Ort: Het Depot, Leuven
Vorband:

Josh Rouse - Leuven, 06.11.2022

Das Het Depot ist ein schöner Konzertort direkt am Bahnhof von Leuven. Der Saal ist sowohl für Konzerte als auch für Theaterveranstaltungen nutzbar und geeignet. Im hinteren Bereich sind Sitzreihen mit roten, weichen Sesseln angeordnet, davor ist etwas Platz für Stehplätze oder aber Tische und Stühle in loser Anordnung. Von der Größe her ist der Saal des Het Depots die ideale Ergänzung zum größeren AB und den kleineren Botanique Sälen. Daher finden hier in aller Regelmäßigkeit schöne und interessante Konzerte statt. Was nicht nach Brüssel passt, wird hierhin, knapp 20 Zugminuten entfernt, umgesetzt.
Das Konzert von Josh Rouse ist nicht oder doch in eben jenem Konzertsaal angesetzt? Die Frage beschäftig uns, denn so ganz werden wir aus der Angabe ‘Room setup flex’ nicht schlau. Ich habe hier schon Konzerte mit abgehängten Sitzplätzen gesehen, wäre das eine Möglichkeit? Sicherlich, aber nicht an diesem Abend.
‘Room setup flex’ bedeutet, dass Josh Rouse nicht im großen Saal spielt, sondern davor. Und das wortwörtlich. Vor den Eingangstüren zum Saal ist eine kleine Bühne aufgebaut. Der Raum ist mehr ein Flur als ein Konzertsaal, die Musiker kommen aus einer der Saaltüren auf die Bühne.

Vielleicht 100 Leute haben an diesem Sonntagabend Lust, die tollen Songs von Josh Rouse live zu hören. Ich finde, eindeutig zu wenig. Himmel, der Tatort läuft in Belgien nicht, man kann also nichts anderes tun. Und trotzdem kommen nur ca. 100 Leute? Ich verstehe das nicht. Wo ist mein Denkfehler? Aber ich glaube ja auch, Josh Rouse müsse sehr, sehr viel bekannter und größer sein.
Auf seinen frühen Alben 1972 und Nashville sind zum Beispiel nur Hits, die in den 2000er Jahren jeder Teenie/ young adult- Fernsehserie gut zu Gesicht gestanden hätten. Hätte, denn sie tauchen nicht im Soundtrack von Beverly Hills, Buffy, Veronica Mars, Friends etc.  auf. Irgendwie hat es in den letzten 25 Jahren nicht geklappt. Es ist mir unbegreiflich.
Going places ist sein mittlerweile 14. Studioalbum. Und wieder ist es voller hübsch produzierter Songs. „Hollow moon“ zum Beispiel, oder „Indian summer“ sind tolle Folk-Pop Songs. Was auffällt: Im Gegensatz zum Vorgänger ist Going places wieder ein Gitarrenalbum. Das finde ich gut. Die Keyboards des Vorgängers Love in the modern age sind wieder im Instrumentenschrank verschwunden. Auf der Bühne steht dann auch konsequenterweise kein Tasteninstrument. Gitarre, Bass, Schlagzeug, Mundharmonika, das ist der Instrumentenpool der vier Musiker.

Trotz langer Anfahrt aus Paris scheint die Band in Spiellaune. Der Schlagzeuger kaut lustig auf einem Zahnstocher, der Bassist und Gitarrist wirken wenig gestresst.
Auch wir hatten einige Kilometer zurückgelegt. Aber an einem Sonntagabend ist das drin, der Verkehr auf der niederländischen und belgischen Autobahn nicht so stark. Und in Leuven ist man schnell.

Um 21 Uhr betreten Josh Rouse und seine Mitmusiker Xema Fuertes (Gitarre), Cayo Bellveser (Bass) und Alfonso Luna (Schlagzeug) die Bühne.
Sehe ich ihn erstmals mit Band? Ich glaube, ja. Allerdings sehe ich ihn nicht das erste Mal im Het Depot. Vor einigen Jahren spielte er hier zusammen mit Grant-Lee Phillips ein wunderbares Doppelkonzert, nebenan im ‘richtigen’ Saal. Er selbst scheint sich auch daran zu erinnern, covert er doch kurzerhand den Grant Lee Buffalo Song „Honey don’t think“. Zu diesem Zeitpunkt ist das Konzert schon fast vorbei. Die Setlist ist durchgespielt und ich erwarte nach dem letzten Song, der auf dem Zettel über dem Strich steht, die Zugabe. Doch nach „Flight attendant“ geht es überraschend weiter. Der Zwischenruf nach dem Song „James“ wird durch Josh Rouse noch mit dem üblichen ‘habe ich vergessen, kann ich nicht mehr spielen’ abgeschmettert, der zweite Zwischenruf dagegen passt. „Winter in the Hamptons“ findet beim Singersongwriter nach kurzem Überlegen Anklang. ‚Okay, das können wir spielen. Aber wir spielen es in einer anderen Version’.

Josh Rouse bespricht sich kurz mit seinen Kollegen. Wir interpretieren das so, dass er nachfragt, ob sie den Song spielen können oder ihn zumindest improvisieren können. Der Schlagzeuger schaut kurz fragend rein, stimmt dann aber zu. Ich denke, er improvisiert. „Winter in the Hamptons“ gelingt dann aber ganz gut. Danach verschwindet die Band durch die Saaltür. Es folgt ein kurzer Soloteil von Josh Rouse mit „Love in the modern age“, dem erwähnten Grant Lee Buffalo Cover und dem vielleicht schönsten Song vom neuen Album Going places, „Indian summer“.

Hatte ich danach noch mit den beiden Zugaben gerechnet, die auf dem Zettel stehen? Eher nicht. Doch die drei Musiker kommen noch einmal zurück, klettern auf das Bühnenpodest und spielen gemeinsam mit Josh Rouse das schöne „Carolina“ und „Come back“. Zurück kommen sie danach aber nicht mehr. Das ist okay, Josh Rouse und Co. haben an diesem Abend alles gegeben und wir fahren sehr zufrieden mit der neuen CD im Gepäck nach Hause.

Setlist:
01: Stick around
02: It’s the nighttime
03: Apple of my eye
04: Lemon tree
05: Love vibration
06: City dog
07: His majesty rides
08: Henry Millers flat
09: There’s somebody whose job it is
10: I will live on islands
11: Quiet town
12: Hollow moon
13: My love has gone
14: Flight attendant
15: Winter in the Hamptons
16: Indian summer
17: Honey don’t think
18: Love in the Modern Age
Zugabe:
19: Carolina
20: Come back

Kontextkonzerte:
Josh Rouse & Grant-Lee Phillips – Leuven, 24.04.2019
Josh Rouse – Brüssel, 19.04.2018 / AB Salon