Ort: Kulturkirche Nippes, Köln
Vorband: Ratboys

Julien Baker - Köln, 10.052022

‘Beeinflussen dich eigentlich Bandnamen?’
‘Nein, wieso?’
‘Na ich meine, wenn ein Bandname komisch klingt, bist du dann noch vorurteilsfrei ihrer Musik gegenüber oder denkst du, merkwürdiger Bandname, das kann nix sein?’
‘Was ist denn überhaupt ein merkwürdiger Bandname?‘

Ich möchte die Fragen nicht beantworten.
Im Vorprogramm von Julien Baker spielt an diesem Abend eine Band namens Ratboys. Ich habe noch nie etwas von den Ratboys gehört, dachte aber spontan an die Clique um Dean Martin, das 1960er Jahre Rat Pack. Die find’ ich übrigens toll, entscheide aber im gleichen Augenblick, mir die Vorband von Julien Baker zu verkneifen. (Was sich im Nachhinein übrigens vielleicht als Fehler herausstellen sollte, denn die letzten beiden Songs, die ich noch so eben mitbekomme, klingen toll. Schöner Indiepunkrock.)

Als ich die Kulturkirche betrete, ist es nur gemütlich voll. So hatte ich mir das gedacht, als ich gegen 19 Uhr den Zug in die große Stadt bestieg. Da hinter dem Konzert kein ausverkauft prangte, rechnete ich nicht mit allzu viel Betrieb und der Möglichkeit, auch als Verspäteter noch einen guten Platz zu ergattern. So schleiche ich mich gegen halb neun langsam nach vorne. Beim Blick auf die Bühne ist klar, dass Julien Baker heute nicht alleine auftreten wird, sondern weitere Musiker*innen mitgebracht hat: im Einzelnen sind das Matthew Gilliam am Schlagzeug, Calvin Lauber am Bass und Noah Forbes Keyboard. Gitarre spielt Mariah Schneider aus Deutschland, was explizit erwähnt wird und die gleich mal die Familie grüßt. Keine Ahnung ob die da ist oder das nur via einem YouTube Video mitbekommt. Es wird also meine Julien Baker Bandpremiere. Damit stehe ich an diesem Abend sicherlich nicht ganz alleine. Diese Tour ist die erste Europatour, die Julien Baker mit Band absolviert. So viele Möglichkeiten gab es also noch nicht, sie auf diese Art zu sehen und zu hören.
Bisher – und das gilt für die beiden Primavera Auftritte, die ich von ihr miterleben durfte – habe ich sie nur als Solokünstlerin spielen sehen. Erstmals 2016 in Innenhof des CCCB, 2019 dann gleich zweimal im Festivalprogramm: erst am Mittwochabend als Gast bei Justin Vernons und Aaron Dessners Bandprojekt Big red machine und tags drauf im Auditorium (ein Theatersaal) mit Gitarre und Keyboard.

Julien Baker mit Band klingt natürlich anders als ich sie solo in Erinnerung habe. Platt gesagt, aus fragilem Singer/Songwriter Indie wird lauter Indierock. Nachzuhören ist das schon seit einem Jahr, als Julien Baker mit Little Oblivions ein quasi Bandalbum veröffentlicht hat, auch wenn sie viele Instrumente selbst eingespielt hat. Live wird die Digitalisierung zurückgesetzt, das Loopgerät durch Menschen ersetzt. In der Hauptsache übernimmt nun Mariah Schneider die Gitarrenparts,die früher geloopt worden wären. Allerdings verbleibt ein kleiner Soloblock im Programm. Vier Songs lang steht Julien Baker alleine auf der Bühne und lässt mich an das Auditori Konzert zurückdenken. Ach, das war hinreißend.

Erster Song des Konzerts ist der erste Song der neuen Platte: „Hardline“. Julien Baker bedient sich dem alten Musiker*innen Motto und dem ungeschriebenen Gesetz, ein Konzert mit dem ersten Song der aktuellen Platte zu beginnen. Statistiken zeigen, dass das sehr, sehr oft vorkommt.

Anfangs wirkt Julien Baker auf mich angespannt, leicht nervös. Nach drei, vier Songs richtet sie erstmals bewusst den Blick ins Publikum und zwingt sie sich zu einem ‘Thank you‘. Als sie kurze Zeit später merkt, dass das Konzert läuft und sie auf viel Zuneigung stößt, wird sie lockerer. Jetzt lächelt sie gar kurz ins Publikum. Mir scheint es, als ob sie ein bekanntes Gesicht entdeckt hätte. Das Publikum lächelt unisono zurück. Und das schon seit der ersten Konzertminute. Augen strahlen, viele singen verträumt leise mit. Ja, das Konzert ist ein Selbstläufer und alle Blicke auf Julien Baker. Aufmerksam ist das Publikum, respektvoll und enthusiastisch der Applaus. Julien Baker hat sich augenscheinlich eine starke Fangemeinde aufgebaut. Es war mir gar nicht so bewusst, dass ihr Bekanntheitsgrad so dermaßen intensiv ist. Ich spüre eine besondere Atmosphäre, die sich zwischen Band und Publikum aufbaut. Ich glaube, jeder genießt das Konzert.
Das Konzert ist in der Solophase angekommen. Die Band hat die Bühne verlassen und Julien Baker hat bereits zwei Songs auf der Gitarre gespielt. Sie schaut kurz auf ihre Armbanduhr. Was mag sie denken? Wie lange noch? Oder, ach Gott, es ist schon so spät?! Die Kulturkirche hat aufgrund ihrer Lage mitten im Wohngebiert eine strenge Sperrstunde. Länger als bis 22.30 Uhr darf hier keiner spielen. Ich schaue unwillkürlich auch auf die Uhr, es ist 21.45 Uhr. Mein Grund ist der, dass ich zeitig die Kirche verlassen muss, um die Bahn noch zu bekommen. Extrem ärgerlich das!

Dann setzt sie sich ans Keyboard und spielt einen alten und einen neuen Song. Ah, bis dahin diente das Keyboard nur als Plektron Ablage. Die beiden Songs sind „Televangelist“ von 2017er Album Turn out the lights und „Song in E“ vom aktuellen Little oblivions. Zum nachfolgenden „Faith healer“ ist die Band wieder am Start und das Konzert geht in das letzte Viertel.
Ich bin da schon fast wieder raus aus der Kulturkirche. Die Bahnverbindungen und so. Julien Baker hat mich an diesem Abend überrascht. Im guten Sinn. Ihre früheren Loop-Auftritte fand ich zeitweise etwas anstrengend und schwer zugänglich (kann aber auch daran liegen, dass sie im Festivalflair des Primavera Sound stattfanden), mit diesem Alternative Indie Rock Band Ding gefällt sie mir besser. ‘Ich muss mal wieder Waxahatchee hören’, denke ich, als ich über die Sechzigstraße zur Bahn gehe. Hashtag Spontanassoziation.

Setlist:
01: Hardline
02: Bloodshot
03: Shadowboxing
04: Favor
05: Relative fiction
06: Highlight reel
07: Red door
08: Heatwave
09: Ringside
10: Sprained ankle
11: Happy to be here
12: Televangelist
13: Song in E
14: Faith healer
15: Tokyo
17: Repeat
18: Sour breath
19: Appointments
20: Ziptie

Kontextkonzerte:
Julien Baker – Primavera Sound Festival Barcelona, 04.06.2016
Julien Baker – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05.2019
Julien Baker – Primavera Sound Festival Barcelona, 30.05.2019