Ort: Ein Arbeitszimmer in der Nähe von Seattle
Vorband:

COVID-19. SARS-CoV-2. Woche 1 des Shut downs. Home Office. Sonnenschein. Keine Konzerte. Wenig Toilettenpapier.
Es ist ein befremdliches Frühjahr, in dem sich die Menschheit 2020 befindet. Auf einer Kinoreklame las ich sinngemäß letzte Tage folgenden Satz: Wir sind zurück, wenn sich das Leben nicht mehr wie ein Kinofilm anfühlt.
Ein Leben wie in einem Katastrophenfilm. So empfinde ich es derzeit tatsächlich. Viele Situationen sind mir ungeheuer. Ob im Supermarkt, wo wir penibel antrainiert werden, Abstand zu halten, ob im Park, wenn ich anderen Menschen bewusst ausweiche oder auf der Arbeit, wo wir darauf achten, nicht mit mehr als 2 Leuten in einem kleinen Büro zu stehen. Anfang der Woche fühlte ich mich sehr unwohl, mittlerweile habe ich mich an die neuen Gegebenheiten gewöhnt. Ausgehen und Konzerte vermisse ich da gerade am geringsten.

Death Cab for Cutie vermisse ich sogar überhaupt nicht. Ihre letzten Alben und Konzerte, ich glaube 2019 waren sie auch bei uns unterwegs, gingen komplett an mir vorbei. Vor vielen Jahren war das anders. Anfang der 2000er Jahre war ich großer Fan, waren Death Cab for Cutie Songs meine täglichen Wegbegleiter. Alben wie Plans, Narrow stairs und We have the facts and we’re voting Yes sind wunderschöner amerikanischer Indiepoprock. Ich mochte die Band aus Seattle sehr, ebenso das Nebenprojekt des Sängers Benjamin Gibbard, The Postal Service.
Seit einigen Tagen spielt Ben Gibbard Homerecording Konzerte. Zufällig entdeckte ich auf Facebook die Ankündigung für eines dieser Solokonzerte. Ich glaube es war am Montag. An diesem und an den nachfolgenden Abenden hatte ich allerdings keine Zeit und Muße, mir die einstündigen Sessions anzusehen. Ich nahm sie nur so nebenbei wahr und hörte hier und da mal kurz rein. Ich war jedoch bei jeder gehörten Sekunde begeistert: Coverversionen, alte, neue Songs, The Postal Service Sachen. An jedem Abend spielte Ben Gibbard ein Set, das an jedem Abend unter einem anderen Motto stand. So spielte er an einem Abend nur Coverversionen, an einem nur Songs aus den Jahren 2007-2011 und an einem anderen nur Songs der Jahre 2002-2005. Im Vorfeld konnte jeder online Songvorschläge machen, die dann in den Sessions berücksichtigt wurden. Oder auch nicht. In das Konzert mit Songs aus den Jahren 2002 bis 2005 hätte ich sehr gerne gehört, sind doch die Alben Give up, Transatlanticism, Plans all time Klassiker des Indiepoprock. Leider klappte es aus irgendwelchen Gründen nicht, in den Videostream hineinzuklicken.

Am letzten Freitag nahm ich mir dagegen fest vor, den Konzertstream von Anfang bis Ende anzusehen. An diesem Abend war dagegen alles bereitet und ready. Rechtzeitig die Zeitschrift beiseitegelegt, den Rechner hochgefahren, den Stuhl gemütlich zurechtgestellt, das Licht ausgemacht. Allesamt komische Konzertvorbereitungen.

Ben is going to play the top 10 songs as voted on by YOU for his livestream this Friday, March 27! The winning songs will be revealed live as a countdown during the show.

So die Ankündigung am Vortag. Das E-Werk wäre ausverkauft, tippe ich mal, an meinem Schreibtisch sitze nur ich. An anderen Schreibtischen sitzen gerade jedoch auch Menschen. 14028 Leute hätten insgesamt abgestimmt.

Im Countdown von Platz 10 bis Platz 1 werde ich also in der nächsten knappen Stunde die meistgewünschten Songs hören. Das hat ein bisschen was von zdf Hitparade, denke ich, als ich den Stream starte. Nummer 10 zuerst: „Title and Registration“ von Transatlanticism. Das Konzert geht gut los. Transatlanticism ist schlicht eines der besten Death Cab for Cutie Alben, daher erwarte ich noch den ein oder anderen Song von diesem Album. „The sound of settling“ zum Beispiel (das aber nicht gespielt wird) oder „The lack of colours“. Platz Nummer 9 und zweiter Song des Abends. „Tiny Vessels“ (in den bisherigen Livesessions noch nicht gespielt) und „We looked like giants“ folgen. Somit kommen die ersten vier Songs von Transatlanticism. Wow, ich bin also nicht der einzige, der dieses Album verehrt.
„The district sleeps alone tonight“. A ha. The Postal Service. Wie lange habe ich das denn nicht mehr gehört. Damit sind die ersten fünf Songs um.
Es folgt eine kleine musikalische Pause, in der der Ben Gibbard ein paar Fragen beantwortet, die in die Livekommentare plätschern. Er erzählt also über seine Wanderungen, über Jenny Lewis, mit der The Postal Service machte, über die Band Death Cab for Cutie und wie der Bandname zustande kam. Die Hälfte des Konzertes ist nun vorbei.
Platz Nummer fünf ist der erste Song am Klavier.

…How I wish you could see the potential… .

Diese ersten Textzeilen kenne ich. Yep, „I will possess your heart“. Wunderbar! Das war natürlich für die TOP 10 gesetzt. Ben Gibbard scheint mit der Akustikversion nicht so ganz zufrieden. ‘The bass line is the blue in this song without it’s not working.‘ Gut, ich fand es nur am Klavier gespielt eigentlich ganz okay.
„Soul meets body“ von Plans auf vier. Der zweite Klaviersong an diesem Abend. Für die Top 3 kehrt Ben Gibbard zurück an der Akustikgitarre, das heißt, er dreht sich auf seinem Stuhl um in Richtung Videokamera. Anne Hathaway (na, man kennt sich halt) hätte auch für diesen Song gestimmt: „I will follow you into the dark“. Noch so ein Welthit, der bei mir irgendwie in Vergessenheit geraten ist. „Transatlanticism“ – der Song –  folgt auf zwei. Damit stammen 50% der TOP 10 vom Album Transatlanticism. Es bleibt der letzte Song des Abends. Eine Zugabe wird es nicht geben, sähe vielleicht auch ein bisschen arg merkwürdig aus. Platz eins ist ein The Postal Service Song. „Such great heights“, ein mehr als würdiger erster Rang. Damit ist das Konzert nach einer knappen Stunde vorbei.

Ich checke noch kurz Emails, dann fahre ich den Rechner herunter und schalte das Netzwerk aus.
Was hätte ich mir gewünscht? Nun „Bixby Canyon Bridge“ auf alle Fälle und „Long Division“ hätte mir auch gefallen. Egal, in eine TOP 10 passen keine 12 Lieder.

You gotta spend some time love
You gotta spend some time with me

Die Livestreams stehen auch auf YouTube bereit. Alle Videos findet ihr auf den Death cab for cutie Kanal.

Setlist:
01:Title & Registration
02: The lack of colours
03: Tiny vessels
04: We looked like giants
05: The district sleeps alone tonight
06: I will possess your heart
07: Soul meets body
08: I will follow you into the dark
09: Transatlanticism
10: Such great heights

Multimedia:

Kontextkonzerte:
Death cab for cutie – Berlin, 09.11.2015 / Huxley’s Neue Welt
Death cab for cutie – Köln, 10.07.2008 / Live Music Hall