Ort: Stadtgarten, Köln
Vorband:

Laetitia Sadier

Dieses Konzert ist für mich kein must-see Konzert; in einem normalen November wäre es aufgrund vieler anderer Konzerttermine definitiv schnell von meiner Liste gestrichen worden. Aber dieser November ist nicht normal und so stehen wir vor dem Stadtgarten, unterhalten uns auf Abstand und füllen Listen aus. Es ist das letzte Konzert des Jahres. Wenn es blöd läuft, das letzte Konzert vor Ostern. Wenn es noch blöder läuft, …. ach lassen wir das.
Dass auch dieses Konzert auf der Kippe stand, ist wenig verwunderlich. Als letzte Woche das leichte Herunterfahren ab Montag bekanntgegeben wurde, ist auch dieses Konzert betroffen. Ursprünglich ist es nämlich für Montag angesetzt, den ersten Tag des Lockdown lite. Am Freitag aber ‚Entwarnung‘ durch die Veranstalter: das Konzert wird verschoben. Auf Sonntag. Allerheiligen. Erst auf den Nachmittag, dann schlussendlich auf den späteren Abend.

Als ich von der Terminverschiebung erfahre, weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Einerseits schmeckt die Verlegung fahl nach ‘jetzt-schnell-noch-was-machen-bevor-es-verboten-ist‘, andererseits ist es eine legitime Option, doch noch ein für November geplantes Konzert durchführen zu können und dringend benötigte Einnahmen zu generieren. Aktuell tendiere ich zur zweiten Sichtweise.

‘Wenn man trinkt, darf man ja den Mundschutz abnehmen‘ sagt die junge Frau vor uns und zeigt angeheitert auf ihre leere Flasche, um kurz danach ohne zu trinken weiterzuerzählen. Es sind die merkwürdigsten Zeiten, dich ich je erlebt habe, und es sind die Menschen, die einen großen Teil zu dieser Merkwürdigkeit beitragen. Rücksicht, Respekt und …. ach lassen wir das.  

Der Stadtgarten hat sehr gut auf die Hygienevorschriften reagiert. Davon konnten wir uns bereits vor einigen Wochen bei Suppe und Kölsch überzeugen. Luftfilter, Abstand, Plexiglastrennwände, kein überlaufender Restaurantbetrieb. Das Konzept stimmt. Hier fühlte ich mich sicher und so hatte ich null Bedenken, im Stadtgarten ein Konzert zu besuchen. Was im Restaurant gut umgesetzt ist, wird auch im Konzertsaal gut umgesetzt sein. So meine Denke und so ist es auch: Desinfektionsschleuse vor dem Saal, personalisierte Sitzplätze, Trennwände und ein lichte Stuhlreihung sorgen für Abstand, Trennung und Einhaltung aller Hygieneauflagen.
Auf die Menschen, denen man das Konzept anbietet, hat man als Veranstalter nur wenig Einfluß.

Stadtgarten, großer Saal

Niemand singt so schön schwermütig, wie Lætitia Sadier. Mit ihrer Band Stereolab hat sie Indie-Pop neu erfunden: Verstrahlter Krautrock trifft auf coolen New Wave und Easy Listening aus Vintage Synthesizern.

Ich lese das, weil ich es aus eigener Kenntnis nicht weiß. Stereolab sagt mir nicht viel; „French Disco“, und das war es irgendwie. Vor dem Stadtgarten erfahre ich von einem legendären Konzert der Engländer mit Pavement im Luxor. 1994 war das und ich war nicht da. Da hilft mir auch der Liveeindruck vom letzten Jahr nicht weiter, denn ich für zwei, drei Songs beim Primavera mitgenommen hatte. Den hatte ich gar völlig verdrängt, bis ich auf meine Frage, ob ich irgendetwas von Lætitia Sadier kennen könne, darauf hingewiesen wurde. Stereolab waren schwerpunktmäßig in den 1990er Jahren. Ab 2010 veröffentlicht Lætitia Sadier Soloalben. Inwieweit die Band Stereolab außerhalb vom Primaverakonzert im letzten Jahr noch aktiv ist, kann ich nicht sagen.

Im Stadtgarten spielen aber nicht Stereolab und es werden auch keine Stereolab Songs gespielt. Lætitia Sadier singt ihre Solosachen und mit „Ode to a Keyring“ einen Song ihrer Band Monade. Die E-Gitarre und ein Loopdings sind dabei Lætitia Sadiers einzige Begleiter. Es ist ein kleiner und schöner Soloauftritt, den die Französin auf die Bühne bringt.
‚Morgen ginge es zurück nach London‘, das Wochenende verbrachte sie in Köln, weil sie am Samstag im Rahmen der feierlichen Preisverleihung des Holger Czukay Preises für Popmusik der Stadt Köln an Mouse on Mars die Laudatio hielt. So ergab sich wohl auch die Gelegenheit für dieses Konzert.

Es dauert eine Zeit, bis alle Besucher zu ihren Plätzen gebracht wurden und in die besonderen Vorgaben eingewiesen sind. Hände desinfizieren, Mundschutz aufbelassen, Abstand halten, Getränke bitte mit hineinnehmen, sich nicht im Vorraum aufhalten. Eine halbe Stunde später als geplant betritt Lætitia Sadier die Bühne. Es folgen ungefähr zwei Hände voll Songs, die ich allesamt nicht kenne. Sie singt mal in französischer, mal in englischer Sprache, begleitet sich selbst auf der E-Gitarre und loopt durch das Klicken und Drücken von Fußpedalen Gesang und Instrument, um mehr Soundschichten in den Songs aufbauen zu können.

Was mir direkt auffällt ist die tolle Stimme von Lætitia Sadier. Sie steht über allem. Mal erinnert sie mich mit ihrem Gesangsstil an Nico, mal an einen James Bond Film aus den 1960er Jahren. Letztere Assoziation kann auch mit den Sounds zu tun haben, die sie aus ihrer Gitarre quetscht. Easy Listening und Bossa Nova höre ich heraus. Oft sogar sehr deutlich. Bossa Nova Takte kenne ich aus der Tanzschule, Easy Listening einfach so. Und wenn ich Easy Listening höre, muss ich unwillkürlich an 1960er Jahre Filme denken. Und denke ich an 1960er Jahre Filme, denke ich an James Bond Filme.
Zwei neue Stücke spielt sie. Beziehungsweise eins. Das zweite, als letzte Zugabe gedacht, bricht sie ab, nachdem ihr nach mehreren Versuchen die Anfangsakkorde nicht mehr einfallen. ‚Ist jetzt auch nicht so wichtig‘, denke ich und sympathisiere mit der Sängerin. Viermal setzt sie an, viermal klappt es nicht, die richtigen Stellen am Gitarrenhals zu finden. Entmutigt aber auf sehr sympathische Art und Weise gibt sie schliesslich auf. ‚Ein nächstes Mal vielleicht, wenn wieder alles in Ordnung ist.‘
Zuvor spielt sie den einzigen Song, den ich kenne: „Summertime“ klingt durch Lætitia Sadiers Stimme wunderbar und viel relaxter als alle anderen Coverversionen dieses meistgecoverten Songs aller Zeiten.

Ein solides Konzert, vom Stuhl gefegt hat es mich zugegebenermassen nicht. Aber aufgrund der Umstände wird es ein besonderes und unvergessliches Konzerterlebnis bleiben.

Kontextkonzerte: