Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband:
Low Hum

Warpaint - Köln, 21.05.2022

Der Bass klingt immer noch überirdisch gut. Auch nach mittlerweile über 10 Jahren ist das Bassspiel von Jenny Lee Lindberg für mich das signifikante Merkmal der Warpaint Songs. Länger habe ich nichts von der Band aus Los Angeles gehört, gesehen oder gelesen. Mein letztes Warpaint Album Warpaint ist aus dem Jahr 2014, mein letztes Warpaint Konzert fand an gleicher Stelle 2016 statt.

  • In der Zwischenzeit ist das passiert:
  • Warpaint haben mit Heads up ihr drittes Album veröffentlicht.
  • Sie spielten im Vorprogramm von Depeche Mode, Harry Styles und den Foals.
  • Theresa Wayman veröffentlichte ein Soloalbum.
  • Stella Mozgawa ging zurück nach Australien, produzierte ein Album von Courtney Barnett und taucht auf vielen Platten als Gastmusikerin auf. (John Grant, Cate le Bon, Sharon van Etten,…)
  • Jenny Lee Lindberg schrieb ein paar Songs.

Und wo ich gerade beim Recherchieren die Jahre Revue passieren lasse. Standen Warpaint nicht mal kurz vor ihrer Auflösung?
Jetzt scheint (wieder) alles okay. Gut gelaunt stehen Theresa Wayman, Emily Kokal, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa auf der Bühne. Ihr aktuelles Album Radiate like this ist vor ein paar Tagen veröffentlicht worden, logisch dass die Setlist ungefähr zu einem Drittel aus neuen Songs besteht. Die anderen zwei Drittel füllen sie mit Songs der anderen drei Alben. Und einmal gehen sie sogar ganz weit zurück. „Stars“, der Opener stammt von der 2008er EP Exquisite Corpse, ihrer ersten Veröffentlichung. Okay, „Billie Holiday“ hätten sie dann eigentlich auch spielen dürfen. Den Gefallen tun sie mir jedoch leider nicht.

Etwas überraschend auch für mich kaufte ich mir vor ein paar Tagen ein Ticket für ihr Kölner Konzert. Überraschend deswegen, weil der Kauf eine Art Automatismus war, der ohne Nachdenken, Abwägen oder Überlegungen stattfand. Und dass, obwohl ich Warpaint in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr auf dem Schirm hatte und ich das letzte Konzert und die letzte Platte eher so naja fand. Mh, mein Konzertentzug muss in den letzten beiden Jahren sehr stark gewesen sein, dass er mich jetzt zu vielen Konzertbesuchen zwingt. Erst später stellte ich fest, dass das Konzert an einem Samstagabend stattfindet. Ich mag Samstagabendkonzerte nicht, ich mag es nicht, samstags mit der Bahn in die große Stadt zu fahren. Irgendwie macht das jeder, und jeder sind sehr viele und das ist mitunter enorm anstrengend. Und überhaupt, der Samstag ist Aufräum- und Ruhetag.

In der Live Music Hall, die ich tatsächlich zuletzt 2017 von innen sah, ist es noch relativ leer. Vom Band läuft Kate Bush „Running up that hill“. Freitagabend, eine halbleere Discohalle. Das erinnert mich an Freitag Abende, an denen ich zu früh im MusikZirkus oder im Soundgarden war. Damals wirkte das auf mich immer trostlos und irgendwie nicht passend. So wie jetzt auch. Der MusikZirkus oder das Soundgarden füllten sich dann spätestens ab halb elf, elf Uhr. Wird das hier auch noch voller? Nun, ein bisschen schon.

Low Hum sind pünktlich. Ihr West Coast Elektroindie, die Band kommt genau wie Warpaint aus Los Angeles, passt gut. Für Neugierige, “Nebraska” ist mein Anspieltipp, mehr nehme ich erstmal nicht mit. Der Song ist schon ein bisschen älter, man findet ihn auf dem vorletzten Album Room to breathe.
Warpaint im Anschluss sind gut. Verdammt gut. Es ist eines von diesen Konzerten, bei denen alles passt. Angefangen bei der Stimmung auf der Bühne über die Songauswahl – wunderbar aufeinander abgestimmt und obwohl sie ihre größten Hits „Billie Holiday“ und „Elephant“ nicht gespielt haben, habe ich sie nicht vermisst – bis zum Licht, das diffus und sanft die Bühne bestrahlte. Besonders schön sind die Momente, in den das Albumcover auf die Rückwand projiziert wird. Die ersten beiden Songs sind lang, Bass und Gitarren haben viel Spielzeit. Mehr als ich es von den Plattenversionen der Songs kenne. Dies dient sicherlich auch dem Akklimatisieren. Mit „Intro“ und dem folgenden „Keep it healthy“ beginnt dann eigentlich erst das Konzert. Die vier sind eingespielt, das Publikum ist da und über alles legt sich eine relaxte Stimmung. Danach wird es unberechenbarer: Emily Kokal und Theresa Wayman wechseln sich in den Gesangsparts ab, der Sound ist mal gitarriger, mal poppiger. Letzteres immer dann, wenn sie die neuen Songs spielen. Die hinterlassen übrigens einen guten Eindruck auf mich. Warpaint auch. Ich habe sie wohl noch nie so stimmungsfroh auf einer Bühne stehen sehen. Emily Kokal tanzt über die Bühne; es wird viel gelacht. Das fällt mir auf, weil ich sie von meinen letzten Warpaint Konzert nicht so in Erinnerung habe.
Einmal singen gar alle A capella den Song „Melting“. Dazu stehen sie aufgereiht am Bühnenrand, lassen die Mikrofone Mikrofone sein und Emily Kokal begleitet nur auf der Gitarre. Es ist der ruhigste Moment im Konzert. Das surren der Klimaanlage ist fast lauter. Zur Zugabe covern sie Fugazi. „I’m so tired“ singt Jenny Lee Lindberg und sie benötigt einen zweiten Anlauf, um in den Song zu kommen. Ein sympathischer Patzer.

Ein sympathisches Konzert. Warpaint sind zurück!

Setlist:
01: Stars
02: Champion
03: Intro
04: Keep it healthy
05: Hips
06: Hard to tell you
07: Love is to die
08: Krimson
09: Melting
10: Stevie
11: Bees
12: New song
13: Disco//Very
Zugabe:
14: I’m so tired
15: Beetles
16: Send nudes

Kontextkonzerte:
Warpaint – Köln, 30.10.2016 / Live Music Hall
Warpaint – Köln, 20.08.2014 / Sendesaal des WDR
Warpaint – Primavera Sound 2014 Barcelona, 29.05.2014
Warpaint – 23.02.2014 – Köln / Live Music Hall
Warpaint – Crossing Border Festival Den Haag, 16.11.2013
Warpaint – Köln, 28.06.2011  / Kulturkirche Nippes
Warpaint – Primavera Sound 2011 Barcelona, 28.05.2011
Warpaint – Rolling Stone Weekender 2010 Ostsee, 12.11.2010