Ort: Luxor, Köln
Vorband: Max Fry

Himmel, dieses Konzert hätte ich beinahe vergessen. Es ist nicht im Kalender eingetragen und hätte mich nicht mittags ein Konzertfreund auf das abendliche Event hingewiesen, ich hätte es verpasst. Definitiv. Und das wäre sehr ärgerlich gewesen. Nicht nur, weil ich Geld in ein Ticket investiert habe, viel mehr, weil The haunted youth erneut sehr überzeugend aufspielten.
Endgegner Schienenersatzverkehr. Na das passt ja zu diesem trüben, regnerischen Samstagabend. Die Bahn baut wieder Brücken und andere Sachen in Köln und sperrt hierfür die Bahnstrecke zwischen Hauptbahnhof und Hürth-Kalscheuren ab 21 Uhr für die meisten Nahverkehrszüge. Meine einzig verbleibende Zugverbindung mit 1x umsteigen und 30 Minuten extra Wartezeit geht um 23 Uhr. Das sollte theoretisch klappen, nach vielen Erfahrungen der letzten Jahre macht mir das Wörtchen ‘einzige’ allerdings mittlere Kopfschmerzen. Im Laufe des Nachmittags arrangiere ich mich mit dem Gedanken, gegebenenfalls auch den Schienenersatzverkehrsbus um 23.47 Uhr ab Hauptbahnhof zu nehmen. Mit 90 Minuten Fahrzeit. Falls alle Stricke reißen, geht noch einer eine Stunde später. Ach Himmel, ein Nachtausflug sollte der Konzertbesuch ins Luxor eigentlich nicht werden, unter normalen Bedingungen ist eine von-Tür-zu-Tür Zeit von 40 Minuten machbar.
Wie lange war ich nicht mehr im Luxor. Ich kann mich wirklich nicht mehr an mein letztes Konzert hier erinnern. Es muss lange her gewesen sein. Früher war ich echt oft hier; es gab Zeiten, da war mir das Luxor sogar ein liebenswerterer Konzertclub als das Gebäude 9 drüben in Deutz. Zuhause schnell in den Zug und abends um kurz vor elf Uhr wieder zurück. Eine Standardverbindung, die damals stabil und zuverlässig funktionierte und die ich manchmal regelmäßig zwei bis dreimal die Woche genutzt habe. Seitdem und seit meinem letzten Besuch hat sich nichts verändert. Und ehrlich gesagt, der Laden wirkt noch angeschlagener, als ich es in Erinnerung hatte. An der Bühne, neben dem rechten Boxenturm sammelt sich der Staub in einer fußbreiten Ritze zur Wand und in der Flaschenhalterinne kleben die letzten Reste Karnevalschnipsel. Nein, vermisst habe ich das Luxor nicht.
Als ich um kurz nach 19 Uhr das Luxor betrete, ist es schon relativ voll. Belgische und niederländische Konzertreisende sind in der Überzahl. Man spricht an diesem Abend hauptsächlich flämisch im Luxor. Aus zweierlei Gründen wundert mich das nicht. Zum einen sind The haunted youth in Belgien eine große Nummer, ihre Festivalslots auf den großen belgischen Sommerfestivals liegen zur Primetime und im Rahmen der aktuellen Frühjahrstour bespielen sie gleich viermal das Cirque Royal in Brüssel, eine schöne Konzertschüssel mit 2000er Kapazität. Alle Abende sind übrigens ausverkauft. Zum anderen ist somit das Kölner Konzert eine der letzten Gelegenheiten, The haunted youth in diesem Frühjahr überhaupt und im kleineren Rahmen live zu sehen. Ursprünglich war dieses Konzert ja im Artheater angedacht, relativ schnell wurde es ins Luxor hochverlegt und war dann wieder ziemlich zügig ausverkauft. Ich war eigentlich zu spät dran beim Ticketkauf, aber auf Ticketswap ist bekanntermaßen verlass.
Max Fry aus Orlando Florida macht so gar nicht Surfer Rock. Der Buddy von Joachim Liebens klingt eher so wie eine belgische Indiebands heutzutage klingt: Cure-eske Bassläufe, Post-Punk Gitarre, ein bisschen Sprechgesang, treibendes Schlagzeug, Darkwave Melodien. Sein Set ist kurzweilig und laut, musikalisch passt er eins a zu the haunted youth, da tun sich die beiden Bands, bzw. Musiker nicht viel. So ist es wenig überraschend, dass Max Fry später nochmal für einen kurzen Gastauftritt bei „Deathwish“ auf die Bühne zurückkehrt.
Joachim Liebens ist The haunted youth, und umgekehrt. Er hat alle Songs des Debütalbums Dawn of the Freak geschrieben und komponiert. Das war vor vier Jahren. Damals sahen wir sie im Vorprogramm von dEUS und ich war direkt sehr angetan von den wuchtigen Dreampop Sounds. „Teen Rebel“ und „Coming Home“ blieben sofort hängen. Schon damals bestand die The Haunted Youth Band aus Hanne Smets, Nick Caers, Stef Castro und Tom Stokx.
The haunted youth schaue ich mir gerne noch einmal an.’
schrieb ich seinerzeit. Das habe ich dann auch getan; dies ist mein fünftes The haunted youth Konzert. Und schon damals bemerkte ich eine gewisse Nähe zu den elegischen Gitarrensoli der War on drugs, die mir an diesem Abend erneut in den Sinn kommen.
The war on drugs grüßen aus nicht allzu weiter Ferne.
beschrieb ich es nach dem Konzert im Leuvener Hockeypark.
Aber noch was anderes kommt mir nach wenigen Minuten Konzert in den Sinn. Ein Club wie das Luxor und die Musik von The haunted youth passen zusammen wie Currywurst/Pommes und Gyros/Zaziki. Die niedrige Bühne und die Enge passen perfekt zum spröden Postpunkwave der Belgier. Da kann ein Club gar nicht usselig genug sein. Schnell entsteht eine dreckig-abgewrackte melancholische Atmosphäre, die den verschiedenen 1980er Endzeitfilmen extrem nahekommt. Das sehr laute und intensive Konzert, ein zwischen Intro- und Extrovertiertheit hin-und her changierender Joachim Liebens, eine extrem wuchtige Band. Zutaten, die in der Enge eines kleinen Clubs wie von selbst funktionieren. Das ist dann schon was anderes, weil intensiveres, als die große Bühne im Theater Heerlen, wo sie vor einem Jahr nahezu ein identisches Set spielten. Vergleiche ich beide Abende, ist es ein Unterschied wie Tag und Nacht. Beide gut, aber beide komplett verschieden. Nachher höre ich, dass die Band am liebsten in solchen kleinen Locations spielt. Ich sag mal so, man sah und hörte es ihr an.
Und das Luxor nimmt es dankbar entgegen. Mehr als einmal entsteht ein kleiner Moshpit. Das tendenziell junge Publikum (die obligatorische Handvoll alter Säcke, die samstags oder an jedem anderen Abend nichts Besseres zu tun haben, als Konzerte zu besuchen, gibt es bei jedem Konzert) ist ausnahmslos on fire. Es macht Spaß, hier zu stehen und sich das Konzert anzuschauen. Nach einer dieser wilden Tanzeinlagen höre ich aus dem Publikumsraum jemanden mit flämischen Akzent laut sagen ‘ich habe neue deutsche Freunde’. Sehr schön. Nicht nur die Band, auch das Publikum hat Spaß am Konzert.
Boys cry too (ja, natürlich ein Wortspiel) heißt das nächste Album von The haunted youth, das die Band in ein paar Wochen veröffentlichen wird. ‘Boys cry too’ ist auch ein Schriftzug Tattoo auf Joachim Liebens Oberarm. Was zuerst da war, ist schnell gesagt: das Tattoo auf dem Oberarm. Bis auf drei Songs habe ich an diesem Abend somit das neue Album gehört. Ich sage mal, live klingt es sehr gut. Und ich habe keine Zweifel, dass die Konserve weniger gut klingt. Nach einer Stunde ist die wilde Fahrt vorbei. Das war kurz und schmerzlos.
Wow, was für ein Riesenkonzert!
Setlist:
01: In my head
02: Castlevania
03: Deathwish
04: Emo song
05: Teen Rebel
06: Broken
07: Murder me
08: Falling to pieces
09: I hear voices
10: Forget me
11: Coming home
Kontextkonzerte:
The haunted youth – Heerlen, 06.09.2025 / Theaterzaal Limburg
The haunted youth – Siren’s Call Festival Luxemburg, 24.06.2023
The haunted youth – Little Waves Festival Genk, 15.04.2023
The haunted youth – Leuven, 21.08.2021