Ort: Barbican Hall, London
Vorband:

The Divine Comedy - London, 03./04.09.2022

2 plus 2 ergibt 4. Einfache Mathematik, die unseren Kurzausflug auf die britische Insel, und hier genauer nach London, logisch zusammenfasst. Äh, geht’s auch etwas genauer? Worum geht’s eigentlich?

Es geht um die Band The Divine Comedy und ihre fünftägige Geburtstagssause in der Barbican Hall. Anlässlich des 30-jährigen Bandjubiläum hat sich Neil Hannon – einziges dauerhaftes The Divine Comedy Mitglied – überlegt, man könne doch alle bisherigen Alben live aufführen. Pro Abend zwei. Macht bei 10 Alben fünf Abende. Kenner werden jetzt einwerfen, Moment mal, The Divine Comedy haben doch 12 Alben veröffentlicht. Stimmt. Das Debüt Fanfare for the comic muse sowie Office politics finden keine Berücksichtigung. Office politics spielen sie nicht, weil es zum Zeitpunkt der Planungen zu dieser Konzertreihe, und das war bereits 2018, noch nicht existent war. Ganz einfach. Ursprünglich wollten The Divine Comedy 2020 die Konzertreihe spielen, also dem Jahr des tatsächlichen 30jährigen Bandjubiläums. Aus den bekannten Gründen ging das dann nicht, und so findet die Konzertreihe erst jetzt statt. Aber dieses Jahr sind ja alle Konzerte zu spät dran. Warum Fanfare for the comic muse nicht auf dem Programm steht, vermag ich nicht zu sagen. Immerhin ist das Album Teil der 23-CD Box Venus, Folly, Cupid & Time – Thirty Years of the Divine Comedy und wurde 2020 hierfür erstmals wiederveröffentlicht. Sicherlich wurde das am ersten Abend erläutert, aber da war ich nicht da.

1989 gründete Neil Hannon The Divine Comedy. 1990 entstand das erste Album, den größten kommerziellen Reibach machten sie Mitte/Ende der 1990er Jahre zwischen den Veröffentlichungen Casanova (1996), hier vor allem durch die Single „Something for the weekend“, und Fin De Siècle 1998, Stichwort: „National Express“. 2002 entließ Neil Hannon alle Musiker und ist seitdem das einzige Dauermitglied von The Divine Comedy. Bis 2020 folgten sechs weitere Alben und ein paar wirklich sehr schöne Songs, darunter das von mir hoch geschätzte „At the Indie Disco“.

Venus, Folly, Cupid & Time – Thirty Years of the Divine Comedy, so lautet in Anlehnung an das Box Set der Untertitel der Veranstaltungsreihe. 30 Jahre The Divine Comedy, zusammengefasst in 10 Albenshows. Die Reihe begann am Mittwoch mit dem Doppel Liberation / Promenade, gefolgt von Casanova und A short album about love am Donnerstag, Fin de Siècle / Regeneration am Freitag und endete am Wochenende mit den beiden Abenden, die wir besuchten: Absent friends / Victory for the comic muse am Samstag und Bang goes the Knighthood / Foreverland am Sonntag. 10 Alben, irgendwas um die 183 Songs. Reicht dann auch, wie Neil Hannon irgendwann in einer Ansage feststellt. Aber was für ein tolles Fanhappening! Wäre ich ein größerer The Divine Comedy Fan und hätte ich die finanziellen Mittel, ich wäre an jedem Abend zur Stelle. So aber reichen mir zwei Abende.

Der Ort, an dem das Alles stattfindet, ist das Barbican, ein vor gut 50 Jahren erbauter Gebäudekomplex im Barbican Quartier. Das Barbican Centre, das Teil des Barbican Gebäudekomplexes ist, ist seit 1982 in Betrieb und das größte Kultur- und Konferenzzentrum von London. Sagt Wikipedia. Es umfasst die Barbican Hall (Konzerthalle mit 1949 Sitzplätzen), das Barbican Theatre (Theater mit 1166 Sitzplätzen), das Pit Theatre (Theater mit 200 Sitzplätzen), die Barbican Art Gallery, drei Kinos und sieben Konferenzsäle.
Daneben ist das Barbican ein Augenschmaus für jeden Architekturfan. Außen Brutalismus in Waschbeton pur, innen schönste Designelemente der 1970er und 1980er Jahre: Schriftstil Broadway, grell orange Leuchtschilder, geschwungene Plastikelemente. Kurz gesagt, es ist schön dort. Das bedeutet, dass auch die Barbican Hall schön ist. Wir sitzen an den beiden Abend auf unterschiedlichen Sitzplätzen, – einmal im Oberrang, einmal im Mittelrang -, das Seherlebnis jedoch ist an beiden Tagen gleich: bequeme Sitze, genug Beinfreiheit und freie Sicht auf die Bühne. besser geht es nicht.

Wie laufen die Abende nun ab:
Eigentlich nach immer dem gleichen Muster. erster Gong um 19.15 Uhr, um 19.30 Uhr betreten erst die Streicher die Bühne, anschließend kommen zu John Barrys James Bond Theme “Space March“ die Band und zuletzt Neil Hannon auf die Bühne. Dieser platziert dann sein IPad auf dem Notenständer und begrüßt den Saal.

‘Hello fourth night audience’, ‘hello first-timer’.
‘Hello five night audience’, ‘hello first-timer’.

Anschließend erklärt Mr Divine Comedy den Ablauf der Veranstaltung. Man werde jetzt das erste Album des Abends spielen, anschließend, nach einer kurzen Pause, das zweite Album. Und das wäre es dann. Keine Geschichten, keine Gimmicks, just the songs. So das Motto. Fragen? Keine. Dann los.
So ist das an unseren Abenden, so war es sicherlich auch an den Abenden davor.

Die Setlisten ergeben sich aus den beiden Alben, logisch. In unserem Fall Songs der Alben Absent friends, Victory for the comic muse, Bang goes the Knighthood und Foreverland. Gespielt werden die Songs in der Reihenfolge, wie sie auf dem entsprechenden Album veröffentlicht wurden. Spannend bleiben nur die Zugabenblöcke. „My lovely horse“, „Generation Sex“ sowie „Tonight we fly“ am letzten Abend und am Samstag „Gin soaked boy“ und „Tonight we fly“, der damit der meistgehörte Song des Wochenendes wurde. Auch, weil er am Samstagabend in einer Saalabstimmung vor „National Express“ gewinnt.

Um kurz nach 22 Uhr ist an den Abenden Schluss. Das verraten mir schon zuvor die Anzeigen über den Ticketschaltern. ‘Dauer 2 Stunden 15 Minuten’ steht dort geschrieben. Ich vermute, seit Mittwochabend unverändert. Also alles sehr planbar. Nachdem wir am ersten Abend unsere etwas zu frühe Ankunft nutzen, um den Barbican Souvenirshop von allerlei Brutalismus Krimskrams zu befreien (Radiergummi, Tasche, Tasse, das übliche halt), sind wir am Sonntag punktgenau vor Ort. Der Plan, später etwas Bandmerch abzugreifen, schlägt allerdings fehl: T-Shirts und ein paar andere Sachen sind mittlerweile ausverkauft.
Musikalisch ist es top. Der Sound ist in der Barbican Hall glasklar und die Instrumentation dem Event angemessen. Soweit ich das sehe stehen hinter und neben Neil Hannon insgesamt 11 Musiker*innen auf der Bühne. Ich zähle zwei Violinisten (Lucy Wilkins und Calina de la Mare) sowie drei Blasmusiker*innen (Chris Worsey, Sarah Field, Christian Forshaw) die die Band The Divine Comedy ergänzen. Die besteht neben Neil Hannon aktuell aus Tosh Flood, Simon Little, Andrew Skeet, Ian Watson, John Evans und Tim Weller.

Auch an Tag vier und fünf ist das Publikum noch euphorisch und der Applaus groß. Abnutzungserscheinungen sind bei den All-Timers scheinbar nicht vorhanden. First-timers sind an beiden Tagen eindeutig in der Minderheit. Das hier ist ein Fanevent, und als Fan bist du alle Tage da. Ein Saal mit Bestuhlung ist für den Kammerpop die bestmögliche Wahl. Zwar stehen wir manchmal auf und tanzen, aber insgesamt spielt sich der Ausdruck über die Freude und Begeisterung im Kopf und im Herzen ab. Introvertiert ist sie, so wie die Musik.
Neil Hannon ist an beiden Abenden der Entertainer, den die Abende sich wünschen: hier und da eine Anekdote über alte Songs, flapsig, lustig, ironisch, lakonisch. Wie weiland Hans Joachim Kulenkampff führt er souverän und stilsicher durch das Programm. Ein Conférencier der alten Schule. Er ermahnt die Leute, die zu früh in die Pause verschwinden (’wenn ihr draußen seit ändern wir unsere Setlist und spielen “The National Express”), flirtet mit dem Publikum (‘sagt bitte nicht andauernd, das ihr mich liebt, sagt es jetzt alle einmal und dann reicht es für den Abend.’) und führt seine Musikerkollegen wie ein Bigbandleader.

Vielleicht merkt man es, auch für mich als nur The Divine Comedy Sympathisant waren es zwei schöne und unterhaltsame Abende. Natürlich kannte ich nicht jeden Song bis auf die letzte Textzeile, aber das war an diesen Abenden auch nicht super wichtig und notwendig. Wichtig war es, die Atmosphäre mitzunehmen, sich einzulassen auf das Gesamtevent Venus, Folly, Cupid & Time – Thirty Years of the Divine Comedy und einfach still und leise vier Alben über die ‘die kennt jeder Songs’ hinaus zu entdecken.

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Kontextkonzerte:
The Divine Comedy – Luxemburg, 26.03.2022