Ort: Bürgerhaus Stollwerck, Köln
Vorband: Andrew Collberg

„Via“, „Hotellounge2, „Theme from Turnpike“, „Secret hell“, „Little arithmetics“, „For the Roses“, „Suds & Soda“, „Disappointed in the Sun“, „Fell off the floor, man“, „Serpentine“. Das sind alles Lieblingssongs aus den 1990er Jahren. Und sie stammen alle von dEUS. Und sie werden alle an diesem Abend gespielt. Geht es besser? Nein.
In den letzten Jahren sah ich die beste belgische Band sehr oft, aber wohl noch nie mit – für mich – so einer großen Hitdichte. Freute ich mich schon im letzten Sommer sehr darauf, eines ihrer Worst Case Scenario Albumkonzerte besuchen zu können, so ist ihre diesjährige Konzerttour das Sahnehäubchen. Worst Case versus In a bar nennt sich die Konzertreihe, die die Band derzeit durch Europa führt, und der Titel ist Programm. Die beiden Alben Worst Case Scenario und In a bar, under the sea stehen im Fokus der Tour. Nur Songs aus diesen beiden Alben werden präsentiert; bis auf wenige Ausnahmen gar beide Alben in voller Länge. Die Ausnahmen: „Divebomb Djingle“ fehlt von Worst Case Scenario, „Nine threads“, „I don’t mind what ever happens“ und (leider) „Wake me up before I sleep“ und „Memory of a Festival“ sowie „Opening night“ von In a bar, under the sea. Bis auf die letzten drei Titel sind das alles Songs, an denen Tom Barman nicht mitgeschrieben hat. Ein Zufall? Streng genommen ist es also keine vollständiges Albumdoppelkonzert, denn auch die Songreihenfolge wird gut durcheinandergewürfelt. Die Hitdichte ist an diesem Abend allerdings so hoch, dass ich die Stücke nicht vermisse. Immerhin gehen sie chronologisch vor. Also zuerst Worst Case Scenario, das 1994 veröffentlicht wurde, und anschließend In a bar, under the sea, das zwei Jahre später herauskam. Zwischen den Alben liegt die 13 Songs (oder Songfragmente, viele Titel sind nicht mal anderthalb Minuten lang) umfassende EP My Sister = My Clock, die ich bis heute nicht verstanden habe. Doch das ist ein anderes Thema.
Andrew Collberg 20:30, dEUS 21:30. Das ist mal eine Ansage und für 2026 eine eher untypische – weil späte – Anfangszeit. ‘Dann dauert es ja locker bis nach 23 Uhr’, denke ich und schließe direkt eine Anreise mit dem Zug aus. Vor 20 Jahren waren Konzertbeginn um kurz vor oder um 21 Uhr eher die Regel als die Ausnahme, und damals fand ich das sogar gut. Aber jetzt, puhh. Also wenn es nach mir ginge, das Konzert hätte ruhig auch um 20 Uhr losgehen können. Der amerikanische Musiker Andrew Collberg sagt mir erstmal nichts. Sein gut halbstündiges Konzert klingt gut, zeitweise erinnert mich der Sound an die Andy Shauf bzw. Foxwarren Songs. Später lese ich, dass Andrew Collberg in Köln lebt. Hundertprozentig passt er nicht zu dEUS, aber das ist an diesem Abend eher nebensächlich. Alle im ausverkauften Bürgerhaus Stollwerck sind eh auf die belgische Band fixiert. Während des Vorbandlots ist es folgerichtig noch beschaulich voll im Stollwerck Saal. Aber der Saal ist trotzdem schon auf Betriebstemperatur. Ein Nachteil der Stollwerck Location; es wird hier relativ schnell sehr warm, eine gute Luftzirkulation gibt es hier seit Jahren nicht.
Ich stehe vor Bassist Alan Gevaert und Gitarrist Simen Folstad Nilsen und schaue in müde Gesichter. Sind das die Nachwehen der beiden großen Brüssel Konzerte im Forest National am vergangenen Wochenende oder das ganz normale Aussehen nach zwei Wochen Tour? Ursprünglich sollte dies mein zweites Konzert der Tour sein, doch aus terminlichen Gründen musste ich mein Ticket für das Freitagskonzert im Forest National wieder verkaufen. Was unproblematisch innerhalb weniger Stunden erledigt war. Die beiden Brüsseler Konzertabende waren lange ausverkauft und eine Nachfrage auf dem Zweitmarkt (Ticketmaster Resale) war vorhanden. Mein ursprünglicher Plan war es, erst in Belgien eine große dEUS Show zu genießen und mir anschließend im viel kleineren Rahmen das Konzert aus nächster Naehe anzuschauen. Eigentlich ein guter Plan, aber manchmal kommt halt das Leben dazwischen. Immerhin, bei der nächsten Nähe blieb es; den großen Rahmen, mit üppig dimensionierten Videoinstallationen, wie ich später bei YouTube sah, und die große Show musste ich leider sausen lassen.
Und so stehe ich an der Bühne und warte auf Songs aus zwei meiner Lieblingsalben aus den 1990er Jahren. Worst Case Versus In a bar, das ist vom Spektakel gleichzusetzen mit Rocky Balboa versus Ivan Drago oder King Kong versus Godzilla. Oder was auch immer. Es ist ein Konzertklassiker, der an diesem Abend im Bürgerhaus Stolberg stattfindet. Die beste belgische Band der Welt spielt ihre vielleicht besten Alben in einem Konzert hintereinander weg: In a bar, under the sea und Worst Case Scenario sind bekanntermaßen Schwergewichte des 1990er Jahre Indie/Alternative. Mehr muss ich dazu nicht sagen.
Neben Alan Gevaert und Simen Folstad Nilsen stehen bzw. sitzen am Schlagzeug Stéphane Misseghers und die beiden einzig verbliebenen Gründungsmitglieder Tom Barman und Klaas Janzoons auf der Bühne. Leider nicht mehr dabei ist Stef Kamil Carlens, dessen kurze Rückkehr zu dEUS im Sommer letzten Jahres für die 5 oder 6 Worst Case Scenario Albumkonzerte für ein großes Hallo sorgte. Seinerzeit war seine Rückkehr zu dEUS in Belgien die noch größere Musiksensation als die zeitgleich stattfindende Livereunion von Oasis. Dass sie dann kürzer ausfiel als erwartet, kam für einige unerwartet und führte zu vielerlei Diskussionen. Gerade auch, weil die jetzige Tour erneut Worst Case Scenario huldigt und es schon komisches ist, dass der ehemalige Bassist und Songschreiber der Band, der für beide Alben Songs geschrieben hat, für diese Tour keine Nominierung erhalten hat. Er selbst schrieb dazu bei Instagram:
It saddens me to inform you that dEUS has decided not to include me on their Worst Case versus In a Bar tour.
Und weiter
Zo heeft de band het beslist. Ik was beschikbaar.
Nun ja, was weiß ich über interne Bandbefindlichkeiten und Absprachen.
Laut setlist.fm habe ich dEUS 17-mal live gesehen, vielleicht noch ein- oder zweimal öfter. Ich bin kein guter Buchhalter. Und erst jetzt höre ich „Disappointed in the sun“ live. Es ist das erste Mal. Endlich, möchte ich sagen. Sie spielen es als erste Zugabe. Himmel, wie lange habe ich darauf gewartet, wie habe ich in den letzten Jahren immer mal wieder gehofft, diesen Song live zu hören. Für mich ist es einer der besten Songs, die ich kenne. Aber dEUS spielten ihn nicht, nie, noch nicht einmal bei ihren Akustikkonzerten. Schon allein deswegen hätte sich der Abend gelohnt. Aber natürlich lohnte er sich in Gänze.
Das Konzert ein gefundenes Fressen für jeden dEUS Fan. Lücken oder Überbrückungssongs Fehlanzeige. Es reiht sich Hit an Hit. Songs, die ich nahezu auswendig kenne und im Schlaf singen könnte, wenn ich singen könnte. Songs, die nie aus meiner Erinnerung verschwunden sind. Damals fand ich das Hören der CDs als anstrengend und schwierig: die Samples, die Melodienbrüche, das Hin und Her. Gefühlt kam nie Ruhe auf, irgendein Break oder eine abrupte Melodienwechsel war immer. Auf In a bar, under the sea etwas weniger als auf Worst Case Scenario, aber immer noch so, dass es spürbar war. „Fell off the floor,man“, „Gimme the heat“ mit seinem Violinengeziepe, „A shocking lack thereof“ sind gute Beispiele dafür. So wurden die melodiösen „Little arithmetics“, „Wake me up before you sleep“ und „Disappointed in the sun“ erste Lieblingslieder. Später mochte ich das Snippet „Memory of the festival“ sehr, viel später entdeckte ich dann die wahre Schönheit von „Theme from Turnpike“ und „For the roses“. Noch schwieriger und schlimmer war es für mich bei Worst Case Scenario. Lange mochte ich nur „Suds & Soda“, „Via“ und „Hotellounge“ hören. Es brauchte seine Zeit, die Verschrobenheit und Vertracktheit zu verstehen und die Schönheit in der Unvollkommenheit zu erkennen.
Von diesen alten dEUS ist 2026 nicht mehr alles übrig; die Songs klingen eingängiger als damals, viele Samples – live vielleicht auch schwierig umsetzbar – sind nicht da, die Songs wirken weniger chaotisch. Oder habe ich mich nur daran gewöhnt und 30 Jahre später sind Dinge einfach nicht mehr fremd und chaotisch, weil es danach noch viel chaotischere Musik gab? Keine Ahnung, und irgendwie auch nicht wichtig.
Entscheidend in diesem Augenblick ist nur, dass dEUS diese beiden Alben live spielen. Gute zwei Stunden lang dauert das Konzert, es vergeht wie im Rausch. Alle Songs sind verdammt gut gealtert, eine Art Nostalgieeffekt, wie er gerne bei Albumkonzerten auftaucht, entsteht hier und jetzt nicht. Beide Alben klingen nach wie vor modern und nicht wie aus einer anderen Zeit. Da ist es dann auch nicht wichtig, dass viele Ursprungsmitglieder nicht mehr mit an Bord sind und Gitarrist Simen Folstad Nilsen den Altersschnitt im Saal enorm senkt. Denn natürlich besteht das Publikum zu 99,9 % aus Fans der ersten Stunde. Und die haben ein lächeln im Gesicht, denn dEUS machen das an diesem Abend verdammt gut. Für alle ist einfach toll und wunderschön, hier zu stehen und 23 Songs aus den beiden Alben live zu hören. Das schafft man doch sonst nur auf dem heimischen Sofa.
Es war ein großartiger Abend! Ein wichtiger Abend.
‘Wenn ich für Benzin 2,10 € bezahlen muss, dann kann ich auch 5 € die Stunde fürs Parken bezahlen.’ Es ist halb zwölf und ich stehe am Parkautomaten im Parkhaus Rheinauhafen, dem (immer noch?) längsten Parkhaus der Welt. Hier ist Köln vielleicht am modernsten, auch wenn die Kranhäuser schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Und hier ist das Parken besonders teuer. Nun ja.
How beautiful the poetry, how beautiful the prose
Right as rain / Disappointed in the sun – Lyrics mesh-up
This is where the story ends and this is where it goes
It just turned into an alibi for a song
But anyway
And that’s why we’re thinking
That’s why we’re drinking in a bar under the sea
And that’s why we’re thinking
That’s why we’re drinking in a bar under the sea
Setlist:
01: Jigsaw You
02: Via
03: Morticiachair
04: W.C.S. (first draft)
05: Let’s get lost
06: Secret Hell
07: Right as rain
08: Mute
09: Shake your hip
10: Great American Nude
11: Hotellounge (be the death of me)
12: Theme from Turnpike
13: Guilty pleasures
14: Serpentine
15: Gimme the heat
16: Supermarketsong
17: A shocking lack thereof
18: Little arithmetics
19: Fell off the floor, man
20: Intro
21: Suds & Soda
Zugabe:
22: Disappointed in the sun
23: For the Roses
Kontextkonzerte:
dEUS – Maastricht, 10.07.2025 / Muziekgieterij
dEUS – Maastricht, 13.04.2023 / Muziekgieterij
dEUS – Rock Herk Festival, 16.07.2022
dEUS – Leuven Air Festival, 21.08.2021
dEUS – Brüssel, 25.05.2019 / AB
dEUS – Luxemburg, 18.05.2019 / Den Atelier
dEUS – Köln, 06.05.2019 / Gloria
dEUS – Antwerpen, 10.02.2017 / Lotto Arena
dEUS – Gent Jazz Festival, 16.07.2016
dEUS – Ostende, 12.12.2015 / Kursaal
dEUS – PIASNites Festival Brüssel, 15.03.2014
dEUS – Köln, 28.11.2011 / Live Music Hall
dEUS – Köln, 11.10.2008 / Live Music Hall
dEUS – Melt! Festival, 18.07.2008
dEUS – Köln, 14.04.2008 / Kulturkirche Nippes