Ort: Philharmonie Luxembourg, Luxemburg
Vorband:

„Something for the weekend“.

Neben dem Mikrofonständer steht ein kleiner Tisch. Auf ihm steht ein Glas und in einer Vase stecken Rasseln, die wie Blumen aussehen, oder Blumen, die wie Rasseln aussehen. So genau ist das aus der 13. Reihe nicht erkennbar. Wir sitzen hier, weil wir hierhin gesetzt wurden. Unsere ursprünglichen Plätze waren in einem der beiden Balkontürme. Doch da nicht so viele Karten für das Konzert verkauft wurden, wurden die Balkone nicht geöffnet und wir unten im Saal untergebracht. In Reihe 13. Kein schlechter Tausch gegen wahrscheinlich leicht sichtbehinderte Plätze auf einer hinteren Sitzreihe in einem der Balkone.
Das Konzert ist relativ schwach besucht, die Philharmonie vielleicht zu Zweidrittel gefüllt. Die ersten Reihen im Parkett sind voll besetzt, aber hinter uns dünnt es aus. Und nicht nur die Balkone bleiben an diesem Abend geschlossen, auch der hintere Tribünenabschnitt bleibt dunkel und leer.

Der Stimmung tut das keinen Abbruch. Die ist gut. Immer wieder werden Hände in die Höhe gereckt, es wird mitgesummt und mitgesungen. Bietet sich ja auch an, den The Divine Comedy spielen an diesem Abend ein Best-of Set; also nur Hits und bekannte Sachen. Für die, die sich mit The Divine Comedy auskennen. Ich tue das nicht wirklich, und so kenne ich nur „At the Indie Disco“ – was nicht gilt, denn das kennt jeder -, „The National Express“ und „Something for the weekend“. „Our mutual friend“ kenne ich auch, zähle es aber nicht mit, weil ich das Video erst am Morgen erstmals angeklickt habe.
Das Konzert ist in zwei Blöcke a 50 Minuten unterteilt. Ein Konzept, eine Idee oder einen Grund dafür erkennen wir anhand der Setlist nicht. Es ist nicht so, dass zum Beispiel im ersten Teil nur die großen Hits und im zweiten Teil die weniger großen Hits gespielt werden. Auch ist es nicht so, dass ein Teil von Neil Hannon nur solo am Klavier durchgespielt wird. Für mich scheint es eher so, als ob man beide Teile auch anders hätte zusammenstellen können. Ich sehe nichts, was die 19 Songs in genau diese beiden Blöcke trennen muss. Es scheint eine Pause um der Pause Willen. Macht aber nix. Auch wenn die Sitze in der Philharmonie bequem sind und die Beinfreiheit außergewöhnlich gut ist, ein bisschen Bewegen ist ganz gut.

Neben Neil Hannon stehen noch fünf weitere Männer auf der Bühne. The Divine Comedy kommen also als Band. Ich erwähne das, weil es uns vorher nicht ganz klar war, wer und wie viele Musiker The Divine Comedy auf dieser Tour sind. Während der Vorstellungsrunde bleibt kein Name hängen, später aber erkenne ich auf älteren YouTube Livevideos die Musiker wieder. Es sind alte Kollege und langjährige Bandmitglieder, die an diesem Abend bzw. auf dieser Tour The Divine Comedy bilden. Neil Hannon singt und spielt Gitarre, an das Klavier setzt er sich an diesem Abend nicht.

Die Tour promotet das just veröffentlichte Best-of Album Charmed life von The Divine Comedy. Entsprechend ist die Setlist ein buntes Rundum durch den Backkatalog. Ob etwas Wichtiges fehlt, vermag ich nicht zu sagen. Dafür bin ich bei The Divine Comedy zu wenig drin. Die Auswahl macht auf mich einen runden und gut zusammengestellten Eindruck. Ich muss mal prüfen, ob sie die Songs spielen, die auch auf dem Best-of Album Platz gefunden haben. Das Set ist ausgeglichen und auf fast gleichbleibendem Unterhaltungsniveau, aber ein oder zwei Songs finde ich stärker. Während der zweiten 50 Minuten ist es das ausufernde „Our mutual friend“, der mir am stärksten im Gedächtnis hängen bleibt.

Im ersten Block sehe ich „The best mistakes“ vorn. Und überraschenderweise nicht „At the Indie Disco“. Es kommt ein bisschen früh im Set, um den ersten 50 Minuten seinen Stempel aufzudrücken. „At the Indie Disco“ spielen The Divine Comedy als zweiten Song und da noch unter anderem „Generation sex“ und „The best mistakes“ folgen, wird der Song gedanklich schnell nach hinten durchgereicht. Dabei ist „At the Indie Disco“ mein Lieblingslied. Mal ganz abgesehen davon, dass es nahe am perfekten Popsong und textlich mit so einem hohen Wiedererkennungswert und Bestätigungswert ausgestattet ist wie kaum ein anderer Song. Mir gefällt „“At the Indie Disco“ auch deswegen, weil er mich beim Hören immer an meine eigene Indie Disco erinnert.
Denn ist es nicht so, dass jeder von uns diese Art von Indie Disco kennt? Einen Ort, zu dem man unter der Woche ging, um am nächsten Morgen total übermüdet zur Arbeit/Ausbildung/Schule oder was auch immer zu kommen. Und um sich auszutauschen, neue Songs zu hören und Sachen zu entdecken. Ich hatte so einen Ort.

Dortmund 1989 bis 1993. Meine Indie Disco war lange Jahre der Musikzirkus im Dortmunder Norden, direkt neben der Metro auf der anderen Straßenseite. Später war es dann für ein paar Monate das Soundgarden, zwischendurch auch oft die Live Station im Dortmunder Hauptbahnhof. Man konnte ja nun nicht wirklich jeden Mittwoch in der gleichen Lokalität verbringen. Aber hauptsächlich waren wir im Musikzirkus. Daniel, Frank und ich, später auch ab und an die kleine Schwester und Cousine von Daniel. Zu fünft passten wir so gerade noch in unsere VW Polo, Opel City oder Peugeot 205. Je nachdem. Und dann ging es für zwei, drei Stunden in die Indie Disco. Wir trafen uns gegen 21 Uhr, um gegen viertel vor zehn in Dortmund zu sein. Früher machte keinen Sinn, weil dann noch nichts los war, später auch nicht, weil es sich dann nicht mehr lohnte.
Doch wie war das in meiner Indie Disco im Vergleich zu Neil Hannons Indie Disco? Ich vermute ja, Indie Discos sind bzw. waren überall gleich. Ich prüfe, ein Vergleich:

We go down to the indie disco every Thursday night
Dance to our favourite indie hits until the morning light

Okay. Sein Donnerstag war mein Mittwoch. Und ja, natürlich tanzten wir auch, dafür fuhren wir ja schließlich hin. Allerdings nicht bis zum Morgengrauen, die Dortmunder Indie Discos schlossen um 1 Uhr. Reichte auch, denn am nächsten Tag rief die Schule oder Ausbildung.

At the indie disco, the indie disco
At the indie disco, yeah
We’ve got a table in the corner that is always ours
Under the poster of Morrissey with a bunch of flowers

Der Dortmunder Musikzirkus war eine sogenannte Großraumdisco. Es gab eine große Tanzfläche, auf der am Wochenende Chartsmusik gespielt wurde und eine kleine Tanzfläche, auf der am Wochenende Indiemusik gespielt wurde. Es gab ein Kinosaal, in dem alte Filme liefen und diverse Theken, Sitzecken und später gar einen Biergarten. Am Indiemittwoch war alles bis auf die große Tanzfläche dicht. An einem Rand der Tanzfläche waren Tribünensitzplätze, dort saßen wir immer. Das Gebäude war früher mal eine Eiskunstlaufhalle, die Tribüne ein Überbleibsel. Wo früher die Eisbahn war, war die Tanzfläche. ich erinnere mich an die Banden, die die Tanzfläche umschlossen. Nur durch Bandenöffnungen an den Ecken und in der Mitte konnte man sie betreten.

Anders die Live Station im zweiten Geschoß des Dortmunder Hauptbahnhofes. Hier saßen wir immer oben auf der Galerie oder standen am linken Treppenaufgang (von der Tanzfläche aus gesehen).

We drink and talk ‚bout stupid stuff
Then hit the floor for Tainted Love
You know I just can’t get enough

Na ja, „Tainted love“ kam eher nervig rüber, weil oft der Extended-Mix aufgelegt wurde. Der geht an die 10 Minuten und hat im Mittelteil den immer gleichen und auf Dauer langweiligen öp-öp Synthiebeat. Zwingend auf die Tanzfläche musste ich zu „Passenger“ oder „A forest“, auch „Freak Scene“, „Container love“ und „Debaser“ waren gesetzt.

Of the indie disco, the indie disco
At the indie disco, yeah
Give us some Pixies and some Roses and some Valentines
Give us some Blur and some Cure and some Wannadies

In Dortmund gab es damals eine relativ große Gothic Szene. Also wurde viel Gothic gespielt. Front 242, The Cure, Bauhaus, Susi and the Banshees, Suicide, Alien Sex Fiend und all der ganze Kram. Ja, die Pixies, natürlich. Aber auch die Charlatans, Inspiral Carpets, La’s und das ganze pre-Grunge und Rave Zeugs. M. walking on the water, Phillip Boa und „Policy of truth“ von Terry Hoax waren ganz groß.

And now we’re moving to the beat
And staring at each other’s feet
I wonder if she fancies me
At the indie disco, the indie disco
At the indie disco, yeah

Wenn man oft genug und regelmäßig da war, kannte man die favorisierten Songabfolgen der DJs. Eine Kombination war „Faith Healer“, dann irgendwas von Sonic Youth, dann „Soon“ und dann oft die Charlatans oder Inspiral Carpets. Der elegante Brückenschlag von Wave zu Britpop. Sobald die Fanfaren von „Faith Healer“ ertönten, wussten wir Bescheid. Wenn ich mich richtig erinnere, war das ein Live Station Triple. Dort spielten sie auch später mehr Grunge, Crossover und so, während im Musikzirkus die Songauswahl eher im Wave/Gothic verharrte.

And when it’s over and I’m freezing on the night-bus home
I think of her and I sing the words to my favourite song (Oh Yeah)
She makes my heart beat the same way
As at the start of Blue Monday
Always the last song that they play

Bus, oder andere öffentliche Verkehrsmittel? Nachts? Unter der Woche? Haha. Gefröstelt haben wir nur, wenn wir an der Metro parkten und die 15 Minuten zum Musikzirkus zu Fuß gehen mussten. Vorher hörten wir oft „Everything counts“ in der Liveversion als Rausschmeißer. Im Auto lief dann aber meistens ein Mixtape oder U2 oder RunDMC oder Clannad. Der Fahrer bestimmte die Musik.

At the indie disco, the indie disco
At the indie disco, yeah

Yeah.

Nach guten 2 Stunden ist der Abend in der Philharmonie vorbei. Schön wars.
Slip on your Barber jacket,…

Setlist:
01: Absent friends
02: At the Indie Disco
03: Becoming more like Alfie
04: Everybody knows (except you)
05: Bad Ambassador
06: The best mistakes
07: Your daddy’s car
08: To the rescue
09: Generation Sex
10: Something for the weekend
Pause
11: A lady of a certain age
12: Songs of love
13: Love what you do
14: Norman and Norma
15: Our mutual friend
16: The certainty of chance
17: How can you leave me on my own
18: National Express
19: I like
Zugabe:
20: Perfect lovesong
21: Tonight we fly

Kontextkonzerte: