Ort: Parc del Fòrum, Barcelona
Bands: Thurston Moore, The magnetic fields, Angel Olsen, Teenage Fanclub, Metronomy, Grace Jones, Arcade Fire

Immer dieses Gerenne. Der Auftritt von Thurston Moore war an diesem Tag gesetzt: Da er jedoch auf der hidden stage stattfinden sollte, benötigte es eines dieser kleinen farblichen Armbändchen, die den  Eintritt zur hidden stage zuließen. Das Bändchen wurde ab 16 Uhr am Infostand ausgegeben, was bedeutet, dass man schon so gegen halb vier am Gelände sein sollte, um eines der Bändchen zu ergattern. Die Erfahrung aus dem letzten Jahr zeigte, dass überdies ein ganz schönes Gerenne über das Gelände zu diesem Infostand einsetzt, sobald der Zugang zum Parc del Forum geöffnet wird. Ein paar Übervorsichtige und Drama Kings und Queens gibt es halt immer. Wenn keiner rennen würde, würde auch alles laufen. Oder so ähnlich.

Gesagt, getan. Um halb vier stand ich am Gitter des Geländes. Ich war nicht der erste, aber ich stand in dem Pulk von Leuten, die ohne Probleme alle ein Bändchen bekommen sollten. Es wurde 16 Uhr, die Tore öffneten sich und der Schwarm der Wartenden setzte sich in Bewegung. Also, Gerenne zum Infostand, kurzes Anstehen, Bändchen ergattern, freuen, und gut ist.

Durch diese Aktion war es mir leider nicht möglich, pünktlich den zweiten Teil der Magnetic Fields Geschichte im Auditori in Angriff zu nehmen. Diese begann nämlich schon um 16 Uhr, just zu dem Zeitpunkt, als das Gelände und die Ausgabe der Thurston Moore Bändchen eröffnet wurden. (Das Auditori liegt außerhalb des Festivalgeländes, der Zugang dazu ist unabhängig und separat). Also hieß es, nachdem ich das hidden stage Bändchen in Empfang genommen hatte, wieder runter vom Gelände und rein in die Auditori Schlange. Nach weiteren guten halben Stunde anstehen saß ich dann in einem der bequemen Konzertsaalsitze, die ich kenne. Puhh, was ein Festivalstress. Die Gemütlichkeit des Auditori kam da für die nächsten anderthalb Stunden gerade recht. Das Administrative ist ja nun erledigt, jetzt sollte der Spaß beginnen. Also endlich Musik hören und locker den Konzerttag eröffnen. Der zweite Teil des Magnetic Fields Kunstwerkes 50 Songs stand an, und irgendwie war es so wie gestern. Gleicher Bühnenaufbau, gleiche Begeisterung. Musikalisch war auffällig: an diesem Tag fehlten Trompete und Saxophon.

Weiter zu Thurston Moore und in die hidden stage. Heute war es noch ein bisschen stickiger inder Tiefgarage als am Mittwoch. Aber jammern gilt nicht, wenn der Meister ruft. Zwar zog ich es nach ein paar Minuten vor, den Stehplatz in vorderster Reihe gegen einen staubigen Bodensitzplatz einzutauschen, aber ausharren und bis zum Ende zuhören war hier oberste Konzertgeherpflicht. Vier Songs spielte der Wahl-Londoner in der knappen Konzertstunde. Begleitet wurde er am Schlagzeug dieses Mal nicht von Kumpel Steve Shelley, sondern von einem gewissen Jeff.

Das sehr schöne „Into the wild“ war Gott sei Dank dabei. Es ist einer der besten Moore Songs, wie ich finde. Auch auf der hidden stage faszinierte und beeindruckte mich das Moore’sche Gitarrenspiel. Wie macht er das bloß, dass seine verstärkte akustische Gitarre wie eine doppelte Packung Sonic Youth klingt? Es war unglaublich, sich die vier Songs reinzuziehen. Der Jubel in der Tiefgarage war riesengroß. Gerne hätte ich ihn hier und jetzt mit seiner Band gesehen, aber alles kann ich an diesem Tag scheinbar nicht haben. Doch ein Wunsch bleibt: es müsste jede Woche ein Thurston Moore Konzert geben.

Noch so eine Entdeckung aus dem letzten Jahr. Seit ihrem letzten Album und dem sagenhaften Konzert im Kölner Stadtgarten bin ich großer Angel Olsen Fan. Demzufolge und logischerweise war auch dieses Konzert gesetzt. Zeitlich passte es im Anschluss an Thurston Moore eh perfekt und eine wirkliche Alternative gab es für mich zu diesem Zeitpunkt auch nicht zu bedenken. Also Angel Olsen auf der Ray-Ban, meiner heimlichen Lieblingsprimaverabühne. Dies sei ihr größter Auftritt ever, und sie fände es außerordentlich, dass so viele Menschen ihre Musik hören wollen. Sie machte das sehr souverän. Und mir machte es Spaß, ihr dabei zuzusehen.

Teenage Fanclub, Metronomy. Die Schotten und Amis waren leider nur beiläufig in meinem Konzertprogramm.  Ein bisschen hiervon, ein wenig davon. Da im direkten Anschluss Grace Jones eine der großen Bühnen betreten sollte, und ich davon zumindest etwas aus aussichtsreicher Position mitnehmen wollte, konnte ich nicht bis zum Schluss am anderen Festivalgelände beim Teenage Fanclub rumhängen. Und da mich die zeitgleichen Metronomy spielten, war der Plan, früher von der Primavera Bühne los (Teenage Fanclub) und rüber zum großen Platz, vorbei an der zweitgrößten Bühne (auf der Metronomy spielten) und dann Grace Jones gucken.
Sowohl der Teenage Fanclub als auch Metronomy sind alte Bekannte. Ich sah sie schon häufiger oder zumindest einmal.  Bei Metronomy begeisterte mich vor Jahren ihr ultimativer Tanzsound, ihre lupenreinen Sommersongs. Dieses Keyboard düdüdüpdüpdüpdüdüp von „The look“ ist mir immer noch im Ohr. Mittlerweile sind dann auch Metronomy zu groß für die mittelgroßen Festivalbühnen, nicht nur beim Primavera. Dass für mich damit ein bisschen der Charme eines solchen Konzertes vergeht, wem muss ich das erzählen. So war es gut, dass ich an der Mango Bühne vorbei zu Grace Jones musste, um quasi im Vorbeigehen noch etwas Metronomy zu erhaschen. Das reichte mir auch irgendwie. Was ich irgendwie merkwürdig fand.

Zuvor waren Teenage Fanclub so wie immer. Die Schotten kannste nachts wecken und sagen, ‘hey, geht auf die Bühne und spielt ein paar Songs‘, und sie gehen auf die Bühne und spielen ihre Songs so, wie sie es auch im hellwachen Zustand machen würden. Aufmerksam, unterhaltsam, akkurat, oder in einem Wort: gnadenlos gut!

Ich gebe es zu, ich war gespannt auf das Grace Jones Konzert. Oder neugierig. Ja, ich glaube, neugierig trifft es besser. Richtig etwas anfangen konnte ich mit Grace Jones nie etwas. Damals in den 1980er Jahren war mir ihre Musik zu komisch, ihre Videos zu künstlerisch-experimentell. Sie wirkte so clean, so unnahbar, so kalt, das behagte mir nicht. „Slave to the rhythm“ wurde überdies sehr oft auf Formel 1 und im Radio gespielt, da wurde ich erst recht überdrüssig und stand Grace Jones eher ablehnend gegenüber. Aber lange ist es her, und an einem lauen, spanischen Festivalabend könnte das Konzert doch ganz unterhaltsam sein.
Wurde es auch, obwohl der Auftritt vielmehr eine Varieté Show gleichkam als einem Konzert.  Mehrmalige Kleiderwechsel, artistische Tänzer, mich eher an Musicals erinnernde Showsequenzen. Das Grace Jones Konzert wurde zum Event, das jedoch zu keiner Minute langweilte oder deplatziert wirkte. Musikalisch bemerkte ich irgendwann zur Hälfte des Auftritts, dass ich kaum einen Song kenne. So blieb es, dass neben „Slave to the rhythm“ das Roxy Music Cover „Love is a drug“ der Song mit dem höchsten Wiedererkennungswert war. ‘Warum spielt sie ihr James Bond Theme eigentlich nicht gespielt?‘ dachte ich während des Auftritts der Jamaikanerin. Nachher fiel mir ein, dass sie überhaupt keinen Bond Song gemacht hat. Sie spielte nur in einem Bond-Film mit. So war das. Da kann ich aber auch durcheinander kommen.

Dadurch, dass ich Grace Jones bis zum Ende sah, war es unmöglich, einen guten Platz für das Arcade Fire Konzert auf der Bühne gegenüber zu ergattern. Was blieb waren ein paar Songs aus der Ferne, was nicht so wirklich viel Spaß macht und die Erkenntnis, dass ein Blick auf die Swans auch nicht schaden könnte.

Und so schlenderte ich zum anderen Ende des Festivals, sog die nächtliche Stimmung ein wenig in mich auf. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die letzten Tage waren anstrengend wie immer. Da ich aber nicht jünger werde, bleiben die Spuren von wenig Schlaf, langem Stehen und viel auf den Beinen sein, nicht ungesehen. Ich bin kaputt, ich bin müde. Aber es ist schön hier, sehr schön sogar. Da lass ich die Musik doch einen Moment Musik sein und beobachte einfach nur das nächtliche Treiben.
Dance to the rhythm.

Kontextkonzerte:
Metronomy – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2017
Angel Olsen – Köln, 28.10.2016 / Stadtgarten
Teenage Fanclub – Köln, 27.11.2014 / Stadthalle Mühlheim
Teenage Fanclub – Rolling Stone Weekender Ostsee, 12.11.2010
Thurston Moore – Paris, 11.03.2017 / La Maroquinerie
Thurston Moore – Köln, 16.11.2014 / Gebäude 9

Thurston Moore – Köln, 31.03.2014 / King Georg

Swans – Dortmund, 15.05.2015 / FZW
Swans – Primavera Sound Festival Barcelona, 24.05.2013

Fotos:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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