Ort: M-Leuven, Leuven
Vorband:

Tindersticks – M-IDZOMER Festival, 30.07.2022

Samstag und Tag 2 des M-IDZOMER Festivals in Leuven. Also unser zweiter Tag; das Festival selbst geht bereits in den dritten Durchlauf. Am Donnerstag waren bereits unter anderem Son Lux und Sylvie Kreusch zu Besuch. Am Sonntag, dem vierten Tag, stehen die Intergalactic Lovers zur Primetime auf der Außenbühne. Unser Fokus lag von Anfang an nur auf dem Freitag und dem Samstag. Die anderen Festivalheadliner sind zwar auch spannend, aber vier Tage Leuven doch zu überdimensioniert. Zwei Abende und ein Tag dagegen sind gut zu verplanen und arbeitstechnisch ist es auch nicht zu schwierig, den Büro-Freitag etwas eher zu beenden, um spätnachmittags in Leuven zu sein, als bereits am Donnerstag zeitig los zu ziehen und den Freitag komplett frei zu machen. Ja natürlich, auch sind uns die anderen Bands nicht so wichtig. Die Tindersticks und Buffalo Tom dagegen schon.

Das Fazit des gestrigen Tages muss lauten: was für ein schönes, kleines Festival die Veranstalter hier aufgebaut haben. Nicht zu groß, ein angenehmes Publikum, wohl ausgewählte Bands. Die Freude auf den zweiten Abend ist groß, das Programm lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Tindersticks. Wie auch schon gestern beschränken wir uns auf den Hauptact und lassen die anderen Bands außen vor. Bluai zum Beispiel, oder die Isbells.
Nach einer ausgiebigen Stadttour (bisher kannte ich von Leuven nur den Hauptbahnhof, das Ibis Styles am Hauptbahnhof und das Het Depot) stehen wir gegen 21 Uhr erneut da, wo wir gestern Abend auch standen: links vor der Bühne im Innenhof des Museums Leuven. Zehn Minuten später als gestern, also um 21.40 Uhr spielen hier die Tindersticks und ich bin sehr gespannt. Denn nicht nur die Innenstadt von Leuven und die alte Stella Artois Brauerei sah ich heute zum ersten Mal, auch die Tindersticks habe ich live noch nicht gesehen.

M-IDZOMER Festival

Dieser zweite Konzertabend ist für mich eine kleine Wundertüte. Nicht nur, dass ich die Band noch nie live gesehen habe, auch bin ich mit ihren Songs nicht sonderlich vertraut. Ich kenne bewusst keinen Song, erst recht kein Album von den Engländern. Da ich nicht ganz unvorbereitet sein möchte, recherchiere ich ein bisschen im Internet und entdecke dabei folgende Aussage:  

Tindersticks have never releseaed a bad album

schreibt Pitchfork, und weiter

Tindersticks never made an opportunistic, trend-driven shift, and have never done anything that might date their music to its moment of origin.

Ah ha, okay. Später am Abend, genau gesagt zum Ende des Konzertes hin kann ich diese Worte nur bestätigen. Das Konzert war voll toller Songs und obwohl ich nichts von ihnen kannte, kamen mir ihre Songs vertraut und bekannt vor.
Mehr noch. Wie kann ich mich bei einem Konzert einer mir unbekannten Band so dermaßen wohlfühlen? Die Lösung kann nur lauten: es muss eine großartige Band sein, die großartige Lieder komponiert. Keines ihrer Alben kann wirklich schlecht sein. Der Fachmann bezeichnet die Tindersticks Musik übrigens als Kammer-Pop: klassische Instrumente, orchestrale Melodien, ausgefeilte Kompositionen. Und alle ihre Songs sind wirklich zeitlos. (Also zumindest die, die ich an diesem Abend gehört habe). Die Tindersticks spielen einen Stil, der vor 20 Jahren und sicher auch noch 10 Jahren so neu (im Gegensatz zu altbacken) und unverbraucht klingt, dass man ihn einfach gerne hört und hören kann. Aber ich glaube, dass ist diesem Genre mitgegeben.

Ich kenne nichts von den Tindersticks? Ganz bestimmt nicht? Nun, eine interne Datenrecherche belehrt mich eines Besseren. Ich besitze das Tindersticks Album Across six leap years, kenne also definitiv „Show me everything“, einen Song, den sie in der Zugabe spielen. Across six leap years ist eine Art best-of Album, eine Zusammenstellung alter Songs, die die Tindersticks neu eingespielt haben. Warum ich genau dieses Album besitze, weiß ich gerade nicht. Denn nicht Mal das Cover ist besonders schön.

„Show me everything“ und die weiteren 13 Songs funktionieren im Museumshof richtig gut. Um kurz vor 22 Uhr kriecht die blaue Stunde langsam hinter Bühne hervor, die Museumsmauern leuchten bereits in zartem rot. Später, wenn sich die blaue Stunde in die Nacht verabschiedet hat, die Dunkelheit langsam über den Museumshof steigt und nur die Bühnenstrahler und die Lampions den Innenhof beleuchten, ist es endgültig die perfekte Zeit für die getragenen und ruhigen Songs der Tindersticks
Ich komme schnell in das Set rein. Die Melodien vereinnahmen mich sofort. Diese Sätze benutze ich oft, wenn ich sagen möchte, dass mir ein Konzert von Beginn an gefällt. Doch pah, bei den Tindersticks ist das stark untertrieben. Ich verliere mich direkt in den großen, langen und orchestrierten Songs. Das passt viel besser! Es ist die Schwere und die Melancholie der Songs und die Baritonstimme von Stuart Staples, die mich gefangen hält.  

Die Band ist zu fünft. Manchmal auch zu sechst. Bei einigen Songs unterstützt ein junger Gitarrist mit Bart die Band. Nach wechselnden Besetzungen und einigen Jahren Pause (in denen Stuart Staples ein Soloalbum veröffentlichte) bestehen die Tindersticks neben dem Sänger derzeit aus David Boulter, Neil Fraser, Dan McKinna (der wie ich finde eine große Ähnlichkeit mit dem jungen Robert Redford aufweist – aber sicher rede ich mir das nur ein, weil ich erst letztens Die drei Tage des Condor gesehen habe) und Earl Harvin. Es ist also ordentlich Betrieb auf der Bühne, zumal die Musiker zeitweise untereinander die Instrumente wechseln.
Jedem bereitet das Konzert sichtlich Spaß. Stuart Staples wird im Laufe des Konzertes zum großen Conférencier. Nicht durch viele Worte, mehr durch seine Gesten und seine Körpersprache. Staatsmännisch wirkt die auf mich und auf eine bestimmte Art und Weise elegant. „Say goodbye to the city“, „A night so still“ und „Take care in your dreams“, auch die Songtitel passen zur gefühlstechnischen Gemengelage im Museumshof.
Interessanterweise spielen die Tindersticks keinen Song vom aktuellen Album Distraction. Die aktuellsten Songs im Set sind das finale „For the beauty“ und „Pinky in the daylight“ vom 2019er Album No treasure but hope. Der Rest ist ein Ritt durch den Backkatalog. Die Band spielt dabei sehr souverän bedächtig. Es wird nur lauter, wenn sich der Boss Stuart Staples die E-Gitarre schnappt. Dann gewinnen die Songs kurz an Dynamik und Verve. Drei, viermal ist das Fall. Die ruhigen Songs sind dagegen so ruhig, dass man die Geräuschkulisse des Innenhofes deutlich wahrnimmt. Das stört aber nicht. Weder mich noch die Band.

Nach knappen 90 Minuten ist das Konzert vorbei. Genau wie gestern Buffalo Tom bekommt auch am heutigen Abend der Headliner die volle Konzertspielzeit zugewiesen.
Auf dem Rückweg lassen wir die beiden Abende noch einmal Revue passieren. Ja, der Besuch des M-IDZOMER Festivals hat sich definitiv gelohnt. Entspannte Anreise, zwei tolle Bands, zwei schöne Konzerte, ein angenehmes Publikum und ein perfektes Konzertvenue. Besser geht’s nicht.

Setlist:
01: Like only lovers can
02: The amputees
03: Medicine
04: How he entered
05: Trees fall
06: Pinky in the daylight
07: Second chance man
08. Her
09: See my girls
10: Say goodbye to the city
11: A night so still
12: Take care in your dreams
Zugabe:
13: Show me everything
14: For the beauty

Kontextkonzerte:
Stuart Staples – Crossing Border Festival, Den Haag, 05.11.-06.11.2021