| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: Luxor, Köln
Vorband: Hi Hawaii

TaxiWars

Die Nase läuft, aber egal. Es wäre einfach gewesen, an diesem Abend zuhause zu bleiben, die  aktuellen Folgen von Master Chef und The walking dead zu sehen und anschließend ins Bett zu gehen. Ambitionierter dagegen ist es, eine Aspirin Complex einzuwerfen, Salbei Bonbons einzupacken und ins Luxor zu fahren, um sich Jazz anzuhören. Ab und an bin ich übermütig, doch schließlich gibt es hier und jetzt einige gute Gründe, dem Jazz und den belgischen TaxiWars den Vorzug zu geben: da wäre zuallererst das überraschend schöne Konzert des Quartetts zu nennen, das ich im vorletzten Jahr sah. Es wäre auch die verdammt tolle Single „Drop shot“ zu nennen, die mich derzeit sehr begeistert. Und nicht zu vergessen, der Bahnbetrieb läuft wieder normal, so dass ich in einer guten halben Stunde die Südstadt erreiche.
Also, who cares Erkältungen. Und es ist gut, dass ich mich auf den Weg gemacht habe. An diesem Abend zählt jeder Zuschauer

Es war schwierig, mich in den Jazz hineinzufinden. Zu groß die Bandbreite, so unterschiedlich die einzelnen Teile. Zwar hatte ich als alter Indiehörer ein paar Ansetzungspunkte – Colin Stetson, The thing, Beak, Ghostpoet -, die mich schlussendlich auch zum Jazz führten, aber in Summe fand ich es trotzdem schwierig, den richtigen Zugang zu erwischen. Idealerweise ist da jemand, der einen an bisschen leitet und mit den richtigen Tipps versorgt. ‘Starte mal mit Kinda blue und Coltrane‘ riet mir vor einigen Jahren ein ehemaliger Arbeitskollege, der sich im Jazz bestens auskennt. Auf einer gemeinsamen Dienstreise liefen während einer Autofahrt von Washington nach Chesapeake Bay nur seine CDs. Und Himmel, das war kein schlechter Trip. Mitgebracht hat er mir danach auch Robert Glasper und John Zorn. Obwohl ich mühelos Thurston Moore’s elegische Gitarrensoli ertragen kann, war das John Zorn Album schwere Kost. Puh. Okay, das war es irgendwie noch nicht.
Ich entschied mich seinerzeit mehr für einen seichten Einstieg mit den Alben A love supreme und Kind of blue. Beide Klassiker passten auch gut zu den Ghostpoet Sachen, die ich damals oft hörte. Irgendwann sah ich dann Colin Stetson live und entschied, Saxophone sind tolle Instrumente. Wenn ich Jazz Platten kaufe / höre, dann doch bitteschön immer mit Saxophon. Und  sie sollten nicht allzu verkopft und experimentell sein. Oder wenn sie es sind, dann zumindest laut und rabiat.

Laut und rabiat sind TaxiWars nicht. Verkopft noch viel weniger. Die belgische Combo gehört eher zur Kategorie Ally McBeal After-work-Jazz. Immer ein bisschen poppig, immer nicht zu experimentell. Also 100% passend für meinen Weg des seichten Einstiegs in das Jazzgenre. Saxofonist Robin Verheyen lenkt und leitet zusammen mit Tom Barman die Geschicke von TaxiWars. Unterstützt werden die beiden von Nicolas Thys am Bass und dem Schlagzeuger Antoine Pierre.

Zu viert stehen sie im Luxor auf der Bühne, vor der Bühne stehen vielleicht 12x mehr Leute. Es ist wenig los an diesem Abend, viel zu wenig. Im Luxor funktioniert das Jazz thing nicht so, wie es scheint. Von den knapp 50 Zuschauern kommen einige aus Benelux. Ich höre es deutlich heraus. In ein paar Tagen spielen TaxiWars im AB in Brüssel. Die 900 Personen fassende Box (also das AB mit abgehängten Oberrängen und Sitztribüne) ist mittlerweile ausverkauft. Das zur Einordnung der Band, die hierzulande unberechtigterweise komplett unter dem Radar läuft. Selbst in einer Jazzstadt wie Köln. Oder liegt’s nur am Spielort, mit dem man (noch) keine Jazzkonzerte verbindet. Es ist jedoch müßig zu fragen, ob in den Stadtgarten oder ins King Georg mehr Leute gekommen wären.

Artificial Horizon heißt ihr drittes Album, das sie auf dieser Konzerttour vorstellen. Und gefühlt beinhaltet es weniger von diesem klassischen Jazz als die TaxiWars Alben davor. Die derzeitige Single „Drop shot“ erinnert mich zumindest stark an dEUS Zeugs. Der Gesang, klaro, aber auch der Aufbau und Struktur des Songs lassen mich zwischendurch immer wieder an Barman’s Hausband denken. Und „Irritated love“ ist doch eine astreine Popballade? Aber andererseits – und das ist gut – gibt es auch „The glare“, das wiederum einer klaren Jazz Ästethik folgt. Ich sage nur: das Saxophon. „The glare“ ist vielleicht mein Lieblingssong von Artificial Horizon.

Im Laufe des Abends spielen sie alle 10 Songs des aktuellen Albums. So war das zu Beginn von Tom Barman angekündigt, so wurde es tatsächlich umgesetzt. Der Jazzgehalt mag bei TaxiWars von Stück zu Stück variieren, langweilig oder vorhersehbar wird er nicht. Es ist eine gute Mischung von all den Dingen, die man erwartet oder im Kopf hat, wenn man die Worte Tom Barman, Jazz und Saxophon hört. Die musikalischen Herkünfte der einzelnen Musiker sind hörbar und vermischen sich zu einem sehr speziellen jazzigen Sound. Der ist gut und changiert zwischen Pop und klassischem Jazz. Beispielhaft zu nennen sind die erwähnten „The glare“ und „Irritated love“. Und auch die alten Hits „Who that“ und „Fever“ zeigen, dass TaxiWars ein breites Angebot abliefern können. Beide Songs tauchen auch an diesem Abend in der Setlist auf. Warum auch nicht?
Ich bereue meinen Ausflug zu keiner Sekunde und dass ich über TaxiWars „Fever“ zu Beginn ein bisschen schmunzeln muss, zeigt mir, dass ich hier nicht am falschen Ort bin. Das Konzert macht Spaß und die Band überzeugt mich damit, dass sie mich vergessen lässt, dass hinter mir ein sehr leerer Saal liegt. Eine nicht zu unterschätzende Leistung, wie ich finde.

Setlist:
01: Fever
02: Soul repair
03: Drop shot
04:Artificial horizon
05: The glare
06: They’ll tell you you’ve changed
07: Bridges
08: Rosco Paje
09: Different or not
10: Infinity cove
11: Who that
12: Irritated love
13: En route
14: Honey, it’s the Blues
15: Sharp practice
16: Death ride through wet snow
Zugabe:
17: On day three
18. Safety in numbers

Kontextkonzerte:
TaxiWars – Heerlen, 12.12.2017 / Nieuwe Nor

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."