- Seit 2002 Dinge über Musik -

Ort: Luxor, Köln
Vorband: Sænder

Der kälteste Tag des Jahres. Der Wind pfeift ordentlich, als ich die paar Meter zur Bahn gehe. Wind chill nennt man seit Mitte der 1990er Jahre den Effekt, wenn ein kalter Wind die Temperaturen gefühlt noch ein paar Grad kälter erscheinen lässt. Wind chill, diesen Begriff hörte ich zum ersten Mal in den kalten Wintertagen 1995/96, als ich in Bochum studierte und sehr oft mittags zu Fuß von der FH zur Unimensa spazierte. Auf der Kalwes Höhe gab es ein paar schön zugige Ecken.
Wie komme ich darauf? Ich weiß es nicht, aber von den Jahren her passt diese kleine Geschichte ideal zu den Charlatans. Die hatten Mitte der 1990er Jahre chartstechnisch ihre beste Zeit und waren eine meiner meistgehörtesten Bands. Ihre Alben The Charlatans (1995) und Tellin‘ Stories (1997) lieferten mir Hits ohne Ende: „Just when you’re thinkin‘ things over”, „North Country Boy“, „One to another“, „How high” oder „Crashin‘ in”, um eine Handvoll zu nennen. Und dann warten da noch die Vorgängeralben mit diesen feinen Evergreens „Me. In time“, „Opportunity three“, „Happen to die“. Vielleicht kennt auch noch jemand „The only one i know“ oder „Then“. Am liebsten hörte ich die gesamte Over Rising EP, sie war für mich lange das Beste, was die Charlatans gemacht haben.

Sieben Alben später beginnt die Jetztzeit. Different days ist die aktuelle Platte der Band und das Motto der Tour. Ja, die Charlatans treibt es damit (endlich) mal wieder auf den Kontinent. Für mich Grund genug, hinzugehen. Das endlich kann ich aber aus den Klammern nehmen, mein letztes Charlatans Konzert liegt schon 8 Jahre zurück. Eine lange Zeit.

Wird sich der Besuch heute lohnen? Diese Frage, durchaus berechtigt, spingste mir durch den Kopf. Eigentlich hatte ich an diesem Abend keine Lust auf durch die Kälte zu gehen, auf früh im Luxor zu sein (um die Jacke abgeben zu können und einen guten Platz zu erhaschen) und auf das abendliche Warten auf den Zug an einem luftigen Bahnsteig. Eigentlich, denn andererseits (a) hörte ich an diesem Tag nur Gutes über das Charlatans Konzert tags zuvor in Luxemburg und andererseits (b) ist ein bisschen Hammond Orgel am Abend auch nicht so schlimm. Und hey, es sind die Charlatans!

A pro pos, die Orgel. Als ich auf die Band warte, lese ich am Orgelkasten: Hammond XK-3c. Dieses Modell gibt es erst seit 2007 (habe ich gegooglet), es ist also nicht die „The only one i know“ Original-Schweineorgel. Und sofort kommt mir diese Frage in den Sinn, die mir bei jedem meiner bisher Charlatanskonzert in den Sinn kam: ist dieses, die Charlatans Musik so prägende Instrument für meine Ohren noch angenehm hörbar oder ist die Hammond Orgel durch? Nach den ersten Songs ist die Frage schnell geklärt: Die Orgel ist noch angenehm hörbar. Überhaupt, die Band ist musikalisch gut gealtert. Wie gerne würde ich das auch über viele ihrer Madchester und Rave-o-lution Kollegen sagen, nur leider geht das nicht: die Happy Mondays, Inspiral carpets, Soup Dragons, Northside. Namen, die heute kaum noch einer wahrnimmt oder gar nicht mehr existieren. Und die querverbundenen Shoegaze Bands klingen immer noch wie 1990. Die Charlatans gibt es noch und ein Ausruhen auf alten Songkompositionen und Erfolgsmelodien war für die sie nie drin. Gerade in den 2000er Jahren schafften sie es, sich von den alten Ravegeschichten komplett loszueisen. Ihr markantestes Instrument wurde leiser, verschwinden ließ sie es aber Gott sei Dank nie.
Genauso wenig wie Tim Burgess seiner Topffrisur weitestgehend treu blieb. Weitestgehend, weil der Ponyansatz in den Jahren ordentlich nach hinten rutschte und immer weniger einen akkuraten Topfschnitt zuließ. Lord Helmchen, so nannten wir ihn früher liebevoll, ließ sich die Haare wachsen und verlegte die Schnittkante ein paar Zentimeter weiter nach unten. Gleichlang sind sie aber immer noch. Wasserstoffblond erinnert er mich sehr an den Schlagzeuger der Foo Fighters. Surferboy Stil. Nun, irgendwas muss ja hängenbleiben, wenn man über ein Jahrzehnt in Kalifornien lebt.

Um aufs musikalische zurückzukommen. Vielleicht ist die räumliche Distanz auch ein Grund dafür, warum sich die Charlatans so weiterentwickelt haben, wie sie es getan haben. Die einfache Gleichung Charlatans = Schweineorgel = „The only one i know“ gilt heute nicht mehr. Spätestens mit You cross my path, das die Band Ende der 2010er Jahre zum kostenlosen Download anbot – ich erinnere mich -, sind sie im gemütlichen Familienradio- Indiepop angekommen. Und sie sind die einzig überlebende pre-Britpop Britpop Band. Eine beachtliche Leistung, wie ich finde.
Natürlich gehören die alten Sachen auf eine jede Charlatans Setlist. Da führt kein Weg dran vorbei und daran hat sich über die Jahre nichts geändert. Aber aufgrund ihrer großen Hitdichte müssen sie nicht mehr so tief in ihr Archiv greifen. Sie machen es aber trotzdem: „Sproston Green“ bildet immer noch den Abschluss eines Charlatans Konzertes und „The only one i know“ ist nach wie vor auf jeder Setlist gesetzt.

Schönerweise spielten sie im Luxor viele neue Sachen und stachen nur punktuell in ihre Vergangenheit: „Weirdo“, „North country boy“, „Over rising“, „One to another“, „The only one i know“. Letzteres spielen sie aber wohl nur, weil sie es quasi spielen müssen. Würden sie darauf verzichten, würde man ihnen wahrscheinlich die Orgel zertrümmern. So war „The only one i know“ der emotionsloseste Song des Abends. Also für die Band. Das Publikum, es waren auch ein paar Briten im Luxor, feierten das standesgemäß ab. So mein Eindruck, den ich darin bestätigt sah, dass Tim Burgess während der längeren letzten Instrumentalphase einfach mal in den hinteren Bühnenbereich ging, um neue Nachrichten auf seinem IPhone zu checken. Dabei lachte er kurz und es schien, als ob er eine Nachricht direkt kurz beantwortete. Seine Bandkollegen um Tony Rogers drehten derweil eine Orgelrunde mehr. Was für eine coole Socke!

Von den neuen Sachen überzeugten mich „Plastic machinery“ und „Different days“ am meisten. Schon zuhause sind mir diese beiden Songs aufgefallen, live waren sie nochmal besser. „Different days“ zogen sie ordentlich in die Länge. Das hatte Potential! Auch das sprechgesangsartige „Over again“ machte mir viel Spaß. Das sind mal so ganz andere Charlatans, aber irgendwie doch die Charlatans. Mannomann!

Und das alte Zeugs?
Erkenntnis des Abends: „Over rising“ ist immer noch ein Liebling. Das sicheres Indiz dafür ist die Gänsehaut, die ich während der ersten Songzeilen bekam. Und die ist nicht auf die Klimaanlage zurückzuführen, die ordentlich blies und es im vorderen Bereich bestimmt 10 Grad kühler sein ließ als auf Höhe des Mischpultes. „Over rising“ also. Das ist gut zu wissen. Dabei ist mein liebster Charlatans Song doch „Me. In time”. Den verwurstelte ich damals auf nahezu jedem Kassettensampler. Leider spielten sie ihn nicht. Wie so viele andere. Aber ein Charlatans Konzert hat eben auch nur gute 90 Minuten. „The only one i know“ ist dagegen für mich durch. Das nahm ich so emotionslos hin wie Tim Burgess. Mehr gefreut habe ich mich über „One to another“.

Mich überraschte ein wenig, in welch‘ großer Spiellaune die Band auftrat. Tim Burgess hatte immer freundliche Augen für die ersten Reihen, bei den neueren Stücken wirkte er gar ansteckend begeisternd. Ist das einfach das tiefenentspannt Sein eines sich nichts mehr beweisen müssenden Musikers? Oder merkt Tim Burgess nur, dass nicht nur die alten Hits zu Jubelstürmen animieren, sondern auch die neuen Sachen zünden. Dass das einen Musiker freut, ist verständlich. Wer will schon nur auf die alten Sachen reduziert werden.

Es war ein richtig gutes Konzert. Der Besuch hat sich mehr als gelohnt.

Ich glaube, die Charlatans haben seit 1992 vieles richtig gemacht. Damals sah ich sie zum ersten Mal. Es war die Between 10th and 11th Tour und sie spielten im Music Circus in Oberhausen, im normalen Leben eine Disco in einem Zirkuszelt ähnlichen Gebäude. Das Konzert in Oberhausen war die reinste Rave-o-lution. Das Konzert im Luxor war dagegen schönster Indiepop (mit Hammondorgel). Aber eines blieb: damals wie heute war der letzte Song „Sproston green“. Was auch sonst.

Ihre letzten beiden Alben Modern nature und Different days habe ich in den letzten Tagen oft gehört, sie klingen zeitgemäß und nicht retrospektiv. Different days ist ein richtig gutes Album, wie ich finde. Ich möchte jedem empfehlen, sich das mal anzuhören. Die Charlatans sind damit auch 2018 noch relevant.

Kontextkonzerte:
The Charlatans – Dortmund, 02.11.2010 / FZW
The Charlatans – Primavera, 29.05.2010
The Charlatans – Köln, 23.09.2008 / Luxor
The Charlatans – Brüssel, 17.02.2008 / vk

frank

"I can't go away with you on a rock climbing weekend - What if somethings on tv and its never shown again - Its just as well I'm not invited I'm afraid of heights - I lied about being the outdoor type."