Ort: Paradiso, Amsterdam
Vorband:

Bettie Serveert

“The sun will always shine on this palomine.”
Meine Zuneigung zu der großen niederländischen Indieband Bettie Serveert habe ich hier schon des öfteren kundgetan, daher stand es für mich außer Frage, ob ich an diesem Wochenende nach Amsterdam fahre.
Was war passiert?
Irgendwann im Juni erreichte mich eine Email, in der die Band ankündigte, im September ihr Debütalbum „Palomine“ in Originalbesetzung spielen zu wollen. Palomine gehört zu den Alben des goldenen Jahrgangs 1991, und so ist es 2001 an der Zeit, das 20 jährige Jubiläum mit einem Konzert im Amsterdamer Paradiso zu feiern. Da der Tag auf einen Samstag fiel, beschlossen wir, aus dem Konzertbesuch einen Wochenendtrip zu machen. Das ist sowieso die neue Masche, Konzertbesuche mit kleinen Städtereisen zu verbinden. Auf diese Weise kommt man raus aus seinen vier Wänden und hat gleichzeitig ein sinnvolles, weil kulturelles, Tagesprogramm, mit dem man die Wartezeit auf den Abend sehr gut überbrücken kann.
Das sind zwei Fliegen mit einer Klappe, wie der Volksmund sagt.

Also Amsterdam.
Die Zugfahrt war schnell und günstig. Das Hotelzimmer nicht. Eine erste Anfrage bei hrs ergab eine Trefferanzahl von 15 freien Hotels und einen Übernachtungsstartpreis von leicht über 200 Euro. „Das kann doch nicht sein“, dachte ich, und vermutete einen Systemfehler. Ein Gegencheck bei weiteren Onlineanbietern bestätigte den hohen Zimmerpreis.
Mist, was ist denn da los?
Die Antwort brachte Google: die IBC ist los, die „international broadcasting conference / congress“, die / der an diesem Wochenende in den Amsterdamer Messehallen stattfindet. Da diese Veranstaltung scheinbar etwas grösser ist (wir waren nicht da, können dazu also nichts dazu sagen), hat die Organisation ein eigenes Hotelreservierungsprogramm gestartet und sämtliche Hotels für dieses Wochenende geblockt. Über die ibc Homepage konnte man exklusiv für diesen Zeitraum Hotelzimmer buchen.
Nachdem wir in den nächsten Tagen immer mal wieder auf der Reservierungsseite der ibc vorbeigeschaut haben, erwischten wir schlussendlich ein einigermaßen akzeptables Hotel zu einem gerade noch hinnehmbaren Preis. Puh, dem Ausflug stand also nichts mehr im Weg, lästige Alternativgedanken wie „ein 1-Tages-Auto-Trip“ konnten beiseitegeschoben werden.
Nach einer launigen Zugfahrt mit Quartett spielenden erwachsenen Männern. („Hubraum 4799“; Leistung: 50 PS“)- genau, ein Kegelclub – erreichten wir Amsterdam Centraal.

Das Ausflugsprogramm zuerst.
Der Tag verging mit kurzweiligem Besichtigen verschiedener Grachten. Amsterdam hat davon eine ganze Menge, und so waren wir den halben Tag damit zugange, unzählige Brücken zu passieren und dem Treiben auf und an den Kanälen zuzuschauen. Nach einer kurzen nachmittäglichen sightseeing-Pause, alle Grachten waren abgelaufen und sämtliche wichtigen Gebäude fotografiert, marschierten wir am Abend zum Paradiso. Auf diesen altehrwürdigen Konzertsaal war ich sehr gespannt.
Von außen sah das Gebäude wie ein Kirchenschiff aus, was allerdings nicht für alle eine Überraschung darstellte. („Das Paradiso war doch früher eine Kirche“, lernte ich beim ersten umherschleichen). Zwischen Rjiksmuseum und unweit des Leidseplein, direkt an einer Gracht gelegen, ergab sich die Gelegenheit, eine Kleinigkeit in einer amerikanischen Musik-Restaurant-Kette zu essen.
Der Konzertabend startete offiziell um 19.30 Uhr mit einer Vorband. Zu dieser Zeit waren wir aber noch mit unseren Fleischklopsen beschäftigt und hatten die Ruhe weg. Ein Tag an der frischen Luft und voller neuer Eindrücke macht hungrig. Bettie Serveert waren für 20.30 Uhr angesetzt, viel früher wollten wir nicht im Paradiso auflaufen, Hektik im Kurzurlaub muss nicht sein.
Gegen Viertel nach acht lösten wir unsere einmonatige Paradiso-Klubmitgliedschaft ein. (Neben dem Ticketpreis galt es, für den Konzertbesuch eine mindestens einmonatige Klubmitgliedschaft abzuschließen. Der Sinn dieser vier Euro ist mir jedoch nicht ganz klar, außer dass so der Eintrittspreis angehoben wird. Getränkeermäßigungen oder anderes Sparpotenzial beinhaltet diese Mitgliedschaft nämlich keineswegs.) Sei es drum, allzu teuer war der Abend eh‘ nicht.
Das Paradiso hatte ich mir grösser vorgestellt. Wenn ich überlege, wer hier so alles auftritt, erwartete ich eher eine Halle in E-Werk Größe. Das war das Paradiso aber nicht. Es war kleiner, auch wenn die beiden Oberränge, die den Konzertsaal an allen drei Seiten säumten, das Bild vielleicht ein wenig verfälschten. So freuten wir uns lieber über die kuschelige Konzertatmosphäre.
Um viertel vor neun begann das Konzert mit einer grobkörnigen Super-8 Videoinstallation, untermalt mit Nina Simone Klängen. Historische Wackelaufnahmen der Band? Bestimmt. Erkennen konnte man das nicht allzu gut, aber die Absicht war wohl, auf die 20jährige Zeitreise in den nächsten 90 Minuten einzustimmen.
Der Abend sollte sich ja gänzlich um das Palomine Album drehen. Dazu hatte sich die Band extra in Originalbesetzung zusammengefunden. Schlagzeuger Berend Dubbe, der bereits vor Jahren die Band verlassen hatte, wurde für dieses Konzert quasi reanimiert. Mehrere werden wohl nicht folgen. Die Betties spielten vor einigen Tagen einen kleinen „warm-up“ Gig auf dem „Into the great wide open“ Festival, es sind aber ansonsten keine weiteren Palomine- Konzerte in Planung, was die Besonderheit dieses Abends auch nach außen hin verdeutlichte.
Für das Paradiso und die Besucher war es sowieso ein besonderer Abend. Das merkte man schon von weitem, ein großer Palomine- Plattencover- Stoffvorhang umsäumte das Gebäude, die Vorfreude im Publikum spürbar.
Wenn nicht schon alle stehen würden, spätestens nach dem famosen Ende von „Leg“ wären alle begeistert aufgesprungen. Minutenlanger Applaus rauschte der Band nach ihrem ersten Song entgegen. Das nennt man wohl Heimspiel! „Wenn das so weiter geht, sind wir mehr mit Applaudieren als mit Musikhören beschäftigt“, dachte ich. Nun, es wurde zwar weiterhin viel gejubelt und applaudiert, ganz so überschwänglich blieb es aber nicht. Das wäre auch abstumpfend.
Bettie Serveert spielten „Palomine“ in Originalreihenfolge, und sie spielten es lauter und rockiger als ich es vom Album kenne.
Das empfand ich als gute und richtige Wahl, denn so blieb es auch in den getragenen und ruhigeren Minuten ein Indierockkonzert. Da „Kid’s alright“ bereits früh auf der Platte angesetzt ist, und so bereits als drittes Lied gespielt werden musste, kam das Konzert nicht in die Verlegenheit, nach dem – scheinbar – größten und poppigsten Hit des Albums, an Spannung zu verlieren. Diese unsinnigen Befürchtungen hatte ich auch, weil ich die letzten Songs des Albums als etwas schwächer einschätze als den ersten Part, der mit „Palomine“, „Tom Boy“ und eben „Kid’s alright“ das grössere Hitvolumen aufweist.
Der Abend war toll. Die niederländischen Ansagen und Wortwechsel blieben uns leider unverständlich, es schien der ein oder andere Kalauer dabei gewesen zu sein, aber auch so verriet die Körpersprache: Band und Publikum, sicherlich gespickt mit vielen Freunden, Bekannten und Wegbegleitern, hatten Spaß. Eine Menge Spaß. Daran änderte auch die minütlich schlechter werdende Luft im vollen Paradiso nichts. Der Tag in Amsterdam war recht schwül und drückend warm, entsprechend feucht und stickig war es im Konzertraum. Aber rasend schnell verging die Zeit, Song um Song verstrich, Peter Visser setzte zu immer weiteren Gitarrenauswüchsen an und spätestens beim Sebadoh Cover „Healthy sticks“ wurde mir klar: gleich ist Schluss. Noch zwei Songs und das Album ist um.
„Palomine“ kam dann auch schneller als befürchtet und finalisierte das Albenset. Bis hierhin alles wie erwartet.
Beendet war das Konzert jedoch noch nicht. Auch das war klar.
Im Vorfeld konnte man via Bettie Serveert Homepage aus mehreren Songs jeweils zwei Lieblingssongs auswählen, und die sechs meistgewählten Songs wollte die Band im Paradiso als Zugabe spielen. Und genauso war es. Nach einer kleinen Unterbrechung kamen Carol van Dyk, Peter Visser, Berend Dubbe und Herman Bunskoeke zurück, in der Hand die sechs Songs umfassende Setlist für den Zugabenpart.
Und so beendete der ein oder andere Song von „Dust bunnies“ und „Lamprey“ diesen stimmungsvollen und schönen Abend.

Wie gesagt: “The sun will always shine on this palomine.”

Setlist:
01: Leg
02: Palomine
03: Kid’s alright
04: Brain tag
05: Tom Boy
06: Under the surface
07: Balentine
08: This thing nowhere
09: Healthy stick
10: Sundazed to the core
11: Palomine (small)
Zugabe I:
12: What friends? (Dust bunnies LP)
13: Tell me sad (Lamprey)
14: Co-Cowarded (Dust bunnies LP)
15: Rubber (Dust bunnies LP)
16: Ray Ray Rain (Lamprey LP)
Zugabe II:
17: Crutches (Lamprey LP)

Multimedia:
Fotos: frank@flickr

Kontextkonzerte:
Bettie Serveert – Heerlen, 21.03.2010
Bettie Serveert – Köln, 22.03.2007

frank

Hallo, ich heiße Frank und blogge unter pretty-paracetamol seit 2006. Ich schreibe hier über meine Konzertbeobachtungen und über Musik, die mich umtreibt. Vieles davon kommt aus dem sogenannten Indiebereich, manchmal aber auch darüber hinaus.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Hi there,

    Thanks for the review of the Bettie Serveert gig. It was nice reading a review from somebody from our neighbouring country :). I uploaded the entire show on YouTube. Check youtube.com/ihearttheweakerthans (Bettie Serveert playlist is on my YouTube homepage). Enjoy!

    Kind regards,
    Arjan.

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