Ort: Korzo Theater – Schuilkerk – Lutherse Kerk, Den Haag
Bands: Sophie Hunger, Cassandra Jenkins, Big Joanie, Theon Cross, Adrian Crowley, Billie Marten, Anthony Joseph, Stuart A. Staples, Ghostpoet

Von Sophie Hunger bis Ghostpoet. Oder von Berlin bis Berlin. Das ist die Klammer um unsere beiden Tage Crossing Border Festival, das uns das erste post Corona Festival beschert. Schauplatz des musikalischen Teils des Literatur- und Musikfestivals ist in der Hauptsache das Korzo Theater im Stadtzentrum Den Haags. In den drei Sälen des Theaters Korzo spielt die Musik; hier finden an den beiden Abenden knapp 20 Konzerte statt. Da das aber nicht genug ist, um alle Musiker*innen unterzubringen, gibt es mit der Lutherse Kerk und der Schuilkerk zwei weitere Konzertorte in Laufentfernung zum Theater. Wie die Namen schon vermuten lassen, sind es zwei Kirchen; eine größer, die andere Kirche etwas kleiner. Literatur gibt es die ganze Woche über in Buchläden, Zentren, etc. und an den Wochenenden jeweils auch in den Konzertsälen und vor den Konzerten. Colson Whitehead zum Beispiel las vor Theon Cross aus seinem Werk Harlem Shuffle, Pajtim Statovci vor dem Konzert von Cassandra Jenkins.

Das Crossing Border ist ein überschaubares Festival. Der große Saal im Korzo Theater fasst vielleicht 500 Leute (The Raven), die beiden anderen Säle (Heartbeat Hotel und The Hideout genannt) ca. die Hälfte. Wäre das Crossing Border ein Fußballverein, würde man die Vokabel familiäres Umfeld bemühen. Am zweiten Tag müssen wir am Einlass nicht einmal mehr die Bändchen zeigen, der Türsteher erkennt uns (und nicht nur uns, wie ich beobachten konnte).

Hauptgründe für einen Ausflug nach Den Haag waren aus meiner Sicht die Auftritte von Sophie Hunger am Freitag und von Ghostpoet am Samstag. Andere nennen eher den Akustikauftritt von Stuart A. Staples und die Lesung von Billie Gillespie. In den Wochen vor dem Crossing Border kamen für mich zwei weitere Hinfahrgründe dazu: Cassandra Jenkins und Big Joanie. Beide Bands/Musikerinnen entwickelten sich den Spätsommer über zu meinen musikalischen Entdeckungen des Jahres. Umso schöner, dass ich direkt die Möglichkeit ergab, beide Acts live zu sehen.

Das macht in Summe ein rundes Paket und ich sah mich an beiden Abenden mehr als zeitlich ausgelastet. So dachte ich, bevor das Crossing Border seinen Zeitplan veröffentlichte. Als ich den Ablaufplan sah, war ich erschrocken. Ghostpoet spielt zeitgleich zu Stuart A. Staples und zur Lesung von Bobbie Gillespie. Na prima, aus drei potentiellen Besuchen muss ich nun eines herauspicken. Und das ist nur der Samstag. Am Freitag dann noch dies: Sophie Hunger spielt den Eröffnungsslot und 15 Minuten später startet Cassandra Jenkins in der Schuilkerk. Mein Programm reduziert sich durch äußere Einflüsse brutalst. So gibt es auf einmal Chancen und Zeit, unbekannte Musiker zu sehen und zu hören. Den Tubajazz von Theon Cross zum Beispiel, oder Anthony Joseph und Adrian Cowley.

Sophie Hunger (drei Songs), Cassandra Jenkins, Theon Cross, Big Joanie und Adrian Crowley. Das ist mein Freitag. Anthony Joseph, ein Spaziergang zur Lutherse Kerk, Stuart A. Staples (30 Minuten), Ghostpoet und zwischendurch zwei Songs von Billie Marten gestaltenden meinen Samstagabend.

Sophie Hunger. Lange Zeit nicht mehr gehört. Ich glaube, mein letztes Konzert der Schweizerin war irgendwann zu Beginn des Jahrzehnts im Dortmunder Schauspielhaus. Das war toll und seinerzeit war ich großer Sophie Hunger Fan. Doch seit dieser Zeit bin ich raus. Die letzten Alben Supermoon, Molecules, Halluzinationen und Ich liebe dich kenne ich überhaupt nicht. Nichtsdestotrotz, ich freute mich auf das Konzert, oder – wie ich im Nachhinein besser sagen muss – auf die drei Songs, die ich mitbekomme. „Open the bar“ steht am Beginn und hey, passender kann ein Festival mit einem Song nicht starten, oder?!
Begleitet wird Sophie Hunger von zwei Musikern am Schlagzeug und am Keyboard. Vielleicht kommen später noch ein paar hinzu, das weiß ich nicht. Denn nach „There is still paint left“ und „Supermoon“ geht es rasch weiter zur Schuilkerk. Die liegt gleich um die Ecke, wie wir nachmittags schon auskundschafteten.

Cassandra Jenkins. Definitiv die Festivalüberraschung und eines der Konzerte des Jahres. Der Wechsel aus dem Korzo Theater und Sophie Hunger zur Schuilkerk hat sich, trotz unbequemer Büßerbänke, mehr als einhundertprozentig gelohnt. Lange wurde ich nicht mehr so mitgenommen von einem Auftritt. Was Cassandra Jenkins und ihre Bandkollegin*innen bieten, ist sensationell. Klar, dass teils schmalzige 1980er Jahre Saxophon muss man lieben, aber gelingt einem das, ist aber alles gut. Die Band klingt nach „You belong to the city“ (Glen Frey), „Careless whisper“ (Wham) und „Smooth operator“ (Sade). „Hard drive“ ist so ein Song. Wunderschön. Bei einem anderen Song kommen aus Cassandra Jenkins IPhone ein paar Textpassagen oder Durchsagen einer Frauenstimme und sie vermengen sich im laufe mit den Instrumenten. So richtig zu verstehen ist das in der kleinen Kirche nicht, aber all das passt gnadenlos gut zuzsammen. Ruhig, unaufgeregt und nie zu wild spielt Jill Ryan das Saxophon. Auch die anderen Instrumente, die von Mitgliedern der Bands Babe und Lylo bedient werden, halten sich bedeckt. Zusammen entsteht so der Soundtrack eines 1980er Jahre Liebesfilms.
An overview on phenomenal nature heißt ihr Album, das Mitte 2021 auf den Markt kam. Es ist eine großartige Platte. Die Kirche ist ein perfekter Ort, um sich diesen Sounds hinzugeben und sich ein Stück weit in ihnen zu verlieren. (PS: Ich muss mal wieder Sade hören.)

Big Joanie und weg vom Schmalzindie. Das ist das tolle an Festivals, dass ich zwischen den Genres hin und her hoppen kann. Hier ist es laut und rockig. Sleater-Kinney und TV on the Radio mache ich für mich als Intervallgrenzen für Big Joanie fest. Der sich überschlagende Gesang von Stephanie Phillips erinnert an Corin Tucker und das mitunter hämmernd treibende Schlagzeug an TV on the Radio. Den Auftritt der drei Londonerinnen sehe ich komplett; er war seit einigen Tagen mehr als gesetzt.

Das Konzert macht Spaß und erfüllt die Erwartungen, die ich in es setzte. Wie der Zufall so will entdeckte ich Big Joanie vor einigen Wochen im Internet, sonst wären sie mir in Den Haag bestimmt entgangen. Acht Songs stehen auf dem Zettel, ich vermute es sind Songs des Albums Sistahs. „Used to be friends“, „Fall asleep2, „Way out“ und natürlich „Cranes in the Sky“, ihr Solange Cover, über das ich Big Joanie entdeckte, bleiben im Ohr. Und ich bleib’ dran an Big Joanie.

Um die Zeit zwischen den Auftritten von Big Joanie und Cassandra Jenkins sinnvoll mit Musik zu überbrücken, schaue ich kurz bei Theon Cross rein. Er spielt seinen Tubajazz gleich im Saal nebenan. Tubajazz klingt arg experimentell und schwierig, ist es aber nicht. Es groovt, es ist funky. Oder es klingt unaufgeregt zeitlos nach Jazzbar. Je nachdem. Mochte ich bisher die Tuba eher in der Marschmusik und Dixieland Kontext eingeordnet haben, sehe ich mich eines Besseren belehrt. Und wäre im anderen Saal nicht Big Joanie, ich hätte hierbleiben können. Die Zeitplanung des Crossing Border nervt hier nicht zum letzten Mal.

Adrian Crowley. Der irische Singersongwriter beschließt unseren Abend. Seine Songs sind lang, sie erzählen Geschichten. Abwechselnd an der Gitarre und am Keyboard bespielt der Musiker eine gut gefüllte Schuilkerk. Ein schöner Tagesabschluss um kurz nach 23 Uhr. Es gibt sogar noch Zeit und der Wunsch nach einer Zugabe wird erfüllt. Die Schuilkerk ist an diesem ersten Abend definitiv der Ort der musikalischen Überraschungen.

Der Freitagabend geht somit gemütlich und ruhig zuende. Es ist noch nicht spät, doch der Tag war lang. Und nicht uninteressant. Lange Zeit stand der Besuch des Crossing Border Festivals hinter möglichen Besuchen des Sonic City Festivals oder des Le guess who?, die eine Woche später stattfinden. Erst als sich das Sonic City Lineup als wenig spekatkulär herausstellte und ich zu spät kam, um Tickets für das – überraschend schnell – ausverkaufte Le guess who? zu besorgen, kam das Crossing Border Festival ernsthafter auf den Plan. Der erste Abend machte dann jedoch schnell klar, dass Plan C keine schlechte Alternative darstellt. Und morgen ist ja noch ein Tag, zwar weniger voll, aber nicht weniger interessant.

Der Nachmittagsausflug nach Scheveningen steckt mir in den Beinen, als ich mich gegen 20 Uhr zum Korzo Theater aufmache. Ich bin immer noch unschlüssig, was ich sehen möchte.

Ich starte und probiere es mit der Britin Billie Marten, aber ihr Folk ist nichts für mich. Nach zwei Songs verlasse ich den an diesem Abend bestuhlten Heartbeat Hotel Saal und wechsele zu Anthony Joseph. Ich habe keine konkreten Vorstellungen darüber, was mich erwartet. Es ist schließlich eine Melange aus Spoken word trifft auf Jazz trifft auf New Orleans Blues trifft auf Free Jazz. Das ist viel besser und um einiges interessanter als der eher gemächliche Folk von Billie Marten, aber auch dieses Konzert breche ich vor dem Finale ab. Zwar denke ich kurz darüber nach, hierzubleiben, aber dann zieht es mich doch zur Lutherse Kerk und zu Stuart A. Staples. Ist es der Name? Ist es die stärkere Neugierde? Ob es drüben die Straße runter schöner ist, ein bisschen bezweifle ich das. Dieser dämliche Timetable nervt jetzt ziemlich. Also, es ist der Name, der mich neugierig machen lässt. Und ein logistisches Dilemma.

Warum? Würde ich Anthony Joseph bis zum Ende sehen und dann auf Ghostpoet warten, hätte ich eine halbe Stunde Leerlauf. Im Korzo Theater finden in dieser Zeit keine Konzerte statt und für diese halbe Stunde zur Kirche zu latschen, ist Unsinn. Da wäre ich gerade da und müsste auch schon wieder los. Also frage ich ernsthaft: wie kann man die beiden namhaftesten Künstler des Tages (oder gar des Festivals – neben Sophie Hunger) nahezu zeitgleich spielen lassen. Das führt ja auch zur Unruhe unter dem Publikum. Nicht wenige verlassen frühzeitig die Lutherse Kerk. Gerade in so einem Rahmen fällt das enorm auf, wenn in den Pausen die Leute aufstehen und gehen. Sicherlich bemerken das auch die Musiker*innen auf der Bühne.

In der Lutherse Kerk sind die Kirchenbänke bequemer. Und sie ist um einiges größer als die eher kapellen-hafte Schuilkerk, die im nicht-fetsivalhaften Leben unter dem Namen alte katholische Kirche Jacobus und Augustinus firmiert. Ich komme kurz nach Konzertbeginn leicht angenässt durch den einsetzenden Regen in der Kirche an. Gestern waren wir schon mal hier, um nebenan in der mazedonisch geführten Frituur Pommes zu essen.

Ich glaube, die Lutherkirche ist der größte Konzertort des diesjährigen Crossing Border Festivals. Und sie ist gut besucht, als Stuart A. Staples zusammen mit seinem Tindersticks Kollegen Dan McKinna den Voraltarraum betritt. Mir bleibt eine halbe Stunde für Stuart A. Staples. In diesen 30 Minuten höre ich mehrheitlich Tinderstick Songs. „Pinky in the Daylight“, „This fire of autumn“, „How he entered“. Zur Kirchensaalatmosphäre passt das natürlich perfekt und ja, es ist gut hier zu sein und die beiden Nieselregenspaziergänge abzuleisten.

Da ich eher gehe, bleibe ich im hinteren Bereich stehen. Immer noch kommen Leute. Einige gehen auch früh wieder. Obwohl das Crossing Border ausverkauft ist, gibt es nirgends Probleme, in die Konzertsäle zu gelangen. Das ist mir bereits gestern aufgefallen und jetzt beobachte ich es wieder. Egal ob pünktlich oder zwischendurch, Warteschlangen oder Einlaßstopps gibt es nicht. Die Festivalmacher haben das wirklich gut austaxiert.

Es endet dort, wo es am Vortag begann: im Raven Saal des Korzo Theaters. Ghostpoet beschließt gegen 23 Uhr den Konzertteil des Crossing Border. Er beginnt mit 20 minütiger Verspätung, was insofern blöd ist, weil ich in diesen 20 Minuten noch ein, zwei oder drei Tindersticks Songs in der Lutherse Kerk hätte hören können, anstatt im schwach gefüllten Saal den Bühnenumbauarbeiten zuzusehen.

Ghostpoet lebt mittlerweile in Berlin, zumindest habe ich nach seinem Umzug von London nach Bristol und kurz darauf nach Berlin nichts anderes mehr zum Thema Wohnortwechsel von ihm auf Twitter gelesen. Ich gestehe aber auch, dass mein Stalkergen eher schwach ausgebildet ist und mir da durchaus etwas durchgegangen sein könnte. Es kann also gut sein, dass mein Wissen diesbezüglich nicht mehr aktuell ist. Neues Material hat er – glaub’ ich – auch nicht, das Set an diesem Abend besteht aus Altbekanntem und Altbewährtem. „Run Run Run“, „Immigrant Body“, „Us against whatever ever“, „X marks the spot“ und „Better not butter“, um ein paar aufzuzählen. Allerdings werden die Songs anders interpretiert. Die Gitarre ist viel dominanter, die Keyboards eher schwächer als ich das auf Platte so wahrnehme. Alles klingt rockiger. Und damit für mich weniger schön als die Originalfassungen. Ghostpoet schrieb für mich immer Soundtracks zur nächtlichen Stadt: Neonlicht, viel Melancholie, urbane Tristesse. So habe ich ihn mit seinen Alben Peanut Butter Blues & Melancholy Jam und Some say I so I say light kennen und schätzen gelernt. Hier fehlt all das irgendwie.
Das ist ein bisschen schade und ich glaube, ich bin nicht der Einzige, der so denkt und dem es so ergeht. Das Publikum bleibt zurückhaltend und die Reihen im Saal sind gegen Ende des Konzertes doch stark ausgedünnt.

In der Hauptsache ist das Crossing Border Festival ein Literaturfestival. Seit Mitte der Woche und bis zum Sonntag gibt es allerlei Lesungen. Am Freitag und Samstag auch vor den Konzerten. Und so kommt es, dass ich eher zufällig ein paar Lesungen mitnehme. Wie die von Jens Meijen zum Beispiel. Vor dem Konzert von Cassandra Jenkins liest er aus seinem Buch De Lichtjaren. Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht viel, flämisch ist nur so halb meins.

Auf dem Weg zum Zug laufen wir am Sonntagmittag in eine Demonstration. Für das Coronavirus, gegen eine Mundschutzpflicht. Seit diesem Samstag ist es in den Niederlanden wieder nötig, in Bereichen des öffentlichen Lebens einen Mundschutz zu tragen. Das war vor einigen Wochen als nicht mehr nötig erachtet worden, doch aufgrund steigender Infektionszahlen sieht sich die niederländische Regierung zu dieser Maßnahme gezwungen. Wie es aktuell aussieht, wird es nicht die letzte Nachschärfung bleiben. So ist das 2021. Das Virus ist immer noch da.

Kontextkonzerte:
Crossing Border Festival – Den Haag, 15.11. -16.11.2013