Primavera Sound Festival – Barcelona, 02.06.2017


Ort: Parc del Fòrum & CCCB, Barcelona
Bands: Nikki Lane, Alexandra Savior, Julia Jacklin, Weyes Blood, Sinkane, The Magnetic Fields, Arab Strap, The xx, Swans, Sleaford Mods, Front 242

Wer aus Nashville stammt, der macht…..Countrymusik. Auf Nikki Lane, die meinen Primavera Donnerstag musikalisch eröffnete, gilt diese Regel  uneingeschränkt. Die Amerikanerin aus Nashville eröffnete für mich am frühen Nachmittag das Konzertreiben im Innenhof des CCCB, dem Ort, an dem die freien Konzerte des Primavera al Raval im Rahmen des Festivals auch in diesem Jahr wieder stattfanden.

Nikki Lane sieht ein bisschen nach durchzechter Nacht aus, die Sonnenbrille hängt breit vor den Augen. Auf dem Hals ihrer E-Gitarre steht in verblassten Glitzerbuchstaben Highway Queen. Das passt irgendwie hundertprozentig in das Bild, das ich von der Sängerin gewinne. Himmel, sah die Band fertig aus. Irgendwann kippte dem Drummer die Standtrommel weg. Verzweifelter Blick nach links, niemand hat es mitbekommen. Ein zweiter Blick nach rechts, immer noch keine Reaktion vom Bühnenrand. Mit den Fingerspitzen der rechten Hand versuchte er dann selbst, sie wieder aufzurichten, während er mit der linken Hand weiterspielen musste. Das Ganze passierte nämlich während eines Songs. Das klappte natürlich nur suboptimal, aber hatte den Effekt, dass dadurch ein Roadie auf das Dilemma aufmerksam wurde, und zur Hilfe eilte.

Im Sala Teatre sind die Stuhlreihen vom Vortag weggeräumt. Alexandra Savior hat gleich hier ihren zweiten festivalauftritt. Bereits gestern begeisterte mich die Amerikanerin, die singt und tanzt wie Lana del Rey, auf der Pitchfork Bühne. Hier im Theater ist es nun eine Spur kleiner, intimer, könnte ich fast sagen, um in den Slang von Konzertberichterstattern zu verfallen. Alexandra Savior ist das neue Popsternchen am Indiehimmel, abgefeiert wurde die Sängerin zumindest sehr ordentlich. Es fällt aber auch leicht, das kleine Persönchen zu mögen. Und ihre Songs klingen so famos unschuldig und nach kein-Wässerchen-trübend, dass ich bei beiden Konzerten ganz ruhig und sentimental wurde. Es würde mich aber nicht wundern, wenn die Texte abgrundtief gemein und böse wären. Zutrauen würde ich es Alexandra Savior, als diametralen Gegensatz zur Musik. Belladonna of Sadness heißt ihr Debütalbum, einen besseren Namen hätte es nicht haben können. Belladonna of Sadness, die perfekte Beschreibung für Alexandra Savior.

Sinkane verbreiteten Partystimmung vor der Primaverabühne. Das Weltmusikensemble um den Musiker Ahmed Gallab schaffte es sehr zügig, das sonnige Wetter für sich zu nutzen. Ich konnte vorher mit Sinkane nicht allzu viel anfangen, aber die Minuten bis zu meinem Aufbruch ins Auditori waren ganz hervorragende Schönwettermusik. Es fiel mir nicht schwer, mich gefangen nehmen zu lassen von den sieben Musikern und ihren Songs, die überhaupt nicht so exotisch weltmännisch klangen, wie ich mir es vorher vorgestellt hatte. Ich muss zugeben, dass ich Sinkane vorher auch deswegen links liegengelassen hatte, da mir ihr Stempel Weltmusik suggerierte, das sei nichts für mich. Ich mag nämlich keine Weltmusik. Aber ich merkte schnell, dass ich mich geirrt hatte. Sinkane sind – zumindest live – toll. Und eine große Bereicherung für jedes Festival, da sie es wirklich schnell und überzeugend schaffen, Menschen zum Tanzen zu  bringen.

Ein paar Minuten davor konnte Weyes Blood diese Stimmung in mir nicht ganz erzeugen. Es war aber auch fürchterlich voll und entsprechend eng im Mango House, einer kleinen Bühne mitten auf dem großen Vorplatz. Weyes Blood hatte ich mir im Vorfeld eigentlich als hochinteressanten Act herausgeschrieben, denn es galt, unbedingt anzusehen. In den nächsten Tagen hätte es dazu mehrere Möglichkeiten gegeben, nach zwei, drei Songs an diesem Nachmittag strich ich die restlichen Weyes Blood Konzerte von meiner Liste. Das war nichts, zumindest nicht in diesem Augenblick. Natalie Mering schaffte es nicht, mich mit ihrem Indie Folk zu begeistern. Vielleicht lag es auch an der blöden Bühnenkonstellation, die Laufkundschaft und kurzzeitig reinblickendes Publikum unaufgefordert mit sich brachten. Wie das ebenso ist auf einem Festival, wenn eine nach zwei Seiten offene Bühne direkt neben der Haupteinfallschneise des Publikums steht. Die ersten paar Songs spielt die New Yorkerin alleine an der Gitarre, es klingt nicht allzu laut und klar vernehmlich, die umgebende Geräuschkulisse ist groß. Das mag durchaus ein Grund dafür sein, dass mir Weyes Blood nicht näher kam. Ich vermute, dass im Laufe des Sets ihr Partner das Gitarrenspiel unterstützte. Erlebt habe ich das nicht mehr, ich war schon auf dem Weg zu Sinkane.

Zwei Stunden Auditori. The Magnetic Fields gaben sich die Ehre. Mit einer besonderen Veranstaltung. Am Freitag und am Samstag wollten sie jeweils 25 Songs aufführen. 50 Song Memoir nennt sich das Konzert. 50 Song Memoir auch das aktuelle Album. 50 Songs für 50 Lebensjahre lautet die Formel, die der Magnetic Fields Boss Stephin Merritt auf der Scheibe zusammengestellt hat. Und so pflanzte ich mich am Freitag und am Samstag in einem bequemen Sitz des Konzertsaales am Rande des Parc del Forums und lauschte bedächtig der siebenköpfigen Band, die sich um den gartenpavillonähnlichen Bühnenaufbau, indem der Sängers während beider Abende stoisch auf einem Hocker saß, aufgestellt hatte.

Der Zuspruch war groß. Die Schlange vor den Einlaßkontrollen des Auditori lang. So kam ich erst kurz nach Beginn des Konzertes in den Saal, der aber so groß ist, dass es keine Probleme bei einer Sitzsuche gibt. Platz ist immer irgendwo, dieses Mal sogar noch weit vorne. Das 50-Songs Ding ist nicht nur auf zwei Abende unterteilt, auch jeder Abend ist in zwei Hälften gegliedert. Die erste Hälfte des ersten Abends brachte verschrobenes zeug mit sich: Windspiel, Drehorgel, und allerlei Kleininstrumentekram. Nach einer 15minütigen Pause wurden dann die ‘The new wave years‘ eingeläutet. Hier klangen die Songs nun ja, eben waviger und poppiger.  „Dreaming in Tetris“ war der letzte Song des Abends. ’At the age of 25’, wie Stephin Merritt sagte, und dann noch ‘see you tomorrow.‘

Arab Strap. Sie sprangen für Grandaddy ein, die verständlicherweise derzeit wenig Lust auf Konzerte spielen haben. Mit der 1990er Jahre Band verbindet mich nichts. Mir war gar nicht bewußt, dass es diese Band noch gibt. Was ich auch nicht wusste ist, dass ein Arab Strap hierzulande ein eher unter der Bezeichnung Cockring populäres Penis-Geschirr zur Erektions-Unterstützung ist. (Das lernt man aber sofort, wenn man den Begriff Arab Strap googelt.) Zurück zur Musik. Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre veröffentlichte die Band eine Handvoll Alben und sie spielen seit letztem Jahr wieder ab und an Konzerte. Von ihrem Auftritt blieb mir ein Gedanke im Kopf zurück: sie erinnern mich an all die anderen schottischen Bands.

Ich hatte bei The xx auf das Mittelmeerwetter, die Festivalstimmung und die anbrechende Nacht gesetzt, um ihren Auftritt vielleicht doch noch supertoll finden zu können. Aber auch das reichte nicht, um länger als 4 Songs vor der größten Festivalbühne auszuharren. Soll aber niemand sagen, ich hätte es nicht versucht. Ich habe es, aber es nützte nichts. Die aktuelle Platte empfinde ich als sehr belanglos, mitunter gar anstrengend und die Hallenkonzerte im Frühjahr schenkte ich mir. Doch beim Primavera, so dachte ich, könnte es nochmal gelingen, das mit The xx und mir. Aber als sie dann „Chrystalized“ völlig verdaddelten bzw. es regungslos an mir vorbeiging, da wusste ich, ich hatte falsch gedacht. Die Sache mit The xx ist wohl erst mal durch.

Dann doch lieber die Swans. Die sind zwar auch anstrengend, aber gut anstrengend. Der Marsch zum anderen Ende des Festivalgeländes war die richtige Entscheidung. Vor der Pitchfork war es voll, das Set der Swans hatte schon begonnen. Eigentlich ist es nahezu unmöglich, in ein Swans Konzert  hineinzuplatzen und dann noch in ihm anzukommen. Swans Konzerte haben ihre ganze eigene Dramaturgie und Spannung, die man nicht mehr aufnehmen kann, wenn man es nicht von Beginn an sieht. Mein Swans Besuch beim Primavera war aber von Anfang an nur auf ein Intermezzo angelegt. Wie gesagt, eigentlich dachte ich The xx wären die gute Wahl, und im Anschluss dann Sleaford Mods. Das hätte zeitlich wunderbar gepasst. Das Konzert der Swans jedoch lag über beiden Konzerten, so dass klar war, dass ich weder Anfang noch Ende des zweistündigen Konzertes sehen würde.  Machte aber nix, auch die Swans hatte ich schon mehrfach live gesehen. Das kurze Wiedersehen über eine dreiviertel  Stunde war vollkommen genug.

Die Sleaford Mods hatten es nicht leicht. Aber ich hätte eine Menge neuer britischer Schimpfworte gelernt, wenn ich denn straßenenglisch mächtig wäre. Direkt nach den ersten Tönen von „Army nights“ gingen unter großem Aufruhr hunderte Hände in die Höhe und zeigten in Richtung der linken Bühnenbox. Die funktionierte nämlich nicht und die Ray-Ban Bühne wollte so auf diesen Umstand aufmerksam machen. Nach ein paar Minuten merkte auch die Sleaford Mods, dass das Gegröle vor der Bühne nicht ihnen galt und brachen „Army nights“ ab. Okay, dachte sicherlich jeder, das technische Missgeschick wird schnell behoben sein. Wurde es aber nicht. Selbst die Neustarts drei bis fünf in „Army nights“ brachten nicht das gewünschte Resultat, die Box tat weiterhin keinen Mucks. Oder sie tat ihn zu leise. Jason Williamson war das zu diesem Zeitpunkt schon lange zu dumm. Zweimal verließ er bereits die Bühne, zweimal kickte er zuvor sein Mikro auf den Bühnenboden. Von der Schimpfworttirade in Richtung Bühnentechnik ganz zu schweigen. Himmel schien der angefressen. Nach 5 Minuten hatte er sich aber beruhigt und sich auf das Stresslevels seines Kollegen zurückfallen lassen. Andrew Robert Lindsay Fearn aka Infant nahm die Sache nämlich viel  entspannter. Statt auf seinen Laptop zu schauen und Bier zu trinken, schaute er nun auf sein Handy, machte Fotos und trank sein Bier. Dabei schien ihn nichts an seiner guten Laune hindern zu können.

Gute Laune hatte während diesem höchst amüsanten Schauspiel auch das Publikum. Der Stimmung vor der Ray-Ban tat das Dilemma keinen Abbruch. Im Gegenteil. Man erfreute sich am Ärger der Band und an den Spirenzkes, die zur Zeitüberbrückung veranstaltet wurden. Nach ein paar Minuten war die Box wiederhergestellt und dröhnte enorm laut. Scheinbar wollte man jetzt auf gar keinen Fall zu leise klingen. Mir wurde das schnell zu laut, und ich verschwand weiter nach hinten. Das war nicht die schlechteste Idee, denn im Laufe des Konzertes, so beobachtete ich, ging es vor der Bühne ziemlich wild zu. Ein gutes Konzert.

Front 242 besiegelte den Abend. Musik aus einer anderen Zeit. Nett für ein paar Songs, dann reicht es aber auch. Dazu fällt mir 2017 nichts ein. 1989 hätte ich noch „Never stop“ gejubelt. Aber das ist zu lange her.

Kontextkonzerte:
Primavera Sound Festival – Barcelona, 31.05.2017
Primavera Sound Festival – Barcelona, 01.06.2017
Swans – Dortmund, 15.05.2015
The xx – Esch-Alzette, 23.11.2012
Primavera Sound Festival – Barcelona, 31.05.2012
The xx – Köln, 26.08.2010
Pavement, The xx – Primavera, 27.05.2010
The xx – Köln, 15.10.2009

Fotos:

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

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