Ort: Live Music Hall, Köln
Vorband: Dehd

Future Islands - Köln, 16.08.2022

Noch so ein Ticket, das seit Ewigkeiten bei mir in der Schublade liegt. Die Future Islands im E-Werk, bzw. nach der letzten Terminverschiebung nur noch in der Live Music Hall. Das ist schon mal blöd, weil die Live Music Hall im Hochsommer kein schöner Konzertort ist (mangelnde Lüftung, schnell dicke Luft). Blöder ist aber das, was ich drei Tage zuvor in der Zeitung lese. Just an diesem Abend geben DIIV im Luxor auch ein Konzert. DIIV, die ich gerne höre und deren Konzert ich sowohl beim Primavera Sound als auch in Luxemburg verpasst hatte. Alle guten Dinge sind drei; nun ist es so, dass ich zu den Future Islands gehe. Schlecht wird das auch nicht, da bin ich mir sehr sicher. Denn die Future Islands sind eine tolle Liveband. 2014 sah ich die Amis zum letzten Mal, damals lautete das Konzertfazit: die Band ist live eine Wucht und ein der besten Livebands, die ich kenne. Habe ich die Konzerte auch sonst kaum noch in Erinnerung, das habe ich mir gemerkt: Future Islands = famose Livebands

„Seasons (waiting on you)“ war vor vielen Jahren einer meiner absoluten Lieblinge. Und er ist es noch ein bisschen. Das hängt aber nicht damit zusammen, dass der Song schlecht gealtert wäre, ich bin einfach nicht mehr so Synthie-Pop affin wie vor acht, neun Jahren. „Seasons (waiting on you)“ ist ein sehr schöner Song, wenn nicht sogar der perfekte Synthie-Pop Song. Perfekt dazu passt der Tanzstil von Samuel Herring, den ich damals sehr bewunderte. Es ist eine Mischung aus Discofox und Eisschnelllauf-Skatingstil. Es braucht gute Kniegelenke und eine gewisse Grundgeschmeidigkeit, die die Performance sehr elegant aussehen lassen.
Was mir noch im Gedächtnis geblieben ist, ist der Begriff Normcore. Seinerzeit fand im Kontext der Future Islands bzw. deren Frontmann Samuel Herring der Begriff des Normcore eine häufige Nennung. Unter Normcore verstand man (oder versteht man – keine Ahnung, ob der Begriff Normcore im heutigen Sprachgebrauch noch irgendeine Relevanz besitzt) ‘eine Haltung, die auf Anpassungsfähigkeit, soziale Zugehörigkeit und Normalität setzt. Freiheit äußere sich demzufolge darin, nichts Besonderes sein zu müssen.’ Im Kleidungsstil äußert sich das darin, dass Normcorer bewusst unauffällige Kleidung tragen. So wie zufälligerweise Samuel Herring, der einfach graue Hosen und schwarze T-Shirts trug. Und schon wurde Samuel Herring eine Ikone des Normcore. Betrachte ich in der Live Music Hall seinen nach wie vor gleichen Kleidungsstil, ist er das immer noch. Nur 2022 gibt es andere Modehypes als 2013/2014, da interessiert das T-Shirt des Future Islands Sänger eher weniger.

Ich bin pünktlich um 20 Uhr in der noch einigermaßen leeren Halle. Dass das nicht so bleiben wird, ist mir klar. Draußen, vor und hinter dem Eingangstor, stehen noch ziemlich viele Leute. Klar, die schwüle Luft in der Halle wollen viele erst so spät wie möglich einatmen. Ich dagegen will einen gemütlichen Wandplatz und den erkaufe ich mir mit 20 Minuten mehr schwüler Hallenluft. Nach 5 Minuten weiß ich, es wird ein anstrengender Abend. Nicht wegen Dehd, der Vorband, die haben ein paar flotte 2 bis 3 Minüter auf Lager. Es ist die Stickigkeit, die mich schnell lähmt. Dehd kämpfen 30 Minuten gegen die Wärme an, bevor sie die Bühne verlassen.

Zurück bleibt das Future Islands Bühnenbild. Zwei weiß lackierte Sperrholzplatten dominiert die Szenerie und lassen die Bühne wie eine Raumschiffkommandozentrale erscheinen. Mit viel Fantasie. Ich frage mich, wie die Platten transportiert werden und ob sie für die unterschiedlichen Bühnengrößen anpassbar sind. Solche Gedanken habe ich mir während einer Umbaupause noch nie gemacht. Weird. Das Schlagzeug, etwas erhöht auf einem kleinen Podest und das Keyboard sind schon aufgebaut. Die Bühnenrückwand wird von einem weißen Vorhang bedeckt. Bei dem glatt-weißem Pausenlicht wirkt der Bühnenaufbau sehr Beatles-esk.

Gegen 21 Uhr kommen die Future Islands und die Live Music Hall ist nun sehr gut gefüllt. Logischerweise macht das das Hallenklima nicht besser. An die klebrigen Hosenbeinen und einen angeschwitzten Mundschutz habe ich mich gerade gewohnt, aber jetzt wird es minütlich unangenehmer. Gott sei Dank lenken mich die Future Islands ab. Von Minute eins an ist es ein mitreißendes Konzert. Samuel Herring skatet, läuft, schleicht und schlawinert von links nach rechts, während William Cashion, Gerrit Welmers und Michael Lowry ruhig und unauffällig im Hintergrund agieren. Nur einmal, als es ein technisches Problem mit dem Keyboard gibt, gerät Gerrit Welmers in den Fokus der Halle.
Die Setlist passiert alle Alben der Bands. Sie starten mit den Synthiewellen von „Grease”, dann folgen mit „For sure“, „Hit the road“, „Plastic beach“ und „Peach“ relativ neue Songs. „Walking through that door“ ist dann der erste ganz lange Ausflug in die Vergangenheit und zum zweiten Album In evening air. Das kenne ich nur in Ansätzen. So richtig stieg ich erst mit Singles – ihrem vierten Album – bei den Future Islands ein. „Seasons (waiting on you)“ ist auf dieser Platte. Da spielen sie natürlich, genauso wie „Sun in the morning“, „A dream of you and me“ und „Light house“.

„Seasons (waiting on you)“ ist auch der letzte Song, den ich von weiter vorne in der Live Music Hall mitnehme. Warm war es von Anfang an, mittlerweile ist es sehr zu warm. Ich brauche frische Luft und gehe etwas nach hinten. Natürlich ist es hier nicht besser; die Luft steht. Frische Luft aus der Tür ein paar Schritte von mir entfernt hat keine Chance, in den Saal zu kommen. Also gehe ich raus und lausche von dort noch ein paar Minuten. Es ist kurz vor halb elf und ich entscheide mich, zur Bahn zu gehen. Vermutlich ist das Konzert eh’ bald zu Ende und eigentlich habe ich doch alles gesehen und gehört, was ich sehen und hören wollte.

Setlist:
01: Grease
02: For sure
03: Hit the coast
04: Beauty of the road
05: Plastic beach
06: Peach
07: Walking through that door
08: Balance
09: Before the bridge
10: Light house
11: Moonlight
12: A dream of you and me
13: The Painter
14: Ancient water
15: King of Sweden
16: Seasons (waiting on you)
17: Long flight
18: Tin Man
19: Thrill
Zugabe:
20: Inch of dust
21: Vireo’s eye
22: Little dreamer

Kontextkonzerte:
Future Islands – Primavera Sound Festival Barcelona, 29.05.2014
Future Islands – Berlin, 05.10.2014 / Astra Kulturhaus