Ort: Parkstad Limburg Theaters, Heerlen
Vorband:

Nils Frahm - Heerlen, 15.10.2022

Die Tour ist bis auf zwei Ausnahmen ausverkauft. Funkhaus, Elbphilharmonie, Queen Elizabeth Hall (Antwerpen), Concertgebouw (Amsterdam), Royal Danish Opera House (Kopenhagen). Alles sold-out. Nur für die Alte Oper in Frankfurt und für ein Konzert in Aarhus sind noch Tickets verfügbar. Es sind die großen und altehrwürdigen Konzertsäle, in denen Nils Frahm seine Musik präsentiert. Da mutet es ein bisschen überraschend an, dass auch das eher kleine und weniger bekannte Theater Heerlen auf die Veranstaltungsliste gerutscht ist. Aber vielleicht hat das Argument Standortvorteil einen Ausschlag gegeben. Heerlen liegt verkehrsgünstig zwischen Brüssel (Konzert tags zuvor) und Leipzig (Konzert tags drauf). Warum ist Köln eigentlich nicht Heerlen? Ich vermute, die Philharmonie war nicht frei. Aber egal, oder besser: yeahh. Das gemütliche Parkstad Limburg Theaters ist der viel schönere Konzertort als die Kölner Philharmonie. Gemütlichere Sitze, entspannteres Ambiente. Aber ganz unabhängig davon, Konzerte in Benelux gefallen mir mittlerweile viel besser als Konzerte bei uns. Vom Konzertort (moderner, schöner, besser) bis zum Servicegedanken der Veranstalter ist Benelux dem Rheinland um Welten voraus. oder hat mir Eventim oder das Victoria Carlswerk schon mal einen Tag vor Konzertbeginn eine E-Mail mit allen wichtigen Infos wie Spielzeiten (Beginn  Künstler x, Ende Künstler x), Parkmöglichkeiten (inkl. Angebot eines Parkticketkaufes), Bus-/Bahnanreise und Restauranttips geschickt? Ha, hier schafft man es noch nicht einmal, auf Anfrage den genauen Konzertbeginn mitzuteilen.

Musik.
Zu Nils Frahm kann ich gar nicht viel sagen. Ich weiß, dass er den Soundtrack zum Film Victoria geschrieben hat. Irgendwas mit Elektro und/oder Ambient ist zusammengefasst mein Wissen über die Musik von Nils Frahm. Ich bin also extrem unvorbelastet und extrem neugierig auf den Abend.
Am Donnerstag kaufte ich zwei Tickets für das Konzert. Insgeheim hatte ich nicht mehr damit gerechnet, dass mich das Bestellformular noch bis zur Sitzauswahl durchlässt. Ich tippte eher auf eine bereits ausverkaufte Veranstaltung. Als ich dann den Saalplan vor mir sah, lag ich mit meinem Tipp nur knapp daneben. Fünf Sitzplätze waren noch verfügbar.
Ich kaufte die billigste Kategorie, vierter Rang, letzte Reihe. Zwei Sitze zwischen der Notausgangstür und einer Wand. Am Samstagabend stellte sich heraus, dass die beiden Sitze, die eine Reihe bilden, irgendwann nachträglich eingebaut wurden. Würde das Theater die Sitzplätze schönreden wollen, könnten sie sie als Logenplätzen anbieten. Egal. Bei Nils Frahm, so mein Denkansatz, ist es doch egal wo man sitzt. Auf der Bühne wird nicht viel passieren, entscheidender ist das Hörerlebnis. Und wahrscheinlich würde ich eh die meiste Zeit das Konzert mit geschlossenen Augen verfolgen. Daher nahm ich dankend die beiden Plätze, die sich am Samstag tatsächlich als – allerdings sehr bequeme – Notplätze anfühlen.

Die Tiefgarage ist noch nicht voll, als wir gegen 19.30 Uhr einfahren. Ich hatte mit den Tickets gleich einen Parkplatz gekauft. Die automatische Kennzeichenerkennung funktioniert tadellos. Bis halb eins haben wir nun Zeit, die Garage wieder zu verlassen. Durch das Treppenhaus gelangen wir ins Theaterfoyer. Wir checken aber noch nicht ein, es bleibt noch eine Stunde bis zum Konzertbeginn. Erst noch ein kurzer Gang durch die Heerlener Innenstadt. Ich hatte das richtig in Erinnerung, eine Pommesbude gibt es in Blickentfernung nicht. Schade, auch ohne knurrenden Magen wäre eine Portion Friet Speciaal nicht das Schlechteste gewesen. 

Um 20.30 ist der Theatersaal dann voll. Stille. Nils Frahm hat sich seine Handschuhe übergestreift und steht nun an der Glasharmonika. Hat er schon begonnen? Es ist mucksmäuschenstill, nur langsam und leise steigen erste Töne zu uns auf. Die Töne klingen so fragil, ich wage kaum zu atmen. So geht das eine ganze Weile, die Huster aus dem Saal sind eindeutig lauter als die Musik. Nur langsam und sanft hebt die Lautstärke an.
Neun Uhr. Der erste Song ist vorbei und es ist jetzt schon ein sehr schönes Konzert. Nils Frahm begrüßt uns. Der nächste Song stamme von seinem aktuellen Album Music for animals, das so heiße, weil er während des Komponierens keinen Menschen gesehen habe. Die Pandemie grüßt.

Music for animals because I saw no people.

Es wird jetzt etwas lauter. Seine Musikarbeit konzentriert sich nun und bei den nächsten Songs auf den größeren, rechts auf der Bühne aufgebauten Arbeitsplatz. Zur Erklärung: Auf der Bühne sind zwei in U-Form arrangierte Arbeitsplätze aufgebaut: ein kleinerer, in dem auch die Glasharmonika und ein kleines Klavier/Tasteninstrument stehen und daran rechts anschließend ein größerer Arbeitsplatz. Hier überragt das analoge AM1 Pult die drei Tasteninstrumente, die gemeinsam das U bilden. Der Aufbau erscheint unbeherrschbar. Zumindest für mich. Je nach Sichtweise sieht es aus wie ein Museum alter Tasteninstrumente oder wie ein Durcheinander von 1000 Tasten und Knöpfen. Für mich ist es eher ein Durcheinander von 1000 Tasten und Knöpfen. Keine Ahnung, wie ein Mensch wissen kann, was sich hinter jedem Knopf, jedem Schieberegler und jeder Taste für ein Sound verbirgt und welche Aktion welche Auswirkungen hat. Definitiv, ich könnte das nicht. Mein Gehirn würde hier versagen. Ich habe höchste Bewunderung für das, was Nils Frahm in den gut 2 Stunden hier abliefert. Ich bin fasziniert.

Nach 20 Minuten setzt erstmal laut und tief ein Bass ein. Gut für die Huster, die jetzt erstmal unbeschwert durchhusten können.
Song drei ist ein ruhiges Klavierstück. Es ist mit 10 Minuten Spielzeit das kürzeste Stück an diesem Abend. Und es ist besonders, weil es ohne irgendwelche anderen Elemente auskommt. Die Hände fliegen über die Klaviatur, die Anschläge sind sanft und wild und alles dazwischen. In den leisen Momenten gibt es auch Sekunden totaler Stille. Ich glaube, ich habe noch nie ein Konzert mit so viel Stille in den Stücken besucht. Das ist die zweite Faszination des Konzertes, der Mut zur Stille und die Herausforderung an das Publikum, auch ruhig zu sein. Aber wer traut sich schon, dieses Gesamtkunstwerk eines Konzertes  durch lautes Geschnatter zu zerstören? Ich habe größten Respekt und versuche, jegliche Geräusche zu vermeiden. Trotz knarzendem Stuhl und raschelndem Bonbonpapier gelingt mir das ganz gut. Ich werde von der Musik zu stark vereinnahmt, dass ich eh’ an kaum etwas anderes denken kann. Ruhig, andächtig und ja, vielleicht auch paralysiert sitze ich in meinem Sessel. Nils Frahm hat mich gepackt.
Ich hatte mir den Abend zwar so in etwa vorgestellt, dass es dann aber so viel schöner und beeindruckender wird, konnte ich nicht ahnen. Music for animals ist auch Musik für mich. Nach dem vierten Song kündigt Nils Frahm das Ende des Konzertes an. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Tatsächlich sitze ich schon fast 90 Minuten hier. Wow, das ist mir gar nicht aufgefallen. Doch schneller als der erste Applaus verhallt, steht er wieder auf der Bühne. Er spielt jetzt noch ein Stück, oder sind es zwei? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass auch diese(r) Song(s) wunderschön war(en).

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