| Ein Blog über Musik und Konzertbesuche |

Ort: O2 Victoria Warehouse, Manchester
Vorband: CUD, Starsailor

Embrace

Ein Abend in Manchester. Drei Bands. 3500 Leute.
Das sind die nackten Fakten, die sich um das Embrace Konzert im Manchester O2 Victoria Warehouse ranken. Es ist ein Abend, der wunderbar und hochinteressant war und der aufgrund der vielen neuen Eindrücke noch einige Zeit in meinem Gedächtnis bleiben wird. Gefühlt ist es ein Konzert, das mich circa 23 Jahre zurückwirft, zurück in die Zeit, als der melodische Britpop kurzzeitig mein Musikinteresse bestimmte.

Starsailor und Embrace, die – aus der zeitlichen Distanz betrachtet – Langweiler des Britpops um die Jahrtausendwende, gaben eine Art Doppelkonzert und waren damit der Aufhänger für einen Wochenendausflug nach Manchester. Starsailor und Embrace, hierzulande kennt die niemand mehr, in England füllen sie mal eben und locker 3000er Hallen. 1998 mochte ich Embrace sehr. Ihr Debütalbum The good will out war just veröffentlicht und ihre Singles „Come back to what you know” und „All you good good people” waren Ohrwürmer. Ihr Konzert im Odeon in Münster empfand ich als überragend und die McNamaras schickten sich an, das zweitwichtigste Brüderpaar des Britpops zu werden. Doch anders als die Gallaghers setzen Richard und Danny McNamara weniger auf Ladism und mehr auf Pop und Harmonie. Embrace wurden die poppige, melodische Britpopabteilung, in die Jahre später auch James Walsh einstieg. Starsailor waren mit ihren ersten Alben Love is here und Silence is easy nie weit weg von Embrace, und so kommt es sicher nicht von ungefähr, dass an diesem Abend beide Bands gemeinsam auf der Bühne stehen.

Wie so oft stehen Geburtstage als Grund für solche Touren. Sowohl Embrace als auch Starsailor sind Bands der Vergangenheit, die sich in den letzten 10 Jahren irgendwann wieder neu zusammengetan haben, um ein Best-of oder bestenfalls ein neues Album zu produzieren. Man kennt das ja von Anderen: Jahrelang hört man nichts und auf einmal sind sie wieder da: Ride, Slowdive, etc. Die Motivation ist sicherlich bei jeder Band etwas unterschiedlich, aber der finanzielle Aspekt spielt wahrscheinlich immer ein bisschen mit. So ist es auch bei Embrace: ihre ersten drei Alben werden neu wiederveröffentlicht; Reissues von The good will out, Drawn from memory and If you’ve never been auf Vinyl stehen in diesen Tagen in den Plattenläden.

Originally released on Virgin’s Hut subsidiary in 1998, The Good Will Out became one of the fastest selling debut albums by a British artist, going on to sell over 500,000 copies domestically. Certified gold on the first day of release, the album hit the number one spot and spent 24 weeks in the Top 100, spawning three Top 10 singles, ‘All You Good Good People’ ‘Come Back To What You Know’ and ‘My Weakness Is None Of Your Business’ together with two further Top 40 hits, ‘One Big Family’ and ‘Fireworks.’ Critically acclaimed across the board, NME hailed the album as the “one of the great debut albums of the past decade”.

Das will vermarktet werden. Warum also nicht eine kleine Tour mit den größten Hits? Im Fall von Embrace sind das vornehmlich Songs des ersten und des vierten Albums. Schnell steht das Tourmotto: The Good will out of nothing; was meint: Embrace performing The Good will out & Out of nothing

Hinfahren? Mhh, warum nicht. Ich war noch nie in Manchester.

Der Metrolink vom Piccadilly Gardens benötigt 20 Minuten, bis er uns an der Pomoda Station herausschmeißt. Das O2 Victoria Warehouse liegt relativ weit draußen, mitten im gefühlten Niemandsland. Das ist an diesem frühen Abend zumindest mein Eindruck. In der Nähe der Metrolinkstation ist nichts. Von weitem blinkt die wohl neue – ich war nicht da – Media City und das Areal The Quays, etwas näher dran ist das Old-Trafford-Stadion. Zumindest laut Karte. Im Dunkeln ist es nicht auszumachen, im Dunkeln sehen wir nur eine vierspurige Straße und industrielles Brachland.
Das Warehouse liegt genau mittig zwischen den Metrolink Stationen Pomoda und Exchange Quay. Vielleicht hätten wir an der zweiten Station aussteigen sollen. Auf dem Weg zum Warehouse gehen wir an einem ruhigen Kanal entlang, laufen ein paar Meter auf einer kleinen Landstraße und kreuzen schließlich einen Kreisverkehr, der die Hauptverkehrsstraßen nach Old Trafford und zum neugestalteten Areal The Quays verbindet. Hier liegt auch das Victoria Warehouse, von außen ein unscheinbarer Backsteinbau mit zerbrochenen oder mit Holzlatten zugetackerten Fenstern. Über die Webseite erfahre ich folgende Informationen. Neben zwei Konzertsälen beheimatet der Backsteinbau auch ein Hotel. Ab 1925 wurde hier Baumwolle gelagert, die The Liverpool Warehousing Company benötigt Lagerkapazitäten und baute dieses Lagerhaus. Anfang der 1980er Jahre lagerte Kellog‘s hier im großen Stil seine Köstlichkeiten, bevor Teile der Räumlichkeiten in den Jahren drauf von einem Feuer vernichtet wurden. 2005 begann dann die Umgestaltung und Renovierung des Victoria Warehouse zur Eventlocation mit sechs unterschiedlichen Räumlichkeiten, vom kleinen Konferenzraum mit Kapazität für 70 Personen bis zur Konzerthalle mit einer 3500er Kapazität.
Wir stellen uns an. Zur Einlaßzeit ist die Schlange noch überschaubar kurz. Als die erste Band des Abends um sieben Uhr auf die Bühne geht, ist die Halle noch nahezu leer.

Die erste Band sind CUD. CUD, ich musste sie googlen. Eine britische Band aus den 1980er Jahren, irgendwie im damaligen britischen Independent unterwegs. Gibt es eine neue Platte von denen? Keine Ahnung. Um die 1990er Jahre hatten sie drei Top 40 Singles, was seinerzeit noch eine gewisse Aussagekraft hinsichtlich des Bekanntheitsgrades hatte. CUD waren keine Nobodys. So haben sich dann auch ungefähr 30 CUD Ultras vor der Bühne breit gemacht und singen fröhlich die alten Songs mit. Songs wie „Push and Shuv“ oder „Purple Love Balloon“ können auch von den Happy Mondays oder den Soup Dragons sein, einiges klingt nach den Inspiral carpets ohne Schweineorgel.
Den kaum verständlichen Ansagen des Sängers entnehme ich, dass ihr Keyboarder irgendwas mit Embrace zu tun hat. Da wäre die Verknüpfung für diesen Abend. Und ja, zwei Bands später sehe ich Mickey Dale erneut.

3500 Leute fasst die Konzerthalle, sie ist ausverkauft. Als James Walsh, James Stelfox, Barry Westhead und Ben Byrne die Bühne betreten, ist der Saal fast voll. „Alcoholic“ spielen Starsailor direkt zu Beginn. Es ist ein bisschen Perlen vor die Säue, aber vielleicht wollen sie damit auch nur den elenden Rufen nach dem Song umgehen. Das gelingt, statt „Alcoholic“ skandiert die erste Reihe nach „Four to the floor“.

Starsailor

Musikalisch passen Starsailor wie die Faust auf’s Auge zu Embrace. Oder weniger martialisch ausgedrückt, Starsailor sind der perfekte Deckel auf den Embrace Konzerttopf. Beide Bands haben diesen seichten Popmelodien, die in England wahrscheinlich seit 20 Jahren die Haus- und Büroradiosender füllen. Songs, die beim Hören nicht wehtun, die keine Bruchkanten haben und die man nach wenigen Hördurchgängen sanft und schön mitsingen kann.

Embrace seien die Meister im sing-along-song, wie es James Walsh formuliert. Er hätte auch gerne das Talent, solche Songs zu schreiben. Und er hätte mit ihnen schon vor 40 Leuten auf einer gemeinsamen USA Tour gespielt und das hätte genauso viel Spaß gemacht wie an diesem Abend vor einem vollem Victoria Warehouse Haus. Ich glaube, er ist Fan. Den während des Embrace Konzertes steht er am Bühnenrand, wippt leicht mit und schaut sich das Ganze sehr begeisternd an.
Nun, einige Starsailor Songs müssen sich als Mitsingsong nicht hinter Embrace verstecken. „Goodness for the good souls“, „Four to the floor“, „Alcoholic”, allesamt große Hits, die mindestens zum mitsummen uneingeschränkt einladen. James Walsh stapelt mit seiner Aussage meiner Meinung nach ein bisschen tief.
Die Setlist an diesem Abend hat sie alle. Bis auf ein oder zwei neue Songs spielen James Walsh und Kollegen die ollen Smasher von Silent is easy und Love is here. Und ehrlich, genauso hatte ich das erwartet. Abgesehen davon ist das letzte Album seit 2009 auch schon 3 Jahre alt. All this life wurde von Richard McNamara produziert. An „Best of me” kann ich mich erinnern, das haben sie gespielt. Ich weiß nicht mehr, wie es klingt. Seit Silence is easy bin ich bei Starsailor raus, und möchte mich auch nicht wieder neu einfinden. Alles zu seiner Zeit, und jetzt ist bei mir nicht die Zeit für neue Starsailor Sachen.

Setlist Starsailor:
01: Alcoholic
02: Poor misguided fool
03: Best of me
04: In the crossfire
05: Tell me it’s not over
06: Silence is easy
07: Four to the floor
08: Good souls

„All you good good people“, großer Hit, großes Drama. Gleich zu Anfnag spielen die McNamaras ihren ersten Song vom Debütalbum. Und das Konzert beginnt mit einer Situation, die auch so geplant hätte sein können. War sie aber nicht.
Was ist passiert?  Das Intro von The good will out schallt aus den Boxen und die Band kommt auf die Bühne. Danny McNamara geht ans Mikrofon und pfeift die Anfangstöne von „All the good good people“. Es folgt die erste Strophe inklusive Mitsingaufforderung an das Publikum für den Refrain. Als der Refrain einsetzt, ist plötzlich der Ton weg und das Licht im Saal geht aus. Alle denken, a ha, das muss jetzt so, das ist ja ein Supereffekt, der den Mitsingmoment enorm verstärkt.
Tatsächlich war das aber nicht geplant. Die, die vorne stehen sehen, dass die Band direkt nachdem es dunkel wird, die Bühne verlässt. Und während die Halle noch fröhlich den Refrain skandiert, werkeln auf und neben der Bühne die Hallentechniker und suchen die entsprungene Sicherung. Anna Radozda’s Video weiter unten bringt das sehr gut auf den Punkt.
Erst nach und nach finden die Mitarbeiter die richtigen Schalter, und das Embrace Logo im Bühnenhintergrund beginnt von rechts nach links aufzuleuchten. Erst ein E, dann das C, dann das A. Immer unter großem Jubel der 3500. Nach einigen Minuten ist der Strom wieder da und Danny McNamara, Richard McNamara, Steve Firth, Mike Heaton und Mickey Dale (der Keyboarder von vorhin) betreten die Bühne zum zweiten Mal. „All the good good people“ reloaded. Danny McNamara pfeift erneut ins Mikrofon und dieses Mal übersteht der Stromkreislauf die ersten Refrainzeilen ohne auszufallen.

Die größten Hits kommen direkt zu Beginn. Als zweites und drittes spielen sie „My weakness is none of your business“ und „Come back to what you know“ und halten sich damit exakt an die Songreihenfolge des Albums. Nach einer halben Stunde hätte ich also gehen können, denn alle weiteren Songs sind in meinen Ohren schwächer. Ich übertreibe, „Someday“, „Looking as you are“, „One big family“ sind auch gut, aber für mich eben nicht die höchste Embrace Kategorie. Auch nicht die Songs von Out of nothing, die später noch folgen. Grundsätzlich finde ich das Album nicht so gut wie die vorherigen Veröffentlichungen.
Dadurch, dass sie nur Songs von den beiden Alben The good will out und Out of nothing spielen, fehlen einige Hits von Drawn from memory. Kein „Hooligan“, kein „The love it takes“, kein „You’re not alone”. Das ist schade.
Out of nothing ist das zweite Album, das an diesem Abend gewürdigt wird. Songtechnisch ist es aber deutlich in der Minderheit. 6 Songs spielen sie von ihm, “Gravity” und “Ashes” sind dabei natürlich gesetzt. Sie bilden das Finale des Konzertes und nochmal ganz großes Mitsingkino. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich etwas nach hinten geschlichen, vorbei an bierseligen Menschen, die alle große Freude am Konzert hatten. Am lautesten wird übrigens an der Theke mitgesungen. Lustig, spannend, irritierend. Hier, wo man kaum etwas von der Bühne sieht, ist die Stimmung mit am höchsten. Vorne links war es überraschend nur irgendwie geht so. Hier genoss man introvertierter, hatte ich das Gefühl.

Was mir auffällt, und das habe ich weder vor 22 Jahren noch fünf, sechs Jahre später beim Haldern Pop bemerkt (da sah ich Embrace zum letzten Mal live) ist, dass viele der Songs nach Oasis der Be here now und späteren Phase klingen. „The last gas“ oder „Retread“ erinnern mich doch sehr stark an die Gallaghers der 2000er Jahre.
Es sind aber die sanften Sing-a-long Songs, die Embrace so wunderbar draufhaben und so perfekt beherrschen, wie sonst kaum eine andere Band. Da hat James Walsh schon recht. Nahezu jeder Song endet in Mitsingrefrains, in la la la’s oder ba ba ba’s. „All you good good people“, „ My weakness is none of your business”, „Come back to what you know“, „Fireworks”, „Looking as you are”. Es gibt viele Beispiele.
„Ashes” und „Gravity” sorgen nochmal für große Stimmung im Victoria Warehouse. Warum da aber der ein oder andere Bierbecher fliegt, verstehe ich nicht. Gerade die Coldplay Ballade „Gravity“ (a Coldplay-penned composition that Chris Martin (good friend of Danny McNamara) gifted to Embrace after Martin decided that the song sounded a bit more like Embrace than it did Coldplay) ist nicht unbedingt eine Blaupause für einen Bierbecherwerfsong. 

Ich war noch nie in Manchester und Konzerte bieten sich immer an, Aufhänger für Städtetrips zu sein. Dieses Embrace Konzert war ein netter und unterhaltsamer Ausflugsaufhänger, der durch die Kombination mit Starsailor zu einer lohnenswerten und runden Sache wurde.
Drawn from Memory ist übrigens mein liebstes Embrace Album. Wenn sie das live spielen, komme ich wieder.

Setlist:
01: All you good good people
02: My weakness is none of your business
03: Come back to what you know
04: A glorious day
05: Someday
06: Looking as you are
07: Keeping
08: Wish `em all away
09: The last gas
10: One big family
11: Higher sights
12: Retread
13: Out of nothing
14: Gravity
15: Ashes
Zugabe:
16: That’s all changed forever
17: Fireworks
18: The good will out

Multimedia:

Starsailor Victoria Warehouse Manchester 06.03.2020

Gepostet von Anna Radozda am Montag, 9. März 2020

Embrace Victoria Warehouse Manchester 06.03.2020

Gepostet von Anna Radozda am Montag, 9. März 2020

Kontextkonzerte:
Starsailor – Bochum, 24.10.2015 / Zeche
Starsailor – Köln, 18.11.03 / E-Werk