Ort: Anneliese Geske Musik- und Kulturhaus, Erftstadt-Liblar
Vorband:

Frank Spilker - Erftstadt 2020

Erftstadt. Fast Köln, noch nicht ganz Eifel. Einen Ort weiter hatten Can ihr Musikstudio, einen anderen Ort weiter bereite ich mich auf einen kürzeren Kulturausflug vor. Gerade mal 15 Minuten entfernt spielt und spricht an diesem Abend der Die Sterne Sänger Frank Spilker über irgendwas und alles. Über irgendwas und alles, weil mir aus dem Programmhinweis auf der Veranstaltungsseite der Inhalt des Abends nicht ganz klar hervorgeht.

Im Rahmen des Literaturherbstes Rhein-Erft kommt einer der tollsten Musiker und Songschreiber aus Deutschland nach Erftstadt. Wir haben den Frontmann der legendären Hamburger Band Die Sterne für eine abwechslungsreiche Kombination aus Konzert, Gespräch und Lesung gewinnen können. Aus aktuellem Anlass wird der Abend im Geske-Haus stattfinden. Dort wird der Abend mit verringerter Platzanzahl und mit Frischluftzufuhr zu erleben sein.

Grundsätzlich erwartete ich Geschichten und Textpassagen aus seinem Buch Es interessiert mich nicht aber das kann ich nicht beweisen. Aber die Hoffnung, zwei, drei Songs zu hören, schwang mit.

Wie ich auf die kleine Veranstaltung aufmerksam wurde, weiß ich nicht mehr. Und vom Literaturherbst Rhein-Erft habe ich vorher noch nie etwas gehört. Ich hab‘ es aber auch nicht so mit Lesungen, daher ist das für mich nicht weiter verwunderlich. Da ich jedoch Lust auf Kultur hatte und mein Bedürfnis nach Veranstaltungen groß ist, kaufte ich umgehend ein Ticket. Lesung hin, Konzert her. Es wird so oder so interessant werden.

Direkt zu Beginn zeigt sich, dass das mit den zwei, drei Liedern nicht haltbar sein wird. Denn bevor der Moderator Philipp Wasmund Frank Spilker zum Gespräch bittet, spielt dieser erstmal Songs. So quasi zum warm werden. Man hätte sich im Vorfeld über einige Lieder geeinigt bzw. Philipp hätte einige Lieder vorgeschlagen, die an diesem Abend gespielt und anschließend besprochen würden. In der Ankündigung des ersten Songs gibt Frank Spilker den Plan des Abends vor. Songs spielen und darüber reden.
Wow, prima! Das verspricht hoch unterhaltsam zu werden. Mit dem ersten Song wird dieses Versprechen für mich direkt eingelöst. „Wiederschein“ ist ein lange nicht gehörtes, altes Die Sterne Stück. Das gilt auch für „Risikobiografie“ und „Inseln“. Schnell wird mir klar, die Songauswahl ist bemerkenswert gut und nicht auf die Hits beschränkt, auch wenn „Ruiniert“ und „Universal Tellerwäscher“ im letzten Teil des Abends noch gespielt werden sollten. Aber das war irgendwie erwartbar und ich wäre enttäuscht gewesen, wenn ich beide Songs nicht gehört hätte.

Anfangs ist die Setlist sehr 1990er Jahre lastig, später kommen Stücke des neuen Albums Die Sterne hinzu. Es geht querbeet durch alle Die Sterne Perioden. „Verstehen ist nicht dasselbe wie überstehen (aber auch schön)“ aus dem Jahr 2004 steht neben „Depressionen aus der Hölle“ vom 2010er Album 24/7.

In den Gesprächen geht es um die Songtexte und um‘s Songs schreiben. Wie werden Texte optimiert, wie werden Songstrukturen geschaffen und in welchem Maße sind sie überhaupt notwendig. Vier vorgeschlagene Songs werden von Frank Spilker vorgelesen, eine musikalische Umsetzung nur mit der Akustikgitarre ist bei diesen nicht möglich oder gar unsinnig. So die Begründung. Darunter ist auch das Ton Steine Scherben Stück „Jenseits von Eden“, das in den Song- und Textbesprechungen an diesem Abend immer mal wieder auftaucht. Ich gebe zu, dass ich bisher nur Nino de Angelos „Jenseits von Eden“ kannte. Die hat aber mit dem Scherben Stück absolut nichts gemein.

Gesprächsrunde: Phillip Wasmund und Frank Spilker

Für mich als Nicht-Musiker ist das alles sehr interessant und ich lerne eine Menge. Zum Beispiel, dass in den 40er Jahren, als man keine Platten kaufte, weil die qualitativ zu schlecht waren, sondern nur Radio hörte, Songs auf folgende Weise funktionierten: Die erste Strophe wurde als 3. Strophe wiederholt. Damit versuchte der Musiker sicherzustellen, dass ein Lied auch beim Radio hören hängenbleibt.
Auch wusste ich nicht, dass auf Vinyl Stücke in der Mitte einer Platte besser klingen als außen und dass finanziell 100000 Streams gleichbedeutend sind mit 100 verkauften Vinyleinheiten.
Wie gesagt, es ist ein unterhaltsamer und lehrreicher Abend. Auch oder gerade wegen der gut vorbereiteten Gesprächsblöcke. Der Moderator stellt die richtigen Fragen, Frank Spilker ist in Erzähllaune. Es entwickelt sich eine muntere Plauderei, die mehr verrät, als die eigentlichen Fragen als Antwort benötigen. Es macht Spaß, zuzuhören und nach zwei Stunden werden aus ‘vielleicht spielt er ja auch ein paar Lieder‘ 17 Songs.

Coronakonforme Konzertbestuhlung

Um die 40 Leute finden sich im Geske-Haus in Erftstadt ein; es ist gemütlich. Es ist schön. Die Sitzplätze sind nach Kartenbestellungen sortiert. Es gibt viele Zweiergruppen, eine Vierersitzreihe und ein paar Einzelsitze. Ein Abstand ist sichergestellt. Hygiene auch. Getränke werden an diesem Abend nicht ausgegeben. Da wäre wahrscheinlich der Aufwand zu hoch gewesen, das hygienekonzeptkonform an den Start zu bringen. Eine komplett kontaktlose Bestellabwicklung per App wie tags zuvor in Belgien scheitert bei uns ja schon an infrastrukturellen Dingen. (Verfügbares mobiles Internet und so.)

Es war ein toller Abend.

Setlist:
01: Wiederschein
02: Die Interessanten
03: Risikobiografie
04: Inseln
05: Trümmer
06: Du musst gar nichts (vorgelesen)
07: Das Elend (vorgelesen)
08: Menschenverachtend verliebt (vorgelesen)
09: Jenseits von Eden (vorgelesen)
10: Depressionen aus der Hölle
11: Wenn ich realistisch bin
12: Wir kämen wieder vor
13: Das Herz schlägt aus
14: Verstehen ist nicht dasselbe wie überstehen (aber auch schön)
15: Universal Tellerwäscher
16: Was hat dich bloss so ruiniert
Zugabe:
17: Halbvergangener Tag

Die Szene 93, ein Verein zur Förderung von Jugend, Kunst & Kultur in Erftstadt, hat die Veranstaltung organisiert und digital festgehalten. Nachsehen kann man das Konzert hier:

Studiokonzert 21: Frank Spilker

Frank Spilker hat mit seiner Band „Die Sterne“ seit den 90er Jahren deutsche Musikgeschichte geschrieben. Das liegt vor allem an den Texten, die der charismatische Sänger schreibt. Sie sind voller Witz und scharfer Analyse des Hier und Jetzt. Songs wie „Universal Tellerwäscher“ und „Was hat dich bloß so ruiniert“ gehören zu den Klassikern der Popkultur, die viele Künstler beeinflusst haben. Auch als Roman- und Hörspielautor hat Spilker überzeugt. Aktuell wird das neue Album der Sterne gefeiert. Kritiker sind begeistert, dass die Songs „hochaktuelle Statements“ sind. Im Studio 93 spricht Frank Spilker über seine Texte. Er liest, spielt und singt neue und alte Hits.

Gepostet von Szene 93 am Samstag, 5. September 2020

Kontextkonzerte:
Die Sterne – Köln, 15.02.2017 / Kulturkirche Nippes
Die Sterne – Bochum, 03.02.2012 / Bahnhof Langendreer
Die Sterne – Juicy Beats Festival, 31.07.2010