Ort: Artheater, Köln
Vorband: Kolumbo

Cass McCombs - Köln, 19.10.2022

Cass McCombs im Artheater. Das Konzert kam letzte Woche gefühlt aus dem Nichts. Vor längerer Zeit muss ich mir den Termin in meinen Kalender geschrieben haben…um ihn dann zu vergessen. Denn etwas überrascht bemerkte ich am Freitag, dass da nächste Woche noch ein Konzert im Artheater auf mich warten wird.
Cass McCombs, dieser sympathisch wirkende, phänomenale Singersongwriter, dessen Konzert vor ein paar Jahren nebenan im Bumann & SOHN ich so gut fand, dass ich mir Anschluss daran vor lauter Begeisterung alle Alben, die auf Amazon zu bekommen waren, kaufte. Es waren zwar nur drei der bis dahin insgesamt neun Veröffentlichungen, aber das ist immerhin ein Drittel. Zur Einordnung: von The Cure besitze ich sicher nicht ein Drittel ihrer Alben. Andererseits, von The Organ besitze ich 100% ihrer Albenveröffentlichungen. Schwierige Argumentation. Und dieser eine Song ließ mich nicht los. „Bum bum bum“ heißt er und er ist vom 2016er Album Mangy Love. ‘A slow-moving, breezy number that evokes Kurt Vile and sets the mood for a placid, serene album.’ Liest sich abschreckend, wenn man Kurt Vile nicht mag. „Bum bum bum“ klingt jedoch toll. Ich empfehle es als Anspieltipp, falls man Cass McCombs kennenlernen möchte.

Bisher möchten das scheinbar nicht viele. Im Artheater ist es nicht voll. Lass es 100 Leute sein, die sich gegen 20 Uhr im Saal versammeln. Mittwochabend fällt das Ausgehen noch schwerer als an einem Sonntagabend. die Woche ist noch lang, und – zumindest geht es mir so – die ersten drei Arbeitstage hinterlassen schon kleine Ermüdungsspuren. Nichtsdestotrotz haben wir uns aufgerafft. Seit einiger Zeit gehört Cass McCombs zu meinen Lieblings-Singersongwritern. Da heißt es Flagge zeigen und mindestens einen Merch-Artikel kaufen. (Es wurden dann zwei: ein T-Shirt und das 2013er Doppelalbum Big wheel and others). Wie schon am Sonntag habe ich überlegt, die Vorgruppe sausen zu lassen. Aber auch dieses Mal entschloss ich mich dazu, es nicht zu tun. Zwar überzeugten mich die Yacht-Pop Melodien von Kolumbo nicht so stark wie die Gitarren von Blush Always, aber irgendwie passte es dann ganz gut, sich schon um kurz nach 19 Uhr auf den Weg zu machen.

Das Bühnen Setup für die Cass McCombs Band ist schon eingerichtet, als sich Kolumbo ans Keyboard setzt, sein Iphone anstöpselt und loslegt. Er wird auch später in der Cass McCombs Band das Keyboard bedienen. Kolumbo ist Frank LoCrasto, Komponist und Keyboardspieler. Auf der Bühne des Artheaters mutiert er zum keyboardspielenden Alleinunterhalter in bester Franz Lambert Manier. Zu Discofox-, Rumba- und Cha-Cha-Cha- Klassikern der Alleinunterhalterbranche mischt er eigene Songs vom aktuellen Album Gung-Ho. Und das passt sehr gut, weil seine eigenen Songs nach Calypso und Yacht-Pop klingen.
Eine halbe Stunde später betritt Frank LoCrasto erneut die Bühne, dieses Mal in Begleitung der übrigen Bandmitglieder von Cass McCombs.

Als Intro läuft „The Alfred Hitchcock Theme“ von Frank Chacksfield and his Orchestra, wie mir Shazam nach drei Tagen mitteilt. Am Abend hatte die App das Musikstück noch nicht erkannt, bis Samstagabend dann wahrscheinlich intensiv gearbeitet, um mir das Ergebnis präsentieren zu können. Shazam hat scheinbar keine Regelarbeitszeit. Mir war nicht klar, dass Shazam die Soundaufnahmen in irgendeiner Art für spätere Analysen speichert. Sei es drum, „The Alfred Hitchcock Theme“ passt irgendwie gut, damit die Musiker daraus direkt in „Buried alive“ übergehen können.

Dann wird es so, wie ich es erwartet habe. Americana Neo Folk Alternative Country Rock Singersongwriter Indierock Kram. Habe ich eine Stilrichtung vergessen, mit der Fachleute den Sound des Kaliforniers beschreiben? Ich glaube nicht. Und alles passt irgendwie. Mittlerweile hat Cass McCombs zehn Alben veröffentlicht. Das heißt alle zwei bis drei Jahre eine neue Platte. Den Output finde ich beachtlich. Die letzte Platte erschien erst kürzlich. Sie heißt Heartmind. Von diesem Heartmind spielt Cass McCombs vier Songs.
‘Unaufdringlich brillant’ ist die schönste Charaktereigenschaft, die ich über die Songs von Cass McCombs im Internet lese. Slow burner, die Zeit brauchen, bis sie zu absoluten Lieblingsliedern reifen. Mir zumindest erging es so. Erst nach einigen Durchläufen packten sie mich und seitdem höre ich ihm sehr gerne zu. Seine Stimme klingt schön, seine Songs haben dieses gewisse und unbeschreibbare Besondere. Ich möchte ihn mit Elliott Smith vergleichen, oder besser gesagt, er erinnert mich manchmal an Elliott Smith. Diese melancholische Stimmlage haben beide, Cass McCombs lässt sie aber öfter los und lässt seine Songs nicht ganz so traurig und betrübt klingen.

Es ist ein stimmiges Set, das die Band spielt. Melodiös, ausgeglichen, folky. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Band müde ist. Die Tour bisher scheint anstrengend. Dem Schlagzeuger sehe ich das besonders an. Er schaut die ganze Zeit sehr mürrisch drein und hat überhaupt keine Lust, länger als irgend nötig seine Arbeit zu verrichten. Am Ende des zweiten Songs der Zugabe beendet er quasi eigenmächtig das Konzert. Nein, kein Solopart und/oder eine weitere Refrainschleife mehr, erst recht keinen weiteren Song. Als Cass McCombs nach „Sacred heart“ per Blickkontakt die nächsten Takte stumm ansprechen möchte, winkt der Schlagzeuger ab und steht von seinem Schemel auf. Und ich denke, ‘ach, 90 Minuten sind auch okay.’ Ich bin zufrieden, es war ein schönes Konzert, ein gemütlicher Mittwochabend. Und die von mir sehnlichst erhofften „Bum Bum Bum“ und das schöne „Sleeping Volcanoes“ haben sie gespielt. Ich bin damit glücklich. Ich brauche keinen Song mehr, er würde mich nicht glücklicher machen.

Irgendwo las ich, dass eine Musikinstitution (welche, habe ich vergessen) Cass McCombs zu den wichtigsten Singersongwritern unserer Zeit zählt. D’accord. An diesem Abend hat er erneut einen Beweis abgeliefert. Leider vor überschaubaren Personenkreis. Cass McCombs hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Viel mehr Aufmerksamkeit.

Die, die nicht da waren, haben ein schönes Konzert verpasst.

Setlist:
01: Buried alive
02: A blue, blue band
03: Big wheel
04: Karaoke
05: The burning of the temple, 2012
06: New earth
07: Belong to heaven
08: Unproud warrior
09: Music is blue
10: Bum Bum Bum
11: Bobby, King of boys town
12: Dreams-come-true-girl
13: Sleeping volcanoes
Zugabe:
14: County line
15: Sacred heart

Kontextkonzerte:
Cass McCombs – Köln – 14.11.2029 / Bumann & SOHN