Ort: Luxor, Köln
Vorband:

The Afghan Whigs - Köln, 089.08.2022

Ich habe ja schon viele Konzerte besucht, aber das habe ich noch nicht erlebt: Um kurz nach 21 Uhr tritt der Tourmanager der Band ans Mikrofon. Nach einer semi-offiziellen Begrüßung (‘Hello People of Cologne, my name is … and I am the tour manager of The Afghan Whigs’) gibt er eine kurze Einweisung darüber, wie man an seinem Handy die Blitzfunktion ausschaltet. Die Band habe nichts gegen Fotos und Videos, aber sie möchte nicht andauernd in diese Blitzlampen gucken. Also: Fotos ja, Blitzlicht nein. Kann ich verstehen. Selbst mich nervt es schon, wenn neben – oder noch schlimmer – hinter mir jemand mit Blitz fotografiert oder gar über Sekunden filmt. Abschließend empfahl er noch denjenigen, die keine Ohrstöpsel haben, weiter nach hinten zu gehen. Es würde doch sehr, sehr laut werden. Und die Band käme dann in a couple of minutes.

Es gibt auch nach hunderten von Konzertbesuchen immer noch Neues zu entdecken. Sehr schön.

The Afghan Whigs. Wie es aussieht, habe ich die Band noch nie in einem Clubkonzert erlebt. Meine bisherigen Erfahrungen, so sagt es mein Archiv, sind einzig Festivalerlebnisse. Damals an einem Freitagabend in Haldern in den frühen 1990er Jahren, beim Primavera Sound 2012 und 2017 und beim PhonoPop Festival 2014 in Rüsselsheim. Der Abend ist also eine Premiere.

Es ist eine falsche Vorstellung, die zu Beginn der 1990er Jahre über The Afghan Whigs kursiert. The Afghan Whigs sind keine Grungeband. Zwar werden Up in It (1990), Congregation (1992) und Gentlemen (1993) via SubPop zur Hochzeit des Grunge veröffentlicht, (was alles auf Grunge schließen könnte), ist es aber nicht. Auch ich hatte das damals nicht so auf dem Schirm, als ich Gentlemen zum ersten Mal hörte. Ich war irritiert und mochte die Platte anfangs auch nicht besonders. Es brauchte ein paar Jahre, bis ich mich mit dem Soul und mit den hier und da funkrockig flirrenden Gitarren richtig anfreunden konnte. Ja, The Afghan Whigs haben Soul.
Eigentlich dauerte es bis 1996, als ich die Band an einem Freitagabend auf dem Haldern Pop sah. Blumfeld und Tocotronic spielten an diesem Abend auch. Von Haldern hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört, aber vom südlichen Münsterland aus war die Anfahrt nicht allzu weit. An diesem Abend waren The Afghan Whigs so wuchtig und energiegeladen, dass die Songs, die ich bis dato nur von CD kannte, eine ganz andere Dimension bekamen. Es haute mich um und änderte meine Sicht auf Greg Dulli und Kollegen. Und während Tocotronic in schlabbrigen Trainingsjacken ihre Gitarren schrammelten, spielten The Afghan Whigs in dunklen Anzügen. Auch das beeindruckte mich sehr. Und Greg Dulli sah ein bisschen wie Tom Cruise aus. Oder war es Keanu Reeves? Das beeindruckte mich zwar nicht, war aber mein kleiner fun fact.

1965, das Album mit dem Astronauten auf dem Cover und das letzte The Afghan Whigs Album vor ihrem Split, wurde zu einem meiner Lieblingsalben. „Somethin‘ hot“, „Crazy“ und „Uptown again“; welches andere Album bietet noch gleich zu Beginn drei Welthits. Spontan fallen mir da nur Nevermind und Is this it ein. Und genau auf dieser Stufe ist 1965 einzuordnen. Aber auch die weiteren Songs wie z. B. „66“ oder „John the Baptist“ haben Welthitpotential.

Aus der Überschrift ‘In der Hitze der Nacht’, die zum schwitzigen und energiegeladenen Rock der Afghan Whigs passt wie Marmelade auf den Frühstückstoast, wird nichts. Im Luxor ist es angenehm kühl. Der Klimaanlage sei Dank. Sie kühlt den Saal angenehm ab und bläst mir ordentlich in den Nacken. Gegen 20 Uhr ist es noch nicht allzu voll und meine Vorahnung scheint sich zu bewahrheiten. Es wird keine Vorband geben. Wieder einmal umsonst zeitig auf den Weg gemacht, wieder einmal ärgere ich mich darüber, dass der Servicegedanke der hiesigen Veranstalter mehr als unterirdisch ist. Denn erneut wurde meine nachmittägliche Frage nach Zeiten und Vorband unbeantwortet gelassen. So stehe ich dann und warte. Und ich höre 75 Minuten Musik vom Band. Die ist nicht sonderlich gut. Auch das noch. Ein paar Andere machen das auch.

Um kurz nach 21 Uhr kommen und damit in more than a couple of minutes kommen die Afghan Whigs auf die Bühne. Endlich. Es sind die ergrauten Greg Dulli und John Curley, Afghan Whigs Urgesteine, Gitarrist, Violinist, Perkussionist Rick G. Nelson, Schlagzeuger Patrick Keeler und der immer Kaugummi kauende Leadgitarrist Christopher Thorn, den Menschen meines Alters noch als Gitarristen von Blind Melon kennen könnten. Seit ihrer Reunion 2012 hat die Band die beiden Alben Do to the Beast und In spades veröffentlicht. Das ist 10 bzw. 5 Jahre her. Um den fünf Jahresrhythmus nicht zu unterwandern, erscheint im September diesen Jahres die dritte Veröffentlichung. How do you burn? heißt die Platte, von der ich an diesem Abend den ein oder anderen Song zu hören bekomme: „Jyja“ zum Beispiel, das sie nach eigenen Angaben an diesem Abend erstmals live spielen, oder „I’ll make you see God“, „A line of shots“. Interessanterweise aber nicht die letzte Single „The getaway“.
Das ist alles schön und unterhaltsam. Aber die eigentlichen Knaller sind nach wie vor die Songs aus der frühen Phase der Afghan Whigs. Und damit meine ich die Songs aus den Jahren 1990 bis 1998. „Somethin’ hot“, „Son of the south“, „John the Baptist“, „Gentlemen“, „What jail is like“.

Zum Abschluss des Konzertes spielen sie ein The Smith Cover, davor schon „House of the raising sun“ und den Andrew Lloyd Webber Song. Hoppla, The Afghan Whigs bedienen sich ausgiebig an der Hit-Theke. „Personal Jesus“ gehört auch dazu. Erwähnte ich das bereits? Das ist aber nicht alles an Fremdkompositionen. In „Summer’s kiss“ bauen sie neben Depeche Modes Gassenhauer auch Snippets von The doors und noch ein, zwei andere Sachen ein. Den Blues/Soul Kosmos verlassen sie dabei nicht. Ich glaube, ich habe länger kein Konzert mehr besucht, wo so viel Cover ge- oder angespielt wurden. Ganz nett, ganz abwechslungsreich.
Aber…aber dabei haben The Afghan Whigs doch noch genug eigene Hits, die ich ebenso gerne hören würde: „Uptown again“, „66“. „Retarded“. „I know your little secret“. Die fehlen an diesem Abend nämlich in dem von Greg Dulli angekündigten Rundumschlag über alle bisherigen acht Alben.  
Sie spielen drei weitere Songs und ich bekomme noch den frühestmöglichen Zug. Auf dem Bahnsteig ziehe ich mein Resümee: Hatten The Afghan Whigs früher nicht einen deutlicheren schwülen Soulanteil in ihren Liveauftritten? Das spezielle ‘I got a little wine, some Marvin Gaye‘ („John the Baptist“) fehlt an diesen Abend. Mir scheint, als hätten sie den etwas verloren. Ich empfand das Konzert nicht so donnernd und umwerfend. Wie erwähnt, die Überschrift ‘In der Hitze der Nacht’ zieht an diesem Abend nicht. Aber anyway, es war ein gutes Konzert und unterhaltsame 90 Minuten. Auch wenn es nicht alle meine Erwartungen erfüllt hat.

Setlist:
01: Jyja
02: I’ll make you see God
03: Matamoros
04: Light as a feather
05: Oriole
06: Toy automatic
07: Gentlemen
08: What jail is like
09: Who do you love?
10: Fountain and Fairfax
11: Algiers
12: I am fire
13: The house of the rising sun
14: Heaven on their minds
15: Somethin‘ hot
16: Please, Baby, please
17: Demon in profile
18: A Line of shots
19: John the Baptist
20: Summer’s kiss
21: My enemy
22: Son of the south
23: Into the floor
24: There is a light that never goes out

Kontextkonzerte:
The Afghan Whigs – Primavera Sound Festival Barcelona, 31.05.2012
The Afghan Whigs – PhonoPop Festival Rüsselsheim, 12.07.2014
The Afghan Whigs – Primavera Sound Festival Barcelona, 01.06.2017