Ort: Cultuurcentrum Achterolmen, Maaseik
Vorband:

Hier ist Europa. Maaseik liegt an der Maas, der Fluss beschreibt die Grenze zwischen den Niederlanden und Belgien. 10 Kilometer weiter östlich ist man in Heinsberg. Deutschland, Belgien, die Niederlande; das Schöne ist, man merkt es nicht, wenn man die Grenze(n) übertritt. Später im Konzert erzählt auch Steve Wynn beeindruckt davon, dass er sich bei seinem nachmittäglichen Spaziergang auf einmal in den Niederlanden wiederfand. Von jetzt auf gleich, einfach so. Heutzutage sind viel europamüde und wollen zurück in die Vergangenheit. Ich kann das nicht verstehen, wie kann man nur wieder z. B. unterschiedliche Währungen oder gar Grenzkontrollen wollen? Was für ein tolles Gefühl dagegen ist doch ein gesamtheitliches Europa. Ich denke das jedes Mal, wenn ich im Dreiländergebiet unterwegs bin. Und das bin ich oft. Ich kann es mir nicht (mehr) vorstellen, mit Gulden und belgischen Franc beladen nach Maaseik oder Genk oder Eupen zu fahren. Wie unpraktisch, wie altmodisch, wie hinterwäldlerisch.

Zurück nach Maaseik. Die kleine Stadt ist übrigens der Geburtsort von Jan van Eyck, dem Mitbegründer der altniederländischen bzw. flämischen Malerei. Das war im 15. Jahrhundert, im Spätmittelalter. Der damals aufkommende Malstil zeichnete sich durch auffallend gute und wirklichkeitsgetreue Darstellungen von Landschaften und Personen aus. Und durch die Nutzung von Ölfarbe. Die gab es zwar schon länger, aber erst Jan van Eyk etablierte sie in der Malerei.
Ja, ich bin gut vorbereitet, ich habe mir den Ort angelesen. Der Ausflug kann beginnen.

Allerdings ist nicht der Grote Markt mit dem Denkmal der Gebrüder van Eyk unser erster Anlaufpunkt, sondern die Frituur Special. Die hat eine 4,5 Sternebewertung auf Google und liegt quasi auf dem Weg. Also fast. Man muss nur am Cultuurcentrum Achterolmen – dort findet das Konzert statt – vorbeifahren, durch den Kreisverkehr, an der T-Kreuzung ein paar hundert Meter weiter rechts abbiegen und nach 400 Metern am linken Straßenrand halten. Wie sagt man doch: Wenn in Belgien, … man kennt das.

Maaseik ist ein kleiner Ort. Wie erwähnt, auf dem Weg zur Pommesbude sind wir bereits am Cultuurcentrum Achterolmen vorbeigefahren. Zumindest wenn man Google Maps glauben mag, denn laut Beschreibung soll der Theatersaal in dem Gebäude neben der Brasserie liegen, die wir von der Straße aus erkannt haben. Nur einen Hinweis auf das Cultuurcentrum sahen wir im ersten Augenblick nicht.
Mit Fritjes beladen kehren wir zurück und tatsächlich ist der Eingang zum Konzertsaal unscheinbar neben der Brasserie. Überhaupt ist das Cultuurcentrum von außen unspektakulär; und innen ist es nicht spektakulärer. Das Foyer versprüht den schönen Charme einer Schulaula. Rechts eine Getränkedurchreiche von der Brasserie, links die Garderobenständer. Sind wir hier richtig? Hier sind wir richtig. Zum Saal geht es durch eine kleine Tür, einen Gang entlang und dann stehen wir auf der Bühne. Hier sind ca. 80 Stühle in zwei Blöcken aufgestellt. Aha, von wegen Theatersaal. Die Platzbuchungen beim Ticketkauf sind Makulatur. Wir sitzen auf der Bühne, nicht davor. Der Saal ist hinter dem Vorhang.
Ha, das scheint in dieser Region Tradition zu sein. Sofort erinnern wir uns an unseren letzten Konzertausflug. Auch im Cinema Walburg beim Pete Fyn Konzert vor drei Jahren hier gleich um die Ecke in Hamont waren die Stuhlreihen hinter dem geschlossenen Vorhang auf der Bühne aufgebaut. Damals wie heute gefiel uns die intime Atmosphäre sehr; wieviel Sinn macht es auch, einen Saal mit nur 40 (wie damals in Hamont) oder jetzt ca. 70 Leuten zu befüllen? Da kann keine Konzertstimmung aufkommen.

Ach ja, wir sind heute wegen Steve Wynn in Maaseik. Natürlich wegen dem Musiker Steve Wynn, nicht dem Unternehmer und Besitzer der großen Casino-Hotels wie dem Bellagio oder dem Mirage. Warum sollte der auch im Achterolmen auf der Bühne stehen? Zwar plant die Stadt einen Neubau des Cultuurcentrums, aber ich glaube nicht, dass Steve Wynn (der Unternehmer) in dieses Projekt einsteigt.
Steve Wynn ist derzeit auf Benelux Tour. Seit einer Woche bespielt er große und kleinere Städte in unseren Nachbarländern. Ich wurde auf die Tour aufmerksam, als ich einen Post von ihm las, in dem er freudig und entschuldigend zugleich mitteilte, dass seine Tour doch stattfinden könne und dass es ihm leidtue, dass er das quasi erst einen Tag vor dem ersten Konzert mitteilen könne. Wenn möglich, solle man doch vorbeischauen. Nachdem für uns klar war, dass die Fahrt nach Maaseik ein schöner Samstagsausflug werden könnte, kommen wir der Aufforderung gerne nach. Kulturveranstaltungen sind leider immer noch rar, da nehmen wir sowas dankbar an und gerne mit.

Es ist ein Nerdkonzert (und irgendwie war mir das schon vorher klar). Nicht nur mein Blick ins Publikum lässt mich zu diesem Schluss kommen. Der Veranstalter kommt mit zwei alten Dream Syndicate (der Band von Steve Wynn) Platten auf die Bühne, als er das Konzert mit ein paar Worten eröffnet. Damals, so erzählt er, während des Studiums in Brüssel lernte er Dream Syndicate kennen. Er kaufte sich zwei Platten in einem Plattenladen und jetzt endlich, nach fast 40 Jahren, sei die Gelegenheit da, sich die Platten The days of wine and roses und Tell me when it’s over signieren zu lassen. Er erzählt noch einiges mehr, aber so gut ist mein flämisches Hörverständnis nicht. Ich verstehe nicht alles.
„Tell me when it’s over“ und „That’s what you always say“ stehen sodann auch auf der abendlichen Setlist. Beide Songs stammen vom fast 40 Jahre alten Debüt The days of wine and roses.

Apropos, die Setlist ist auf dieser Konzerttour grundsätzlich eine Wundertüte. Steve Wynn’s Katalog ist riesengroß, er ist an unzähligen Alben beteiligt: mit Dream Syndicate, seiner Band, Solo oder in gefühlt 100 Zusammenarbeiten mit anderen Musiker*innen. Wer die Wahl hat, hat die Wahl. Und so sieht seine Setlist, wenn ich setlist.fm glauben mag, jeden Abend anders aus. Gesetzt scheinen nur „Amphetamine“ als letzter Song im regulären Set und die Zugabe „There will come a day“. Alle anderen Songs werden munter durchgetauscht und gewechselt. So spielt Steve Wynn an diesem Abend erstmals „When the curtain falls“. Es ist der passende Songwunsch aus dem Publikum, als Steve Wynn gerade davon anfing zu erzählen, dass man ja hier auf der Bühne säße – also hinter dem Vorhang – und nicht im Publikumsraum. „When the curtain falls“ ist auch einer von zahlreichen Dream Syndicate Songs, die wir an diesem Abend hören. Und es stehen einige Dream Syndicate Songs auf der Setlist.

Nach dem Konzert sehen wir, dass der Setlistenzettel zweigeteilt aufgebaut ist. Links aufgeführt sind die Songs, die Steve Wynn spielen möchte bzw. an diesem Abend tatsächlich gespielt hat, rechts daneben eingekastelt die Songs, die optional gespielt werden können. Da steht zum Beispiel mit „Boston“ ein weiterer Dream Syndicate Song, den er an diesem Abend zieht. Genauso wie „Manhattan Fault Line“. „Follow me“ steht da übrigens auch, den spielt er aber leider nicht. Leider, weil ich „Follow me“ für einen Riesenhit halte und den Song sehr mag. Ich hätte ihn gerne gehört. Genauso wie „Tuesday“, das Gott sei Dank in der linken Zettelspalte steht und somit auch ein fester Programmpunkt im Konzert war. Solo gespielt sind „Boston“ und „Tuesday“ ruhige und unaufgeregte Songs. Sie stehen sinnbildlich für den gesamten Konzertabend. Nur der Beginn bildet eine Ausnahme. Die ersten beiden Songs „Out of the grey“ und „The Medicine Show“ spielt Steve Wynn laut und harsch. Ich vermute, dass dient auch dazu, die Nervosität ein bisschen wegzuspielen und um in das Konzert hineinzukommen. Später ist die Gitarre weniger aufrührerisch und die Melodien werden ruhiger, die Gitarrensoli weniger und auch die Sache mit dem loopen übertreibt Steve Wynn nicht. Nur bei zwei Songs („Tears won’t help“ und einem anderen) legt er zwei Gitarrenmelodien übereinander.

Alles in allem ist es ein toller Abend. Der Ort, die Musik, das Ambiente, es passt irgendwie zusammen. Für gute 70 Minuten, dann beendet „There will come a day“ das Konzert und Steve Wynn verabschiedet sich in Richtung Foyer. Platten signieren und so. Nerdkram.

Setlist:
01: Out of the Grey
02: The Medicine Show
03: Tears won’t help
04: That’s what you always say
05: Strange new world
06: Black Light
07: Like Mary
08: Wait until you get to know me
09: Tuesday
10: Manhattan Fault Line
11: Sustain
12: Sweetness and light
13: Tell me when it’s over
14: Boston
15: Shelley’s Blues Pt.2
16: Carolyn
17: Amphetamine
Zugabe:
18: –
19: When the curtain falls
20: There will come a day

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