Ort: Muziekgieterij, Maastricht
Vorband:
Shht

Whispering Sons - Maastricht, 26.05.2022

In der großen Halle der Muziekgieterij war ich bisher noch nicht. Oder zumindest noch nicht seit deren finalen Fertigstellung. Während der Umbauphase bzw. der frühen Anfangsphase der Muziekgieterij sah ich hier Swervedriver. Ich bin mir aber überhaupt nicht mehr sicher, ob es seinerzeit der gleiche Raum war. Nach den ersten Jahren hat sich in der alten Fabrikhalle doch einiges getan und der Grundriss wurde das ein oder andere Mal verändert.

Na egal, jetzt stehe ich im großen Saal und bin beeindruckt. Schön sieht’s hier aus. Ich glaube, hier macht Konzerte gucken Spaß. Ich würde schätzen, der Saal ist ca. halb so groß wie die Live Music Hall in Köln. Ich bin aber nicht gut im Schätzen. An den Seiten und an der Saalrückwand gibt es eine Galerie. Die Bühne ist hoch, ich kann meine Arme darauf ablegen. Die Bühnenrückwand ziert eine Felswand oder doch eher eine Felswandattrappe. So genau sehe ich das nicht. Ich vermute mal, das ist das Whispering Sons Bühnenbild.
Wann war ich das erste Mal hier? Ich kann mich nicht genau erinnern. Aber in den Jahren haben die Macher mit der Muziekgieterij ein Konzertschmuckkästchen geschaffen, das unter allen Konzertsälen, die ich kenne, locker in den TOP 5 liegt. Und ich kenne so einige…

Die Whispering Sons. Eine Band, die ich in den letzten Jahren immer mal wieder gesehen habe. In Eupen, in Kortrijk, in Genk und jetzt in Maastricht. Nicht die großen Konzertstädte, aber meine Neugierde ist sowieso eher bei den kleinen. Fenne Kuppens, Kobe Lijnen, Tuur Vandeborne, Sander Pelsmaekers und Sander Hermans a.k.a. Whispering Sons hatten ihren Durchbruch 2019. 2018 veröffentlichten sie ihr Debütalbum Image, im Jahr darauf stellten sie es live vor. In Genk wurden sie bereits gefeiert, in Kortrijk noch ein kleines bisschen mehr.
Mittlerweile hatte es sich auch außerhalb Belgiens rumgesprochen, dass die Whispering Sons eine durchaus interessante Band sind. Und das aus zweierlei Gründen: zum einen liegen sie musikalisch mit ihrem Gothic-Post-Punk genau auf der Höhe der Zeit und zum anderen haben sie in Fenne Kuppens eine Sängerin, die eine tolle Stimme hat und eine überragende Bühnenpräsenz an den Tag legt.
Zurecht, kann ich da nur sagen. Wer die Whispering Sons live noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen: auf dem Maifeld Derby zum Beispiel, oder im Herbst auf ihrer kleinen Deutschlandtour (dann u. a. auch in Köln). Obwohl, dann gibt’s bei uns vielleicht wieder Coronarestriktionen; wir sind ja in der Breite immer noch nicht ausreichend stark geimpft. Na, hoffen wir es mal nicht!

An diesem Abend in Maastricht heißt die Vorgruppe Shht, und nachdem ich nachmittags ein, zwei Videos gesehen habe, schenke ich sie mir. Shht sind mir zu anstrengend.
Und ganz schön laut. Das erste was ich mache, nachdem ich die Halle betrete habe, ist hektisch nach meinen Ohrstöpseln zu suchen. Die letzten drei, zwei Lieder bekomme ich noch mit; meinen Eindruck vom Nachmittag sehe ich in jeder Sekunde bestätigt. ‘Shht are Space Rock for the now generation.’ So steht es auf ihrer Facebook Seite. Ich gehöre hier nicht zur now generation.

Nach einer kurzen Umbaupause kommen die Whispering Sons auf die Bühne, und ich sehe mich schnell bestätigt, dass es eine gute Idee, die Band erneut live zu sehen.
Erster Gedanke: ‘die werden live immer besser.’ Im Vergleich zum letzten Winter – ihr Konzert in Eupen ist hier meine Referenz – bemerke ich einen weiteren Schritt nach vorn.  mehr Routine (logisch, es kamen im letzten halben Jahr eine Vielzahl an Konzerten hinzu), mehr Selbstsicherheit (logisch, folgt aus mehr Routine), eine in der Gesamtheit noch bessere Bühnenperformance. Deutlich wird das an den „Aftermath“, der Ballade der Band. Sie kommt so selbstverständlich rüber, wie ich sie noch nicht gehört habe. Dazu sollte ich vielleicht sagen, dass bei „Aftermath“ nur Fenne Kuppens und Sander Hermans am Keyboard auf der Bühne stehen. Es ist der einzige Song ohne Lärm, ohne Gitarren, ohne Punk im Post-Punk.

Davor und in den letzten beiden Songs danach ist das natürlich anders. Hier röhrt Fenne Kuppens wie weiland Bonnie Taylor; die Gitarren sägen und zerren sich durch Songs wie „White Noise” oder „Got a light”. Das ist aktuell ihr Markenzeichen und dieser Gothic Wall of Sound klingt so vertraut nach den 1980er Jahren, dass es eine helle Freude ist, der Band zuzujören und zuzusehen. Die Whispering Sons haben so viele Referenzen und so viele Zitate in ihren Songs, dass es eigentlich unvorstellbar ist, dass sie dabei nicht altbacken klingen oder wie billige Kopisten wirken. Doch das sind sie definitiv nicht. Raffiniert verknüpfen die Whispering Sons die klassischen, dunklen Post-Punk Melodien mit zeitgemäßem Rock. Und für den Livemoment haben sie überdies noch Fenne Kuppens.

„White noise“ und „Got a light“ vom ersten Album sind dann auch die ersten Stampfer. Bedrohlich und finster klingt der Bass, breit und hoch sind die Gitarrenwände. Ganz anders dagegen das zuvor gespielte „Heat“. Geradezu freundlich und flockig tanzbar klingt der Song vom aktuellen Album Several others. Ich könnte weitere Beispiele aufzählen, aber warum?! Das machten schon andere. Ich höre jetzt das, was ich überall lese: die alten Sachen sind dunkler.

Die Whispering Sons sind live eine Attraktion. Wir sehen uns im Herbst.

Setlist:
01: Dead end
02: Heat
03: Got a light
04: White noise
05: (I leave you) wounded
06: Alone
07: Vision
08: Screens
09: Flood
10: Surface
11: Hollow
12: Aftermath
13: Satantango
14: Surgery
Zugabe:
15: Tilt
16: Wall
17: Waste

Kontextkonzerte:
Whispering Sons – Eupen, 15.09.2021 / Alter Schlachthof
Whispering Sons – Sonic City Festival Kortrijk, 09. u. 10.11.2019
Whispering Sons – Little Waves Festival Genk, 13.04.2019