Ort: Haistudio 1, Frankfurt
Vorband: –

Na, wie wär’s? Wechselschritt.
Zwischen Pandemie und Hochwasser gastierte Frank Spilker im Rahmen des Rhein-Erft Literatur in Liblar. Es war der erste Pandemiespätsommer und kulturell ging eigentlich gar nichts. Die letzten Konzerte fanden im Februar statt, in den Wochen danach wurde es still. Daher stand es außer Frage, dieses Ereignis in der Nachbargemeinde zu besuchen. Über den Sommer hinweg wurden Hygienekonzepte entwickelt, die es zumindest ansatzweise ermöglichten. Kulturveranstaltungen umzusetzen. In Liblar, einem Nachbarort, war es so, dass zu dieser Veranstaltung unter Angabe von Namen und Adresse Tickets verkauft wurden und die Besucher dann nach Kartenbestellungen sortiert, Sitzplätze zugewiesen bekamen. Ungefähr 40 Leute fanden sich seinerzeit im Geske-Haus in Liblar ein, aufgeteilt in viele Zweiergruppen, eine Vierersitzreihe und ein paar Einzelsitze. (Das recherchierte ich nochmal nach, zu meinem zweiten Frank Spilker Soloabend wollte ich vorbereitet sein.) Meine Begleitung konnte bis dato nichts mit deutschsprachiger Musik anfangen; meine Schwärmereien über Blumfeld, Tocotronic, Trio, Ideal und Die Sterne verpufften ungehört. Nur „Universal Tellerwäscher“ war ihr ein Begriff, ich hatte den Song aber auch unzählige Male (und oft zum gemeinsamen sonntäglichen Abwasch) vorgespielt. Aber da der Sommer 2020 wenig Livemusik bot, sagte sie den gemeinsamen Besuch der Veranstaltung in Liblar nicht ab. Was für sie völlig unscheinbar begann, entwickelte sich zu einer großen Liebe. Die klare Sprache, die Texte, die Musik, all das traf auf ein offenes Herz. Komplett ohne Vorwarnung, ohne, dass wir damit rechnen konnten. Bei „Wir kämen wieder vor“ hatte sie gar kleine Tränchen im Auge. ‘Richtig’, sagte sie öfter, während sie den Texten lauschte. Frank Spilker hatte sie nicht nur überzeugt, er hatte gnadenlos gewonnen. Danach wurde sie ein Die Sterne Ultra, wir mussten zu jedem Konzert und zwei Jahre später auf einer Ostwestfalen Tour gar kurz in Herford anhalten. (Das Marta Museum kann ich übrigens sehr empfehlen.)
So kam es nicht von ungefähr, dass ich auch auf dieses Solokonzert angesprochen wurde. Das Die Sterne with strings (also mit dem Filmorchester Babelsberg) Konzert in Potsdam ein Wochenende zuvor musste ich noch sausen lassen, dieses Event hier jedoch nicht.
Frank Spilker startet mit „Universal Tellerwäscher“ und schiebt „Die Interessanten“ hinterher. Ein guter Anfang, wie ich finde. Die vielleicht 70 Leute im Raum haben es zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz bis vor die Bühne geschafft, in einem Halbkreis stehen wir vor dem kleinen Podest, auf dem sich noch zwei Boxenständer mit Boxen und ein Mikrofonständer samt Mikrofon befinden. Ein sehr überschaubarer, aber ausreichender Bühnenaufbau. Die Bühne ist nicht höher als ein Bierkasten. Dass das hier ein improvisierter pop-up Konzertsaal ist, merkt man. Auch beim Licht. Frank Spilker steht natürlich im Rampenlicht, und doch wieder nicht. Eine extra auf die Bühne angepasstes Lichtdesign gibt es in dem Raum nicht. Aber das ist eigentlich auch egal, denn wir wissen ja alle, wie er aussieht. Durch die dunkle und diffuse Beleuchtung aus zwei drei kleinen Lämpchen hat man einen guten Blick nach draußen. Dort, das Konzert begann um 21 Uhr, wird es langsam dunkel und die Lichter der Straße reflektieren sich in der Schaufensterscheibe. Ab und an bleiben Leute stehen und gucken durchs Fenster in den Raum. Sie werden sich sicherlich fragen, was da gerade passiert, denn Poster oder anderes weisen nicht auf das Konzert im Haistudio hin. Ich finde diese Konzertkonstellationen immer sehr spannend. Man sieht auf die Bühne und hat seine Realtität, während die Menschen draussen, die man durch die Fensterscheibe beobachten kann, gleichzeitig eine ganz andere Welt haben. Sie stellen Müllbeutel raus oder haben Probleme beim rückwärts einparken. Dieser visuelle Kontrast gefällt mir. In einem Club bekommt man das ja so nicht mit, da ist man quasi in einem abgeschlossenen Raum, unter sich und getrennt von der Aussenwelt. Da ich nicht weiß, wie viel von der Musik nach draußen dringt und die Leute nur Frank Spilkers Rücken sehen, werden sie im schlechtesten Fall überhaupt nicht realisieren, dass hier gerade einer der wichtigsten deutschen Musiker/ Künstler der Jetztzeit ein Konzert gibt. Ich fürchte fast, das ist so, denn länger als ein paar Sekunden bleibt keiner vor dem Schaufenster stehen und blickt hinein.
Das Konzert findet im Rahmen des LICHTER Filmfestivals statt. Was das genau ist, bzw. was man bei diesem Festival erwarten kann, erschließt sich mir nicht direkt. Im Programmheft entdecken wir Diskussionsveranstaltungen, der Infohub des Festivals ist in einem kleinen Kino eingerichtet. Primär scheint es ein Filmfestival zu sein, das allerdings durch ein künstlerisches Rahmenprogramm – in dem u. a. dieses Konzert stattfindet – aufgepeppt wird. Also nichts nur für Cineasten. Leider haben wir uns nicht intensiver mit dem Programm beschäftigt, sonst hätten wir gewusst, dass Stunden vor dem Konzert eine durchaus reizvoll klingende Podiumsdiskussion mit Claus Cleber stattfindet und es tagsüber auch ein paar interessante Filme zu sehen gab. Nun ja. Aus Mangel an diesem Wissen sind wir um kurz nach 20 Uhr im Haistudio und vertrödeln die Zeit bis Konzertbeginn mit Zeittotschlagen. Das gelingt ganz gut. Während Frank Spilker im hinteren Bereich auf einem Sofa sitzt und sich mit Besuchern unterhält, lesen wir im Programmheft, was wir alles hätten sehen können.
Neben „Universal Tellerwäscher“ und „Die Interessanten“ zu Beginn und dem finalen „Wenn dir St. Pauli auf den Geist geht“ spielt Frank Spilker ein gutes Potpourri aus dem Die Sterne Bandkatalog. Doch nicht nur das, auch für einen Song der Frank Spilker Gruppe ist Zeit. „Ich gehe gebückt“ heißt der Song, den ich bis dahin noch nicht gehört habe, obwohl die CD natürlich Ultra-like zuhause im Regal steht. „Depressionen aus der Hölle“, „Wir kämen wieder vor“, „Wir wissen nichts“, „Was hat dich bloß so ruiniert”, „Widerschein“ und „Hallo Euphoria“ (mit mindestens 50 kehligem ‘Hallo, hallo, halloooo’ Chor) sind weitere Songs, die gespielt werden. Zusätzlich schaffen es noch zwei, drei neue Songs vom aktuellen Die Sterne Album Wenn es Liebe ist auf die Setlist. Inklusive dem Titelstück, das ich an diesem Abend erstmals bewusst höre und das mir sehr gut gefällt.
Was mir an diesem Abend auch deutlicher auffällt, sind die Texte. Bei regulären Die Sterne Bandkonzerten geraten sie manchmal in den Hintergrund, zumindest ich achte da irgendwie mehr auf die Musik. Bei diesem Solokonzert dagegen rücken sie automatisch stärker in den Focus, denn sonst ist da ja nur die Gitarre. Und so fallen mir ganz viele Feinheiten auf, die ich bisher live oft überhört habe. Oder wie es das Programmheft treffend formuliert:
Bei LICHTER spielt Frank Spilker solo. Ein Abend, an dem Songs und Sprache noch näher zusammenrücken: Sterne-Klassiker in neuer, konzentrierter Form.
Genauso war es. In Summe ein sehr schöner Abend.
Kontextkonzerte:
Die Sterne – Bonn 20.03.2025 / Harmonie
Die Sterne – Krefeld, 07.09.2024 / SchlachtGarten
Die Sterne – Monheim, 14.05.2022
Die Sterne – Düsseldorf, 26.07.2021 / Ehrenhof
Frank Spilker – Erftstadt, 05.09.2020 / Anneliese Geske Musik- und Kulturhaus
Die Sterne – Köln, 15.02.2017 / Kulturkirche Nippes
Die Sterne – Bochum, 03.02.2012 / Bahnhof Langendreer
Die Sterne – Juicy Beats Festival, 31.07.2010