Ort: The Vic Theatre, Chicago
Vorband: Ryley Walker

Dinosaur Jr. - Chicago, 30.09.2022

Google schickte uns doch zur Belmont Metrostation und dann direkt links in die Seitenstraße, wieso weist die HEREWeGo App nun den Standort des The Vic Theatre irgendwo anders aus? Himmel, was stimmt denn nun?
Wir stehen an der Metrostation und wollen gerade in die just einfahrende Bahn einsteigen, als wir nochmals die Haltestellen checken. Also doch nicht zur Belmont Station? Oder doch? Oder was jetzt? Eine Entscheidung ist gefragt und natürlich haben wir hier unten keine WLAN Verbindung, um das offline Kartenmaterial der ansonsten sehr zuverlässigen HEREWeGo App mit Google Maps gegenchecken. Egal, wir steigen ein. Wird schon passen. Und wenn nicht, es bleiben noch ein paar Minuten Zeit, um gegebenenfalls zurückzufahren.
Also poltert uns die Bahn in Richtung Metrostation Belmont Boulevard.
Größtenteils oberirdisch tuckern wir durch die Stadt und deren Speckgürtel. Ein Tourist verirrt sich hierher nicht. Oder nur ganz selten. Es dauert eine gute halbe Stunde, bis wir vom Stadtzentrum aus (wobei, wo ist in einer amerikanischen Stadt eigentlich das Stadtzentrum?), also, bis wir vom Jackson Boulevard in der Innenstadt am The Vic Theatre sind. Das Theater liegt nicht zentral, es liegt nördlich im Bezirk Northalsted. Hier gibt es die klassische amerikanische Wohnbebauung, Straße für Straße. Der Belmont Boulevard ist so etwas wie die Einkaufsstraße des Viertels. Hier liegen kleine Delis, Supermärkte und Restaurantketten. Google liegt richtig, direkt an der Bahnstation in einer Seitenstraße sehen wir das Theater. Hat die HEREWeGo App mit ihrem Kartenmaterial so stark nachgelassen? Ich muss das gegenprüfen. Irgendwann.

Das Vic Theater ist kein U-Musik Theater oder ein Theater-Theater. Das The Vic Theatre ist ein Rockkonzert-Theater. Von außen sieht es (fast) aus wie ein normales Gebäude, von innen wie ein Konzertgebäude. Es gibt vor der Bühne einen Stehplatzbereich. Hier passen vielleicht 1000 Leute rein. Die Sitzplätze sind über und hinter den Stehplätzen angeordnet. Steil ragt die Balkonkonstruktion im hinteren Bereich nach oben und bietet vielleicht Platz für weitere 300 Personen. Das ist für mich schwer einzuschätzen. Die Sitzkonstruktionen bestehen aus Eisen und die Klappsitze sind mit rotem Kunstleder gepolstert. Ja, das Victoria Theatre (so der Langname des Vic) ist weit weg von roten Teppichen, Holzvertäfelungen und knarrenden Holztreppen. Es wirkt stattdessen leicht kaschemig. Die Toiletten sind im Keller und erinnern an die alten Gebäude 9 Toiletten. Nur in müffeliger.
Als Kinopalast – wie das gestrige The Chicago Theatre – war das The Vic Theatre nie konzipiert, als es 1912 erbaut wurde. Die Grundidee war es vielmehr, ein Varietétheater zu erschaffen. Heute ist das The Vic Theatre ein Musikladen, in dem hauptsächlich Rockkonzerte stattfinden.

My name ist Sufjan Stevens.

‘All Things go’ schallt es aus dem noch spärlich besetzten Innenraum.
Es ist halb acht, als das Konzert beginnt. Ein sehr früher Zeitpunkt unter der Woche. Da schaffen es viele nicht pünktlich von der Arbeit hierher. Oder sie denken so wie wir, dass das Konzert zur üblichen Zeit um 20 Uhr losgeht. Das dachten wir wirklich, bis wir nachmittags noch einmal gegengecheckt haben. Sonst wären wir auch zu spät dran gewesen. So wird es erwartungsgemäß im Laufe des Abends voller, ausverkauft ist die Show aber nicht.

Und auf der Bühne steht natürlich nicht Sufjan Stevens, sondern Ryley Walker und Kollegen. Der Sänger hat sich einen Scherz erlaubt und flachst nun etwas mit dem Publikum.
Die Band hat ein Heimspiel. Bassist Andrew Scott Young, Schlagzeuger Ryan Jewell und Bill MacKay stammen oder wohnen in Chicago. Ryley Walker selbst ist in Chicago aufgewachsen und hat einige seiner vielen Alben hier in den Studios eingespielt. Wenn ich es richtig verstanden habe, darunter auch seine letzten beiden Veröffentlichungen Course in Fable und die So Certain EP. Da kann man es als Opener schon mal entspannt angehen und Scherze machen.
Ryley Walker sehe ich zum zweiten Mal in diesem Jahr und ich freute mich, als ich darüber las, dass er das Vorprogramm an diesem Abend bestreiten wird. Bereits in Genk beim Little Waves Festival im Frühjahr ist mir sein virtuoses Gitarrenspiel aufgefallen. Als nicht Gitarrenspieler sag’ ich mal, er macht das richtig gut. Das hat mir damals richtig Spaß gemacht, denn auch seine Stimme gefiel mir gut und ich empfand die Kombination aus zwar virtuosen, aber nie hektischen Gitarrenspiel und der leicht säuselnden, ruhigen Stimme als sehr angenehm.
Bedächtig und enorm unaufgeregt empfinde ich an diesem Abend auch sein Set. Es erscheint mir noch melodiöser als das in Genk. Fast hätte ich seine Songs nicht wiedererkennt; und ihn auch nicht. Im diffusen blauen Licht verschwimmen für mich die Konturen und überdies sind es von unseren Sitzplätzen aus ein paar Meter zur Bühne. Da er auch seine Bandmitglieder gewechselt hat, macht es mir nicht leichter, Ryley Walker als Ryley Walker wiederzuerkennen.
Wie schon in Genk bleibt dieser eine Song hängen. „The halfwit in me“ ist einfach himmlisch gut.
Nach einer guten halben Stunde und vier oder fünf Songs verlassen die Musiker die Bühne. Yo, das war schön. Und als Einstimmung auf Dinosaur Jr. enorm passend.

Dinosaur Jr. - Chicago, 30.09.2022

Umbaupause. Das Publikum ist heute anders als gestern. Vornehmlich ältere weiße Männer besetzen die Plätze um uns herum. Irgendwas um die 50, so schätze ich das Publikum auf dem Balkon des Theaters bis auf wenige Ausnahmen ein. Entsprechend ruhiger geht es zu. Niemand steht während des Konzertes und das zwischenzeitliche Verlassen der Plätze, um in den Vorraum zu gehen, ist bei Weitem nicht so hoch wie gestern. Weniger Gewusel im Publikum, so gefällt es mir schon besser.

Dinosaur Jr. beginnen um kurz nach halb neun. ‘Oh’, denke ich, ‘das wird ein früher Abend.’ Bei Konzertbesuchen im Urlaub ist das als positiv zu bewerten. Man ist schließlich nicht zum Ausschlafen 1000ende Kilometer in eine andere Stadt gefahren.
Dinosaur Jr. spielen ein Konzert, das mich stark an ihren Auftritt beim diesjährigen Primavera Sound erinnert. Und tatsächlich beinhalten beide Setlisten die gleichen Songs, einzige Ausnahme ist der Opener. In Barcelona spielten Lou Barlow, Murph und J. Mascis „Thumb“, an diesem Abend starten sie mit „The lung“. Und nicht nur das, auch Songreihenfolgen sind identisch. Die Abfolgen „I ain’t“ – „Garden“ – „Little fury things“ – „Out there“ oder „Start Choppin“ – „Feel the pain“ – „Mountain man“ spielen sie bei beiden Auftritten.

Die Stimmung ist gut. Das Altherren Publikum freut sich sichtlich, ein wenig in die Vergangenheit abdriften zu können. Da ist das hiesige Publikum nicht anders als das unsere. Es möchte die Hits hören, die Songs, zu denen man Dinge gemacht und erlebt hat, zu denen man im Idealfall einen emotionalen Bezug hat. Und oft sind das Songs, die man zwischen 18 und 30 gehört hat. Also „The wagon“, „Freak Scene“, „Feel the pain“, „Start choppin“.
Somit ist der zweite Programmblock der stärker umjubelte, in dem Dinosaur Jr. eine Art Best-of-Set mit ihren alten und sehr alten Smashern spielen. In der ersten Hälfte stehen mehr die Songs vom aktuellen Album Sweep it into space im Vordergrund.

Interessanterweise gefällt mir die erste Hälfte besser. „I ain’t“ zum Beispiel finde ich viel besser als den ein oder anderen Green Mind Song und sicherlich habe ich die alten Sachen auch live schon oft genug gehört, als dass sie mich vollständig vom Hocker reißen. Klar, natürlich genieße ich ein live gespieltes „Freak Scene“ immer noch sehr, aber ich fiebere während eines Dinosaur Jr. Konzertes nicht mehr so darauf hin. Und „Just like heaven“ interessiert mich mittlerweile überhaupt nicht mehr.
Gegen Ende des Konzertes wird es richtig alt. „Mountain Man“, der Song, den Lou Barlow singt, ist bald 40 Jahre alt. Puuh. 40 Jahre! Nebenbei bemerkt passt der Songtitel sehr gut zum äußeren Aussehen des Bassisten, dessen Kopfhaar immer lockiger und länger zu werden scheint und mittlerweile fast mit seinem Bartgestrüpp verheiratet ist.

Danach folgen noch „Freak Scene“ und „Gargoyle“, das sich in epischen Gitarrensoli verläuft, bevor sie fast schon traditionell mit dem The Cure Cover „Just like heaven“ ihr Konzert beenden. Danach kommt nichts mehr. Die Uhr zeigt 22.15 Uhr. Feierabend.
Wir steigen die steilen Treppenstufen hinunter ins Theaterfoyer. Noch ein kurzer Blick in den Saal, dann verlassen wir das The Vic Theatre.

Draußen werden Tacos und Pizza im Karton verkauft. Die Bahn kommt nach 10 Minuten. Pünktlich zu den ABC News sind wir in der Hotelbar.

Setlist:
01: The lung
02: In a jar
03: I ain’t
04: Garden
05: Little fury things
06: Out there
07: Crumble
08: The wagon
09: Been there all the time
10: I expect it always
11: I met the Stones
12: To be waiting
13: Start Choppin
14: Feel the pain
15: Mountain man
16: Freak scene
17: Gargoyle
Zugabe:
18: Get me
19: Just like heaven

Kontextkonzerte:
Ryley Walker – Little Waves Festival Genk, 07.05.2022 / C-Mine
Dinosaur Jr. – Primavera Sound Festival Barcelona, 02.06.2022
Dinosaur Jr. – Köln, 03.11.2016 / Live Music Hall
Dinosaur Jr. – Primavera Sound Festival Barcelona, 03.06.2016
Dinosaur Jr. – Primavera Sound Festival Barcelona, 23.05.2013
Dinosaur Jr – Düsseldorf, 17.09.2009 / zakk