| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: The Barn, England
Vorband:

Damon Albarn

This broadcast is the first performance of a selection of this new music and comes on the day Albarn was due to start a sold-out 15-date European tour which would have featured conductor André de Ridder and an ensemble of 14 musicians and 4 singers. The selection from The nearer the fountain, more pure the stream flows will be performed by Albarn alone with materials from workshops which were interrupted by the global lockdown. The performance takes place in Albarn’s home studio The Barn and is his first live appearance this year.

18.05.2020. Kurz vor 20 Uhr.
In einer Welt von 2019 wäre ich an diesem Abend in Brüssel. Im ausverkauften BOZAR würde Damon Albarn in ein paar Minuten auf die Bühne gehen, um Songs seines neuen Projektes vorzuspielen. Das BOZAR ist ein Theater mitten in der belgischen Hauptstadt und für diesen Montag hatten wir uns eigentlich frei genommen, um einen entspannten Tagesausflug nach Brüssel zu unternehmen. Das Wetter wäre perfekt: Sonnenschein und die Temperaturen noch nicht zu hoch, so dass es angenehm ist, draußen rumzuschlendern, neben der Börse Frietjes zu essen, an den Galerien ein Kriek zu trinken und bei Pierre Marcolini Schokolade einzukaufen. Gelebte belgische Klischees, bevor wir dann gegen Abend zum Königspalast gegangen wären. Wir hätten noch einige Augenblicke im Schlosspark verbracht und uns dann voller Begeisterung und Freude Damon Albarn angesehen. Gegen Mitternacht wären wir die wenigen Meter zum Parkhaus gelaufen und nach Hause gefahren.

Draußen ist jedoch die Welt von 2020 und wir sitzen nicht im königlichen Park und warten auf den Einlass ins BOZAR, sondern ich sitze zuhause vor meinem Computermonitor und schaue diesen Livestream.
Dass aus dem Konzert nichts werden würde, war lange absehbar. Schon vor Wochen wurde die Europatour des Sängers gecancelt und auf ein unbestimmtes Datum verschoben. COVID-19 und eine seiner Konsequenzen. Yo, so ist es nun mal. Vor einigen Tagen las ich dann über die Ankündigung, dass Damon Albarn just an dem Sonntag einen Livestream senden wird, an dem seine Tour in Brüssel beginnen sollte. Quasi als Ersatz und Trost für all die, die nun die Konzerte nicht sehen können. Dass das absolut nicht das Gleiche wie ein Liveerlebnis ist, ist klar. Aber es ist besser als nichts, sag ich mal. Und es bietet die Möglichkeit, erstmals die neuen Songs seines neuen Projektes hören zu können. Ich entschied, mich noch einen Abend zu gedulden und mir nicht den Stream live am Sonntag anzusehen, sondern erst einen Abend später. Also just an dem Abend, an dem wir Tickets für das BOZAR haben.

Das BOZAR – Center for fine arts, wie es auf der Webseite heißt – kenne ich nicht. Ich war zwar schon oft in Brüssel und habe hier schon einige Konzerte gesehen, das Theater der schönen Künste, oder Paleis voor Schone Kunsten, in der Nähe des königlichen Palastes und des Schlossparks stand bisher aber noch nicht auf meiner Konzertvenueliste.
So freute ich mich auf den Ausflug, auf das Theater, dessen Saal auf Fotos einen pompösen und schönen Eindruck auf mich machte. Dass wir noch zwei Tickets im Vorverkauf ergattern konnten, purer Zufall. Schnell waren die beide Termine ausverkauft, überlegen und abwägen funktionierte da nicht. Also nahmen wir glücklich die sogenannten sichtbehinderten Plätze auf dem 2. Balkon. Hören allein reicht doch schon, und vielleicht gibt es noch Chancen, sein Konzert in Luxemburg zu sehen und vielleicht würden wir für die Philharmonie dort bessere Karten bekommen.
‘Konjunktive, die nichts bringen‘, wie man so sagt und Gedanken aus dem letzten Jahr, die jetzt vollkommen absurd und merkwürdig klingen.

Back when his band Blur was in its heyday, Damon Albarn was already forging links with Iceland. He built himself a house in the outskirts of Reykjavik with a spectacular view of the coast and mountains. That view was the spur for his latest composition, The Nearer the Fountain, More Pure the Stream Flows.

Seit ich im letzten Sommer The Good, the Bad & the Queen live gesehen habe, bin ich ein noch größerer Damon Albarn Fan. Also ja, ich freute mich auch auf den YouTube-Stream.

Mit 18 Musikern sollte er auf der Bühne stehen, um The nearer the fountain, more pure the stream flows – sein von Island inspiriertes Projekt – zu performen. Im Stream sehe ich ihn alleine auf seinem ausgebauten Dachboden vor dem Klavier sitzen. ‘Hello, good evening. I’m here in the barn and I am going to perform The nearer the fountain, more pure the stream Flows for you. It comes from a John Clare poem ‘Love and Memory’.‘ Na dann mal los. Damon Albarn trägt Bart und eine dicke Hornbrille. Er sieht aus wie ich während meiner COVID-19 Homeofficezeit. Aussenwirkung: permanenter Leisuremodus.
In Rückblenden sehe ich sein Haus in Island, in dem er am Klavier sitzend mit weiteren Musikern Songs aufnimmt. Im Stream spielt er Klavier bzw. Gitarre, die übrigen Instrumente, Töne und Samples scheinen vom Band eingespielt zu werden. Andere Musiker sehe ich nämlich nicht. Was sofort da ist, ist Damon Albarns Stimme. Unverkennbar, einzigartig. Sonorig, weich und melodiös schwingt sie über dem elegischen Geigen- und Streicherspiel. „The nearer the fountain, more pure the stream flows” wispert sie und das Saxophon pustet. In der Videoinstallation, die jetzt eingeblendet wird, versinkt die Sonne über der Küste hellrot leuchtend im Meer. Dunkel wird es trotzdem nicht. Wolken ziehen über das Festland. Dazu klingen Hörner. Scheinbar ohne Struktur und durcheinander untermalen sie die sich abzeichnende blaue Stunde.
Dann wieder Damon Albarn am Klavier. Der zweite Song startet poppig und bleibt im weiteren Verlauf weniger überladen und als der Eröffnungssong. Das Klavier und ab und an eine leichte Trompete, mehr ist es nicht, die diesen Song zu einem Hit machen.
Mövengeschrei leitet über in Song Nummer drei. Easy listening. Ein Song, eine Klaviermelodie die danach lechzt, mit in die Nacht genommen zu werden. Im Idealfall zu einer ruhigen, nächtlichen Autobahnautofahrt.
Auch der vierte Song klingt nicht wie die Songs davor. Er ist wieder poppiger, rhythmischer, aber ruhiger als der zweite Song.
Song fünf beginnt mit sphärischen Klängen, die ich direkt mit Island verorte. So wie isländische Bands eben klingen, kommt es mir spontan in den Sinn. Er steigert sich langsam, bis Damon Albarn dann plötzlich aufhört zu singen. ‘The nearer the fountain, more pure the stream flows‘, die letzten Worte, bevor der Stream schwarz bleibt und es still wird um mich herum. Nach 20 Minuten ist der Stream vorbei. Mmh, gerade habe mich in diesen Albarn’schen Klangkosmos eingefunden, es mir vor dem Monitor gemütlich gemacht. Und nun? Kommt da noch was? Ein Blick auf die Zeitleiste sagt mir, nein, da kommt nix mehr. Schade, ein bisschen kurz und das Ende viel zu unerwartet und zu kommentarlos.

Ich rappele mich aus meinem braunen Kunstledersessel. Kurz denke ich über das Gesehene nach. Wow, wie schön war das denn? Und so unerwartet anders als alles, was Damon Albarn bisher gemacht hat. Ich bin begeistert! Diese 20 Minuten oder fünf Songs wecken spontan große Lust auf mehr. Hoffentlich finden die Ersatztermine im nächsten Jahr statt. Um wieviel schöner es sein muss, The nearer the fountain, more pure the stream flows mit vollem Ensemble in einem schönen Theatersaal zu hören. Meine Vorfreude beginnt in diesen Sekunden. Oder wenigstens im übernächsten Jahr. Das wäre auch okay. Meine Vorfreude ist ausdauernd.

Beim Blick auf die Credits registriere ich größtenteils isländisch klingende Musikernamen und klassische Instrumente wie Violine, Horn, Trombone und Bass. Einzig beim Namen Simon Tong stocke ich. Den kenne ich doch von The Good, the Bad & the Queen? Stimmt. Wir hatten nur sichtbehinderte Tickets für diesen zweiten Brüsseltermin im Henry Le Boeuf Saal des BOZAR ergattern können, aber auch die hätten sich gelohnt. Soviel nehme ich aus dem halbstündigen Streamingding an guten Eindrücken mit, um das klar und sicher behaupten zu können. Damon Albarn, egal ob man ihn sieht oder nur hört, ist immer ein Konzertticket wert. Nach diesem kleinen aber feinen Einblick in sein neues Projekt steht das absolut außer Frage.
Und wo bitte nimmt er nur immer die vielen guten Songs her?

Kontextkonzerte:
The Good, the Bad & the Queen – Luxemburg, 15.08.2019 / den Atelier
Gorillaz – Köln, 20.06.2017 / Palladium
Blur – Barcelona Primaver Sound Festival, 24.05.2013