Ort: Palladium, Köln
Vorband: –

Das Razzmatazz ist ein altehrwürdiger Musikclub im Stadtteil Poblenou in Barcelona. zweimal war ich bereits dort. Schoen ist er nicht wirklich, eine Renovierung würde guttun. Licht-, Sound- und Klimaanlage sind jedoch top, wie eigentlich in allen Clubs, die ich in Barcelona besucht habe (Sala Apolo, Sala Apolo 2, La Nau, Para.llel 62, Laut). Vom Eingang herkommend geht man erst ein Treppenstufen hinauf auf die Galerie, um dann einmal den Saal der länge nach abzulaufen, um am anderen Kopfende wieder Treppenstufen nach unten zu nehmen. Erst jetzt steht man im eigentlichen konzertsaal, der vielleicht knapp 2000 Leute fasst. Von der Galerie aus hat man nur einen partiellen Einblick auf den Saal. Man muss schon auf dem Boden oder auf Hockern sitzen, um durch fensterähnliche Öffnungen nach unten schauen zu können. Ich könnte also sagen, der Laden hat Charme. Pulps Song „Razzmatazz“ handelt über eine ehemalige Freundin von Jarvis Cocker, die in dem Song nicht ganz so gut wegkommt. 1993 war „Razzmatazz“ Single of the week im Melody Maker. (Boah, ist das schon lange her!) Eine Verbindung zwischen Song und Club gibt es trotzdem: der Club in Barcelona, der 2000 eröffnet wurde, ist nach dem Song „Razzmatazz“ benannt. Zugehöriger Club-Merch ist im Razzmatazz erhältlich.
Am Samstag war ich im Stadtwald laufen. Dabei hörte ich das neue Album von Die Sterne und musste an das Pulp Konzert am kommenden Montag denken. Wie das jetzt zusammenpasst und wie von dem einen auf das andere gekommen bin, ich weiß es nicht. Ich sag’ mal, die Hitze. Immerhin waren es am Abend noch weit über 30 Grad und es wehte nur ein kleiner kühle Wind. Egal, während ich so meine Runden drehte, kam mir plötzlich eine für mich logisch klingende Verbindung oder Gemeinsamkeit der beiden Bands. Was Die Sterne in der Hamburger Schule sind bzw. waren Pulp im Britpop. Beide Bands nahmen eine gewisse Sonderrolle ein, beide Bands passten nicht so hundertprozentig in die damals so angesagten Musikgenres. Sowohl Pulp als auch Die Sterne waren mehr als nur Britpop/ Ladism bzw. Hamburger Schule mit ihren Indiegitarren. Beide hatten auch Disco, mehr Pop und vor allem die schlaueren Texte. Das Unterschied sie von Blur oder Tocotronic, von Oasis oder Blumfeld. Und es machte sie – als negativer Nebeneffekt – nicht ganz so groß wie die Kollegen. Dennoch Pulp zählen zu den big four des Britpop; so super klein ist das nicht.
Ihr sechstes Album This Is Hardcore ist mein Lieblingsalbum von Pulp. Das wurde 1998 veröffentlicht und war sowas wie der letzte große Wurf der Band. Zwar kam mit We love life noch ein Album, aber ehrlich gesagt kann ich mich daran null erinnern. Dann kam längere Zeit nichts mehr außer ein paar Konzerten auf der Insel und bei Primavera Sound Festivals. Dort sah ich Pulp 2024 auch das letzte Mal live. Das erste Mal war 2011 an gleicher Stelle. Ob ich Pulp davor schon einmal live sah, ich bin unsicher. Ich kann mich zum Beispiel nicht genau daran erinnern, ob ich Pulp vor 31 Jahren bei ihrem letzten Kölnbesuch gesehen habe oder nicht. Richtig gelesen, vor über 30 Jahre waren Pulp das letzte Mal live in Köln unterwegs. Ein aberwitzig klingender Zeitraum, wie ich finde. Aber andererseits haben Pulp auch 20 Jahre nichts gemacht. Das relativiert den Zeitraum ein bisschen. Aus den 1990er Jahren sind neben Jarvis Cocker noch Candida Doyle am Keyboard sowie Schlagzeuger Nick Banks und Gitarrist Mark Webber mit dabei. Aus den Gründungsjahren Anfang der 1980er Jahre ist nur Jarvis Cocker mit von der Partie. Ich bin überrascht, als ich lese, dass es die Band schon so lange gibt. Das hatte ich nicht auf dem Schirm. Allerdings bin ich auch kein die-hard Pulp Fan. Ich muss das also nicht wissen.
Jarvis Cocker erzählt zwischendurch viel. Über seinen Montagabend Club in Sheffield, über die Entstehung des ein oder anderen Songs, über Familienereignisse. Manchmal ist das ein bisschen zu ausschweifend, dann möchte ich ihm gerne das Noel Gallagher Zitat ‘Shut up and play „One“’ entgegenrufen. Was ich aber natürlich nicht mache. Irgendwie möchte ich, dass das Konzert zügig-straff über die Bühne geht. Es ist Fußball-WM und um halb elf spielt Deutschland gegen Paraguay im Sechzehntelfinale. Das möchte ich gerne sehen. Oder zumindest die 2. Halbzeit. So harre ich ein bisschen ungeduldig im Palladium aus, als nach zwei Konzertstunden um 22.15 Uhr noch nicht Schluss ist. Darauf hatte ich irgendwie spekuliert. Und dann wäre ich locker zur zweiten Halbzeit vor dem Fernseher. Einerseits. Andererseits ist das Konzert, sind Pulp aber auch einfach zu gut, um das Konzert enden lassen zu wollen.
Hatte ich schon erwähnt, dass ich tagsüber eigentlich keine Lust hatte, das Konzert zu besuchen? Und wäre es leichter gewesen, mein E-Ticket in irgendeiner Art und Weise bei Ticketswap zum Verkauf anzubieten, ich hätte das wahrscheinlich auch getan. Aber ich fand nicht den Lösungsweg, wie ich mein E-Ticket formgerecht exportiert und nach Ticketswap importiert bekomme. Im Nachhinein muss ich sagen, ein verdammtes Glück, dass ich so dumm war. Die Hitze der letzten beiden Tage setzte mir zu und auf einen weiteren Abend in einer gut temperierten Halle voller Menschen hatte ich so gar keine Lust. Aber, ich habe eben noch das Ticket und es verfallen zu lassen wäre auch sehr dumm.
Daher machte ich mich eher lustlos und auf den letzten Drücker auf den Weg ins Palladium. Pulp sollten um 20 Uhr starten und zwei Sets spielen. Das klang gut und half mir, mich aufzuraffen. Als ich im Palladium ankomme, bin ich überrascht. Der Saal ist ordentlich gut klimatisiert. Nett, sehr nett sogar und ein dicker Pluspunkt. Muss ich mir merken, dass im Palladium Sommerkonzerte auszuhalten sind. Ich bin 15 Minuten zu spät, so dass ich mich hinter den beiden Säulen im Palladium einsortieren muss. Weiter nach vorne komme ich nicht mehr. Aber ich habe eine relativ freie Sicht auf die Bühne und stehe auch sonst ganz angenehm.
Pulp beginnen pünktlich und wie es so ist, nach den ersten zwei Songs ist der ganze Brassel des Tages vergessen, die Müdigkeit weg und man ist einfach nur froh, dass man da ist, wo man gerade ist. So geht es mir, nachdem Pulp mit „Sorted for E’s & Wizz“ und „Disco 2000“ fulminant in den Abend starten. Nein, ein Fehler war es nicht, sich aufzuraffen. ‘Der Abend wird super’, denke ich direkt. Und Pulp liefern undmachen ab jetzt keine Gefangenen mehr.
Das Konzert besteht aus zwei Sets. Soviel ist mir bekannt. Wie und warum die beiden Sets genauso aussehen, ist mir nicht bekannt. Eine logische Struktur gibt es zumindest nicht. oder ich sehe nicht. Weder Set 1 noch Set 2 bilden z. B. nur Songs des neuen Albums oder nur Hits ab. Pulp spielen vom aktuellen Album More im ersten Teil drei Songs und im zweiten Teil einen Song. Hits packen sie in beide Teile. Es scheint eher so, als ob sie einem normalen Konzertablauf einfach eine Pause hinzufügen. Um kurz durchzuschnaufen. 15 Minuten dauert der Break, ich nehme ihn gar nicht so richtig wahr. Ein Stimmungskiller ist er nicht. Zum Zeitvertreib stellen Pulp zwei Songs zur Abstimmung, von denen sie dann einen im zweiten Teil spielen werden. Beim Klatsch-o-Meter setzt sich „Pencil skirt“ deutlich vor „Don’t you want me anymore?“ durch. Mir sagen spontan beide Titel nichts. Genauso wie die weiteren ersten fünf Songs im zweiten Durchgang. Jetzt rächt es sich, dass ich kein die-hard Pulp bin. Folglich empfinde ich diesen Teil als etwas zäh und um einiges schwächer als den Part vor der Pause. Ich glaube, ich bin aber der Einzige im Saal, der so denkt. Die Grundstimmung ist nämlich nach wie vor auf einem stabilen Dauerpeak. Zum Ende hin wird es für mich wieder fetziger. „Do you remember the first time?“, „Babies“ und „Common people“ (mit einem kleinen Autobahn-Snippet) bilden ein großes Finale, bevor mit „A sunset“ in einer Art Probenraumversion das Konzert endet.
Ja, das war ganz nett und unterhaltsam.
Do you remember the first time?
I can’t remember a worse time
Gilt nach wie vor fuer Pulp Konzerte. Und da das Konzert an einem Montagabend stattfindet, spielen sie natürlich auch „Monday morning“.
Setlist:
Teil 1
01: Sorted for E’s & Wizz
02: Disco 2000
03: Spike Island
04: Razzmatazz
05: Slow Jam
06: F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E.
07: Pink Glove
08: Underwear
09: Farmers Market
10: This is hardcore
11: Sunrise
Teil 2
12: Something changed
13: The fear
14: Pencil skirt
15: Begging for Change
16: Monday morning
17: Acrylic afternoons
18: Do you remember the first time?
19: Mis-shapes
20: Got to have love
21: Babies
22: Common People
23: A sunset
Kontextkonzerte:
Pulp – Primavera Sound Festival Barcelona, 30.05.2024
Pulp – Primavera Sound – Barcelona, 27.05.2011