Ort: Den Atelier, Luxemburg
Vorband: –

19.15 Uhr, kurz nach dem Einlass. Ca. 300 Stühle sind im den Atelier aufgebaut und warten darauf, besetzt zu werden. Luxemburgisch untypisch füllt sich der Saal frühzeitig und schnell; bereits um halb acht sind die ersten Stuhlreihen belegt oder freigehalten. Das ist nachvollziehbar, man möchte ja schließlich was sehen. Da schadet ein Stündchen warten auf ordentlich bequemen Sitzschalen jetzt nicht wirklich. Die Stühle in der ersten Reihe bieten gar gepolsterte Sitzbezüge. Dachten die Veranstalter vielleicht, dass die Leute hier am längsten sitzen, weil sie am frühesten vor Ort sind und es deshalb am bequemsten haben sollen? Falls ja, ihr habt meinen Dank, falls nein, auch.
Wir sind relativ pünktlich vor Ort, um noch front row seats zu ergattern. Es sind die beinahe die letzten. Glück gehabt, dass das Zeitliche loszufahren nicht ganz umsonst war.
An diesem Abend also die Editors, äh ich meine Tom Smith. Der ist bekanntlich Sänger und Songschreiber der britischen Band, die Anfang/Mitte der 2000er Jahre ihre vielleicht beste Zeit hatte. Ich war seinerzeit großer Fan, das erste Editors Album The back room hörte ich rauf und runter. Das zweite Album An end has a start lief auf noch sehr oft, aber ab dann – und zeitlich ist das ab 2008 – wird’s bei mir dünn. Die nächsten fünf Alben kenne ich gar nicht. Das aktuelle Album ist übrigens von 2022. Das nur der Vollständigkeit halber. Allerdings kenne ich das erste Tom Smith Soloalbum. Warum auch immer. Und ich finde es toll. There is nothing in the dark that isn’t there in the light erschien vor ein paar Wochen. Es klingt Gott sei Dank nicht nach den Editors, sondern nach einem sehr zeitgemäßen Singersongwriter Album. So ist auch eher dieses Album ein Grund, das Konzert zu besuchen als die Editors Sache. Dass das eine das andere nicht ausschließt, ist mir klar. Ich erwartete im Vorfeld schon, dass auch der Editors Backkatalog ausgiebigst Eingang in den Abend finden wird. Das ist dann auch so. Dagegen stehen Songs aus der Zusammenarbeit von Tom Smith mit Andy Burrows (die beiden produzierten die beiden Alben Funny looking angels und Only Smith & Burrows is good Enough) nicht auf der Setlist. Egal.
Eine Vorband gibt es nicht. Auf der Bühne stehen bereits zwei Hocker, ein Beistelltisch mit Blümchen sowie ein Keyboard und zwei Gitarrenständer mit je zwei Gitarren. Gegen kurz nach halb neun betreten Tom Smith und sein Buddy Nicholas Willes die Bühne. Während Tom Smith die nächsten gut 2 Stunden Gitarre spielt und singt, ist Nicholas Willes deutlich stärker beschäftigt. Neben den Gitarren (E- und Akustikgitarre) spielt er auch Keyboard und Mundharmonika und übernimmt hier und da noch die backing vocals.
Sie beginnen mit einem wunderschönen „Deep dive“. Der Song kommt vom aktuellen Tom Smith Soloalbum und stellt direkt die Weichen für den Abend: ruhige Akustiksongs in gemütlicher Atmosphäre; unprätentiös und unaufgeregt. Mich haben sie damit sofort. Und ich denke, ‘ach, eigentlich brauche ich gar kein „Munich“ oder „An end has a start“ oder „Smokers outside the Hospital door“ fuer einen tollen Abend.’ Wobei ich anmerken muss, dass ich die alten Editor Hits eigentlich gar nicht mehr brauche. Sie funktionieren für mich seit einigen Jahren nicht mehr. Sie stehen für mich für eine bestimmte Zeit, und sind darüber hinaus für mich keine Evergreens geworden. Ich käme nicht auf die Idee, mir z.B. The back room auf den IPod zu laden und das Album beim laufen zu hören. Ich weiß, nach zwei Songs würde ich es wegskippen. Vor 20 Jahren war das natürlich anders, damals fand ich das toll und hörte alles rauf und runter. Also zumindest die ersten beiden Editors Alben.
Dass die Editors oder Tom Smith aber für viele noch eine Relevanz haben, zeigt sich bei der aktuellen Europatour der beiden Musiker. Wenn ich richtig informiert bin, sind quasi alle Konzerte ausverkauft. Entsprechend auch das den Atelier. Der Laden ist für dieses Konzert bestuhlt worden, so kannte ich das den Atelier bisher überhaupt nicht. Passen ansonsten ca. 900 Leute in den altehrwürdigen luxemburgischen Club, sind es an diesem Abend ca. 300.
Die Stimmung ist gut. Ich höre und spüre, dass viele im Saal die Editors schon sehr lange begleiten und entsprechend vorfreudig dem Konzert entgegenfiebern. Das Set ist ein bisschen zweigeteilt. Am Anfang stehen in der Mehrzahl Songs des Soloalbums, gegen Ende des Sets packen Tom Smith und Nicholas Willes dann öfter und tiefer in die Mottenkiste und spielen die alten Smasher. Editors Songs gibt es zwar auch in der ersten Hälfte des Konzertes, dort verstecken sie aber eher kleine und feine Perlen, die zumindest ich nicht wirklich auf dem Schirm habe: „All the kings“ oder „Honesty“ sagen mir direkt nichts. Sie klingen aber großartig und passen gut zu den aktuellen Tom Smith Songs. Grundsätzlich scheint mir die Songauswahl wohl bedacht. Die Übergänge sind angenehm, Brüche bemerke ich keine. Gerne erinnere ich mich an das zwischen zwei Editors song eingepackte „Leave“. Okay, manche Titel wirken ein bisschen kitschig („Endings are breaking my heart“), aber das waren sie zu Editors Zeiten auch schon. Musikalisch finde ich die Songs vom aktuellen Soloalbum top. Dennoch sind über die Hälfte des Sets Coversongs, Tom Smith und Nicolas Willes spielen 13 Editor Songs und ein Bob Dylan Cover („It ain’t me, Babe“). Das bedeutet aber auch, dass 9 Songs vom Soloalbum There is nothing in the dark that isn’t there in the light (was für ein elendig langer Titel!) gespielt werden. Immerhin 9/10 des Albums. Mit soviel Output hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Ich dachte, es würde ein kurzer Abend mit einer frühen Heimkehr. Maximal 90 Minuten gab ich im Vorfeld dem Konzert, spekulierte mit einem Ende vor 22 Uhr. Dass es dann halb elf wurde und Tom Smith nahezu alles spielt, was er hat, konnte ich nicht ahnen.
Langweilig wurde es natürlich nicht. Ich bilde mir grundsätzlich ein, einen Unterschied zwischen den Solosachen und den Editors Songs heraushören. Die Solosachen sind tatsächlich eher für solche Akustiksessions… programmiert hätte ich jetzt schon fast gesagt, ich meine natürlich geschrieben. Ich merke ihnen an, dass sie nicht zwingend ein opulentes Bandkonstrukt benötigen, um gut zu klingen. Bei den Editor Songs ist das nicht so. Sie klingen gut, weil ich sie kenne und gerne gehört habe, aber ohne dieses Vorwissen fallen sie – so finde ich – doch etwas gegenüber den anderen Songs ab. Andererseits, es ist enorm spannend, Songs wie „Munich“ oder „Blood“ einfach nur auf der Akustikgitarre gespielt zu hören. Oh, einige erkenne ich auf Anhieb nicht einmal („Blood“).
Jetzt habe ich gar nichts zur famosen Baritonstimme von Tom Smith gesagt. Aber dazu wurde sicherlich auch schon alles gesagt. In dieser Konstellation kommt sie natürlich noch stärker zum Vorschein als sonst. Und das ist gut.
Ach ja, einen neuen Editors Song spielen sie auch. „The hills we died upon“, es scheint also bald neues Material zu geben. Ob ich mir die Platte kaufe, eher unwahrscheinlich. Und wer jetzt sagt, die Editors, das ist doch alter Kaffee aus den 2000er Jahren, dem widerspreche ich nicht. Aber ich empfehle, sich mal There is nothing in the dark that isn’t there in the light von Tom Smith anhören.
‚Find a homeway home.‘ Nicht nur das Konzert lohnt es sehr, natürlich oder dummerweise leider auch das Tanken. 1,64 € der Liter, das sind locker 40 bis 50 Cent weniger als an meiner Haus-und-Hof-Tankstelle, sogar weniger als hier vor Beginn des Iran Krieges.
Setlist:
01: Deep dive
02: How many times
03: Endings are breaking my heart
04: All the kings
05: The weight
06: Life is for living
07: Honesty
08: No sound but the wind
09: Souls
10: Broken time
11: The phone book
12: What is this thing called love
13: Northern Line
14: An end has a start
15: Blood
16: Leave
17: Munich
18: Ocean of night
19: Papillon
20: It ain’t me, Babe
21: The hills we died upon
22: Lights of New York City
23: Smokers outside the hospital doors
Kontextkonzerte:
Editors- BIME Live Festival Bilbao, 26. – 27.10.2018
Editors – Köln, 12.11.2009 / Palladium
Editors – Köln, 13.06.2007 / Kulturkirche Nippes
Editors – Köln, 08.11.2007 / Live Music Hall