchmal im kleinen Saal nebenan. In den letzten fünf Jahren sah ich hier Blumfeld mit der Ich-Maschine, die Flowerpornoes mit Red’ nicht von Strassen, nicht von Zügen, Mutter und auch The Notwist mit Neon Golden. Klingt es schlimm, wenn ich sage, dass ich mich an dieses Konzert überhaupt nicht erinnern kann?
Leider hörte ich bei der Lieblingsplatte noch nicht meine Lieblingsalben Sample & Hold von Sharon Stoned und DMD KIU LIDT von Ja, Panik. Auch CORAgE (Cora E.) schaffte es noch nicht auf die Konzertliste. Vielleicht kann ich irgendwann mal sagen, bisher noch nicht. Ich warte mal die Ankündigungen für das nächste Jahr ab.

Und tatsächlich auch The Notwist. Und ja, es klingt nicht nur schlimm, es ist natürlich auch schlimm, dass ich dieses Konzert in keinster Weise mehr auf dem Schirm habe. Ehrlich gesagt bin ich erst wieder über eine Facebook Erinnerung darauf aufmerksam geworden: Neon Golden en complète, vor fünf Jahren.

Die Lieblingsplatte Konzerte konzentrieren sich ganz auf das Album. Es spielen keine Vorbands und einige Bands haben sogar nur das eine Album performt. Blumfeld zum Beispiel, wenn ich mich richtig erinnere, Mutter – glaub’ ich – auch. Andere wiederum geben sich weniger streng und hängen nach dem Plattenkonzert noch ein paar Songs dran. The Notwist machen das an diesem Abend auch. Aber der Reihe nach.
‘Prepare your shoes not to come back soon.’ Das Konzert beginnt wie das Album mit „One step inside doesn’t mean you understand“. In den nächsten 50 Minuten (The Notwist brauchen 10 Minuten länger als auf dem Album) spielen sie Neon Golden dann aber in nicht ganz akkurater Songfolge: „Solitaire“ als zweiter Song ersetzt an dieser Position „Pilot“, das wiederrum später – vor „Off the rails“ gespielt wird. Ich vermute Dramaturgiegründe, und es passt halt auch viel besser zu „Off the rails“ als nach dem ruhigen und bedächtigen „One step inside doesn’t mean you understand“. Mein Lieblingslied allerdings behält seinen Platz als letzten Song der Platte. Für mich ist das die perfekte Dramaturgie.

Wir alle wissen, Neon Golden ist der bzw. war sowas wie der musikalische Wendepunkt. The Notwist gingen zu City Slang und Martin Gretschmann – der seit dem Vorgänger Shrink festes Bandmitglied war- verschaffte der eigentlichen Hardcoreband einen stärkeren Zugang zur Elektromusik. Den hatten sie in Ansätzen schon auf Shrink, (warum wird dieses Album bei Konzerten eigentlich so wenig beachtet? Wann spielen sie mal wieder „Chemicals“? Das nur so nebenbei.), aber erst mit Neon Golden wurde der Elektrokram im Notwist Sound und im ganzen Drumherum bedeutsamer. Nachsehen kann man das auf der wunderbaren Doku On/Off The Record, die ab und im Fernsehen läuft oder aber, leider in minderer Qualität, auf youTube abzugreifen ist.

Neon Golden war das erste Meisterwerk in dieser Bandkonstellation. The devil you and me ist das zweite, falls einer fragen sollte. Ich denke, da gibt es keine zwei Meinungen. Selten hat ein Album die Jahre so gut überdauert wie Neon Golden. Es ist ein Evergreen. Es ist eine Platte ohne Ausfälle, ohne Lücken. Unvergessen bleiben für mich die Notwist Konzerte dieser Jahre. Martin Gretschmann steht mit Wii remote Controllern in beiden Händen auf der Bühne und bedient seine Elektrokisten. Sowas hatte ich vorher bei noch keiner anderen Band / DJ gesehen. Ich kann mich noch gut an ein Konzert im E-Werk erinnern, als mir das erstmals richtig auffiel: Was macht der da? Was hält er da in seinen Händen? Unglaubwürdig schaute ich zu ihm auf und es dauerte ein paar Sekunden, bis ich verstand, was Martin Gretschmann da macht. Vor einigen Jahren verließ Martin Gretschmann die Band, Christoph Beck nahm ab da seinen Platz neben Markus Acher am Bühnenrand ein.

Zurück ins ZAKK. Der Saal ist mittlerweile gut gefüllt. Ausverkauft ist es eher nicht, was ich angesichts von Corona persönlich nicht schlimm finde. So bleiben mehr Platz und Abstand. Ich habe mich an diesem Abend dazu entscheiden, den Mundschutz nicht abzunehmen. Irgendwie habe ich mich an ihn gewöhnt, er stört mich nicht. Auch wenn es nicht offiziell nötig ist, alle Besucher haben den 2G+ Status, bin ich nicht der Einzige, der Mundschutz trägt.
Nach dem Warmlaufen in den ersten beiden Songs kommen die Hits. Also nur noch Hits.

Vor „One with the freaks“ gibt es noch ein kurzes musikalische wie visuelles Zwischenspiel. Blaue Leuchtkreise blinken überall auf der Bühne auf. Die gab es auch schon im Sommer open air in Dortmund, nur verpuffte dort der Effekt mehr als deutlich: es war draußen schlicht noch zu hell. Im Club ist das Lichterspiel eindrucksvoller. „One with the freaks“ ist es auch. Wie eh und je ein Smash Hit. An diesem Abend endet er mit einem überpitchten „Last night a DJ save my life“ Sample. Gefällt mir. Auch das anschließende „This room“, was sie rockiger als auf Platte spielen, mag ich.
„This room“. Markus Acher kickt bei einem Rückwärtsschritt die Monitorbox um, Karl Ivar Refseth verliert erst seinen Dutt und dann sein Headset. Es geht wild zu. Zumindest am Beginn des Songs dominieren die wilden Gitarren. Markus Acher ist mehrmals kurz davor, in die Luft zu springen. In der Mitte des Songs wechselt der Grundsound. Denn natürlich geht „This room“ nicht ganz ohne das Elektrodings. Genau wie „Neon Golden“ (dem Song). Das Stück driftet ordentlich in eine Techno House Dub Version ab. Wenn mich jemand fragen würde, was für mich den typischen Notwist Sound ausmacht, ich würde ihm genau diese beiden Lieder in der Liveversion vorspielen. Es ist diese Mischung aus ganz unterschiedlichen Musikrichtungen, die The Notwist geschickt zusammenfassen. Nichts wirkt gewollt oder erzwungen, alles passt und fügt sich wie von selbst zu einem harmonischen Ganzen. So wie das Plattensample von Indeep („Last night a DJ save my life“) als Übergang vor „One with the freaks“, das Markus Acher aus seiner Plattenkiste kramt.

Put on your dancing shoes.
Tanzbar geht’s weiter. The Notwist spielen “Pilot”. Indieelektrodisco. Es ist der altbekannte Mix aus „Pilot“ und „Different cars and trains“, der im ZAKK aus den Boxen dröhnt. Der Gesang so sanft, die Melodie so harmlos schön, „Pilot“ ist ein Riesenhit. Auch wenn ich es mir vor jedem Notwist Konzert einrede, aber ich kann mich an diesem Song nicht satthören. Er ist immer wieder aufs Neue. Egal das ich weiß, gleich kommt der Part mit den Plattensamples, dann der leichte Technobeat und Minuten später dann der Bogen zurück zum „Pilot“ Refrain mit Gitarren. So altbekannt und vorhersehbar die Liveversion von „Pilot“ für mich ist, fasziniert höre ich jedes Mal zu.
„Consequence“, mein Lieblingssong der Platte, beschließt den Neon Golden Teil des Konzertes. Das Album ist damit durch, The Notwist bleiben aber noch. Nach dem Album ist vor der Zugabe. Doch bis dahin dauert es noch. Dazwischen stehen zwei Titel vom neuen Album Vertigo Days, erst „Ship“ und dann „Oh sweet fire“, sowie „Kong“ und „Where you find me“. Dann die Zugabe: „Into another tune“ und natürlich „Gravity“. Letzterer ist sowas wie der Standardzugabensong. Dann ist das Konzert vorbei. Es war großartig.

Wie es derzeit aussieht, war das mein letztes Konzert 2022. Tags zuvor hätte bei Black Midi sehen sollen, später im Dezember Sophia und noch irgendwas. Alles ist bereits Tage zuvor abgesagt worden. Es blieb das Lieblingsplatte Festival, das haben sie irgendwie durchgezogen. Vielen Dank!

PS: Jedes Konzert sollte mit „Gravity“ enden. Immer. Überall.
PPS: Ach ja, „Day 7“ würde ich gerne nochmal live hören.

Setlist:
01: One step inside doesn’t mean you understand
02: Solitaire
03: Pick up the phone
04: Trashing days
05: This room
06: One with the freaks
07: Neon Golden
08: Pilot
09: Off the rails
10: Consequence
11: Kong
12: Where you find me
13: Ship
14: Oh sweet fire
Zugabe:
15: Into another tune
16: Gravity

Kontextkonzerte:
The Notwist – Dortmund, 31.07.2021 / Westfalenpark
The Notwist – Düsseldorf, 12.12.2016 / zakk
The Notwist – Le Guess Who? Utrecht, 19.11.2015
The Notwist – Bochum, 15.08.2015 / Jahrhunderthalle
The Notwist – Köln, 25.03.2014 E-Werk
The Notwist – Lüften! Festival Frankfurt, 22.06.2012
The Notwist – Nijmegen, 22.01.2012 / Doornroosje
The Notwist – Rolling Stone Weekender Weissenhäuser Strand, 11.11.2011
The Notwist – Juicy Beats Dortmund, 30.07.2011
The Notwist & Andromeda Mega Express – Köln, 14.08.2009 / Philharmonie
The Notwist – Köln, 14.04.2009 / E-Werk
The Notwist – Melt!, 19.07.2008