Ort: Alter Wartesaal, Köln
Vorband:

Phoenix

Phoenix sind für mich das Phänomen des Jahres bisher. Als ihr Name als eine der großen Bands des Primaveras auftauchte, war meine Verwunderung nur gering. Das Primavera ist eben immer noch irgendwie ein Indiefestival und Phoenix im Indie-Pop bisher eine konstante Größe. Als jedoch ihre Tourankündigung von der Düsseldorfer Mitsubishihalle sprach, war ich verwundert. Sind sie tatsächlich so groß? Ist ihr aktuelles Album wirklich nochmals eine Steigerung zu Wolfgang Amadeus Phoenix, das diese Hallenausmaße gerechtfertigt? Haben sie tatsächlich den Geheimtipp- Status hinter sich gelassen. Klar, die Singles dieses Albums waren allesamt Hits und wurden auch oft im Jugendradio gespielt, aber stehen sie wirklich bei so vielen Leuten auf den Zetteln, dass sie, wie Oasis und andere Stadienbands, diese Halle füllen.
Dass Phoenix eine hervorragende Liveband sind, steht außer Frage und ist auch mir spätestens seit dem Konzert im Dortmunder FZW klar, das ich im Rahmen ihrer letzten Albumtour sah. Da hatte es mich schon sehr überrascht, die Franzosen derart ‚wild‘ zu sehen. Nach dem Hören ihrer La Boum-esken Songs hatte ich mir das so nie vorgestellt. Ich erinnere mich noch gut an eine Schlüsselszene: nach dem letzten Song warf Sänger Thomas Mars sein Mikrofon volle Wucht auf den Bühnenboden, so dass es über die Lautsprecher einen großen Knall gab. Fini, aus, Ende im Gelände. Dass er zuvor zweimal durch das Publikum stagedivete und auf die hintere Theke kletterte, war da schon zur verwunderten Nebensächlichkeit geworden. Ja, seit diesem Abend bin ich wohl Phoenix-Konzerte-Fan. In diesem Jahr sah ich die Franzosen nun zum zweiten Mal, und beide Konzerte, so unterschiedlich sie auch gewesen sind, waren herausragend. Doch erst die Nacht in Barcelona, als sie ihre Headlineransetzung am ersten Abend mehr als gerechtfertigten, rief mir die guten Livequalitäten nochmals ins Gedächtnis zurück. Und die vielen Hits des vorletzten Albums. Ach ja, „1901“, ach ja „Love like a sunset“, ach ja „Lasso“, ach ja „Girlfriend“.
Anfang der Woche dann das Radiokonzert im kleinen Wartesaal zu Köln. Eigentlich sind Radiokonzerte doof, weil es auch immer Gewinnertypen gibt, die vielleicht nicht so ganz Fans sind sondern irgendwie an die Karten gekommen sind oder einfach so beim Gewinnspiel mitmachten und gewannen. So kam es mir zumindest phasenweise vor, als ich mir die Reihen anschaute. Das war in Spanien noch anders: unzählige große, dunkle Augen schmachteten Thomas Mars und seine Kollegen geradezu an und umjubelten jede seiner Bewegungen. Das muss der La-Boum-Effekt sein.
Aber zurück zum Wartesaal, der proppenvoll und saunamässig warm ist. Das Gedränge ist groß, die Stimmung neugierig euphorisch, als die Band die Bühne betritt. Zu einem Radiokonzert gehört, dass man vorher nochmals darauf aufmerksam gemacht wird, die Band mit allergrösstem Jubel zu empfangen. Die Radiohörer sollen extrem neidisch sein, nicht hier sein zu können, so die Erläuterung. Albern.

A propos Radio. Immer wenn ich dieser Tage die aktuelle Daft Punk Single höre, fühle ich mich an Phoenix erinnert. Auch Daft Punk haben in „Get lucky“ diese typischen französischen Popmelodien, die so einzigartig 1980er Jahre geschwängert daherkommen.* Sophie Marceau fand ich nicht nur damals unheimlich toll, daher vielleicht mein Faible für diese Art von Musik. Mit Daft Punk haben Phoenix allerdings sonst nur gemein, dass Gitarrist Laurent Brancowitz kurz zur Daft Punk Band gehörte. Ob sie damals auch schon Helme trugen, keine Ahnung. Ich glaube gar, dass sie sich seinerzeit noch nicht einmal Daft Punk nannten.

Ich ergattere eines der Tickets, die in den regulären Vorverkauf gingen, bin also kein Gewinnertyp sondern wollte unbedingt Phoenix sehen. Zu geflasht schien ich noch vom Primaveraauftritt der Band, dass ich mir ein zweites Konzert kurz danach nicht entgehen lassen wollten. Dass es dann im alten Wartesaal so schnell kam, war umso schöner.
Im alten Wartesaal war ich lange nicht mehr, finden hier überhaupt noch Konzerte statt? Ride habe ich hier mal gesehen, dass ist aber auch meine einzige Wartesaalerinnerung. Knapp 1000 Leute hatte das Radio in den Saal geschleust, sehr viel weniger als vor der großen Heineken Bühne in Barcelona, weniger als im November die Philipshalle besuchen werden und etwas weniger als bei Rock am Ring am Wochenende, als Phoenix auf der AlternaStage spielten und es vor dem TV so aussah, als ob es doch sehr viel Platz vor der Bühne gab.
Der Band scheint der Konzertort jedoch egal. Sie ist in jeder Umgebung gleich gut. Phoenix wissen, wie Livekonzerte gehen und so ist der Wartesaal nicht schlechter dran als die Heinekenbühne. Wer gleich zu Beginn seine aktuelle Single verbraten kann und ein „Liztomania“ hinterherschiebt, der braucht Jubel nicht zu suchen. Und so ist die Stimmung von Beginn an auf 100, den künstlichen Jubelaufruf zu Beginn hat es dazu gar nicht notwendig. Und Phoenix sind direkt infiziert und in bester Spiellaune. So geht ein Austausch zwischen Publikum und Band. Ist das Publikum begeistert, ist es auch die Band, und umgekehrt. Konzerte können manchmal sehr einfach sein.
Die Stimmung ist also on top, die Band eventuell ein bisschen müde aussehend, jedoch bestens gelaunt. Gibt es denn nichts zu rumzumäkeln? Nun, vielleicht dies: Phoenix Konzerte unterscheiden sich kaum voneinander. Kennst du eins, kennst du alle Handlungen, die so während einer Phoenixstunde passieren: zum Beispiel die Ansage ‚hallo, wir sind Phoenix aus Paris, Frankreich‘ zwischen „Liztomania“ und „Lasso“, das ist seit Jahren so. Oder dass sich Sänger Thomas Mars zu dem instrumetalen „Sunskript!“ (das tolle „Love Like a Sunset“ / „Bankrupt!“ mash-up – das sich zum Ende hin mit brachialen Gitarren ausblendet, mein Lieblingslivestück!) auf den Boden legt und eine Monitorbox als Kopfstütze verwendet, ist auch nicht neu. Genausowenig wie seine Publikumsausflüge zu „1901“ und / oder „Rome“, die er bei jedem Konzert gnadenlos durchzieht. (Wenn das Mikrofonkabel lang genug ist; in der Eifel, wie ich im TV sehen konnte, war es das nicht). Unter all dem leidet ein Phoenix Konzert natürlich nicht, es ist nicht nur ärgerlich für den Nebenmann, der dies einfach ungefragt vor dem Konzert erfährt und so der Überraschungen beraubt wird.
„Lasso“, „Lisztomania”, “Long distance call”, “Too young”, “Girlfriend” , “Rally”, “1901”, “Rome”. Selbstverständlich spielen sie alle Hits. Allein wenn man diese komprimiert in einer Stunde um die Ohren geknallt bekommt, kann nichts schief gehen. Dann ist es schon ein Konzert der Extraklasse. Da stört auch die kleine Schwächephase um „Bourgoise“ und „Armistice“ nur wenig. Ja, als das Bühnenlicht blau wurde, ist die Luft kurzzeitig raus.
Mit „1901“ aber schnell wieder drin. Als Zugabe, die Radiokonzertstunde ist da schon um, spielen sie ein ruhiges „Countdown“, zudem der Ehemann von Sofia Coppola auf einer der Boxentürme sitzt und sich nur von Christian Mazzalaian an der Gitarre begleiten lässt, sowie ein live lange nicht gehörtes „If I ever feel better“, an diesem Abend der zweite Song vom United Album.
Fühle ich mich je besser? Ja, das sicherlich schon, aber nichtsdestotrotz war es ein verdammt gutes Konzert, das mir lange im Gedächtnis bleiben wird. Phoenix scheinen tatsächlich kurz vor ‚ganz groß‘ zu sein. Zu gönnen wäre es ihnen.

* oder liegt es doch nur an der Eröffnungstextzeile: Like the legend of the phoenix.

Kontextkonzerte:
Phoenix – Köln, 14.11.2009 / E-Werk
Phoenix – Bochum, 04.11.2006 / Zeche

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