Ort: Muziekgieterij, Maastricht
Vorband:

Justin Sullivan. New Model Army.
Auf setlist.fm – das ist so eine Webseite für Konzertnerds, auf der man Setlisten und Konzertbesuche taggen, eintragen und teilen kann – verzeichne ich mehr halbherzig als gewissenhaft meine Konzertbesuche. Halbherzig, weil ich aus der Zeit vor 2004 nicht mehr wirklich alle Daten und Fakten beisammen habe und weil ich in der Zeit nach 2004 das ein oder andere Konzert schlicht vergessen habe, hier einzutragen. Und ehrlich gesagt ist es mir zu mühselig, aus anderen Archiven wie Webseite, last.fm, etc. die Sachen rauszusuchen und in die setlist.fm Datenbank einzutragen. Überdies würde ich mich auch nicht als Listenjunkie bezeichnen, was eine akkurate Datenhaltung für mich noch anstrengender werden lässt. Sinn und Unsinn von Listen.
Doch zurück zu setlist.fm. Am Abend des Konzertes wurde ich darauf hingewiesen, dass New Model Army ja eine der Bands seien, die ich mit am häufigsten gesehen habe. Kann nicht sein, ist meine Spontanreaktion. Die hab’ ich ewig nicht mehr gesehen und früher doch eigentlich auch nicht regelmäßig. Oder? Mein letztes New Model Army Konzert liegt Jahre zurück und muss eines der Weihnachtskonzerte gewesen sein, die die Band nach 2000 alljährlich im Palladium oder E-Werk gespielt hat. Ich kann mich nicht daran erinnern.

Erinnerungen habe ich allerdings an das 2000er Doppelkonzert zum 20. (?) Jahrestag der Band. Himmel, war das großartig. Da haben sie an beiden Abenden alles gespielt, was wichtig ist. Ursprünglich hatte ich nur den besuch an einem Abend geplant, aber nachdem dann noch wichtige Songs ausstanden und der Abend so irre verrückt gut war, beschloss ich noch vor Ort, mir auch ein ticket für den nächsten Abend zu besorgen. ‘See you tomorrow, we have got 30 more songs to play.’ Der Aufforderung musste ich nachkommen. Ich glaube, das Kassenhäuschen hatte nach Konzertende noch auf. 
Auch an den ein oder anderen Festivalauftritt von New Model Army Anfang der 1900er Jahre erinnere ich mich noch. Damals war das ja so, dass du New Model Army schlichtweg nicht aus dem Weg gehen konntest. Schüttorf, Bizarre, wasauchimmer. New Model Army standen schon auf dem Plakat. Und meist weit oben. Genauso übrigens wie die Levellers (die ich nicht gerne höre) und The Alarm. Man sah sie gefühlt auf jedem Festival spielen. Und das zurecht. Die Bands hatten eine große Fanbase und teilweise große Songs. In meiner Erinnerung sind das die drei Bands, deren Aufnäher man am häufigsten auf Jeansjacken sah. (Ja, damals nähte man sich hinten unter den Kragen rechteckige Bandsticker auf seine Jeansjacke. Ich hatte einen von U2).

New Model Army komponieren Hymnen, die ein linkes, alternatives Publikum begeistern, aber bei der breiten Masse auf Unverständnis stoßen und vom Mainstream-Radio ignoriert werden. Die USA verweigern New Model Army sogar ein Arbeitsvisum wegen „mangelndem künstlerischen Potential“. Sullivan revanchiert sich später mit dem Song „51st State“, der Amerika als moderne Kolonialmacht bezeichnet und Großbritannien als seinen 51. Bundesstaat. (Rockpalast)

New Model Army sind seit Jahren komplett aus meinem Dunstkreis verschwunden. Sie sind mir nicht mehr wichtig, für mich hatten sie ihre Zeit. Thunder and consolation, The ghost of cain, No rest for the wicked, Impurity. Das war meine New Model Army Hochphase.  Gerade Thunder and consolation war für eine lange Zeit das einzige Album, das ich gehört habe. “Green and grey” steht immer noch auf meiner Lebens TOP-10 Songliste, “Stupid questions” war damals der Dampf-Ablass-Song schlechthin und “Vagabonds”, “I love the world” oder “White coats” kennt heutzutage jedes Kind.
Leider bleibt “Ballad of Bodmin Pill” bleibt an diesem Abend der einzige Song aus diesem tollen Album. Aber immerhin, denn in den ersten Konzerten war laut setlist.fm noch nicht einmal dieser Song in Justin Sullivans Programm.

Ursprünglich sei das sein day-off, Justin Sullivan tourt gerade durch Deutschland, aber ein gewisser Morris hätte ihn in die Dutch Mountains eingeladen, da konnte er nicht nein sagen. Und in der Tat, am Vortag und am nächsten Tag spielt er zwei Konzerte in Köln. Das hatte ich aber erst später gesehen, sonst wären wir vielleicht nach Köln und nicht nach Maastricht gefahren. Obwohl, die Muziekgieterij ist einer der schönsten Konzertorte, den ich kenne. Und das spräche dann wiederum für die paar Kilometer mehr bei der Anfahrt.
Was uns an diesem Abend erwarten würde, war nach einer Internetrecherche schnell klar. Seit ein paar Wochen tourt er durch Deutschland, es gibt YouTube Videos zu Hauf und die Datenbanken bei setlist.fm sind akribisch befüllt. Also, so sieht’s aus: Justin Sullivan sitzt auf einem Hocker und spielt New Model Army Songs (nicht die großen Hits) und Songs seines im letzten Jahr erstellten Soloalbums Surrounded. (Was übrigens ein Grund dafür ist, dass ein aktuelles New Model Army Album noch ein bisschen auf sich warten lässt, wie er an diesem Abend erzählt). Leider variiert er die Setlist kaum, so dass keine Überraschungen zu erwarten sind, und schließlich auch nicht eintreffen. 9 Songs vom Soloalbum, 14 New Model Army Songs. Alles Songs, die er während seiner Tour bereits schon gespielt hat. 

Der kleine Saal in der Muziekgieterij liegt im Kerzenlicht der kleinen Tischlichter, die auf den Tischen und Fässern dekoriert sind. Es ist ein bestuhltes Konzert mit diversen Sitzgelegenheiten aus zwei Kirchenbänken, Barhockern, Stühlen und Sitzkissen. Optisch passt das zum Konzert; Schummerlicht. Da in der Hauptsache bodennahe Scheinwerfer eingesetzt werden, bleibt es die nächsten Stunden bei dieser Schummerstimmung.
Um 20 Uhr startet Justin Sullivan mit „Maps“, einem ersten New Model Army Song. Als er die Einladung nach Maastricht bekam, hätte er sich erstmal eine Altimeter App auf sein Handy geladen. The dutch alps, 50 Meter über NN. Haha. Es ist ein erster Vorgeschmack auf das, was noch kommt und überraschend für mich ist: Justin Sullivan erzählt viel und er erzählt unterhaltsam. Dass er so fantastisch entertainen kann, hätte ich nicht vermutet. Durch sein akzentfreies britisches Englisch fällt es mir auch nicht schwer, seinen Geschichten zu folgen. I understand almost everything.
Nach dem ersten New Model Army Appetizer folgt der große Block mit fünf neuen Songs aus seinem Soloalbum Surrounded. Die haben Qualität, er ist ein toller Singersongwriter. 

Die neuen Songs klingen ruhig und ausgereift. Es sind Liebesgeschichten, Tagebucherzählungen, Retrospektiven. ‘Was Corona und das Alter eben so mit einem machen, wenn man den ganzen Tag auf der Coach hockt: man denkt über sein Leben nach’, wird er später irgendwann sagen. Justin Sullivan ist ein Geschichtenerzähler. In den Songs und außerhalb. Er erzählt aus seiner Jugend, als er in den 1970er Jahren für drei Monate in Amerika war. Wir rechnen kurz nach. Ist Justin Sullivan etwa schon Mitte 60? Den Eindruck macht er gar nicht. Später google ich nach: Justin Sullivan ist 65 Jahre alt. Respekt.
Von Beginn an macht sich eine entspannte, schöne Atmosphäre breit. Justin Sullivan wirkt nah, ist nicht der da oben auf der Bühne sondern Teil der Gemeinschaft. Er sucht ab und an die Kommunikation, plaudert frei vor sich hin und spielt Songs. Zur 100%igen Lagerfeueratmosphäre fehlt nur, dass wir alle mitsingen. Doch das machen allein die anwesenden Hardcore New Model Army Fans. Davon sind einige da. Sie kennen jede Textzeile und zucken ab und an auf ihren Stühlen hin und her. 
Nur einmal wird die Akustikgitarre verzerrt, wenn ich es richtig im Kopf habe, zu “Passing through”. Danach folgt der einzige Song ohne Gitarre, aber dafür mit Sounds vom Band und Mundharmonikaeinsatz. Den ‚Karaoke Song‘, so nennt ihn Justin Sullivan. “You weren’t there” passt so gar nicht ins Konzept des Abends. Ich hätte ihn weggelassen. 16 Songs lagen da bereits hinter uns, der Abend neigt sich so langsam dem Ende. „You weren’t there“ bleibt die einzige Experimentierphase, anschließend und zum Abschluss des Konzertes nutzt Justin Sullivan wieder das klassische Singersongwriter Equipment. Nach 2 Stunden sind wir endgültig raus. Wow, das war toll. Mit dieser Intensität und Länge hätten wir gerechnet.

Am Ende noch eine Ankündigung vom Bandchef: Vielleicht und wenn alles mit den Papieren klappt, kommen New Model Army im Dezember nach Amsterdam. 40. Geburtstag feiern und so. Das sei aber noch nicht sicher, da die Reisedokumente bereits jetzt vorbereitet und zur Prüfung abgegeben werden müssten. Der Brexit, oder wie Justin Sullivan sagt: F**K**G BREXIT!

Setlist:
01: Maps (New Model Army)
02: Changing of the light
03: Amundsen
04: Coming with me
05: Unforgiven
06: 28th may
07: No greater love (New Model Army)
08: Rip Tides
09: Strogoula (New Model Army)
10: Marrakesh (New Model Army)
11: Over the wire (New Model Army)
12: Die trying (New Model Army)
13: Clean Horizon
14: Stone and Heather
15: Where I am (New Model Army)
16: Passing through (New Model Army)
17: You weren’t there (New Model Army)
18: Ballad of Bodmin Pill (New Model Army)
19: Eyes get used to the darkness (New Model Army)
Zugabe:
21: 1975
22: Rivers (New Model Army)
23: Fate (New Model Army)
24: Snelsmore Wood (New Model Army)

Kontextkonzerte: