Ein Wohnzimmer Mitte der 1980er Jahre.
Ich bin sicherich nicht der einzige, der in den 1980er Jahren unfreiwillig mit dem Trabrennsport Bekanntschaft geschlossen hat. Nahezu jeden Sonntag, bevor in der 18 Uhr Sonntagssportschau über den Fussball der Seria A berichtet wurde (Italienischer Fussball war damals sehr wichtig!) gab es das ein oder andere Trabrennen aus Hamburg Bahrenfeld, von der Galopprennbahn Hoppegarten oder aus Baden-Baden. Dem Galopp- (die mit dem Wagen) und Trabrennsport gehörten die ersten Minuten der Sportschau. Addi Furler kürte den Galopper des Monats und die Berichte über englische Vollblüter wollten kein Ende nehmen, bevor dann Tennis (war Ende der 1980er Jahre fast wichtiger als Fußball) oder Hans-Peter Briegel, Kalle Rumenigge und der AC Florenz den Sportschauabend retteten. Und so blieb mir der Rennplatz Iffezheim im Gedächtnis.

Rennplatz Iffezheim

Urlaub 2020.
Ich gehöre nicht zu den Menschen, die unbedingt wegfahren müssen, die einmal im Jahr für 2 bis 3 Wochen irgendwo hinmüssen, die eine Luftveränderung zum Abschalten brauchen. Zuhause finde ich es auch schön oder, anders ausgedrückt, woanders ist es auch kacke.
2020 war dann aber doch ein bisschen arg fiel zuhause. Drei Kurzurlaube fielen der Pandemie bzw. den Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes zum Opfer und die wenigen Wochen im Sommer, die vermeintlich risikolos und genehmigt beurlaubt werden konnten, waren nicht dazu angetan, länger und weiter wegzufahren. Für uns bedeutete das Baden-Baden und Bayern anstatt Barcelona, wo just das in den August verschobene Primavera Sound Festival endgültig für 2020 abgesagt worden war.

Über Bayern hatte ich bereits berichtet, über Baden-Baden noch nicht.
Baden-Baden ist die letzte Station einer kleinen Sommertour, die wir eine knappe Woche lang unternommen haben. Ausgewählt haben wir den Ort, weil er verkehrsgünstig an der A5 liegt und seine Mondänität einen gewissen Reiz auf uns ausgeübt hat.

‘Schön sieht’s da aus, da könnte man auch mal hin.‘

Genau, und so landen wir bei bestem Wetter in einem Hotel in der Innenstadt. Städtetripps verlangen nach kurzen Wegen, zumindest ich möchte nicht noch aus der Vorstadt oder dem Stadtrand in die Innenstadt fahren, wenn ich nur einen oder zwei Tage Zeit habe, mir einen Ort anzusehen. Und Baden-Baden hat einige Dinge, die sehr sehenswert sind. Da wäre erstmal das Hotel, ein alter Schinken, der in diesen Tagen recht günstige Angebote – Arrangements wie es in der Hotelsprache heißt – hat. Dostojewski quartierte schon hier und einige Andere, wie die Besuchertafel im Foyer verrät. Auffällig ist mir die Anzahl russischer Gäste auf der Besuchertafel. Baden-Baden schien vor hundert, zweihundert Jahren ein beliebtes russisches Reiseziel gewesen zu sein. Nikolai Gogol, Leo Tolstoj, einige Adelige und Kaufmänner flanierten über die Straßen der Stadt und vergnügten sich im Casino. Dostojewski blieb mir im Gedächtnis, die anderen Namen habe ich nochmal nachrecherchiert. Aktuell stehen die Beckhams auf Baden-Baden, lese ich einige Tage später in der Bildzeitung. Doch nochmal 170 Jahre zurück: selbst der Text der russischen Nationalhymne soll hier um 1850 verfasst worden sein. Also nicht im Hotel, aber in der Stadt. Wassili Schukowski dichtete die Hymne im Palais Kleinman 1852, so das Internet.

Mit russischer Literatur habe ich es nicht so. Eigentlich kenne ich nur die Texte von Vladislav Parshin, dem Sänger und Songschreiber der russischen Indieband Motorama. Ivan Rebroff kenne ich auch, aber der aus Berlin stammende Hans-Rolf Rippert war nur ein look-a-like. Motorama haben ein paar sehr schöne Alben gemacht, ich empfehle mal das Debüt Alps und den Nachfolger Calender. Bei uns sind Motorama leider nur semi-bekannt, touren durch kleinere Clubs. In Südamerika ist das anders, wie dieses Livevideo aus Lima beweist.

Kontextkonzerte:
Motorama – Oberhausen, 21.05.2015 / Druckluft
Motorama – Oberhausen, 04.03.2013 / Druckluft
Motorama – Köln, 25.09.2013 / Blue Shell

Direkt neben Baden-Baden liegt die Pferderennbahn Iffezheim. Auf dem Rückweg fuhren wir quasi daran vorbei und kamen nicht umher, kurz auszusteigen und ein paar Fotos zu machen. Das Wetter war gut und ein paar Handwerker erledigten Arbeiten. Selbst wenn ein paar Handwerker ihre Arbeiten erledigen und Gehämmer und Sägelaute durch das Areal surren, ist dem Ort seine, scheinbar natürliche Erhabenheit anzuspüren. Gut, dass wir hier vorbeigefahren sind und ein bisschen Stallgeruch aufgesogen haben.

Über Stock & Stein

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