Ort: Rotondes, Luxemburg
Vorband:
Basement Revolver

The Lemonheads - Luxemburg, 12.05.2022

It’s a shame about Ray. 1992.
Am 02.06.1992 erscheint It’s a shame about Ray von The Lemonheads. Es ist das fünfte Album der Band, die 1986 in Boston gegründet wurde.
Am 11.09.1992 spielen The Lemonheads in der Zeche Carl in Essen.
Es ist die Tour zum Album It’s a shame about Ray, das die Band im selben Jahr veröffentlicht hat. Vorband in Essen sind Swell. Meine einzige Erinnerung an diesen Abend ist ein längst zerschlissenes Swell T-Shirt.
Am 12.10.1993 spielen The Lemonheads ein Doppelheadlinerkonzert mit Soul Asylum im PC 69 in Bielefeld.
Damals fuhr ich öfter nach Bielefeld, um mir Konzerte anzusehen. Soul Asylum feierten mit “Runaway train” ihren größten Hit und The Lemonheads hatten mit Come on feel The Lemonheads just das Nachfolgealbum zu It’s a shame about Ray auf den geworfen. Vom Auftritt in Bielefeld gibt es auf YouTube einen Videomitschnitt. Lohnenswert!

Nach dieser Albumveröffentlichung ging die Band um Evan Dando endgültig durch die Decke. Denn auch auf Come on feel The Lemonheads sind zu viele Indierock Hits, als dass MTV das Album nicht beachten konnte. Den Grundstock zum Ruhm legte allerdings It’s a shame about Ray. Beziehungsweise das Simon & Garfunkel Cover „Mrs. Robinson“, das zu dieser Zeit als Single veröffentlicht wurde, interessanterweise aber nicht auf dem Album ist. Aus den Lemonheads wurden The Lemonheads, Juliana Hatfield kam kurz in die Band (um nach den Albumaufnahmen die Band wieder zu verlassen und ihre eigene Band The Juliana Hatfield Three zu gründen) und Evan Dando wurde durch MTV everybody’s darling. Alternative Rock löste langsam den Grunge ab und The Lemonheads waren mittendrin. Die weiteren Geschichten aus den 1990er Jahren sind bekannt. Es gab weitere Alben, es gab die Bandauflösung, es gab Drogen, es gab eine Reunion.
Seit Mitte der 2000er Jahre Jahren führen The Lemonheads eine on/off Existenz. Zwar gibt es schon länger keine neuen Songs mehr, aber live spielt Evan Dando mit unterschiedlichen Musikern immer mal wieder unter dem Namen The Lemonheads ein paar Konzerte. Zuletzt in Europa im Jahr 2019. Dazu lese ich im Internet diese lustige Anmerkung:

Wie sagte es der selige Fall-Sänger Mark E. Smith angesichts der zig Personalwechsel seiner Band einst so treffend: „Wenn ich es bin und deine Oma an den Bongos, dann ist es The Fall!“. Ein Satz, den man so ähnlich wohl auch auf Evan Dando und seine Lemonheads anwenden könnte.

An diesem Abend (und auf dieser Tour) sind The Lemonheads übrigens Mikey Jones von Swervedriver am Schlagzeug und Farley Glavin am Bass.

Als im Frühjahr die Album-Konzerte bekannt gegeben wurden, stand es außer Frage, nicht mindestens an einem Geburtstagskonzert von It’s a shame about Ray teilzunehmen. Zu wichtig war mir vor 30 Jahren das Album, als dass ich mir das entgehen lassen wollte. Bekanntermaßen hat das Album nur Hits und überhaupt ist It’s a shame about Ray eine Lieblingsplatte und weitere Erklärungen braucht es nicht. „Confetti“, „It’s a shame about Ray“, „My Drug Buddy“, „The Turnpike down“, „Bit Part“, „Alison’s starting to happen“, „Hannah & Gabi“, „Frank Mills“. Darauf freute ich mich am meisten.

30 Jahre später fühlt es sich komisch an, das Album live zu hören. Nicht nur die Rahmenbedingungen sind komplett anders – nett geschätzt haben sich 150 Leute in der Rotonde in Luxemburg eingefunden -, auch die Zeit hat sich geändert. Wir sind keine 20 mehr, der Rock’n’Roll hat nachgelassen, jangle-pop ist nicht mehr ganz so interessant und nicht nur Evan Dando hat einige Krisen hinter sich gelassen. Ja, es fühlt sich komisch an; es ist aber nicht langweilig oder uninteressant.

Um halb zwölf setzt sich Evan Dando ans Schlagzeug und spielt zwei Songs. Das Schlagzeugintermezzo setzt beinahe den Schlusspunkt unter ein typisches und sehr schönes The Lemonheads Konzert.
Zweieinhalb Stunden zuvor werden zwei Setlisten ausgelegt. Die überragend gute Vorband The Basement Revolver hat just ihr halbstündiges Shoegaze-Dreampop Set beendet und alles ist vorbereitet.
Drei Stunden zuvor steht Evan Dando im Saal und filmt „Transatlantic“, den ersten Song von Basement Revolver.
Dreieinhalb Stunden zuvor kommt er auf seinem Skateboard in den Saal gerollt.

A ha, zwei Setlisten also.
Eine ist das Album, klar, die zweite ein Potpourri aus der 35-jährigen Lemonheads/ Dando Discographie. Daraus schließen wir, dass sie erst die Albumsongs spielen und danach 15 bis 16 weitere Songs folgen. Okay, das macht in der Summe ein schönes und gutes Konzert. „Hard Drive“, „Malo Cup“ und „It’s about time“ und „Circle“ fehlen zwar auf der zweiten Liste, aber hey, alles geht eben irgendwie nicht immer. Auch nicht bei Evan Dando. Aber ein Evan Dando Konzert ist immer auch eine Wundertüte. Ist er in Form? Kommt er gut in den Abend? Daher könnte es gut sein, dass die Setlisten nicht den wirklichen Abendverlauf wiedergeben. Ich kenne kaum einen anderen Musiker, der so unberechenbar seinen Job ausübt wie Evan Dando. Und auch an diesem Abend bricht er einfach mal zwei Songs ab, verschwindet kommentarlos von der Bühne und spielt unerwartet noch sieben andere Songs und vermittelt dabei den Eindruck, dass er gar nicht mehr aufhören möchte.

Nach wenigen Sekunden ist klar, der Abend ist eher eine Wundertüte. Evan Dando kommt erstmal alleine auf die Bühne, schnallt sich die akustische Gitarre um und spielt vier Songs, bevor er Minuten darauf mit der Band das eigentliche Albumset beginnt. Eigentlich, so mein Eindruck, hätte er gerne noch weitere Songs akustisch gespielt. Er findet aber bei zwei Stücken den Einstieg nicht und stellt daraufhin entnervt die Gitarre weg und geht nach hinten. It’s a shame about Ray donnert die Band anschließend in einer halben Stunde runter. Das hatte ich so erwartet. Ohne große Kommentare und/oder Ansagen reihen sie einen Song an den nächsten. Unspektakulär das Ganze und ohne besondere Vorkommnisse. Zum letzten Song steht Evan Dando bereits alleine auf der Bühne. Er spielt „Frank Mills“ solo auf der elektrischen Gitarre. Und macht anschließend einfach weiter. Es folgen das Teenage Fanclub Cover „Start again“ und die Lucinda Williams Songs „Like a rose“ und „Side of the road“. Dass nach dem Album die zweite Setlist abarbeitet wird, bleibt nur eine Idee. Nach einem Zwischenruf aus dem Saal verlässt Evan Dando abrupt die Bühne. Was da gerufen wurde, keine Ahnung. Wie geht’s denn jetzt weiter? Geht es weiter? Ja, es geht weiter. Die Band kommt zurück. „Big gay heart“, „Hospital“. Auch diese Songs stehen nicht oben auf der zweiten Setlist. Mittlerweile ist aber eh’ klar, dass hier nichts in den vorher beschriebenen Bahnen läuft und laufen wird.
Zu dritt spielen sie weitere 12, 13 Songs. Als letztes „If I could tell I told you“. Was für ein schönes Ende. Aber es ist noch nicht das Ende. Zwar verlassen Mikey Jones und Farley Glavin die Bühne, aber Evan Dando bleibt noch. Er klettert ans Schlagzeug und trommelt drauf los. Aber auch die beiden Songs oder Songfragmente (eines davon das Al Stewart Cover „Time passages“) sind nicht das letzte, was wir hören. Evan Dando kommt noch einmal zurück, greift sich die akustische Gitarre und spielt noch ein bisschen. Und er spielt “Hard Drive”!
Was für ein schönes Ende. Und dieses Mal ist es auch das Ende. Was für ein schönes The Lemonheads Konzert.

Setlist:
01: Outdoor Type
02: Ride with me
03: Divan
04: Impractical joke
05: Rockin Stroll
06: Confetti
07: It’s a shame about Ray
08: Rudderless
09: My Drug Buddy
10: The Turnpike down
11: Bit Part
12: Alison’s starting to happen
13: Hannah & Gabi
14: Kitchen
15: Ceiling fan in my spoon
16: Frank Mills
17: Start again
18: Being around
19: Side of the road
20: Like a rose
21: Big gay heart
22: Hospital
23: Break me
24: Left for dead
25: Clang bang clang
26: Abandoned
27: Speed of the sound of loneliness
28: Style
29: Different drum
30: Down about it
31: Great big no
32: Dawn can’t decide
33: Tenderfoot
34: Stove
35: If I could talk I’d tell you
Zugabe I:
36: Time passages
37: ??
Zugabe II:
39: Shaky ground
40: Skulls
41: Hard drive

Noch ein Wort zu Basement Revolver. Die Band hat mich mit ihrem Shoegaze, Dreampop, Wall of Sound, was-auch-immer überzeugt. Referenzen an Slowdive und (ältere) Film School Sachen sind offensichtlich und schön. Das Quartett kommt aus Ontario und hat mit Embody ihr zweites Album veröffentlicht.

Kontextkonzerte:
The Lemonheads – Lüttich, 09.03.2019 / Reflektor
The Lemonheads – Luxemburg, 22.02.2019 / Rotonde
Evan Dando – Berlin, 17.03.2015 / Bang Bang Club
The Lemonheads – Köln, 12.05.2012 / Luxor
The Lemonheads – Esch-Alzette, 27.04.2012 / Rockhal
The Lemonheads – Köln, 03.10.2008 / Gebäude 9
The Lemonheads – Köln, 27.10.2006 / Bürgerhaus Stollwerck