Ort: Yard Club, Köln
Vorband: Swirlpool

Whispering Sons - Köln, 20.09.2022

Der kleine Klub ist gut besucht. Swirlpool, eine Jungsband aus Regensburg, spielt Shoegaze, als ich den Saal betrete. Ich finde einen Platz an der Bühne, nachdem ich meine kurze Irritation darüber abgelegt habe, dass die Eingangstür direkt neben der Bühne ist.

‘Swirlpool delivers an exceptional mix of highly energetic Shoegaze and floating, melodic ambience’.

So steht es auf ihrer Bandcamp Seite. Das stimmt. Swirlpools Shoegaze ist episch und schön anzuhören. Laute oohhs und aahhs ruft er bei mir jedoch nicht hervor. Hätten wir 1990, dann wäre das ‘ne Wucht. 2022 ist das nur eine schöne Erinnerung an alte Zeiten und an Ride und Chapterhouse und Spacemen 3.

Der Yard Club liegt auf dem Gelände der Kantine in Köln Niehl. Ich glaube, ich bin zum ersten Mal hier. Also nicht in der Kantine, da sah ich schon einige Konzerte, aber im kleinen Yard Club, der hinter dem Biergarten im ersten Geschoß eines weiteren Kantinengebäudes liegt, schon.
Kurzentschlossen hatte ich mir am Morgen ein Ticket für die Whispering Sons gekauft. Kurzentschlossen, weil ich ihr Konzert vollkommen aus den Augen verloren hatte (es ist so ein Nachholdings aus dem Frühjahr oder aus dem letzten Jahr) und erst durch das Lesen der Tageszeitung erneut auf den Termin aufmerksam wurde. Und hier gilt nicht, was für das Notwist Konzert zu Beginn der Woche galt. Für die Bayern hatte ich noch auf einen Ticketkauf mit der Begründung verzichtet, dass ich die Band in den letzten Jahren zu regelmäßig gesehen habe und ich mal eine Pause brauche. Zwar sah ich die Whispering Sons in den letzten drei Jahren vier Mal, trotzdem zweifelte ich keine Sekunde, mir eine Karte zu kaufen. Da geh ich hin, die hab’ ich dieses und letztes Jahr nur einmal gesehen.

Und so stehe ich im Yard Club und weiß, was mich erwartet. Zumindest denke ich das. Ganz sicher bin ich mir nicht, da mein letztes Konzert der Whispering Sons in Maastricht vor vielleicht fünf- bis sieben Mal so vielen Leuten stattfand. Ja, in Belgien sind die Whispering Sons mittlerweile eine große Nummer, bei uns noch nicht ganz. Der kleine Yard Club ist nicht ausverkauft. Also frage ich mich, ob das Konzert emotional an den großen Maastrichter Abend anknüpfen kann. Relativ schnell kann ich die Frage mit ‘ja’ beantworten. Das ist gut. Die Whispering Sons haben sich von den kleinen Bühnen noch nicht entwöhnt und wirken auch trotz dauerhaften Tourens in 2022 nicht erkennbar überspielt.

In der Umbaupause erhasche ich einen Blick auf die Setlist. Hier liege ich mit meinen Erwartungen richtig. Es ist so ziemlich die gleiche Setlist wie im Mai in Maastricht. Ich lese nur bekannte Songnamen. Nur bekannte Songs? Wirklich? Nein, mit „Smoke“ kann ich spontan nichts anfangen. Und auch „Walking Fl.“ sagt mir jetzt erstmal nichts. Dafür fehlen im Vergleich zu meinen letzten Whispering Sons Konzert „(I leave you) wounded“ und „Vision“ auf der Setlist. Several others – ihr aktuelles Album – spielen sie also nicht wie zuletzt zu 100%. „Walking Fl.“ nehme ich während des Konzertes nicht wirklich wahr, „Smoke“ dagegen fällt mir auf. Als erster Song der Zugabe klingt er poppiger als die anderen Sachen, „Smoke“ ist kein düsterer Stampfer.

Sonst ist es wie sonst, aber keineswegs langweilig.
„Aftermath“ gönnt der Band eine Pause, es wird nur von Fenne Kuppens und Kobe Lijnen vorgetragen. Ich glaube, ich habe den Song erstmals 2021 in Eupen gehört. Damals fand ich den ruhigen Song im Gesamtkontext nicht wirklich passend, es war wie ein künstlich herbeigeführter Bruch im Konzert. Mittlerweile hat er sich gemausert. Es ist zwar immer noch der ruhigste Song des Abends, wirkt aber bei weitem nicht mehr wie ein Fremdkörper im Portfolio. „White noise“, „Wal“, „Tilt“, „Dead end“ haben nichts von ihrer Energie verloren. Ich könnte die Songs jeden Tag live sehen, ich wäre immer jeden Tag aufs Neue beeindruckt.
Das hat was damit zu tun, dass die Whispering Sons eine tolle Liveband sind, die jedes Konzert zu einem besonderen Konzert macht. Ihre Bühnenpräsenz ist so enorm, ich zumindest kann mich ihr nicht entziehen. Und das hat natürlich mit der Sängerin Fenne Kuppens zu tun. Denn redet man von der Bühnenpräsenz einer Band, meint man ja meist die Bühnenpräsenz des Sängers und/oder der Sängerin einer Band. Frag’ die Sängerin von Dry Cleaning. Und so meint man Fenne Kuppens, wenn man von der guten Livepräsenz der Whispering Sons spricht. Und es ist unbestritten, dass die Sängerin diese besondere Bühneneigenschaft hat, Leute in ihren Bann zu ziehen.

Dadurch verlor ich bei früheren Whispering Sons Konzerten ein bisschen den Blick auf die übrigen Bandmitglieder. An diesem Abend nicht. Im Yard Club steht Kobe Lijnen direkt vor mir auf der Bühne und Sander Hermans am Keyboard kann aufgrund der kleinen Bühne an diesem Abend nicht im Bühnennebel im hinteren Bühnenbereich verschwinden. Gerade der Keyboarder verrichtet seine Arbeit an diesem Abend enorm unaufgeregt. Wie die übrigen Bandmitglieder auch. Was mir bisher nicht so deutlich bewusst war, Kobe Lijnen hat auch an der Tastatur große musikalische Fähigkeiten hat („Aftermath“). Er ist der Mann, auf den die anderen schauen, der das Tempo vorgibt und die Rhythmussektion führt. Fenne Kuppens aber bleibt der optische Fixpunkt bei Whispering Sons Konzerten.

Setlist:
01: Dead End
02: Heat
03: Got a light
04: Alone
05: Tilt
06: Walking, Flying
07: White noise
08: Screens
09: Flood
10: Surface
11: Hollow
12: Aftermath
13. Satantango
14: Surgery
Zugabe:
15: Smoke
16. Wall
17: Waste

Kontextkonzerte:
Whispering Sons – Maastricht, 26.05.2022 / Muziekgieterij
Whispering Sons – Eupen, 15.09.2021 / Alter Schlachthof
Whispering Sons – Sonic City Festival Kortrijk, 09. u. 10.11.2019
Whispering Sons – Little Waves Festival Genk, 13.04.2019