Ort: Gebäude 9, Köln
Vorband: Culk

Ja, Panik - Köln, 29.04.2022

2011. DMD KIU LIDT.

‘Vis-a-vis von meinem Fenster steht Sebastian in the rain…’

Mitgröltext 2011. In diesem Jahr veröffentlichten Ja, Panik ihr zweites und break-through Album DMD KIU LIDT. Die Zeilen oben stammen aus „Nevermind“, einem der Songs der Platte. „Nevermind“ und überhaupt das komplette Album waren mein Ja, Panik Dosenöffner. Seinerzeit studierte ich in Salzburg und auf den Zugfahrten hörte ich und beschäftigte ich mich mit österreichischen Bands. Eine Blogreihe nannte ich damals Österreich macht Musik. Neben Divers, Clara Luzia und Bernhard Eder entdeckte ich so auch Ja, Panik. Während die anderen Musiker*innen kamen und gingen blieben Ja, Panik. Mir gefielen deren deutsch-englischen Songtexte und die Gitarrenmusik. Mein Fantum ging seinerzeit sogar soweit, dass ich das Ja, Panik Kochheft (Kochbuch wäre ein übertriebener Begriff, so viele Seiten hatte der Einband nicht) im Merch der Band bestellte.
Nach Libertatia, das 2014 erschien, war um Ja, Panik Ruhe. Also zumindest bei mir. Ich meine auch, dass die Band eine Pause eingelegt hat. Andreas Spechtl sah ich noch ein oder zweimal zusammen mit Christiane Rösinger, das war es.
In der Pandemie und sechs Jahre später schlichen dann erste Anzeichen eines neuen Songs durch das Internet. „Apocalypse or Revolution” erschien, später gar ein Album: Die Gruppe. Die für 2021 angesetzten Konzerte fanden natürlich nicht statt. Sie wurden auf 2022 verschoben. Auch ihr Kölner Auftritt im Gebäude 9.

Und gleich vorweg, „Nevermind“ spielen sie nicht. Aber als letzte Zugabe „DMD KIU LIDT“. So wie 2011. Allerdings in anderer Besetzung. Über die Jahre blieben aus der Ja, Panik Urbesetzung noch Andreas Spechtl, Bassist Stefan Pabst und Schlagzeuger Sebastian Janata. Hinzu kam – ich glaube schon zu den Libertatia Konzerten – die Gitarristin und Keyboarderin Laura Landergott.

An diesem Abend sind sie gar zu fünft. Eine Keyboarderin/Saxophonistin steht mit auf der Bühne. Das Saxophon ist heuer live ein wichtiges Instrument. Immer wieder untermalt es sanft die Songs oder es bricht in sie hinein. So wie bei „Eigentlich wissen es alle“, für mich das Kernstück des Konzerts. War das nicht auch schon bei den Konzerten 2014 so? ich meine, ja. Ein umgekipptes Schlagzeugbecken, eine nicht mehr haltende Betonfrisur Laura Landergotts. „Eigentlich wissen es alle“ ist der wildeste epische Moment des Abends. Andreas Spechtl kniet irgendwann auf dem Boden, zerrt an seiner Gitarre. Das Saxophon prescht immer wieder konsequent in den Song. Inklusiver Flüstermoment stellen diese 10 Minuten so ziemlich alles dar, was ich an Ja, Panik mag.

Einen Unterschied zwischen den alten und den neuen Songs, die ich an diesem Abend zum ersten Mal höre, sehe ich nicht. Ja, Panik sind gut wie eh’ und je.
„Eigentlich wissen es alle“. Ja, eigentlich wissen das alle. Nämlich, dass die ehemals österreichische Band – mittlerweile ist man ja stärker verberlinert – nicht nur ein paar wunderbare Alben veröffentlicht hat, sondern auch eine ganz hervorragende Liveband ist.

Wenn das aber eigentlich alle wissen, warum um Himmels Willen ist dann das Gebäude 9 nicht ausverkauft? Wo sind die Leute, die vor einigen Jahren an gleicher Stelle für ein ausverkauft gesorgt haben und sich begeistert den 15 Minuten „DMD KIU LIDT“ (der Song) hingegeben haben, als wäre es der allerbeste Song der Welt? Scheinbar haben sie ihr Wissen darüber vergessen. Oder sie sind sich nicht mehr sicher, ob es sich noch lohnt, dieses mehrmals verschobene Konzert wahrzunehmen. Jetzt, wo sich die Termine drängeln und ein verschobenes Konzert das nächste jagt. Vielleicht denken sie, dass Ja, Panik 10 Jahre nach ihren großen Platten vernachlässigbar sind und dass ja eh‘ nichts Außergewöhnliches passieren wird. ‘Und überhaupt die neue Platte, die kenne ich doch gar nicht.‘

Fahrlässige Gedanken! Ja, Panik sind immer noch wichtig und live immer noch großartig.

Setlist:
01: Enter Exit
02: Libertatia
03: Gift
04: On Livestream
05: Post shakey time sadness
06: Trouble
07: Run from the ones that say I love you
08: The Cure
09: Ich bringe mich in Form
10: Die Gruppe
11: 10pm
12: 6:40 Berlin Counterpoint
13: Backup
14: Eigentlich wissen es alle
15: Apocalypse or Revolution
Zugabe I:
16. Dance the ECB
17. The Evening Sun
Zugabe II:
18. DMD KIU LIDT